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Die Gehorsamsprüfung

Von rr  am 18. September 2020  in FEATUREDPolitikRoland Rottenfußer 13 14

Szene aus der Serie „The Handmaid’s Tale“ nach einem Roman von Margaret Atwood, beim Videoportal Hulu.

Der Maskenzwang ermöglicht es dem Staat in bisher unvorstellbarem Ausmaß, die Gesinnung der Bürger zu testen. „Der, des Verwaltung unauffällig ist, des Volk ist froh. Der, des Verwaltung aufdringlich ist, des Volk ist gebrochen“. So steht es in einem Flugblatt der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“. Ursprünglich stammt der Spruch von dem chinesischen Weisen Laotse. Machthaber, die auf fragwürdigem ethischem Fundament agieren und sich der freiwilligen Loyalität ihrer Bürger nicht sicher sein können, neigen dazu, sich „aufdringlich“ zu verhalten. Immer wieder behelligen sie die Menschen und zwingen sie zu symbolischen Unterwerfungsgesten. Durch diese wird die Mehrheit der Gehorsamen gebrochen, während die Minderheit der „Aufrührer“ leichter zu identifizieren ist. In modernen gelenkten Fassadendemokratien werden diese Unterwerfungsgesten jedoch mit einem akzeptablen Narrativ ideologisch eingekleidet. Die Pflicht zum Tragen einer Atemschutzmaske in der Öffentlichkeit erfüllt diesen Zweck bestens. Im Gegensatz zur ersten Phase der Abschaffung unserer Freiheitsrechte sind Gegner der herrschenden Corona-Hysterie in der zweiten schon auf den ersten Blick zu identifizieren. Roland Rottenfußer

„Das Volk hat aber doch gewisse Rechte“, sagt Rudolf, Stallmeister von Hermann Geßler, dem Reichsvogt der Kantone Schwyz und Uri. Doch Geßler antwortet lakonisch: „Die abzuwägen ist jetzt keine Zeit.“
Geßler, der Verwalter der besetzten Bezirke der Alpenregion, hat in Altdorf auf dem Marktplatz einen Hut auf einen Stock gepflanzt. Daneben steht eine Wache, die jeden abführt, der nicht vor diesem Popanz salutiert. Zur Begründung gibt Geßler an:

Ich hab den Hut nicht aufgesteckt zu Altdorf
Des Scherzes wegen, oder um die Herzen
Des Volks zu prüfen; diese kenn ich längst.
Ich hab ihn aufgesteckt, dass sie den Nacken
Mir lernen zu beugen, den sie aufrecht tragen –
Das Unbequeme hab ich hingepflanzt
Auf ihren Weg, wo sie vorbeigehn müssen,
Dass sei drauf stoßen mit dem Aug‘ und sich
Erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.

Der mittlerweile sprichwörtliche Geßlerhut in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ wurde also explizit nicht aufgestellt, um die wahre Gesinnung des Volkes zu testen. Diese setzt Geßler als bekannt voraus; er weiß, dass die Menschen ihren Unterdrücker hassen. Vielmehr ist der Hut ein Gehorsamstest. Nicht herzliche Zustimmung wird erwartet, sondern zähneknirschende Unterwerfung. So reagiert der „Landesvater“ auch sehr ungnädig, als der Titelheld dem Hut den Gruß verweigert.

Verachtest du so deinen Kaiser, Tell,
Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,
Dass du die Ehr‘ versagst dem Hut, den ich
Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen?
Dies böses Trachten hast du mir verraten.

„Böse“ ist also, wer die inhaltlich völlig absurde, jedoch symbolisch aussagekräftige Geste verweigert. Tell muss in der Folge seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schießen und dessen Leben riskieren. Schließlich wird Tell verhaftet…

Symbolische Unterwerfungsrituale

Der „Geßlerhut“ wurde deshalb weithin bekannt, weil er einen typischen Mechanismus der Machtausübung offenlegt. Fast überall, wo Macht ist, gibt es auch symbolische Unterwerfungsrituale. Wo die Unterdrückung ungeschminkt auftreten darf, weil sie auf ein gesellschaftlich akzeptiertes Gewohnheitsrecht auf seelische Misshandlung der ihr Unterworfenen bauen kann, sind diese Rituale besonders leicht zu durchschauen. Etwa in Gefängnissen oder beim Militär. Man kann dies anhand der unsäglichen Bundeswehr-Werbesoap „Die Rekruten“ auf youtube sehr gut beobachten.

In der Start-Folge der Serie erklärt ein bulliger Ausbilder die Regeln in Richtung Kamera. Es geht um einen simplen Vorgang: das Eintreten der neuen Rekruten in ein Amtszimmer. „An der Linie sollen die sich einfach bloß aufhalten, und dann: ordentlich anklopfen. Und viele schaffen’s einfach nicht. Die rennen einfach los und sagen ‚hallo, hier bin ich‘. Das gib’s aber nicht.“ Der Ausbilder erklärt nicht den Sinn der Regel, er sagt nur, was Sache ist. „Es gibt zwei verschiedene Arten, diese Linie zu übertreten: eine richtige und eine falsche.“

Die Filmregie unterstützt diese Regelung visuell – als wolle sie angehende Rekruten im Interesse der Bundeswehr schon präventiv miterziehen. Ein junger Mann bleibt vor einem dick gezogenen Strich am Boden stehen. Ein dicker grüner Schriftzug wird eingeblendet: „richtig“. Ein unsicherer anderer Rekrut schlendert gleich ohne Anklopfen ins Amtszimmer. Dicker roter Schriftzug: „falsch“. Ein dritter verlässt das Zimmer gerade. Er sagt zum Abschied: „Alles klar!“ Jetzt erhebt sich die Stimme des Vorgesetzten drohend: „Nicht ‚alles klar‘, sondern…???“ Sichtlich gequält und eingeschüchtert stößt der Jüngling hervor: „Jawohl!“ Mit diesem Unterwerfungsritual ist das Erziehungsziel erreicht. Nicht nur wird der Rekrut künftig dienstbeflissen die Silbe „…wohl“ anhängen; er hat auch kapiert, wer beim Bund das Sagen hat.

