FEUILLETON-REZENSION: Auch im Osten trägt man Westen

FEUILLETON-REZENSION – Auch im Osten trägt man Westen

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„Auch im Osten trägt man Westen“

Dies ist ein Buch aus dem Hirnkost-Verlag Berlin. Seine Kernaussage ist die, dass es in der DDR Punks gab – was nach eigener Beobachtung zutreffend ist – und die bei den Behörden nicht gern gesehen waren. Zum Teil darf man sagen: Kleidung, Frisur und gesellschaftliche Engagement wirkten auf die Behörden wie das sprichwörtliche rote Tuch auf einen Stier. Eine bürgerlich-spießige Gesellschaft musste sich durch Punkauftritte planmäßig provoziert fühlen. Dabei wusste nie einer so recht zu sagen, worin der Sinn der Provokation bestand.

Da machten sich junge Leute stundenlang häßlich mit zerissenen Jeans und strähnig-struppigem Haar, welches gefärbt war wie eine Malerpalette im Schaffensrausch – und dann fand einen keiner attraktiv. Wenn Punks mal etwas Intelligentes sagten, dann sagten sie so etwas wie : „Man sieht sich, man trifft sich, man sagt sich guten Tag“. Diese Begrüßung klingt tatsächlich viel gebildeter als das ganz und gar nicht freundschaftlich gemeinte „Freundschaft, Jugendfreund“, welches die Anderen auf den Lippen führten – die mit den ordentlichen Haaren und der adretten Kleidung.

Über diesen Themenbogen veröffentlichten Gilbert Furian und Nikolaus Becker schon 2018 das Buch „Auch im Osten trägt man Westen“. Westen sind teils praktische. teils elegante Kleidungsstücke. Es gibt sie sogar in berufsgruppenspezifischer Ausführung. Im Journalismus gibt es Westen für Kriegsreporter und Westen für Feuilletonisten. Kugelsichere Westen gibt es für Schusswaffen-Wirkungskenner, und auch bei Kellnern und Gigolos sind Westen beliebte Kleidungsstücke. Das ist ein sehr weites Feld von peotentiellen Westenträgern.

Allerdings kommt das beliebte Kleidungsstück, welches oft gerne mit Taschenühren an einer güldenen oder silbernen Kette kombiniert wurde, nur im Titel des Buches vor. Warum wohl dieses? Weil es den Autoren nur um das Wortspiel mit Osten und Westen geht? Im Grunde geht es darum, dass dokumentarische Interviews mit den Punks die Entstehung der Punkkultur aus der Gesellschaft heraus erklären. Das ist normal für eine vielseitige Gesellschaft, dass sie vielseitige Kulturen hervorbringt und sich gegen „gesellschaftliche Monokultur wehrt. Wer aber Monokultur favorisiert, läßt eine mißtrauische Truppe gegen die individualistische Vielfalt vorgehen.

In so einer speziellen Situation gerieten die Autoren des Buches beim Dokumentieren ihrer Zielgruppe selber ins Visier der „Fürsorglichen Obhutbarkeit“. Lebendige Sprache zeichnen es aus. der Ort-Zeit-Focus belibt auf Ostberlin 1985 gerichtet. 1985 fand man an manchen ostberliner Kneipenklotüren Sprüche wie diesen hier: „Mein Zweifel lässt sich schlecht verhehlen / Ich seh so viele Prallelel / Ich hab gerpüft, gesucht und sah:/ Es war alles schon mal da“ Wer weiß, ob man da nicht unwissentlich Autoren oder Protagonisten übern Weg gelaufen ist. Kann man nicht wissen. Immerhin kann man wissen, dass es ein Ähnliches Buch cermutlich aus dem Jahr 1987 gibt. Es ist von Daniela Dahn geschrieben und handelt in und über den Prenzlauer Berg 1987. Es wird aber nicht Dokumentation genannt, sondern Reportage

(Gilbert Furian, Nikolaus Becker, „Auch im Osten trägt man Westen“, Hirnkost-Verlag, Berlin 2018)

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Januar 2021 ist fertig

Schönes Neues Jahr, liebe Leserinnen und liebe Leser, hier kommt das Januar Flugblatt für 2021. Wir arbeiten gerade daran, die bisherigen Ausgaben ein wenig multimedial aufgepeppt als E-Book gegen Spenden anzubieten. Möge es uns allen gelingen.

