GRUPPE 20: Nie wieder Krieg

Gruppe 20

 

„Nie wieder Krieg“

 

Nie wieder Krieg beschworn die Meisten

wir wolln von nun an Frieden leisten

Um Krieg gänzlich zu entfernen

wolln wir ihn einfach nicht mehr lernen

 

und alle, alle stimmten ein

noch konnten sie nichts anderes schrein

 

Doch je länger Frieden war

desto offner wurde klar

das der Preis für diesen Sieg

hieß „Der Stellvertreterkrieg“

 

Und alle, alle dachten sich:

Na so schlimm wirds doch wohl nich.

 

Jedoch sind alle ungeniert

ab 1990 mitmarschiert

als die freie Marktwirtschaft

hat Menschenrechte abgestraft

 

und allen, allen sagten „die“

Fremde Schuld! – (Welch Idiotie)

 

Wohlstandsstaaten sind geschliffen

Bürgerlöhne abgegriffen

Sockelarmut, Niedriglohn

Der Weltfaschismus wartet schon

 

und alle, alle schrein empört

Grenzen dicht! Und eingesperrt

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Chemnitz. Stockholm und Apolda

FEUILLETON-ZEITGEIST

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„Chemnitz, Stockholm und Apoldda“

 

Mit diesem Beitrag wollte das „Das Flugblattt“ warten, bis klar wäre, ob die Beförderung vom Verfassungsschutzchef Hans -Georg Maaßen das letzte Wort wäre oder das Murren über die offenkundige Postenschiebung noch einen Wandel bewirken könnte . Er war es pro forma, denn Maaßen wird nun nicht Innenminister Seehofers „graue Eminenz der Staatssekretär“, sondern „Sonderberater für innenpolitische Fragen“. Weiterhin argwöhnische Beobachter denken, dass er auch in dieser Position seinem Innenminister bei der Abweisung und Abschiebung von Menschen in Not, sprich: Migranten oder Flüchtlinge, Ideen einflüstern kann. Weiterhin satirische Beobachter denken, solche Einflüsterungen habe der Innenminister gar nicht nötig. Der Verfassungsschutzmann war eigentlich nur über die Aussage gestolpert, es habe keinen braunen Mob und keine Hetzjagd in Chemnitz gegeben. Er nahm wohl an, von einer Hetzjagd konnte schon deshalb keine Rede sein, weil „Hasi hier bleiben sollte“. Wen soll die Meute hetzen, wenn kein Hase da ist? Zuerst hatte die Alternative zu Rechtsstaat und Demokratie (AFD) in Chemnitz demonstriert. Links hielt gegen, und schon gilt die ehemalige sächsische Industriestadt Chemnitz, derzeit mit 6878 Hartz-Vier-Arbeitslosen und 2061 Anspruchberechtigten Arbeitslosen, also insgesamt 8939. Menschen im arbeitsfähigen Alter – hier von 16 bis 69 Jahre – gibt es 163.471. Die Zahlen sind aus den Amgaben des Stadteigenen Webseite www.chemnitz.de zusammengestgellt. Seit Hetzjagd und „Demonstration“ hat der Vorfall schon den beschämenden Eigennahmen „Die Ereignisse von Chemnitz“ bekommen. Und zwar von allen Seitten. Kurz zuvor filmte in Dresden ein Kameratema einen Pegiden-Aufzug. Ein hutzeliges Männchen in schwarz-gelb-roter Kluft mit einem spitzen Hütchen wie aus einem Märchenfilm warf einem Kamerateam vor: „Sie haben misch ins Gesischt gefilmt“. Die Szene war ähnlich wie bei Loriot, wo der Gast sagt: „Sie haben mir ins Essen gequatscht“, bloss nicht so lustig, denn das kleine Männchen befand: „Das is ä Strafdat, un Se gomm jetz mit zur Pollezei“. Von diesem Männchen ist gar keine Rede mehr. Dafür traten noch zwei Gespenster durchs Zeitfenster: In Schweden gingen die Parlamentswahlen dermaßen gefährlich günstig für die dortigen Nazis aus, das einen das Gefühl beschleicht, ganz Europa stünde vor einer gemeinschaftlichen braunen Phase. Wohin soll man dann fliehen? Soll es wirklich die Zukunft werden, dass die Welt entweder braun ist Kriegsgebiet? Zu guter Letzt schaute noch aus Thüringen ein braunes Gespenst durchs Zeitfenster. Sie wollten in Mattstedet bei Apolda ein Rechstrock-Konzert durchführen.Das haben dann wohl die Verwaltungsbehörden mit juristischen Mitteln verhindert. Bürokratie kann zuweilen auch ein Segen sein. Die Verwaltungsbürokratie hatte ein allgemeines Nutzungs-und Betretungsverbot erlassen, weil der Eigentümer des geplanten Tatortes keiner Nutzung zugestimmt hatte. Nun aber wollen die braunen Gesellen das Konzert am 5. und 6. Oktober direkt auf dem Marktplatz von Apolda nachholen, schreibt die Thüringer Allgemeine.