Schikanöse Vorschriften und permanente Herabsetzungen der Rekruten dienen der Brechung des Eigenwillens, sie werden nicht trotz, sondern wegen ihrer Unsinnigkeit konzipiert. Denn nur ein Soldat, der das Nachdenken komplett aufgegeben hat und dessen Gehorsam automatisiert abläuft, ist im Krieg „brauchbar“. Ein solcher Mensch wird willig in das Gewehrfeuer des „Feindes“ hineinlaufen und ist selbst bereit zu töten. Den Rekruten wird damit ein Teil dessen abtrainiert, was sie als Menschen ausmacht. Durch staatlich legitimierte Strukturen, die den Einzelnen einer Situation absoluter Machtlosigkeit ausliefert, wird letztlich eine Identifikation mit dem Aggressor erzwungen. Das Bewusstsein, sich diesem Irrsinn unterworfen zu haben, führt zu einem latenten Gefühl der Scham, einem Selbstwertverlust, der es wiederum für die Ausbilder künftig leichter macht, ohne Gegenwehr über das optimierte Menschenmaterial zu verfügen.

„Geßlerhüte“ in Corona-Zeiten

„Geßlerhüte“ in der erweiterten Bedeutung des Wortes verfolgen stets zwei Zwecke: den offiziellen, der für Ge- und Verbote eine Scheinbegründung liefert, und einen tatsächlichen Grund, der stets in einem symbolischen Unterwerfungsakt bzw. eine Gehorsamstest besteht. Geßlerhüte gibt es praktisch überall, wo es Machtausübung gibt. Sie dienen dem doppelten Zweck der Disziplinierung und Brechung der gehorsamen Mehrheit und der Identifizierung einer eventuell widerspenstigen Minderheit. Anlässlich der Aufrufe zum Ungehorsam im Zusammenhang mit der Volkszählung 1987 bemerkte eine Zeitschrift, der Staat habe nunmehr eine vollständige Liste seiner Gegner in Händen: jener Minderheit nämlich, die die Fragebögen nicht ausfüllte und dafür mitunter auch harte Geldstrafen in Kauf nahm.

Es fällt nun nicht schwer, von hier einen Bogen zu den derzeitigen staatsautoritären Zwangsmaßnahmen „wegen Corona“ zu schlagen. Das österreichische Webmagazin „Profil“ titelte am 9. April: „Die neue Lust am Strafen, Bespitzeln und Denunzieren“ und erhob gegen die Obrigkeit einen heftigen Vorwurf: „Innerhalb weniger Wochen mutierte Österreich zu einem Operetten-Polizeistaat, in dem harmlose Bürger nach Gutdünken drangsaliert werden.“ Lassen wir die Operette mal beiseite, dann bleibt: Polizeistaat. Ein Beispiel aus der Praxis: „Jüngst machte im Internet ein Strafzettel die Runde, mit dem ein Wiener zur Zahlung von 500 Euro Bußgeld aufgefordert wurde. Das rigoros beamtshandelte Delikt im Wortlaut: ‚Sie sind längere Zeit auf einer Parkbank gesessen und haben aufgrund des regen Fußgängeraufkommens nicht den nötigen Mindestabstand von 1 Meter zu anderen Personen eingehalten.‘“

Weitere Beispiele laut „Profil“: Wegen unerlaubten Benutzens eines Spielplatzes werden in Salzburg 1000 Euro Bußgeld verhängt. Eine Frau musste sich an der Kasse eines Drogeriemarkts einer Taschenkontrolle unterziehen und sich eine Rüge anhören, weil sie etwas „nicht unbedingt Nötiges“ gekauft hatte: ein Schulhelft für ihre Tochter. Niki Scherak, stellvertretender Klubobmann der Partei NEOS gab zu den Strenge-Exzessen der Ordnungshüter zu Protokoll: „Für mich ist wirklich erschreckend, dass die Leute fragen müssen, was sie überhaupt noch tun dürfen.“ In der Tat scheinen sich die betroffenen Länder in riesige Kindergärten verwandelt zu haben, in dem die Betreuten ängstlich um sich spähend und demütig die Grenzen des Erlaubten auszuloten versuchen. Die meisten Presseorgane haben sich ihrer Pflicht zu objektiver oder gar kritischer Berichterstattung mittlerweile ganz entledigt und die Funktion moderner Herolde übernommen. Auf den virtuellen öffentlichen Plätzen verkünden sie die Verlautbarungen des „Königs“: ungefiltert und unkommentiert: Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen: Folgendes ist ab kommenden Montag verboten, folgendes erlaubt…

Wenn sich nun irgendjemand durch das, was hier geschieht, entwürdigt fühlt, dann ist der Betreffende weder überempfindlich noch erfolgt diese Entwürdigung seitens der Staatsmacht unbeabsichtigt. Viele der jetzt geltenden „Corona-Maßnahmen“ haben den Charakter von Geßler-Hüten – zumindest teilweise. Staatsorgane, von ihrem unverhofften Machtzuwachs angefixt, widerstehen nur selten der Versuchung, Bürger zu erniedrigen und die Verhaltenssteuerung auf sinnfreie Gehorsamstests zu verengen. Wo eine Vorschrift nicht ohnehin schon diesen Charakter hat, agieren einzelne, besonders eifrige Polizisten gern ihre Machtlust an den ihnen Unterworfenen aus. Schlimmeres als die Rücknahme eines ungerechtfertigten Bußbescheids haben sie dabei ja nicht zu befürchten. Demütigungen sind stets auch kleinere oder mittelschwere Traumata – je nach den Vorerfahrungen der Opfer. Sie führen bei diesen oft zu Gefühlen von Benommenheit und Erstarrung, zu Schamgefühlen, die verdrängt werden und in vielen Fällen nur durch die Identifikation mit dem Aggressor „gelöst“ werden können.