Hier ist erstmal der Link zum Januarflugblatt:

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REDAKTIONSMITTELUNGEN: Ein gutes 2021

Seit Jahren hält sich das Gerücht
das es dies Jahr besser wücht,
mit Wirtschaft, Arbeit, Lohn und Brot
und dem Ende aller Not

Es wücht ja überall die Sage
erzählt, dass jede große Plage
die letzte ihrer Art sein muss
und nächstes Jahr ist damit Schluss

Und dies Jahr, Freunde, kommt die Wende
das Abwärtstaumeln hat ein Ende
dies Jahr, Freunde, das ist klar,
wird Arbeit oder gleich der Wohlstand wahr.

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Erinnerungen an Solferino

FEUILLETON-ZEITGEIST

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Teil 1

„Erinnerungen an Solferino“

Am 17. Februar 1863 stellte Henry Dunant der Gemeinnützigen Friedensgesellschaft von Genf eine Idee vor, die eine Organisation aus internationalen Freiwilligen Helfern zum Schutz, zur Pflege und zur Versorgung von Verwundeten in Kriegen anregte.

Aus dieser Idee entstand das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Henry Dunant hatte im Juni 1859 die entscheidenden Gemetzel eines, wie immer, völlig unsinnigen Krieges zwischen Österreich einerseits und den miteinander alliierten Truppen Kaiser Napoleeon des Dritten erlebt. Napoleon der Dritte war ein Nachfahre des „Kleinen Korsen“, der erst 1815 in der Schlacht bei Waterloo ins Exil verstoßen wurde.

Dunants Beschreibungen der Kriegsgräuel

Das Zeitfenster von Henry Dunants Leben öffnete sich 1828. Es schloß sich 1910 in der Schweiz. Zwischen dem 24. und dem 26. Juni 1859 befand sich Henry Dunant zwischen Paris und Zürich auf einer Geschäftsreise. Die Unwägbarkeiten der Geschichte: Wetter, Straßenzustand, ungeplante Reisestopps – brachten es zustand, dass er bei Solferino Zeuge einer brutalen Kriegsmetzelei zwischen Frankreich und Italien einerseits und den Österreichern andererseits wurde.

„Es ist ein Gemetzel wilder wütender Tiere. Wer keine Waffe mehr hat, fasst seinen Gegner an der Gurgel und zerfleischt ihn mit den Zähnen“ Seite 13

„Wie viele dieser Leute waren schon mit dem 20. Lebensjahre zum Menschenmord gezwungen“ Seite 24

„Während einer Schlacht pflegt man ein rotes Fahnentuch auf einer Anhöhe aufzustecken, um den Verbandsplatz für die Verwundeten und die Feldlazarette der im Kampf stehenden Regimenter zu bezeichnen und durch ein stillschweigendes gegebnseitiges Übereinkommen wird nach diesen Punkten nicht geschossen.“ Seite 34

„An vielen Stellen werden die Toten von den Dieben völlig entkleidet, die selbst die verwundeten, bei vollem Bewusstsein, nicht verschonten. Besonders hatten es die lombardischen Bauern auf die Fußbekleidungen abgesehen, die sie den Verwundeten unbarmherzig von den geschwollenen Füßen rissen.“ Seite 39

Das alles beobachtete Dunant zwischen dem 24 und 26. Juni 1859 in Solferino. Er war zuerst von Algerien nach Paris gereist umd mittels einer 46 Seiten starken Broschüre erstens die Aufmerksamkeit von Kaiser Napoleon dem Dritten und zweitens dess Genehmigung zum Landkauf in Algerien zu erwerben. Die Grundstücke brauchte Dunant für eine rentable Unternehmenstätigkeit in Algerien. Der Kaiser war aber schon im Mai auf den künftigen Kriegsschauplatz gereist. Wahrscheinlich konnte er das Schlachten nicht länger erwarten. Dunant reiste also hinterher war daher zur gleichen Zeit am selben Ort wie der Kaiser. Wegen der Gemetzel konnte er nicht mehr weg und begann mit anderen Freiwilligen Zivilisten wenigstens die Verwundeten zu versorgen

Drei Jahre nach dem grauenhaften Gemetzel fand Dunant wieder Worte, um das Unbegreifliche Morden zu benennen und Schlussfolgerungen zu ziehen. In der Broschüre „Erinnerungen an Solferino“ schrieb Dunant 1863, dass die ausführliche Darstellung der Gräuel den Sinn hatten, seine handlungsorientierten Schlussfolgerungen jedem Leser über den Eindruck der Bilder verständlich zu machen. An die Gemeinnützige Friedensgesellschaft Ber schrieb er:

„Wäre es möglich, freiwillige Hilfsgesellschaften zu gründen, deren Zweck ist, die Verwundeten in Kriegszeiten zu pflegen oder pflegen zu lassen?“

Die internationalen Gesellschaften vom Roten Kreuz entstanden.