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BARON VON FEDER: „Wenn Du gehst“

Wenn Du gehst

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Verlässt Du nachts mich, still und leis?

Oder weckst Du mich und sagst Adjö?

Werde ich es sein, der es zuerst weiß?

Oder ahnen wir es beide peu a peu?

 

Entscheidest Du, geliebtes Leben,

wann mein arglos friedevoller Atem stoppt?

Oder trennt mit Liquidierungsorder so mal eben

der Tod uns, der an Türen kloppt?

 

Ich liebe Dich so sehr, mein Leben

wir können ohne uns doch gar nicht sein

ich bitte dich nur, wenn es so weit ist

Zieh Hand in Hand mit mir ins Ewigliche ein.

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt Nummer 132 für Oktober 2018 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, hier finden Sie den Link zu dem Oktober-Flugblatt:

Das Flugblatt Nummer 132 01-10-2018

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Pannen im Terrorklärwerk

 

FEUILLETON-ZEITGEIST

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 „NSU-Prozess: Pannen im Terrorklärwerk“

 Tanjev Schultz, „NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates“, Dromer, München 2018

 Kernseife und klares Wasser sind probate Mittel, um sich die Hände zu waschen. Waschbedarf für die Hände besteht, wenn Blut daran klebt. Aber derart beschmutzte Hände werden partout nicht sauber. Das brachte der englische Dichter William Shakespeare Stil-und Sprachgerecht in dem Drama Macbeth auf den Punkt. Lady Macbeth klagte in ihrem dem Morde auf den Füßen folgenden psychotischen Wahn, dass „es immer noch nach Blut hier riecht, und alle Wohlgerüche Arabiens würden diese Hand nicht reinigen“. Mord verjährt nicht und Blut riecht immer. Je nach Täter oder Tätergruppe ist ein Mord kein Einzelfall, sondern Element einer Serie. Militärisches Dauermorden und Tötungsdelikte von Terrorgruppen sind Tatumgebungen, in denen der Mord am politischen Feind zur Tugend erhoben und der Wert eines Menschenlebens auf Null gesenkt werden. „Zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle“, so zählt es der Klappentext zu Tanjev Schultz Buch „NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates“ auf, soll alleine auf das Konto einer Dreiergruppe aus Thüringen gehen, deren Taten aber bundeslandüberbgreifend Spuren hinterließen. Knapp fünf Jahre dauerte ein Prozess gegen Beate Zschäpe, die von der Dreiergruppe übrig geblieben war. Der Tod der anderen ist umrankt von inszenierten Unklarheiten. Denn immer wiesen Spuren darauf hin, dass jedes mal bei jeder war bei den Tätern nah der Staat, der als Schützer der Verfassung mit dem Ganzen trug Befassung.

Aber im Geheimen ist es üblich, dass man entweder gar nichts sagt oder einen vom Pferd erzählt, Stichwort Legende, und dann können sich Untersuchungsausschüsse und Staatsanwälte einen Wolf ermitteln und übrig bleibt eine Öffentlichkeit, die betroffen merkt: Der Vorhang ist zu und alle Fragen sind offen. Eine der auch aus anderen Gründen als dem Terrorismus interessante Frage ist die, wie es einer vergleichsweisen kleinen Truppe gelingen kann, fast 13 Jahre im Untergrund zu leben, wo doch die stete Zunahme der Überwachungsgesetze bis hin zur Gesichtserkennung auf Bahnhöfen und anderen öffentlichen Treffpunkten von Konspirateuren gerade diese Versteckspielmöglichkeiten von Leuten, die es nötig haben, mit dem Staat unterbinden sollten? Man müsste fast denken, dass die Untergrundleute nur den Umstand ausgenutzt haben, dass die Sicherheitsbehörden selber gar nicht so ernsthaft an die von ihnen behaupteten Gefahren glaubten. Der Weihnachtsmann fällt am wenigstens dort auf, wo keiner an ihn glaubt. Das Buch von Tanjev Schulz musste, so scheint mir, heute geschrieben werden, damit es in 20 Jahren ohne Veränderung des gedruckten Wortes gelesen werden kann.

