FEUILLETON-ZEITGEIST: Gesinnung und Parteiverbot

Feuilleton-Zeitgeist

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„Gesinnung und Parteiverbot“

 Der Schnupfen wird auch weiterhin von den Ärzten nicht verboten. Er taucht zwar  immer wieder regelmäßig auf, aber er hat kein nennenswertes Gefährdungspotential. Zuverlässig könne man seinem Treiben mit Schnupftuch und Kamillenblüten Einhalt gebieten. Er tropft dann noch eine Zeit lang aus der Nase, aber solange er isoliert ist, hindert er den Körper nicht an der Verrichtung seiner Aufgaben, der Verwirklichung seiner Wünsche und der Verarbeitung seiner Erfahrungen.

2003 scheiterte ein Verbotsantrag der neonazistischen Partei NPD, weil die Mehrheit des Parteivorstandes aus getarnten Mitarbeitern des Verfassungsschutzes bestand. Spötter sagten damals, die Partei brauche man nicht zu verbieten. Sie würde bereits von selbst zerfallen, wenn der Staat seine heimlichen Beobachter aus ihr abzöge. 2013 unternahm der Bundesrat einen erneuten Versuch, die NPD vom Bundesverfassungsgericht verbieten zu lassen. Am Dienstag, dem 17. Januar 2017 beschloss das Gericht, die NPD nicht zu verbieten. Sie darf also bleiben. Parteien sind Interessenvertretungen ihrer Mitglieder und besonders ihres Führungspersonals. Seine Interessen haben kann im Grunde jeder. Bei der Umsetzung der Interessen darf man nur nicht die Interessen anderer verletzen. Unterschiedliche Interessen können einander gegenseitig recht gut regulieren. Das klingt zwar jetzt so ähnlich wie das das regulierungsgläubige Dogma der Marktkräfte „Angebot“ und „Nachfrage“, könnte im Vergleich mit dem Markt aber zutreffen. Denn die Interessen einer Gesellschaft sind vielseitig. Der Markt kennt nur ein Interesse, nämlich den Profit. (Es handelt sich um einen kapitalistischen Gesinnungsmarkt. Einen ausgleichenden Bedürfnismarkt mit dem Interesse der sozialen Gerechtigkeit hat noch keiner wirksam erfunden, nicht einmal Karl Marx.)

Extreme Interessen eines Teiles der Gesellschaft kann man nicht verbieten. Höchstens die Interessenorganisation. Und das erinnert ein wenig an Maschinenstürmerei.

Merke: Schreihälse kann man auch ignorieren. Dann werden sie heiser, haben aber nichts davon.

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Gruppe 20: Sommerlust

Sommerlust

Noch wenn der Frost im Winter knackt
wird man von Lebenslust gepackt,
und wenn die Sommersonne scheint
im Zweisein wie zum Lohn vereint.

Wenn auch die frechen Rechtsrandgören
versuchen, dieses Glück zu stören
so hält doch ihr Gebrüll nicht auf
den altbewährten Weltenlauf.

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FEUILLETON-REZENSION: „Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914“

Rezension „Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914“

„Friedensresümee eines Geschichtsberaters“

Den ersten Weltkrieg hätte nur das europäische Proletariat verhindern können. Aber dazu hätte es die Solidarität miteinander über die jeweiligen nationalen Patriotismen stellen müssen. An dem fehlenden NEIN der Völker zum DOCH von Industrie, Banken und Herrschaftsgläubigen scheiterte die Verhütung des ersten Weltkrieges. Ein geschlossenes NEIN gegen den zweiten Weltkrieg gab es ebenfalls nicht. Es gab überhaupt nie ein geschlossenes Nein gegen Kriege. Manche taten aus Fatalismus nichts gegen Kriege und machten sich ungewollt der unterlassenen Kriegsbehinderung schuldig. Auf diese Weise bestätigte bisher jeder Krieg die Behauptung, Kriege würden „ausbrechen“, seien „naturnotwendig“ und nicht vermeidbar, denn „der Mensch sei nun mal so“. Zumindest am „der Mensch ist nun mal so“ kann eine Ausbildung zur Friedensfähigkeit etwas ändern. Friedensfähigkeit ist viel mehr als Wehrfähigkeit. Hundert Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkrieges und besonders seit Mitte 2016 steht wieder eine enorme Kriegsgefahr bevor. Sie wird mit dem Antiterrorkampf begründet und für die Sicherung von Handelswegen und Rohstofflieferungen gehegt. Diesmal könnte sich der Krieg aber vom Rande Europas zur Mitte wälzen. Bevor es zu spät ist, sollte das 580 Seiten starke Buch „Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914“ von Wolfram Wette gelesen werden oder wenigstens eine Besprechung des Buches, weil niemand gedrängt werden kann, 580 Seiten zu lesen. Es erschien gerade im Donat-Verlag in Bremen. Der Autor Wolfram Wette ist Historiker und Friedensforscher.