Gehorsamstests mit Scheinbegründungen

Allerdings tritt die Entwürdigung von Bürgern selten in völlig „nackter“ Form auf. In modernen, „zivilisierten“ System des Despotismus wird um den Geßlerhut herum meist ein ausgefeiltes Narrativ gesponnen. Die Scheinbegründung, mit denen Gehorsamsprüfungen bemäntelt werden, erscheinen in der Regel plausibler, als dies beim ursprünglichen Geßlerhut in Schillers „Wilhelm Tell“ der Fall war. Oder eine Vorschrift stellt eine Mischung aus sinnvoller Regelung und einem Geßlerhut dar. Meist wird den Unterworfenen ein „weil“ mit auf den Weg gegeben, das ihnen hilft, mit einem die Würde verletzenden Befehl ihren Frieden zu schließen.

Frauen müssen in Teilen der muslimischen Welt vollverschleiert auf die Straße gehen, weil dies der Anstand und die Religion verlangten. Katholiken müssen beim Betreten einer Kirche ihre Hände in das Weihwasserbecken tunken und sich bekreuzigen, weil dies der Respekt vor Gott gebiete. Bewerber um eine Stelle müssen bestimmte Formalitäten einhalten, um in die engere Wahl zu kommen, weil dies das Engagement des Stellensuchenden demonstriere. Alle Bürger müssen Gebühren für ARD und ZDF zahlen, selbst wenn sie diese Sender nicht anschauen, weil dies die Finanzierung des für die Demokratie so eminent wichtigen Öffentlich-Rechtlichen Systems sichere. Soldaten müssen ihre Kleidung im Spind in einer bestimmten Weise falten und „auf Kante“ legen, damit die Kleider im Alarmfall mühelos gefunden werden können. In weltanschaulich homogenen Gruppen sind gewisser Kleidervorschriften, Grußformeln und Rituale obligatorisch. Und so weiter.

In einigen Fällen wird der Gruß vor einem Geßlerhut nur durch mehr oder weniger sanften Gruppendruck kontrolliert; in anderen Fällen zieht eine Weigerung schwerste Sanktionen bis hin zur Tötung nach sich. Ein sehr prägnantes Beispiel für einen Konformitätstest war auch die den Deutschen zwischen 1933 und 1945 auferlegte Pflicht, einander mit „Heil Hitler!“ zu grüßen. Wir wissen aus der Geschichte, dass dies ein besonders perfides Kontrollinstrument darstellte. Die Ideologie beziehungsweise die Respektbezeigung vor dem „Führer“ durchdrang damit jede kleinste Alltagsbegegnung der Menschen. Wer den Gruß verweigerte, war unschwer als Regimegegner zu erkennen. Für Bürger, die für Hitler keine rechte Begeisterung aufbringen konnten, war der Aufenthalt im öffentlichen Raum somit mit beständigem Unbehagen verbunden. Verwende ich einen anderen Gruß oder sage ich um des Friedens willen doch besser „Heil Hitler?“ Wenn ja, wem gegenüber kann ich das wagen?

Opfer und Stütze des Systems

Der Dichter und spätere tschechische Ministerpräsident Vaclav Havel hat die beiden Dimensionen der Verhaltenssteuerung in seinem Essay „Versuch in der Wahrheit zu leben“ (1978) glänzend dargelegt. Vor dem Hintergrund eines damals noch intakten Ostblock-Totalitarismus stellte er die Techniken der Verhaltenskontrolle an einem einfachen Beispiel dar. „Ein Leiter eines Gemüseladens platzierte im Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘“ Warum hat er das getan? Weil er tatsächlich zutiefst der Überzeugung war, die Proletarier sollten sich vereinigen? Eher weil es „alle“ taten und weil es von ihm erwartet wurde. Auch aus Angst, der Illoyalität bezichtigt zu werden. „Er hat es deshalb getan, weil es ‚dazu gehört‘, wenn man im Leben durchkommen will; weil das eine von Tausenden ‚Kleinigkeiten‘ ist, die ihm ein relativ ruhiges Leben ‚im Einklang mit der Gesellschaft‘ sichern.“

Indem der Gemüsehändler das Schild aufstellt, wird er zugleich selbst zu einem Teil jener Konformitätskulisse, die andere Menschen dazu motiviert, ihrerseits ein „Proletarier“-Schild aufzustellen. Havel führt dazu aus, dass man in einer Diktatur modernen Anstrichs, nicht mehr klar zwischen Herrschern und Beherrschten, Tätern und Opfern trennen könne. „In dem posttotalitären System führt diese Linie de facto durch jeden Menschen, denn jeder ist auf seine Art ihr Opfer und ihre Stütze.“ Alle Mitglieder einer gleichgeschalteten Gesellschaft üben aufeinander Gruppendruck aus. Der Gemüsehändler stellt sein Schild auf, weil es der Metzger getan hat – und umgekehrt.

Wichtig an Havels Abhandlung ist nun der Aspekt der moralischen Entlastung von Mitläufern. Der Autor schreibt über das Proletarier-Schild: „Diese Parole hat die Funktion eines Zeichens“. Im Klartext könnte die damit verbundene Mitteilung lauten: „Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiß, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf eine ruhiges Leben.“ Im Grunde, so Havel, könne man den Händler ebenso gut zwingen, ein Schild mit der Aufschrift „Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam“ in sein Schaufenster zu stellen. Beide Botschaften meinen im Kern dasselbe.