Teil 2

„Der Rhein wird auch am Po verteidigt“

Das Jahr 1859 war nicht nur durch die Schlacht von Solferino traumatisch für Soldaten und Zivilisten in Europa. Der Militärtheoretiker Friedrich Engels machte im März 1859 ein politisches Schlagwort zum Titel seiner bei Franz Duncker in Berlin erschienenen Broschüre „Der Rhein wird auch am Po verteidigt“. Louis-Napoleon III wurde unterstellt, seine Kriege in Italien hätten eigentlich den Rhein zum Ziel. Argwöhnisch und mit zunehmend aggressiven verbalpropagandistischen Säbelgerassel reagierten die Hüter des Stromes, wie sich die Nationaldeutschen in dem Lied „Die Wacht am Rhein“ selber nannten. Das Rheinlied wurde 1840 geschrieben. Johann Gottfried Herder gab 1778 eine Sammlung von Liedern aller Völker und Zeiten heraus. In einer Jubiläumsausgabe von 1888, die im Verlag Kramer in Hamburg erschien, wird der Liedtext posthum aufgeführt. Engels klärt zuerst die Herkunft des zum geflügelten Wort gewordenen Satzes „Der Rhein wird auch am Po verteidigt“. Er sagt, dass der Ausspruch aus einem früheren Italienkrieg von 1848 und 1849 stammt. Dort äußerte sich ein General von Willisen erstmals mit diesen Worten. Und Willisen sagte auch: „Deutschland ist eine mitteleuropäische Großmacht“. Das erinnert fatal an die Anfang 1991 aufgekommene Formulierung des damaligen Bundeswehrinspekteurs Klaus Naumann: „Deutschland ist eine kontinentale Mittelmacht mit weltweiten Interessen“. Er fügte dann noch den Krisenbogen von Marokko bis Indonesien hinzu – den Rest erledigte Verteidigungsminister Volker Rühe mit den „Außenpolitischen Richtlinien der Bundeswehr“, deren deutlichster Ausdruck die Bombardierung Südjugoslawiens im Balkankrieg der 90er Jahre war. Weil die Franzosen in der Lombardei eigentlich eine Lücke sagen, durch sie sie von Süden an den Rhein konnten, gab es militärhistorisch betrachtet die lombardische Lücke, so wie später die Fulda-Lücke und heute die Suwalko-Lücke, wo der böse Russe den NATO-Partner Polen überfallen will. Damals sollte er Rhein am Po verteidigt werden, später Deutschland auch am Hindukusch, und beides mit der fast wortgleichen Begründung der Sicherung von Handelswegen und Rohstofflieferungen sowie der führenden Rolle Deutschlands in Europa.

Teil 3

„Und nu?“

172 Jahre mit kleinen, großen und bisher zwei globalen Kriegen sind seit 1848 vergangen. Es folgte ein Kalter Krieg, dem ein Kontrahent abhanden kam. Spätestens seit 2014 ist das Säbelrasseln für einen neuen heißen globalen Krieg unüberhörbar. Die einflussreichsten Waffenexporteure sehen sich als verantwortungsvolle Friedensfreunde. Die Zivilverteidigung wird fit für Ereignisse gemacht, die bevorstehen. Das könnte im glimpflichsten Falle heißen: Wenn ein ganzes Land in den Planungen eines Bündnissystems zum rückärtigen Truppenverbandsplatz und Sanitätsversorgungsgebiet erklärt wird, über dem Henry Dunants Organisation vom Roten Kreuz lebensbeschirmend die Fahne hält, dann schützt das auch die Zivilbevölkerung vor Kriegserlebnissen. Und Arbeit wäre genug für alle da.