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FEUILLETON-REZENSION: Lesen ist Freiheit

FEUILLETON-REZENSION

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 „Lesen gefährdet die Dummheit“

 In Stefan Zweigs Schachnovelle wollte ein Nazi einen kultivierten belesenen Baron aushungern, in dem er ihm alles wegnehmen ließ, was entweder ein Buchstabe war oder womit man Buchstaben hätte aneinander reihen können. Denn aus beiden Varianten können Texte entstehen, die von Denken zeugen, und wer denkt, wird durch das Denken Leuten gefährlich, die zur Erhaltung ihrer Macht eine nichtdenkende Masse benötigen. Es ist weder völlig richtig noch völlig falsch, wenn man sagt, Denken mache auch vor den Grundlagen einer bestehenden Macht keinen Halt und würde sie daher, wenn sie Unrecht ist, zerbröseln. Das ist eine übertrieben illusorische Erwartung an die Möglichkeiten des Denkens. Das Denken von Freiheit beseitigt nicht die die Macht, die Menschen in Unfreiheit hält. Abe das Denken ist ein gutes Training, denn um frei zu werden, müssen Körper und Geist nach dem Besten ihrer Möglichkeiten zusammenarbeiten. Das sind genau genommen so viele Möglichkeiten wie es Menschen gibt, die unter Freiheit die Freiheit der Tätigen und die Geborgenheit für die tätig nicht seien Könnenden verstehen. Die starken Tätigen haben für die schwachen Untätigen Verantwortung, egal wie diese in ihre Situation gerieten, also ohne jede Leistung und trotz aller Schuld. Wer liest, kann prüfen, welch Geistes Kind der Alltag ist, mit dem man ohne Lesen und Denken sehr leicht eine Art Bündnispartnerschaft eingeht. Manchmal ist Lesen auch nur eine Geistesübung und eine Methodenschulung, um angesichts der Furcht-einflößung der Macht nicht verstört wie das Kaninchen vor der Schlange zu hocken. Es kommt dann gar nicht darauf an, was man liest, sondern nur darauf, dass es einen humanistischen Geist enthält. Oder eine aufklärende Kritik am banalen Bösen.

(Barbara Ellermeier: „Sophie Scholl. Lesen ist Freiheit“, bene-Verlag)

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BARON VON FEDER: Zueignung Oktober 2018

ZUEIGNUNG

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Immer im Oktober ist es, dass ich an Fontane denke. Obwohl ich lieber Boskopp statt Birne esse. Boskopp, Walnuss, Schafskäse ist etwas ganz Feines. Davon ein Salatschüsselchen zum Abend kann nur Nutzen sein. Man kann diesen Salat sogar noch mit Minitomaten kombinieren. Minitomaten haben die Größe einer herkömmlichen Halorenkugel, aber sie enthalten keinen Zucker, kein Fett und keine Schokolade. Man hat sogar noch lange nach dem Genuss eine angenehme Empfindung an Zunge, Gaumen, Rachen. Die goldene Herbsteszeit genießt sich selbst mit Buch, Meer, Stille und den Früchten, die in Verzückung auf den Moment ihrer edelsten Erfüllung warten. Die Kürbisse sind noch ein wenig misstrauisch. Sie erinnern sich, dass ihre runde Form manchen an einen Hintern erinnert, nd dann finden es Kürbisse nicht lustig, wenn man sie dort hinein piekt. Der Herbst ist auch die Zeit der Getränkegewinnung aus Obst. Viel Geheimnis wird um einen immer im Herbst durch die Ernte ziehenden Fremden gemacht. Der Fremde heißt Herr Hefe und und erzählt dem jungen Most solange betörende Geschichten, bis der Most sich mit der Hefe einlässt. Schon am Morgen danach blubberts in ihm, und der Most denkt: Aber von einmal, da kann es doch nicht sein? Es ist aber oft schon von einmal gekommen und nun hat man als Mostverantwortlicher zwei Möglichkeiten: Man schimpft mit ihm und macht ein ansonsten vielversprechendes Leben zum Essig. Oder man sagt dem Most: Na dann ist es eben jetzt so, und macht ein vielversprechendes Leben zum Edlen Tropfen. Das ist der Zauber des Herbstes, und wenn eines Tages die Haare Grauen wie dem Morgen, dann schnalze mit der Zunge, fühle Boskopp, Walnuss, Schafskäse und Tomate, und träufle einen edlen Tropfen über Deine Lippen.