Wette beginnt seine Abhandlung mit dem Basler Friedenskongress der sozialdemokratischen Parteien Europas, kurz die „Sozialistische Internationale“ genannt. Er beschreibt die Lage der Sozialdemokratie 1912 im Angesicht einer bereits drohenden Weltkriegsgefahr als Dilemma zwischen Interessenvertretung des potentiellen proletarischen Kanonenfutters und der Staatsräson zum Schutze des „empfindlichen Partei-und Gewerkschaftsapparates.“ Die Mitglieder der sozialdemokratischen Partei stammten gehörten ja im Grunde alle zum Proletariat, also zur Arbeiterklasse. Also zu den einfachen Leuten. Die einfachen Leute sind immer die, die im Kriegsfall als Kanonenfutter vorgesehen sind. Nach sozialdemokratischer Vorstellung hätte sich das Kanonenfütter gegen die geforderte Militärtätigkeit durch Generalstreik und Verweigerung stemmen können. Es ist eine verlockende Vorstellung, die Jean Jaures 1906 äußerte:

 

„Kriege entladen sich nicht wie Gewitter aus Spannungen elementarer Kräfte. Sie entspringen einem Willensakt und sind daher nicht unabwendbar. Sie können verhütet werden, wenn dem Willensakt der herrschenden Klasse ein Willensakt der Arbeiterklasse entgegengesetzt wird“ (Seite 28)

 

August Bebel wusste es besser, weil er Bismarck studiert hatte und Noske voraus sah. Er ahnte, wie der Staat reagieren würde, wenn die Arbeiter anfingen zu streiken. Der Staat würde dann nämlich das Militär gegen die Streikenden aufmarschieren lassen. Das hätte empfindliche Folgen für den noch schwachen Partei-und Gewerkschaftsapparat haben können. Der Apparat durfte nicht zerschlagen werden. Von der Zerschlagung proletarischer Rippen, Schädel, Kiefernknochen war in der Besorgnis Bebels offenbar nicht die Rede. Bebel resümmierte:

 

„Wir können nichts als aufklären, Licht in die Köpfe bringen, agitieren und organisieren.“ (Seite 27-28)

 