Literatur:

Henry Dunant, „Erinnerungen an Solferino“, 1863

Friedrich Engels, „Der Rhein wird auch am Po verteidigt“, 1859

Johann Gottfried Hegel, „Lieder aller Völker und Zeiten“, 1778

Klaus Naumann, in: „Naumann-Papier November 1991

Volker Rühe, „Verteidigungspolitische Richtlinien“, 1992

Yvonne Steiner, „Henry Dunant. Biografie“, Appenzeller Verlag, Herisau 2010

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FEUILLETON-REZENSION: Trotzdem

FEUILLETON-REZENSION

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„Trotzdem“

Der Verlag heißt Luchterhand, und das Buch von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge ist dem Impressum nach bereits als sechste Auflage erschienen, obwohl es erst im März 2020 fertig geworden sein soll. Corona soll den Wortlaut überrrollt haben wie ein nasser Schwamm die Kreidedarstellungen auf einer herkömmlichen Schultafel. Wenn man dann auf diesem nassen Grund einen neuen Text mit Kreide verfasst, braucht man sich nicht über den Grad der Sichtbarkeit des Tafelbildes zu wundern.

Ziemlich schnell entstanden.

Herr Ferdinand von Schirach und Herr Alexander Kluge wollten sich persönlich zu einem Dialog treffen, in welchem sie sich über den Zustand der Gegenwart austauschen wollten und warum die ganze Welt dümmer sein kann als zwei Herren, die sich gedanklich austauschen. Das persönliche Treffen kam nicht zustande, weil persönliche Treffen wegen Corona nicht möglich waren. Wegen des technischen Fortschritts aber konnten die beiden Herren ihren geplanten Dialog mit einem Instant-Messaging-programm führen. Da hatte zumindest den Vorteil, dass der Text mit seiner Verkündung auch gleich transkribiert war. Dennoch wundern sich die beiden Disputanten über ihre Intelligenz. Wie kann das sein, das zwei zugegeben belesene Herren zu einem weitestgehend noch informationslosen Lagezustand mit einer unerforschten Seuche oder Pandemie oder einer globalen Krise einigermaßen klug diskutieren konnten? Alle anderen haben wild drauflos spekuliert, wie die Boulevard-Rüpel, die mit zehn Mikrofonen einen völlig überforderten Angehörigen eines Menschen aus einem Opfer-Täter-Beziehungsgeflecht überfallen? Sie reden alle durcheinander, nicht einmal ihresgleichen lassen sie ausreden. Das sieht schematisch wie ein Gleichungssystem aus:

Ihr Mann sollSchwarzgeld gewaschen haben
Kinderpornos vertreiben
Zum Rotlicht gehören
ein Millionenbetrüger sein
Was sagen Sie dazu?

Kein Kritiker lässt an einem andern ein gutes Haar

In so einer Situation kann niemand alle gestellten Fragen beantwortten – und die Fragesteller wollen auch gar keine Antworten hören. Ihnen genügt zur Stimmungserzeugung ein Schweigen, auf das sie schreiben können: „Was hat die Ehefrau zu verbergen, wenn sie auf ganz einfache Fragen der Öffentlichkeit schweigt?“

Auf vergleichbare Art nehmen auch verschieden geäußerte Meinungen keinen Bezug aufeinander. Wo es auf Sensation ankommt zählen Behauptungen. Es geht um Behauptungen, die auf Social Media-Kanälen ihren publizistisch verfolgbaren Quellort hatten. Wenn sich Zweifel ergeben, wird der Meinung das Attribut „wissenschaftlich“ angehängt. Unantastbar ist das Dogma, fertig mit der Welt und mit dem Wunsche zu verstehen ist die Öffentlichkeit – und freie Bahn hat fortan jegliche Behauptung. Bis jemand kommt und untersucht das Netz, an dessen Knoten die Behauptungen zusammenhängen.

Herrn Kluge fällt das leicht. Er ist durch die permanente Übung seiner bisherigen Täigkeit in der Lage, zumindest die Möglichkeit eines jeglichen Zusammenhanges anzunehmen und dann mit Fantasie auszuschmücken. Man muss seine Art nur kennen, um ihn nicht falsch zu verstehen. Meinungen zum Thema Corona nehmen sich da selbst viel zu ernst. Aber wie selten zuvor gilt: Man muss auch mal die andere Seite hören. Am Besten abwechselnd im Wechselspiel von Ausspruch und Widerspruch.

Diese Wechselspiel exerzieren Kluge und von Schirach ganz ausgezeichnet.