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GRUPPE 20: Lange Rede kurzer Sinn

Lange Rede kurzer Sinn

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Wir lasen mal im Studium

„International Relations“.

Da sprühten oft ihr Fluidum

Diplomaten aller Nations.

 

Drum meinten wir, es sollte nun

uns deren Duftspur leiten,

die würde uns, was wir je tun,

ins Spitzenamt geleiten.

 

Doch wenn man heut die Nüstern bläht

hat sich der Duft gewandelt

Man merkt, wenn der Sozialsturm weht

um was fürn Duft sichs handelt.

 

So langsam riechts nach Lederfett

Kasernenhoffeldwebeln

es riecht auch, das ist gar nicht nett

nach Tricksern, Gaunern, Dödeln.

 

Es hatte bei Odysseus schon

sich Faulgeruch gewandet

in eine Wolke Duftlotion

und darin ist gestrandet

 

ein jeder, dess Verstand aussetzt

wenn Lockung heiß ins Ohr geht.

Der wurd dann Biß um Biß zerfetzt

statt dass ihn Sex empor weht.

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für September 2018 ist fertig

Das Flugblatt für September 2018 ist fertig. Hier ist der Link.

Das Flugblatt Nummer 131 01-09-2018

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FEUILLETON-REZENSION: „Bereicherung. Eine Kritik der Ware“

FEUILLTON-REZENSION

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 Luc Boltanski, Arnaud Esquerre

Bereicherung. Eine Kritik der Ware

 „Der Kapitalismus kann nichts dafür, es ist die Ware“

Die Gesellschaft unter dem Primat der Ökonomie

In früheren Jahren, als die Presse als Medium noch in der Probierphase war, hielten Tratsch und Klatsch das Primat der Berichterstattung. Dann kam ein wenig Unerhörtes, weil es Neuentdeckungen, Sensationen und Seltenheiten gab. Das Primat der Wirtschaft in der Berichterstattung der Presse muss schleichend gekommen sein wie das Primat der Wirtschaftsinteressen in der Interessenhierarchie einer Gesellschaft. Gesellschaften bestehen aus herrschenden Klassen und tragenden Schichten sowie der schweigenden Basis, welche die Last trägt und bestenfalls ein Trinkgeld fürs Schleppen bekommt. „Kunst geht nach Geld“, sagt ein Sprichwort seit den Zeiten, da Mäzene sich der darbenden Kunst erbarmten und Teile der Kunstschöpfer mit Speis, Trank, Logis und öffentlicher Anerkennung unterstützten. Wenn der bekannteste römische Unterstützer von Künstlern nicht Lucius Maecenas geheißen hätte, gäbe es heute nicht das Wort Mäzen. Wahrscheinlich gäbe es ein anderes, denn unermesslich reiche Leute, die es sich leisten konnten, armen Künstlern ein Heim zu bieten wie streunenden Hunden oder zerzausten Katzen, deren Felle alsbald wieder zu glänzen beginnen würden. Künstler, die keine Mäzene finden, sind wie alleine lebende Menschen ohne Partner, die sich über ihren Verdruss hinaus ständig mit dem doofen Trostspruch „Jeder Topf findet einen Deckel“ trösten lassen sollen. Dies sagt ausgerechnet der Kapitalismus, den die Deckel zu den Töpfen nur insoweit interessieren, wie er die Ware Topf gewinnbringend an jemand anderen geben kann. Im Grunde ist dieses Vorgehen des Kapitalismus eine Kritik an seinem Tun, fanden die Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre und kritisieren am Kapitalismus, das ihm alles bis in den kleinsten Zipfel der Privatheit zur Ware gerät, aus der sich Profit ziehen lässt.