Das letztere freilich würde er als ein erniedrigendes Eingeständnis von Feigheit empfinden. Es würde sein Gefühl für Würde verletzen. „Man muss dem Gemüsehändler die Gelegenheit geben, dass er sich sagen kann: ‚Warum sollten sich eigentlich die Proletarier aller Länder nicht vereinigen?‘ (…) Das Zeichen hilft also, die ‚niedrigen‘ Fundamente seines Gehorsams und somit auch die ‚niedrigen‘ Fundamente der Macht vor dem Menschen zu verstecken. Er versteckt sie hinter der Fassade des ‚Höheren‘. Dieses ‚Höhere‘ ist die Ideologie.“

Mit meinen eigenen Worten ausgedrückt: Jedes Mitglied einer totalitär durchstrukturierten Gesellschaft kann sich, wenn er die Fähigkeit zur Selbsttäuschung besitzt, wie ein Gewissensheld im Stadium der Latenz fühlen. Würde die Staatsideologie seinem innersten Glauben widersprechen, so glaubt er, ginge er tapfer in den Widerstand. „Zufällig“ aber stimmt das, was er will, mit dem, was der Staat will – dass es nämlich großartig wäre, wenn sich die Proletarier aller Länder vereinigen würden – überein. Auf diese Weise wird seine Charakterveranlagung zum mutigen Widerstandskämpfer nie auf die Probe gestellt. Die Welt ist voller verhinderter Hans und Sophie Scholls.

Das Wesen von Macht

Nun ist es generell schwer, sich in die Position von Machthabern hineinzuversetzen, wenn man selbst diesbezüglich zu wenig Erfahrung hat. Erst recht ist es schwer, deren „geheime“ Absichten mit letzter Sicherheit zu erkennen, so lange keine eindeutigen geleakten Dokumente diese preisgeben. Ich bin aber der Überzeugung: Wir können die Verhaltensweisen der Macht – also der Regierenden und ihrer ausführenden Organe – nicht realistisch einschätzen, wenn wir grundsätzlich positive und wohlwollende Motive unterstellen. Tun wir das, übersehen wir ganz wesentliche Dimensionen der Machtausübung. Ebenso wie wohlwollende Motive natürlich nicht völlig auszuschließen sind. Nach meiner Auffassung und Erfahrung hat Machtausübung mindestens folgende Merkmale, die sich auf „Fälle“ wie das derzeitig Corona-Regime und andere aus der Geschichte bekannte anwenden lassen:

• Macht verlangt danach, sich zu erweitern und möglichst viele Bereiche des Lebens der Bürger zu durchdringen.
• Macht hat Suchtcharakter. Betroffene geben sich selten mit dem zufrieden, was sie schon haben.
• Machtausübung ist lustvoll.
• Macht will auf sich aufmerksam machen und bleibt nicht gern unbemerkt. (Siehe dazu die Aussage des Reichsvogts Geßler: „…und sich erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.“)
• Macht will sich stets durch Konfrontation mit den Beherrschten erproben, da sie sonst ihrer selbst nicht sicher sein kann.
• Macht bezieht ihr Identitätsgefühl daraus, dass sie sich gegen den Willen der ihr Unterworfenen durchsetzt. Anderenfalls wäre es keine Macht, sondern nur Überredungskunst.

Um den letzten Punkt noch weiter zu vertiefen: Macht bedient sich dreier abgestufter Strategien der Selbstbehauptung: 1. Überredung und Propaganda, 2. Drohung, 3. Anwendung von Zwang. Undenkbar scheint aus Sicht der Macht nur, dass Menschen handeln wie sie es selbst für richtig halten. Normalerweise werden die früheren und harmloseren Eskalationsstufen zuerst angewandt, die fortgeschrittenen bleiben jedoch als Drohkulisse im Hintergrund präsent. Die meisten Bürger versuchen, die Phase 3 und möglichst schon Phase 2 zu vermeiden und passen sich bereits in Phase 1 (Propaganda) dienstbeflissen an. „Zivilisierte“, halbwegs befriedete Gesellschaften funktionieren fast nur noch mittels Phase 1 und vermeiden es so, das hässliche Gesicht der Gewalt offen zu zeigen. In Epochen der fortschreitenden Auflösung von Freiheitsrechten und des Übergangs zur Diktatur treten aber Drohung, Zwang und Gewalt wieder stärker in den Vordergrund. Das Erlebnis des „unterworfen Werdens“ bleibt nicht länger dem kriminellen Milieu vorbehalten, es wird zur allgemeinen Erfahrung fast aller Bürger.

„Drückebergergasse“ in München, Foto: Richard Huber,
Lizenz Creative Commons

Die Schließung der „Drückebergergasse“

Ideal zur Selbstvergewisserung der Staatsmacht sind somit Geßlerhüte – also Gehorsamsprüfungen –, die möglichst vielen, idealerweise allen Mitgliedern eine Gesellschaft abverlangt werden können. Um zu dem Beispiel aus Schillers „Wilhelm Tell“ zurückzukehren: An nur einem einzigen Platz in der Schweiz einen Hut aufzustellen, ist ein zu punktueller Gehorsamstest. Die Bürger können den Hut und damit den Grußzwang zu leicht vermeiden und einfach einen anderen Weg nehmen.

So einen Fall gab es in der Geschichte tatsächlich. Bei der Feldherrnhalle auf dem Münchener Odeonsplatz, dort wo 1923 Hitlers erster erfolgloser Putschversuch stattfand, war während der Nazi-Diktatur Tag und Nacht eine SS-Ehrenwache postiert. Von den Passanten wurde erwartet, den Gefallenen des Putsches durch den Hitlergruß Reverenz zu erweisen. Ein typischer Geßlerhut also, der die visionäre Kraft Schillers auf das Schönste illustriert. Wer nicht gern salutieren wollte, nahm den Weg über die Viscardigasse zwischen Residenz- und Theatinerstraße. Man nennt sie im Volksmund deshalb bis heute die „Drückebergergasse“.