Mit dieser ausführlichen Beschreibung des sozialdemokratischen Dilemma bis zum Sündenfall der Bewilligung von Kriegskrediten für die kaiserliche Militärmaschinerie und die Kriegswirtschaftsindustrie hat Wolfram Wette eigentlich die stets gleiche Lage der Friedenssehnenden beschrieben. Sie möchten etwas tun, um Kriege zu verhüten, aber gegen den Staat als Kriegsmonopolisten traut man sich nicht heran. Immer wieder stellt Wolfram Wette den Lesern Intellektuelle, Politiker und Künstler sowie Organisationen, Vereine und Verbände vor, die zwischen vor dem ersten Weltkrieg, zwischen Weimarer Republik und Nazizeit sowie im (West)-Deutschland des kalten Krieges einschließlich Gesamtdeutschlands im sicherheitspolitischen und militärpolitischen Wandel seit den neunziger Jahren in irgendeiner Form mit Frieden zu tun hatten. Entweder als Pazifist, der für einen gerechten und dauerhaften Frieden eintrat, oder als Verantwortungsethiker, der für die Kriege von Demokratien eine moralische oder juristische Legitimation suchte. Wolfram Wette vergleicht sie und ihre Argumente alle miteinander, um aus dem Vergleich von eventuellen Abweichungen der Ansichten einen Entwicklungsprozess von Lernen und Begreifen in Friedensfragen zu erkennen. Ergebnis: Es ist etwas da. Zumindest kann man derzeit keinem Volk in Europa mehr eine Kriegsbegeisterung einreden. Nur die Bedrohungen und Gefahren für den Frieden sind geblieben. Die Lage ruft danach aktiv zu werden. Den Völkern braucht man den Frieden nicht mehr zu erklären. Den Militärs und Politikern schon. Eine der interessantesten erörterungen des Buches ist die Frage nach dem Unterschied der Legitimation der Kriege von Demokratien und der den Kriegen von Diktaturen. Antwort: Im Grunde unterscheiden sich demokratische von diktatorischen Kriegen nur durch eine hauchdünne Unfehlbarkeitsdialektik. Weil demokratie Marktwirtschaft und Rechtsstaat bedeute, sei ein demokratischer Krieg an sich nur als Verteidigungskrieg möglich. Und das ist falsch. Das ist genauso selbstherrlich wie die deutsche Generalstabsarroganz von Hindenburg bis Keitel. Wenn man sich die Lage so beschaut, dann möchte man meinen, der Frieden ist nur durch das einfache gemeinsame Tätigwerden für das Gemeinwohl. Dazu aber braucht man keinen Nationalismus, keinen Patriotismus und keine politisch-historischen Grundsatzdebatten, sondern ein offenes Herz für die Nachbarn, weil deren Wohl und Wehe untrennbar auch das eigne ist. So gesehen ist Wolfram Wettes Buch das Friedensresümee eines Geschichtsberaters.

(Wolfram Wette, „Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914“, Donat-Verlag, Bremen 2017)

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FEUILLETON-REZENSION: „Wörterbuch des besorgten Bürgers“

Rezension „Wörterbuch des besorgten Bürgers“

„Sprache ist Erbe“

Gerade war im Januar das „Jahrbuch rechte Gewalt“ erschienen. Darin listeten Andrea Röpke und ihre Mitautoren Fälle von rassistischen, fremdenfeindlichen und volksverhetzenden Gewalttraftaten auf, die Personen begehen, deren Sprache nach Drittes Reich und neorechter Aufwiegelung zu feindseligen Akten gegenüber Ausländern klingt.

(Andrea Röpke, „Jahrbuch rechte Gewalt“, Knaur Taschenbuch, München2017)

Diesem disharmonischen Klang geht nun ein weiteres Buch nach von vier Autoren, denen eines gemeinsam ist: Sie haben sich mit Politik und Sprache befasst sowie mit Politikwissenschaft und Linguistik.

(Robert Feustel, Nancy Grochol, Tobias Prüwer, Franziska Reif, „Wörterbuch des besorgten Bürgers“, Ventil-Verlag, Zweite Auflage: Mainz 2017)

Die Sprache ist das Erbe einer Sprecherfamilie. Die Sprecher einer Sprache bilden eine Erbengemeinschaft. In einer erbengemeinschaft steht es jedem frei, seins zu verschleudern oder zu wahren und zu ehren. Aber keiner darf auch die Anteile der Miterben verschleudern. Was aber machen die „Besorgten“? Die Autoren haben ein Glossar der häufigsten Phrasen, Wörter und Gebrauchsformen der Sprache durch Pegide, Afd-ler und richtige herkömmliche Nazis erstellt. Es beginnt mit dem Phänomen der Umdeutung des allgemeinen menschlichen Sprachgebrauchs zum Ausdruck menschenverachtender Ansichten. Ziel solcher Umdeutungen sei es, dass man das unschuldige Wört Heimat nicht mehr benutzen kann, ohne in einen Topf mit den Nazis geworfen zu werden, gleichzeitig aus Sicht der Nazis so zu tun, als sei die nazistische Sprachdeutung der Gemeinsinn der gesamten Bevölkerung mit Afd und Pegida als Sprachrohr. Die Autoren des Glossars benutzen nun eine Form von Sprachironie, um die braunen Sprecher lächerlich zu machen. Sie müssen ja keine Braun-Schweiger werden. Besser ist, sie sagen, was sie denken, damit man weiß, was man von ihnen halten soll. Sie sollen nur die Sprache der Nächstenliebe und der Herzlichkeit nicht überbrüllen.