 (Luc Boltansky, Arnaud Esquerre, „Bereicherung. Eine Kritk der Ware“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2018)

 Alsdann ist es Zeit geworden, die an den Kapitalismus gerichteten Kritiken aus den unterschiedlichsten Gegenden des Skeptischen Reiches darzulegen. Es gibt skeptische Provinzen, welche am Kapitalismus seine neoliberale Ausprägung kritisieren, die an der Entwicklung der Finanzverwaltung zur Finanzindustrie erkennbar ist. In anderen Provinzen von Meinung und Geist des Skeptischen Reiches wird lediglich der Geiz kritisiert, der den sozialen Sektor aushungerte, weil der Begriff „Share Holder Value“ zur neuen sozialen Verantwortung von Besitz und Kapital wurde. Wenn alles Ware wird und Gewinne aus Verkäufen das eigentliche Element, welches die unter ihren Verpflichtungen gegenüber den Aktionären stöhnenden Unternehmer regelmäßig vorweisen müssen, um mit täglich frischem Kapital für die Erzeugung von Waren und Dienstleistungen belohnt zu werden, dann werden auch Kunst und Kultur zur Ware, aber im hochpreisigen Segment. Die Autoren nennen diesen Prozess der Warenwerdung des Unhandelbaren „Bereicherungsökonomie“. Nun ist es aber so, dass die Autoren in ihrem Buch Frankreich im Blick haben, aber begütigend sagen, ihre Gedankengänge träfen auch auf Deutschland zu. Es dauert, bis deutsche Leser ihre beobachtbare Bereicherungsökonomie bei der Lektüre des Buches dargestellt finden. Solange wippen sie nervös mit den Füßen und fragen sich, was das Buch soll. Denn es ist ein siebenhundertseitiger Soziologenschinken für fachlich vorgeprägte Leser. Darin besteht die Schwierigkeit der Lektüre. Das erinnert, mit Verlaub, an Olle Marx den Verquasten. Wäre der besser verstanden worden, wogegen sich aber seine Texte sperren, dann wären 1989 nicht so viele Deutsche in die offenen Arme des Kapitals gelaufen, ohne zu erkennen, dass die Hände nicht zum Streicheln, sondern zum Klauen und Würgen ausgestreckt waren.

 Wen bereichert die Bereicherungsökonomie?

Die Autoren vermitteln in ihrem Buch den Eindruck, dass der Kapitalismus gar nichts dafür kann, dass er Menschen ausbeutet, nach Profit strebt und lieber Wettbewerbsdruck erzeugt, der kaum noch Zeit und Muße für die schönen Dinge des Lebens lässt. Sie üben ausdrücklich Kritik an der Ware. Wer aber macht alles zur Ware? Wer sagt, alles ist käuflich, sogar ein Amt? Sie belegen, dass selbst die Geschichte von Städten und spezieller kulinarischer Erzeugnisse aus ihnen zur Ware werden, indem sie Stadt, Geschichte, berühmte Einwohner und einzigartige Erzeugnisse zum Kulturmanagement und Tourismusmarketing benutzt werden. Das zieht die Leute an, die Talerchen aus der Tasche und die Stirn in Falten, wenn im Interesse des Profits die Kultur zur Folkore wird, die mit den wirklichen Traditionen nichts mehr zu tun haben muss. Hat die Stadt Einnahmen, freut sich der Fiskus, und alle Beteiligten werden materiell reicher. Werden sie das auch geistig?

Alles ist käuflich, aber Vieles wird geraubt.

Vielleicht ist es ein wenig vermessen, einem Fachautor vorzuwerfen, sein Buch habe mehr Erwartungen versprochen als sich bei der Lektüre erfüllt haben. Es kann ja immer auch der beschränkte Verstand der Leser sein, die nicht allen großen Gedanken folgen konnten. Wie bei Marx dem Verquasten. Trotzdem: Warum hat die Ware Schuld? Der Kapitalismus ist doch gar nicht wirklich auf dem Handel mit Waren gegründet, sondern darauf, andere dazu zu bringen, seinen eigenen Rechnungen zu bezahlen, beispielsweise die Steuerzahler im Falle von Bankenpleiten, Investitionsruinen oder bei der deutsch-deutschen Wiedervereinigung als „vereinigungsbedingte Sonderkriminalität“. Eher ist es das Verdienst der Autoren, dass ihr Buch auch die schleichende Entwicklung von Kultur und Geschichte zur Ware darstellt. Und es kann sehr gut sein, dass die Geschichte als Ware mit der Geschichte als Faktum bestenfalls nur noch einige Berührungspunkte gemeinsam hat.

(Luc Boltansky, Arnaud Esquerre, „Bereicherung. Eine Kritik der Ware“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2018)

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