Die Absicht von Machthabern mit totalitärem Anspruch wird es deshalb stets sein, Gehorsamsprüfungen zu erschaffen, die man nicht umgehen kann. Volkszählungen etwa haben diesen Charakter. Ebenso wie die allgemeine Pflicht zur Abgabe einer Steuererklärung. „Drückebergertum“, also ungestrafte Vermeidung, ist in solchen Fällen schwierig. Mir ist natürlich bewusst, dass Vergleiche zwischen der Nazizeit, den Zuständen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks und heutigen Verhältnissen in westlichen gelenkten Demokratien ihre Grenzen haben. Speziell auch im „Dritten Reich“ ist noch mehr – Schlimmeres – passiert. Hier aber geht es mir nicht um eine Gesamtwürdigung geschichtlicher Epochen, sondern um die Darstellung spezifischer „Machttechniken“, die einander auch in sehr unterschiedlichen Regimen stark ähneln. Zudem ist es immer wichtig, den Anfängen zu wehren und Fehlentwicklungen früh zu erkennen.

Auch eine allgemeine Impfpflicht – ob sie nun die Masern betrifft oder später ein noch zu findendes allerlösendes Corona-Medikament – hätte den Charakter eines idealen Geßlerhuts ohne Drückebergergasse. Eine solche Maßnahme würde sich für die Selbstpositionierung und Selbstaufblähung der Macht ideal eignen. Folgende Faktoren sorgen quasi für Wind in den Segeln:

– Die Impfpflicht wäre allumfassend.
– Sie könnte mit einem geeigneten sie stützenden Narrativ aufwarten (Der Schutz aller vor Erkrankungen) und sich gerade deshalb einer großen Bereitschaft zu freiwilliger Unterwerfung sicher sein.
– Sie würde in hohem Maße sozialen Druck auf Abweichler ausüben. Die Staatsmacht könnte sich sicher sein, im Volk ein Heer an Propagandisten, Hilfslehrern und Hilfspolizisten an ihrer Seite zu haben. Denn Verweigerung wäre ja der offiziellen Erzählung von Politik und Schulmedizin nach gleichbedeutend mit der Gefährdung der Gesundheit anderer.

Die Atemmaske als Geßlerhut

Ich möchte zum Schluss noch auf ein Thema eingehen, das mich derzeit sehr beschäftigt und der ursprüngliche Anlass für meinen Artikel gewesen ist: die Maskenpflicht. Ab April 2020 wurde ja viel über Lockerungen der „Corona-Maßnahmen“ gesprochen, die von den Regierenden verhängt wurden. Dabei kam immer wieder folgende „Kompromisslösung“ ins Spiel: Viele der Beschränkungen könnten aufgehoben werden, im Gegenzug müsste aber eine allgemeine Maskenpflicht eingeführt werden. Wir wissen jetzt, dass aus der „dringenden Empfehlungen“ ein jetzt schon viele Monate währender Zwang geworden ist, die Maske zu tragen. Mindestens an Orten, an denen eine hohe Menschendichte zu erwarten ist wie Supermärkte und U-Bahnen. Der derzeitige „König von Deutschland“, Professor Christian Drosten, sprach sich in einem Interview klar dafür aus: „Das setzt voraus, dass wirklich jeder, jeder, jeder in der Gesellschaft, im öffentlichen Leben diese Masken tragen muss“, sagte Drosten.

Allein diese Aussage („jeder, jeder, jeder“) offenbart eine bedenkliche Neigung zum Totalitarismus. Sie lässt weder Ausnahmen noch auch nur Abstufungen der Maskenpflicht zu. Nicht einmal im repressionsfreudigen Österreich und in Bayern werden Menschen derzeit von der Polizei behelligt, die ohne Atemschutzmaske allein im Wald spazieren gehen. In Spanien allerdings konnte es in der „heißen Phase“ schon passieren, dass maskenlose Jogger an einem menschenleeren Strand von der Polizei dingfest gemacht wurden.

Ich konnte mir über dieses Thema nun über einige Monate ausgiebig Gedanken machen. Auf der Straße und in Läden beobachtete ich immer wieder Maskenträger – übrigens auch bei Spaziergängen allein, auf dem Rad oder gar in geschlossenen Autos. Die Mitbürger in meiner Nachbarschaft wirken allerdings relativ gelassen. Übertreibungen sind eher selten, jeder tut eben seine Pflicht.

Die gesetzliche Maskenpflicht erzeugt jedoch eine Dynamik, wie sie von Vaclav Havel hellsichtig dargestellt wurde. Sie erzeugt einen hohen Konformitätsdruck, da der Gehorsam oder Ungehorsam eines Menschen so schon auf den ersten Blick und von weitem von jedermann kontrollierbar ist. Dissidenten könnten mühelos identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden. Erinnern wir uns an die Geschichte, die Havel über den Gemüsehändler erzählt hat, der in seinem Schaufenster ein Schild „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ platzierte. In Anlehnung daran sendet der Träger einer Atemschutzmaske in den nächsten Wochen folgende Botschaft aus: „Ich (…) bin hier und weiß, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf eine ruhiges Leben.“ Eigentlich auch: „Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam.“

Die Markierung abweichender Weltanschauungen

Im Fall von Corona ist den Unterwerfungsbereiten jedoch ein besonders verführerisches Beschönigungsnarrativ in die Hand gegeben: „Ich tue es, um mich und andere zu schützen“. Mit dem unausgesprochenen Zusatz: „Wer keine Maske trägt, dem ist sein eigener Schutz und der seiner Mitmenschen egal“. Dabei muss dies keineswegs zutreffen. „Dissidenten“ schätzen vielleicht die Gefahrenlage nur nicht so dramatisch ein. Sie sind in einem Land, ihn dem „eigentlich“ Weltanschauungsfreiheit herrscht, einfach Anhänger einer anderen politischen Weltanschauung und einer von der Mehrheit abweichenden Medizin-Ideologie.