Schaut man sich das Glossar an, merkt man, dass die Braunsprecher nicht besonders kreativ sind. Entweder sie eignen sich Wörter an und füllen sie mit ihren Inhalten, oder sie erfinden neue, die aber immer ziemlich plump weit unterhalb der ersten Stufe der Intelligenz bleiben. „Besorgte Bürger“ zum Beispiel. Bevor die Pegiden den Begriff für sich reklamierten, hätten, so die Autoren, Medien in Berichten versucht, die Menschen klassifizierend zu beschreiben, die mit Angst um die nicht vorhandenen Arbeitsplätze oder die nicht mehr für sie reichenden finanziellen Mittel der Gesundheitsversorgung im Falle der medizinischen Versorgung von Ausländern auf die Asylpolitik reagierten. Asyl schürt keine Ängste. Asyl ist eine Mindestanforderung an eine Gesellschaft, die das Prädikat humanistisch zu tragen beansprucht. Ein Beispiel für die echt pegidische Wortschöpfungsintelligenz ist „Ficky-Ficky-Gesellschaft.“ Wissen Sie was: Wenn schon der Inhalt eines Begriffs dumm ist, dann würde auch keine Intelligenzbemühung helfen, um den Begriff zu einem klugen Subjekt oder Objekt eines Satzes zu machen. Das Buch ist gut, denn es zeigt am Gebrauch der Sprache, wer wie erkennbar ist. „Je weniger Argumente und je mehr Agitation desto pegider der Sprecher“, lässt sich als Überschlagsformel sagen. Das Buch belustigt sich, indem es die Selbstlächerlichmachung der Pegiden unerbittlich ins Rampenlicht stellt, so dass sie nicht einmal die Gnade des schamhaften Versteckens in der Versenkung haben.

(Robert Feustel, Nancy Grochol, Tobias Prüwer, Franziska Reif, „Wörterbuch des besorgten Bürgers“, Ventil-Verlag, Zweite Auflage: Mainz 2017)

 

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TAGESBEMERKUNG: Le Peng hat nen Knall

BARON VON FEDER

TAGESBEMERKUNG SAMSTAG 07.01.2017

Le Peng hat nen Knall
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Eine französischsprachige E-Mail lud heute vormittag zu einem „Banquette Patriotique“ ein. Der Absender nannte sich „armeeafrique“ und warb damit, dass die Veranstaltung am Samstag, dem 21. Januar 2017, mit JMLP stattfinden würde. JMLP ist keine Partei, keine Nichtregierungsorganisation mit völkerverbindenden Zielen, keine Firma und keine Behörde. sondern „Tante Jeanne“ oder Jean Marie avec Knall le Pen. Und diese Umgebung lädt nun also zu einem Banquette ein. Wie der Name einer an thematisch der Menschlichkeit und dem Frieden zugeneigten Zeitung auf der Einladungsliste der Nazis landen konnte, ist entweder ein technischer Fehler, ein ungelöstes Rätsel oder ein blanker Provokationsversuch. Publizistische Arbeit will natürlich wahrgenommen werden, sonst würden ja fast alle Schubladen voll mit ungelesenen Texten sein.Vielleicht konnten die wackeren Le Knall-Köppe genau so schlecht deutsch wie wir französisch und haben sich deshalb im Adressaten gehört. Darum nocheinmal: Wir gehören zu denen, denen ein trockener Bissen mit Frieden allemal lieber ist als ein Haus voll Gebratenem mit Streit.

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FEUILLETON-REZENSION: Jahrbuch der rechten Gewalt