Schirach: „Scheußlich, was wir gerade für Worte lernen. Herdenimmunität, Durchseuchung. Wir wollen also in München auf dem Marienplatz dagegen demonstrieren.“

Seite 13

Kluge: „Das könnten wir nicht. Wir könnten versuchen, zu behaupten, wir wären verwandt. Geistesverwandt sozusagen“

Seite 14

Gemeinsames Fazit: Es dürfte schwer fallen, erstens den Behörden gegenüber eine Geistesverwandschaft zu behaupten und dann die zulässiger Kontakte wie bei familiären Verwandschaften erfogreich geltend zu machen.

Das zweitschönste Wechselspiel-Beispiel ist die vergleichende Darstellung der Möglichkeiten die Juristen haben die Politiker haben und die fachwissenschaftler wie zum Beispiel Virologen haben.

Die Verfassungsrechtler sagen: Das gewählte Mittel der Grundrechtebeschränkung ist erforderlich, wenn es keine mildere Maßnahme mit dem gleichen Nutzen gibt.

Virologen sind sich selbst uneins: Denn erstmal müssen sie forschen und ihre Theorien durch weitere Forschungen widerlegen lassen.

Die Politik sagt: Dann müssen wir den Erfolg von Beschränkungen ausprobieren.

Und die Populisten geifern: Sieh Volk, deine Regierung weiß nicht was sie tun soll, sie macht nur Aktionismus, das bringt nicht, daher muss sie weg.

(Das eine weg-gebrachte Regierung noch weniger ausrichtet als eine die durch Versuch und Irrtum eine Lösung für alle zu finden, begreifen Populisten wohl nie)

Es ist ganz wohltuend, unaufgeregte Debattenprotokolle ala Schirach-Kluge zu lesen.

(Ferdinand von Schirach/Alexander Kluge: „Trotzdem“, Luchterhand, München 2020)

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Dezember 2020 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, das Flugblatt für Dezember 2020 ist fertig. Jetzt ist etwas Urlaub erforderlich – bisher hatte ich im Jahre 2020 keinen einzigen freien Tag. War ja auch viel los, wenn man so will. Ab Januar sollen die gesammelten Ausgaben des Flugblattes ab Jahrgang 2015 via Herunterladens gegen eine Spende ab 2,00 Euro verfügbar sein.

Beste Grüße

Hannes Nagel

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TAGESBEMERKUNGEN: Dienstag, 17.11.2020

Der petzende Busfahrer und die Politesse

Der Busfahrer stoppte den Bus halb im, halb aus dem Kreisverkehr . Er brachte sein Ding genau vor zwei Politessen zum stehen. Eine war schöner als die andere. Der Busfahrer machte dort die Tür auf. Und dann gab es folgenden Dialog, den sich Hans Fallada auch nicht besser hätte ausdenken können, um Kleinkarierte korrekt zu zitieren:

Der Busfahrer begann:

“Was stehsten hier, Geh mal rüber zu Sassenstraße, da parken sie wieder so, das unsereins nicht durchkommt”

“Kann erst um zwei, das Aut0 ist noch unterwegs”

“Na Mensch, das lütte Stück, Gehste halt zu Fuß, tut dir auch gut.”


“Jut. Und wer parkt da falsch?”

“Stadtwerke. Aber von mir hastes nicht”.

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BARON VON FEDER: Berufswunsch Dissident

BARON VON FEDER

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„Berufswunsch: Dissident“

In den 80er Jahren waren Dissidenten in der DDR sehr geschätzte Gesprächspartner aller zuständigen Organe vom Rat der Stadt oder des Kreises, die Abteilungen Wohnraumlenkung, Energieversorgung und der Staatliche n Versicherung bis hin zu den Kulturabteilungen im Kulturbund und seinen Sektionen. Mittendrin tummelten sich die Deutsche Volkspolizei, die Abschnittsbevollmächtigten, und erst, wenn diese nicht mehr klar kamen, die gehobenen Fallmanager der besonders wachsamen Beobachter des BBKF. BBKF heißt “Bitterböser Klassenfeind“. Alle diese Organe mit ihren jeweiligen Teilbereichszuständigkeiten hätten keine der ihnen gestellten Aufgaben ohne Mitwirken der Dissidenten erfüllen können. Immer, wenn die vielen Zuständigen in ihren Zuständigkeitsbereichen nicht mehr weiter wußten, besuchten sie die Dissidenten. Sie besuchten sie beim Lieben, beim Teetrinken, beim Schwimmen im See, beim Singen und Gitarrespielen auf einem Zeltplatz und auch bei der Arbeit am Arbeitsplatz. Händeringend baten sie die Dissidenten um Begleitung zur Klärung eines Sachverhaltes. Ohne Dissidenten ging damals gar nichts. Kein Sachverhalt hätte je geklärt werden können ohne die Mitarbeit von Dissidenten.