Zur Erinnerung: Die meisten Politiker, Medien und eingebetteten Wissenschaftler geben derzeit die Parole aus: „Der Corona-Virus ist außergewöhnlich gefährlich. Wenn Demokratie und Freiheitsrechte Leben kosten können, müssen sie eben zumindest vorübergehend geopfert werden“. Ich und andere „Corona-Skeptiker“ stehen dagegen auf dem Standpunkt: „Der Corona-Virus ist nicht außergewöhnlich gefährlich. Die Nachteile von Shutdown und Ausgangsbeschränkung überwiegen. Demokratie und Freiheitsrechte sind so elementar wichtig, dass alles, was jetzt geschieht, nur innerhalb des Rahmens erfolgen darf, den sie vorgeben – d.h. ohne Verletzung dieser Grundrechte.“

Es ergibt sich durch den allgemeinen Maskenzwang nun folgende Situation: Ich darf das alles zwar weiterhin denken und sogar schreiben. Noch. Aber ich darf meiner Weltanschauung nicht durch mein alltägliches Verhalten Ausdruck geben. Ich muss vor dem Geßlerhut salutieren, den eine abweichende, jedoch dominante Weltanschauung vor mir aufgepflanzt hat. Im Weigerungsfall drohen weitgehende soziale Isolation und Strafen, ja vielleicht die Verunmöglichung von Lebensmitteleinkäufen. Dieser Vorgang ist bzw. wäre äußerst bedenklich. Vorher nämlich gab es ja Ausweichstrategien, um den „Kotau“ zu vermeiden.

In den Apriltagen, als die Maskenpflicht noch Drohung, keine Realität war, beobachtete ich bei mir selbst ein Ausweichverhalten, da ich mich der direkten Konfrontation mit der Macht nicht gewachsen fühlte – ebenso wie dem geballten Volkszorn der Richtigdenker. Ich nahm quasi den Umweg über „Drückebergergassen“, indem ich überwiegend in abgelegenen Gegenden spazieren ging, in denen Polizeikontrollen unwahrscheinlich schienen, ebenso wie zu große Nähe zu anderen Passanten. Dieses beklemmende Gefühl der sozialen Kontrolle und der Überforderung durch die Situation, einer überwältigenden Übermacht von „Regime-Kollaborateuren“ ausgesetzt zu sein, führte dazu, dass ich bereits dann ein Vermeidungsverhalten zeige, wenn mein Verhalten durchaus noch im Rahmen des Legalen bleibt.

Diese Psychodynamik an sich selbst zu beobachten, ist nicht sehr ruhmreich, jedoch höchst aufschlussreich, wenn es darum geht einzuschätzen, in welchem Ausmaß wir schon jetzt sozialer Kontrolle und dem medial geschürten Gleichschaltungsdruck unterliegen. Die Diktatur beginnt, wo wir anfangen, unsere Worte zu wägen und unser Verhaltensrepertoire vorsorglich einzuschränken, wo sich bisher offene Räume durch unsichtbare Barrieren vor uns verschließen. Mit dem Maskenzwang – später vielleicht dem Impfzwang – verschließt mir der Staat quasi meine Drückebergergassen, macht Unterwerfungsgesten fast unvermeidbar und fügt mir das demütigende Gefühl einer Niederlage zu. Ein Gefühl, das er jedem Staatsbürger zugedacht hat, der sich nicht entschließen kann, die Normen der Obrigkeit „freiwillig“ zu seinen eigenen zu machen.

Das Lebensgefühl in einer solchen Situation ist eines der „Entheimatung“, der erzwungenen inneren Emigration in einem Umfeld, das sich schleichend in ein fremdes, bedrohliches Verwandelt. Oder wie Wilhelm Tell in Schillers Stück sagt:

Denn hier ist keine Heimat – Jeder treibt
Sich an dem andern rasch und fremd vorüber
Und fraget nicht nach seinem Schmerz.

Noch sind die Masken in meinem Wohnumfeld außerhalb von Geschäftsräumen rar. Jedes nackte, vielleicht lächelnde Gesicht ist eine Ermutigung für alle, deren Widerstand noch latent ist. Ich kann derzeit nur hoffen, dass „die“ es mit der aufdringlichen Verfolgungsbetreuung der Bürger nicht zu weit treiben werden. Für das Regime des Reichsvogts Geßler jedenfalls war die Nummer mit dem Hut der Anfang vom Ende seines Regimes. Die Schweizer taten sich zusammen und schüttelten das Joch der Fremdherrschaft ab.

„Dem Schwachen ist sein Stachel auch gegeben.“ (Wilhelm Tell)

rr

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Miezerichs Einlassungen: Ein Schafhalter versteht etwas von Schafen

„Ein Schafhalter versteht was von Schafen“

Liebe Leserinnen, liebe Leser, manchmal hat unsereins philosophische Gedanken. Ich meinerseits will sie Ihnen nicht vorenthalten. Es fing damit an, dass ich im Sommer 2020 nur sehr wenig Schwalben sah. Irgendwie fiel mir die Formulierung ein: „Vielleicht hält sie hier nichts mehr“. Da sinnierte ich über das Wort „halten“. Halten kann das Ende einer Bewegung bedeuten. „Halten“ kann auch bedeuten „etwas tragen“ oder „etwas befestigen“. Und dann dachte ich an die Schafe, die hier sonst immer auf den Wiesen weiden. Es hütet sie ein Schäfer. Ein Schäfer ist ein Mensch, der Schafe hält, um Wolle zu ernten. Ein Schafhalter versteht etwas von Schafen. Ein Pferdehalter versteht etwas von Pferden. Ein Hundehalter versteht etwas von Hunden. Bücher werden in Buchregalen gehalten. Aber muss ein Buchhalter deshalb notwendigerweise etwas von Büchern verstehen? Ein Mensch, der Bücher hält, ist zum Beispiel ein wissensdurstiger Mensch. Er kann auch ein literaturtätiger Mensch sein. Ein Mensch, der Bücher hält, kann auch einfach ein Mensch sein, der Wortwebearbeiten schätzt. Störend an dem Wort Buchregal ist nur der Wortbestandteil Regal. Denn ein Regal war im Mittelalter ein ausschließlich dem Staat zustehendes Verwaltungsrecht. Bücher hingegen sollten Allmende sein, also Gemeinbesitz. Es gibt sehr viele Bücher, aber nicht genug Wortschatz-Orte. Und irgendwie gibt es auch zuwenig Schwalbennester.