Rezension „Jahrbuch rechte Gewalt“

„Rechtsstaat oder Staat der Rechten?“

Manchmal benutzt man für die Beschreibung von einfachen Leuten die Phrase „Leute wie Du und ich“. Einfache Leute sind welche, die Sorgen haben oder ihre Arbeit verloren, die vorne und hinten mit ihrem Einkommen nicht auskommen, auch Menschen, deren Blütenträume verwelkt sind wie Illusionen über ein schönes Leben mit Urlaub, Haus und Auto. Einfache Leute suchen einfache Antworten. Einfache Antworten sind einfach zu verstehen. Was man einfach versteht, kann auch zu einfachem Handeln führen. Karl Marx hatte sich nicht daran gehalten. Darum hatten die meisten einfachen Leute, die es anging, „Das Kapital“ auch nie verstanden und die einfache Handlungsanleitung „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“ konnte nicht greifen. Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts griffen daher andere Vereinfacherparolen in Deutschland und hatten Antworten, die die Mehrheit der einfachen Leute merkwürdigerweise sofort verstand. Die Antworten hießen „Deutschland den Deutschen, die Juden sind an allem Schuld und Schluss mit dem Schmachfrieden von Versaille.“ Diejenigen, die sich damals das Denken bewahrten, schüttelten die Köpfe, aber auch sie standen vor dem Problem, dass man braunem Geifer nicht mit Argumenten beikommen konnte. Sie erlebten ebenfalls, dass Klugheit und Geist sich nicht gegen nackte Brutalität von Spracheinsatz, Körpereinsatz und Waffeneinsatz behaupten konnten. 71 Jahre nach dem Ende der braunen Phase Deutschlands erschien im Münchner Verlag Knaur Taschenbuch eine chronologische und analytische Beschreibung rechter Gewalt im Jahre 2016. Das „Jahrbuch rechter Gewalt“ trägt den Untertitel „Hintergründe, Analysen und die Ereignisse 2016“. Zusammengefasst wird die belegte Gewalt von Neonazis, Afd und Pegiden als Chronik des Hasses. Von Oktober 2015 bis Oktober 2016 listen die Autorin Andrea Röpke und ihre Mitarbeiter die Vorfälle auf, die sich aus Zeitungsartikeln, der Kriminalstatistik und Gerichtsberichten nachweisen ließen. Die Fälle reichen von plötzlichen Faustschlägen auf nichtsahnende Passanten über Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, Überfälle auf Versammlungen oder Feiern von normalen Menschen bis hin zu Beleidigungen und Diskriminierungen, die auch vor kleinen Kindern nicht halt macht, und eine solche Feigheit müsste der Gesellschaft die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen, besonders wenn sie nichts tut. Die geballte Ladung der Vorkommnisse eines Jahres, jeweils verdichtet in einem Monat, zeigen im Grunde eine Alltagshäufigkeit von Nazigewalt in Deutschland, die beinahe an eine permanente „Reichskristallnacht“ erinnert. Nazigewalt fand in dem betrachteten Zeitraum beinahe täglich und beinahe flächendeckend im ganzen Gebiet der BRD statt. Die Vorfallshäufigkeiten sind nur ein Teil des Schreckens, den das Jahrbuch veröffentlicht. Es enthält zusätzlich noch Hintergründe und Analysen im Anschluss an die Monatschronologien, in denen Fälle so brutal detailliert beschrieben werden, als würde man beim Lesen Augenzeuge der Vorkommnisse. Einen breiten, aber ohnmächtigen Anteil an den Analysen haben die Untersuchungen über die Ursachen des Erfolgs der nationalsozialistischen Wiederauferstehung in Deutschland. Wie kann es zum Beispiel sein, dass rechtsradikale Gegröhlemacher im Gegensatz zu poetisch-menschlichen Liedermachern wie Reinhard Mey oder Hannes Wader ohne Gefühl für Sprache, Reim und Metrik und dennoch mit plumpen besoffenheitsgrammatikalischen Texten insbesondere junge Menschen mit sich reißen? „Mit sich“ ist, wie die jungen Menschen eventuell noch nicht wissen können, eine Bewegung „ins Verderben hinein“. Im Grunde parodieren die Rechten auf verzerrende Weise die Dissidentenkultur