Viele hätten es für sich wunderbar gefunden, auch einmal so gefragt zu sein wie die Dissidenten. So entstand der Berufswunsch Dissident. Das Berufsbild des Dissidenten zeigte Experten, die Tabellen und Diagramme zu Zustand der Natur lesen konnten. Vereinfacht gesagt: Die Laborbefunde des Patienten Umwelt waren für die Dissidenten lesbar, während die zuständigen Organe die Dissidenten fragen mussten, woher die Daten stammten und was sie ausdrücken können. Das Berufsbild Dissident zeigte darüber hinaus Fachgutachter und Sachverständige. Sie alle verstanden Dinge, die die Zuständigen Organe zur wahrnehmung ihrer Zuständigkeit hatten verstehen müssen. Sie aber, welche verstanden, waren nicht zuständig, und wer nicht zuständig ist, dem ist das Handeln im Zuständigkeitsbereich untersagt.

Es gibt keine Ausbildung zum Dissidenten. Eines Tages ist man es oder nicht. Kein Dissident kann weder Befragern noch sich selbst erklären, wie er Dissident wurde.

Man wird nicht als Dissident geboren. Man wächst da hinein, wenn die Umstände diese Entwicklung begünstigen. Dissident zu sein ist eine Charaktersache, die mit Zivilcourage zu tun hat.

Wenn man merkt, dass man Dissident ist, hat man die stufe der Unzufriedenheit schon längst hinter sich gelassen und eine Fülle von Ideen, Vorschlägen oder Handlungen vorzuweisen, die sich konstruktiv kritisch mit Möglichkeiten zur Reparatur von Schäden an der Gesellschaft vorzuweisen.

Weil Dissidenten freie konstruktive Kritik liebten, hatten sie meistens ein Faible für FKK.

Am 26. Oktober 2020, 18.30 Uhr, waren wieder NATO-Flugzeuge im Tiefflug über Neustrelitz zu sehen, die den nächsten Überfall auf Russland übten. Der Himmel soll frei von Mordgeräten sein.

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FEUILLETON-REZENSION: Lockdown 2020

Unaufgeregte Bestandsaufnahme in aufgeregter Zeit

FEUILLETON-REZENSION

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„Lockdown 2020“

Im Wiener Promedia-Verlag erschien im Oktober 2020, ungefähr beim Übergang von der ersten zur zweiten Woche, noch ein Buch zum Corona-Komplex, welches als Untertitel einen zu Beginn der Lage deutlich wahrnehmbaren Aspekt als Frage-Antwort-Erklärsystem aufgreift: „Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern“

Wegen Corona geschlossen

Als überall Einschränkungen in der Wirtschaft und in den Arbeitswelten begründet wurden, war fast überall der erste Gedanke, dass so ein blödes Virus für manche Leute eine willkommene Ausrede darstellt. Mit „Leute“ sind meistens Betriebe ab KMU-Größe aufwärts gemeint. KMU heißt Klein-und mittelständische Unternehmen. Für die Leute, die den Betrieben Arbeitskraft und Können im Austausch gegen einen Lohn zu Arbeitsmarkte tragen. Einschränkungen für die Gesellschaft gab es in der Form von Ausgangsbesprechungen, der Anzahl der Personen, die ein Mensch kontaktieren dürfte, einer Verpflichtung zum Tragen einer OP-Maske vor dem Gesicht und Besuchsverboten in Krankenhäusern und Altersheimen. Auch in private Familienfeiern griff der Staat regulierend ein, in dem er die Anzahl der teilnehmenden Gäste reduzierend festlegte. Das führte prompt zu dem Witz, wo die Schwiegermutter vom Schwiegersohn die Mitteilung erhält: „Tut mir leid, Schwiegermutter, Du kannst leider nicht zu meiner Geburtstagsfeier kommen. Das liegt an Corona. Mit Dir wären wir einer zuviel.“ Aber auch Pleiten wegen Umsatzrückganges wurden schon auf das Virus zurück geführt. Insofern stimmt die Behauptung im Untertitel, dass das Virus benutzt wird, um die Gesellschaft zu verändern.