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TAGESBEMERKUNGEN: Die Sirenen schwiegen

Heute am 10. September sollten Alarmsirenen bundesweit prüfen, ob die Bevölkerung bereit und in der Lage ist, auf die Alarmvorgaben im Sinne von Katastrophenschutz und Zivilverteidigung zu reagieren. Es passierte nicht. Keine Sirene heulte. Teils waren keine mehr angebaut, teils waren die Systeme überlastet.

Die zuständige Stelle BBK schrieb:

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FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: “Ierst de Pip in Brand und denn dat Pierd ut den Graben”

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES

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„Ierst setten wi de Pip in Brand,

und denn trecken wi dat Pierd ut den Graben“

Manchmal überstürzen sich die Angelegenheiten einer Gesellschaft wie ein Auto, welches in einen Straßengraben kippt, weil der Fahrer lenkt, der Beifahrer ins Lenkrad greift und der Mann auf dem Trittbrett gegen den Chauffeur hetzt, weil der nicht gleichzeitig Straßenverkehr, Witterungsbedingungen und den unerwarteten Eingriff des Beifahrers in die Sichere Bewegungsbahnkurve im Sinne der allgemeinen Verkehrssicherheit ausgleichen kann. Nicht umsonst stand früher im Bus ein Schild: „Gespräche mit dem Fahrer während der Fahrt sind verboten.“ Das war zugleich Arbeitsschutz und Passagierschutz. Die auf dem Trittbrett sind die Schlimmsten. Keiner ist schneller als ein Trittie dabei, lautstark über den unfähigen Chauffeur zu schimpfen, der nur deshalb nicht mehr lenken kann, weil sich ein Trittbrettfahrer ins Lenkrad krallt und nur deshalb nicht anhalten kann, weil ein Beifahrer das Gaspedal durchdrückt. Auf des Trittbrettfahrers Geschrei und Gezeter kommt dann das Publikum gelaufen. „Der Chauffeur ist schuld, er gehört bestraft“, ruft der Trittbrettfahrer. Alle anderen schauen erstmal nach, ob die Fahrzeuginsassen verletzt sind und eventuell Hilfe brauchen. Wenn keine Hilfe nötig ist, überlegt man, wie man die Karre aus dem Graben bekommt: Ziehen?Schieben?Heben? Ja, alles möglich. Aber nicht gleichzeitig und nicht gegeneinander. Man plant den Bergungsablauf, indem man sich die Sache hinsichtlich der notwendigen und möglichen Schritte bekuckt. Die Presse schreibt mit weisen Worten: „Ierst stecken wi de Pip in Brand, un denn trecken wi dat Pierd ut den Graben“. Das überstürzte Handeln ohne Beachtung und Einbeziehung alle hilfreicher Ideen richtet nämlich mehr Schaden als Nutzwerk an.

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BARON VON FEDER: Der Arbeitsschweiß

„Der Arbeitsschweiß“

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Fontane schrieb einst über Birnen,
die Herr von Ribbeck selber zog.
Jedoch der Schweiß, der von den Stirnen
jeden Knechts und jeder Magd tropft, wog

nie so wichtig, wie das Haus, die Linien
die man in Stammbaum-Dokumenten fand
über Ribbeck, der anstatt von Pinien
immer Kiefern sah im Brandenburger Land.

Von Denker sowie Träumerstirnen
mags tatbedingt in Bächen rinnen
der Schweiß beim Ernten von den Birnen
verheiße Wohl den Erntnern und den Erntnerinnen.

Und auch im übertragnen Sinn
verheiße alles Wohl, was einer macht.
Dann wär zu einer Art Gemeingewinn
schon ein großer Schritt gemacht.

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Die Rückkehr der Sirenen

FEUILLETON-ZEITGEIST

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„Die Rückkehr der Sirenen“

Wissen konnte man schon im Juni 2016, dass die Sehgewohnheiten im Alltagsgeschehen in den kommenden Jahren einem Wandel unterliegen. Uniformträger in Städtebildern würde man häufiger sehen und Militärfahrzeuge auf den Straßen. „Bundeswehrpräsenz erhöhen“, hieß die einstimmige politische Vorgabe. Das ist sogar wirklich gut: Denn über Dinge, die man sehen kann, kann keiner Verschwörungstheorien aufstellen. Die Vermutung ist bisher nur zögerlich eingetreten. Nur der Lärm, den Kriegsflugzeuge bei ihren Übungsflügen machen, ist wahrnehmbares Zeichen einer militärischen Präsenz. Die Häufigkeit, Menge und Dauer der Übungsflüge hat sich erhöht. Teilweise von zwei mal wöchentlich auf täglich außer am Wochenende, aber besonders Dienstags, Mittwochs und Donnerstags. Um dies heraus zu finden, braucht man nur eine Strichliste zu führen. Das Ergebnis ist so präzis wie eine Strichliste sein kann, nicht genauer. Hinsichtlich der Tendenz aber ist sie unabweisbar. Alles Weitere müssten nähere Untersuchungen und exakte Flugplanauswertungen ergeben.