kritischer ostdeutscher Liedermacher gegen Mfs und SED. Andrea Röpke schreibt in dem Jahrbuch auch, dass die Rechten sich tatsächlich in der Rolle von kritischen Regimegegnern und Dissidenten sehen. Man könne dies daran sehen, dass die Pegiden und die AfDler „Wir sind das Volk“ rufen und damit behaupten, sie seien eine neue Bürgerbewegung, die den Grund für ihre Aktivitäten mit der Gesellschaftskritik in der Endphase der DDR gleichsetzt. Gründe für eine notwendige Gesellschaftskritik, die zugleich auch eine „Besorgnis“ über die weitere Entwicklung der Europäischen Union, der neoliberalen Globalisierung und dem Sozialabbau in Deutschland ist, gibt es tatsächlich. Aber man muss zu sagen haben, was bedrückend ist, und kompetent sein für einen Aufschrei oder ein weithin vernehmbares Verbesserungsangebot. Die pegiden Nazis sind aber nicht kompetent noch haben sie etwas zu sagen. Wenn man kritisieren will, so möge man dies konstruktiv tun und nicht gegen Flüchtlinge hetzen. Den Schwächsten der Gesellschaft die Schuld zuzuweisen ist dumm und kann auch gefährlich werden, indem solche Schuldzuweisungen zur Gewalt anstacheln. Insofern wäre Integration Friedenssicherung. Ähnlich hat sich ja auch schon der Königsberger Philosoph Immanuel Kant in der Schrift „Vom ewigen Frieden“ geäußert. Ein jeder möge nach seinem Wunsch fremde Länder betreten dürfen, um sich dort zunächst als Gast aufzuhalten und dann der dortigen Gesellschaft als Mitwirkender am großen Ziel Gemeinwohl anzubieten. Dann kann sie ihn entweder aufnehmen oder ablehnen. Leider drückte sich Kant etwas schachtelsätzig aus, so dass der Gedanke im Originalzitat schwer zu verstehen ist. Was aber die Nazis mit den Gästen und potentiellen Gemeinwohlmitwirkenden machen, ist die zunehmende Bereitschaft zu „Knüppel-auf-den-Kopf“ und „Stiefel-in-den-Bauch“. In dem Jahrbuch der rechten Gewalt wird festgestellt, dass jahrelang Medien und in ihnen diverse Politiker ein politisches Desinteresse der Gesellschaft beklagten. Nun ist ein stark verzerrtes politisches Interesse da, nämlich bei den Nazis, und es ist nicht das gewünschte konstruktive Interesse, sondern die teuflische Profilseite des Gesellschaftsgesichts, welches in der Gewalt und der Unsicherheit eine Art politischen Tätigseins sieht. Angesichts dessen stellen die Autoren im letzten Drittel der Einleitung die Frage: „Wie steht es mit der Widerstandskraft einer engagierten Zivilgesellschaft“ und resümieren: schlecht. Denn die Nazis proklamieren Begriffe für sich und geben ihnen braune Inhalte, so daß anständige Menschen kaum noch harmlos von „Heimat“ sprechen können, ohne in Nazi-Nähe gerückt zu werden. Das gilt nicht für den Begriff „Heimat.“ Das Gefühl von „Besorgnis“ wird ebenso mißbraucht. Am Ende führt das dahin, das man höllisch aufpassen muss, um mit berechtigten Ausdrücken nicht versehentlich Naziparolen nachzuplappern. Diie Folgen könnten Sprachlosigkeit oder Gestammel sein. Und wer am Ende nicht klar Nein sagen kann oder einen konstruktiven Vorschlag ausformulieren kann, der hat die Sprachentwicklung den Nazis preisgegeben, wie damals, als sie daraus die Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches, machten. Sprache dient der Verständigung und nicht der Deutungshoheit über Politik, Gesellschaft und Geschichte. Ich glaube, es gibt ein einfaches Mittel, um herauszufinden, ob mit einer Formulierung gerade Nazis eine braunpolitische Umdeutung von Begriffen und Werten im Kampf gegen Schwache zu benutzen. Wenn der Kontext der Begriffe noch mit dem hohen Gut der bürgerlich-humanistischen Zivilcourage übereinstimmt, dann kann man getrost zustimmen. Sobald sich die Sprache aber gegen Würde und Rechte der Menschen richtet, sie gefährdet oder gar beeinträchtigt, gehört den Nazis die Lautstärke gedrosselt.