Das Hand-in-Hand von Politik, Medien und Wirtschaft

„Lockdown 2020“ ist ein Buch über das Zusammenwirken von Politik, Medien und Wirtschaft im der Annahme, die Gesellschaft solle auf ein ganz bestimmtes Verhalten konditioniert werden, welches sie selber aber nicht erkennen soll. Konditionieren bedeutet „abrichten“, „dressieren“. Das sind schwere Behauptungen, und sie bringen jeden Wissensdurstigen in berechtigte Rage, wenn zur Spannungssteigerung nicht Stück für Stück zu jeder behaupteten Kondition auch der zuständige Dompteur benannt wird. Darum ist es gut, dass die einzelnen Kapitel des Buches immer mehrere Beiträge enthalten, die man als Leser vergleichen kann. Sie sind in sich differenziert und durch einen roten Faden miteinander verbunden.

Zwanzig Autoren kommen in vier Kapiteln zu Wort, die jeweils drei bis sieben Beiträge enthalten. Im ersten Kapitel wird die mutmaßliche Herkunft des Virusses ausdem chinesischen Ort Wuhan behandelt. Die wichtigste Erkenntis scheint zu sein, dass wie meist bei Krankheiten eine unhygenische Nähe von Menschen und Tieren auf engem Raum das Verbreiten von Viren und deren Wirkungsentfaltung im Wirtskörper ermöglicht.

Es schließt sich die Frage an, ob und wie der hygenische Aspekt zur Absatzförderung (*)genutzt worden sein könnte. Und sei es auch nur indirekt zum Überproduktionsabbau.

(*) Hamsterkäufe von Klopapier sind damit jedenfalls nicht gemeint

Streng logisch kommt man vom straffen Markt auch gleich zum straffen Zügel für die Gesellschaft. Die straffen Zügel behandeln sechs Autoren unter der Überschrift „Staatliche Zwangsmaßnahmen und die Rolle der Medien“. Zwangsmaßnahmen bewirken immer ein Stück Gehorsamsverhalten – aber auch stille Wut, die bis zum Ausbruch gären kann. Und dann fragen sich alle Beteiligten scheinheilig, wieso der mit friedlichen Mitteln zu großen Leistungen geforderte Zirkuselefant eines Tages ausrastete. Würden sie einmal den Elefanten fragen, er würde von Qualen, Trietzereien und Reduzierung von allem Schönen trompeten.

Unaufgeregte Bestandsaufnahme in aufgeregter Zeit

Im Abschlusskomplex behandeln sieben Autoren die möglichen sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Krise und die Folgen der eingeleiteten Maßnahmen. Standard: Kontaktbeschränkung führt zu Einsamkeit, Einsamkeit führt in Altersheimen zum Tod. Immerhin zeigen die Autoren dabei keine Endzeitstimmung, sondern eine Art von Hoffnung aiuf Neuanfang im Sinne von Entwicklung, Anpassung und „Das Beste draus machen“.

In Schulen wurde ständig gelehrt, dass Entwicklung eine Anpassung an sich verändernde Bedingungen ist, und wer sich nicht anpasst, stirbt aus wie die Saurier. Wer sich aber anpasst, der überlebt wie die Kakerlaken.

„Lockdown 2020“ ist eine unaufgeregte Bestandsaufnahme von Meinungen, Wahrnehmungen und Erkenntnissen in einer aufgeregten Zeit. Wenn ein Virus benutzt wird, um eine Gesellschaft im Interesse einer neoliberalen Minderheit zu verändern, kann ein Buch wie Lockdown 2020 benutzt werden, das unheilschwangere neoliberale Treiben wirkungslos zu machen wie eine 250 Kilo Bombe aus dem zweiten Weltkrieg, die bei Bauarbeiten zu einer Kultur-und Bildungseinrichtung und einer belebten europäischen Innenstadt gefunden wird und entschärft werden muss, um keinen Schaden anzurichten.

(Hannes Hofbauer/Stefan Kraft, „Lockdown 2020“, Promedia, Wien 2020)

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Feuilleton-Kulturbetriebliches: Zeit, sich der Feindschaft zu verweigern

Ein Neues Lied von Krystof Daletzki kam in die Redaktion geflattert. Es ist Zeit, sich der Feindschaft zu verweigern, wenn man zum Feind gemacht werden soll, obwohl man die Freundschaft will.

https://www.youtube.com/watch?v=PTNgV_5WTr0
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