Die erste Neuauflage der bundesweiten Sirenenübung ist auf den 10 September datiert. Die Maßnahme wird offiziell „Warntag“ genannt und soll jeden zweiten Donnerstag im September stattfinden. Also nur einmal im Jahr. Bei einem Mal wöchentlich jeden Mittwoch würde ein ganz anderer Gewöhnungseffekt eintreten. Es wird verschiedene Töne geben. Der Ton für einen militärischen Überfall oder einen terroristischen Anschlag wird sich demnach von den Tönen für Chemieunfälle, Massenkarambolagen, Flugzeugabstürze oder Waldbrände unterscheiden.

Seitens der Gesellschaft ist nur die Bereitschaft erforderlich, die Bedeutung der unterschiedlichen Signale zu lernen, einzuüben und im Bedarfsfall anzuwenden. Wobei eigentlich nichts gegen eine Gesellschaftsausbildung im Katastrophenschutz einzuwenden ist. Der Beginn einer diesbezüglichen praktischen Ausbildung in Teterow Ende August wurde mangels ausreichender Beteiligter abgesagt.

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BARON VON FEDER: Humor ist Ehrensache

BARON VON FEDER

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„Humor ist Ehrensache“

Am Sonntag, dem 16. August klingelte das Telefon. Die Stiftung Engagement und Ehrenamt war auf mich aufmerksam geworden. Ob ich wohl am Mittwoch, dem 19. August, zum Vorstellungsgespräch in Neustrelitz sein könnte? Eventuell hätte ich ja auch eine Webcam am Computer, dan könne mit man sich ja auch digital begutachten, sagte der Gründungsvorstand der Stiftung. „Nee, nee“, schmalzte ich zurück, „ich mags lieber real visavis.“

Ich also los an dem Mittwoch. Die Büros der Stiftung befinden sich, solange die Dienstvilla noch nicht bezugsfertig ist, in einem Gebäudekomplex, welchen sich Landratsamt, Arbeitsamt, Kraftfahrzeuggszulassungsstelle und Sozialpsychiatrischer Dienst teilen. Ich konnte aus dem Fenster des Büroraumes, in welchem das Gespräch stattfand, direkt auf den Schreibtisch meiner Sachbearbeiterin im Arbeitsamt kucken. Sie war nicht da, vermutlich wegen Corona. Aber ich bitte Sie: Corona ist doch kein Grund, ein Lineal auf halb acht liegen zu lassen statt es ordemtlich horizontal oder vertikal oder in einer dafür vorgesehenen Ablageschale abzulegen. Also bitte. Etwas Kultur tut immer gut. Das Gespräch jedenfalls lief betraf sogar schon den möglichen Starttermin, die avisierte Gehaltsvorstellung und die noch notwendigen, einzubeziehenden und mit dem aktuellen Dienstplan zu koordinierenden gesundheitlich anstehenden Termine. Das sei alles kein Problem sagte der Gründungsvorstand und äußerte sich noch über die erste Aufgabe, an der ich beteiligt sein würde. Es war wie ein Vorab-Briefing, damit zwischen Arbeitsvertrag und Jobbeginn keine Anfangsholpereien auftreten. Es wäre dann bloß noch das Gehalt zu klären (ungefähr 1.600 Brutto), der Arbeitsbeginn (Anfang Oktober) und die Tatsache, dass außer mir noch 799 weitere Personen diese Stelle ergattern wollten.

Schon am Samstag, dem 29. August, lag im EMail-Postfach ein Schreiben von der Stiftung. Mit einer Absage kann man leben, über Unhöflichkeit aber darf man sich mit ehrlichen und zum Teil humoristischen Formulierungen äußern. denn gerade in einer Stiftung für Engagement und Ehrenamt sollten sich Stiftungsräte, Vorstände und Schirmdamen-und Herren bewusst sein: Humor ist Ehrensache. Die Unhöflichkeit bestand darin, mich zuerst mit der Begründung einzuladen, dass die Bewerbung ausgesprochen gut in die Stellenbeschreibung passt und das Gespräch diese besondere Eignung aufgrund der politisch-konzeptionellen Kenntnisse der Umwandlung des Minilohnsektors in ein Ehrenamt mit Lebenserhaltungsaufwandsbonus noch ausdrücklich unterstreicht.

Das Arbeitsamt hat darauf angeboten, nach einer noch zu absolvierenden REHA zur Beseitigung der Erkrankungsfolgen, die die Arbeitslosigkeit erst verursacht hatten, mich systematisch nacheinander gegen Mindestlohn für jeweils ein Jahr in den „Partnerbetrieben“ des Arbeitsamtes unterzubringen.

Humor ist eben Ehrensache.

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für September 2020 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, das Flugblatt für September 2020 ist fertig. Der erste September ist der Weltfriedenstag. Am zehnten September und dann regelmäßig einmal im Monat sollen wieder Zivilverteidigungssirenen mit Probealarmen auf ihre Funktionsbereitschaft überprüft werden. Seit Juni 2016 konnte man diese Entscheidung täglich erwarten. Wenn das gesamte Bundesgebiet zum Rotkreuz-Rückzugsgebiet erklärt wird, reicht dies völkerrechtlich für eine Neutralität im Spannungsfall aus. Heißt: Die Zivilbevölkerung könnte verschont bleiben. Dazu sollte sie sich aber in Katastrophenschutz und Sanitätsdienst ausbilden lassen- freiwillig.

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BARON VON FEDER: Der Ausgangspunkt

Die Träumereien an Fließgewässern können wahr werden. 15 Kilometer durch die sommerliche Hitze zum Bootsverleih und wieder zurück sind wieder machbar.

Daher:

Dieses Bild zeigt die Trockenheit der Radtour.

Hier ist der Ausgangspunkt

Und dies ist das Gefährt

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Redaktionsmitteilungen: Das Flugblatt für August 2020 ist fertig

Und wieder ist ein Flugblatt da. Sieht aus – auf Holz geklopft – das wir haarscharf am Schiffbruch vorbei geschrammt sind. Freunde halfen und hier ist das Flugblatt August. Das Leben bleibt spannend.

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