(Andrea Röpke u. a. , „Jahrbuch der rechten Gewalt“, Knauer, München 2017)

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt von Januar 2017 ist fertig

Das erste Flugblatt für 2017 ist zugleich das Flugblatt Nummer 111 seit seiner Erstausgabe. Ich möchte solange weitermachen, bis mich ein Erfolg bestätigt.

Hier ist das vollständige Flugblatt: Das Flugblatt 111-01-01-2017 neues Layout

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GRUPPE 20: Soll ich….?

Soll ich….?

Soll ich in mein Tagebuch notieren
„Ich würde gerne Lieder komponieren,
mit frechem Geist und höhren Unterhaltungswerten
als die Uni-Reden von Gelehrten?“

Ich würd sie gerne derart schreiben
dass sie im Gedächtnis bleiben
der Leserschaft vom Feuilleton,
ob mit, ob ohne Staatspension.

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BARON VON FEDER: Kriegsgeheul gehört nicht zur Meinungsvielfalt

ZUEIGNUNG FÜR 2017
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„Kriegsgeheul gehört nicht zur Meinungsvielfalt“

Liebe Leserinnen, liebe Leser, im Alltag ist regional nichts von den Kriegen in der Welt zu spüren. Ab und zu erinnern Kondensstreifen von Militärflugzeugen und die damit verbundene Lärmkulisse an Syrien, Krieg, Flucht, Manöver, Terrorismus und elendes Sterben in erbärmlicher Not. Ansonsten aber spannen sich in Europa bildlich gesprochen immer noch Seidenhemden über Wohlstandsbäuchen. Anders als zwischen Spanischem Bürgerkrieg 1936 bis 39 und dem Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 45 gibt es durch Internetkommunikationsdienste Informationsmöglichkeiten für jeden, die damals bestenfalls von Wochenschauen, Fronturlaubern und Augenzeugen bedient werden konnten. Oder von Lokalspionagekräften. Die Quellen von damals und die von heute haben miteinander gemein, dass sie schwer überprüfbar sind. Durchaus interessante Interviews auf Youtube kann man nicht bewerten, wenn und weil man über die Personen nichts erfährt, die dort argumentieren. Auf Youtube vorgetragene Meinungen mögen ja interessant argumentiert sein, aber man sollte auch wissen, wer der Mensch ist, damit man den Einfluss von dessen Lebenserfahrung auf seine Bewertung der Dinge beurteilen kann. Das gehört zusammen. Sonst passieren solche Dinge wie eine versehentliche Veröffentlichung eines Artikels in einer rechtslastigen Zeitung. Es können ganz komische Missverständnisse auftreten, wenn man zum Beispiel campact mit compact verwechselt. Campact ist eine politische Gruppierung, die per Unterschriftensammlung online versucht, Volksentscheide herbei zu führen, und compact gilt als Zeitung, wo hoch gebildete Geisteswissenschaftler trotz aller Bildung rechtsbräunliche Gedanken publizieren. Dabei müsste es doch ganz einfach sein: Man misst an einem Text, welchen Wert die Menschlichkeit darin hat, und beurteilt dann das Gesagte. „Die Wahrheit muss man akzeptieren, egal aus welcher Quelle sie kommt“, meinte der Philosoph Maimonides. Dann aber muss sie auch jeder äußern dürfen ohne gleich bekämpft zu werden. Denn eine Bekämpfung von Meinungen kann niemals dem Ideal einer Meinungsvielfalt in der Gesellschaft dienen. Zur Zeit meinen sogenannte Sachverständige auf dem Gebiet des Herrschaftswissens, dass Minilöhne und Sozialabbau unvermeidlich sind und das Aufrüstung nötig ist, um den Wohlstand zu erhalten. Welchen und wessen Wohlstand? Nützliche
Idioten von etwas verdeckt Herankommendem verkünden inzwischen lautstark, dass Asylanten an dem von Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Wolfgang Clement, Peter Hartz, Ulla Schmidt und den aus neoliberalen Wettbewerbsadepten der FDP bestehenden Wegbereitern der AfD verursachten Sozialabbau und Schaffung dauerhafter Armut Schuld seien. Man kann solcher Meinung sein – aber man sollte sie in gemäßigter Lautstärke äußern. Manchmal kann es auch eine Gnade sein, wenn die Dummheit, die man spricht, nicht von allzu vielen Menschen gehört wird. Wer meint, Kriegsgeheul wäre das richtige Lied zur Zeit, soll es sagen dürfen, aber nur, damit man ihn unter seiner Maske erkennen kann. Aufrufe zu Fremdenhaß und Kriegsverbrechen sind keine Meinungen im Sinne der Meinungsvielfalt, sondern Straftaten wie Mord, Vergewaltigung und Wohnungseinbruch. Wenn einer meint, dies tun zu dürfen, so irrt er. Wenn welche meinen, sie dürften ein Verbrechen begehen, so ist dieser Irrtum keine Meinung und gehört nicht zur Meinungsvielfalt. Weiterhin meine ich, dass eine weltbürgerliche kosmopolitische Integration unterm Herzschlag von Menschlichkeit und Nächstenliebe ein unerhört irrationales und daher erfolgversprechendes Mittel zum Frieden ist, auf dass auch rational-emotionslose Kriegstreiber hören. Sie sollen ja nicht zur Vernunft kommen, sondern zur Menschlichkeit. Stattdessen: Haben Sie schon gehört, dass unter der Leitung von Regierungssprecher Angelus Merkelsheimer alias Steffen Seibert ein „Desinformationsabwehrzentrum“ entsteht? Heiliger Thomas de Maiziere, der Du mit einem Blick durch Deine kluge Brille die Terrorgefahr im Stadium ihres Entstehens erkennst: Wirf doch mal einen Blick auf die hierdurch möglicherweise entstehende Gefahrenlage für den Artikel 5 des Grundgesetzes, in welchem geschrieben stehet: Zensur findet nicht statt.

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FEUILLETON-ZEITGEIST: 6000 Füße nach Aleppo

Feuilleton-Zeitgeist

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„6000 Füße nach Aleppo“

Einen Tag nach der Raserei eines Sattelschleppers in einen bunt bevölkerten Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin mitToten und Schwerverletzten am 21. Dezember 2016 gab es in den Nachrichten des Senders N-TV eine bis dato unerhörte Meldung: Am zweiten Weihachtsfeiertag sollen 3000 Pilger zu Fuß von Berlin-Tempelhof nach Aleppo in Syrien aufbrechen.

http://www.n-tv.de/panorama/Zu-Fuss-von-Berlin-nach-Aleppo-article19377986.html

Drei Monate haben die Organisatoren eingeplant. Ihr Leiter ist eine polnische Journalistin, heißt es in der Meldung weiter. Niemand hatte den Plan zuvor publik gemacht. Die Planungen verliefen also im Stillen. Fast ein Jahr lang konnten 130 Personen planen und organisieren – von der Pilgerroute über die medizinische Versorgung bis zu den lästigen Formalitäten an Grenzübergängen und bei Konflikten mit Gesetzen in den jeweiligen Ländern. NTV schreibt, dass die Route über Tschechien, Österreich, Slowenien, Serbien, Mazedonien, Griechenland, Türkei nach Syrien gehen soll. Syrien ist nur einer von mehr etwa zehn Kriegen und einer großen Zahl gewaltätig ausgetragener regionaler Konflikte. Einer endete 2016 mit einem Friedensabkommen, und zwar ein innerere Krieg in Kolumbien. Zu befürchten ist möglicherweise dass der Krieg in Jemen so in den Blickpunkt rücken wird wie derzeit Syrien. Darauf deutet eine Zunahme der Medienberichte über Jemen hin. Wo Berichte zunehmen, sind Dinge im Gange. Ohne Dinge im Gange gäbe es nichts zu berichten. Die Zunahme der Berichte wirkt wie ein Frühwarnsensor. Da mag man sich vorstellen, dass der Pilgerzug nach Aleppo zum Frieden stiften auch friedensstiftende Pilgerzüge in alle anderen derzeitigen Kriegsgebiete nach sich zieht. Die unerhörte Begebenheit von 2016 erinnert an eine ebenfalls unerhörte Begebenheit von 1219. Damals ging der Mönch Franziskus von Assisi ebenfalls in den Nahen Osten und predigte vor dem tausendmann starken Heer des Sultans Melek el Kamil in Fariskar, dass niemand töten soll und das es keinen gerechten Krieg gibt. Der Sultan war beeindruckt, aber die Friedensstiftung blieb symbolisch. 797 Jahre später versucht eine ähnliche Aktion das gleiche Ziel zu erreichen.

 

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