FEUILLETON-ZEITGEIST: Harry Graf Kesslers Zeitbeobachtungen

FEUILLETON-ZEITGEIST

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„Harry Graf Kesslers Zeitbeobachtungen“

Harry Graf Kessler könnte, wenn man die Tagebücher von 1918 bis 1937 liest, der Prototyp des Zeitzeugen am Zeitfenster sein. Manchmal stürmt der Zeuge die Treppe hinunter, um mit dabei zu sein, wenn er einen Bekannten sieht oder jemanden, mit dem er bekannt werden möchte.

Wenn das gesamte Zeitfenster von Harry Graf Kesslers Blick auf das Leben und seiner Teilnahme am Leben von auf einer als Zeitstrahl dargestellten Fensterbank gezimmert ist, steht links die Jahreszahl 1868, in welchem der Graf geboren wurde. Am rechten Rand der Zeitfensterbank steht die Zahl 1937. Ein schwarzer Vorhang markiert das Datum des Todes. Das kleine Fenster der Tagebücher von 1918 bis 1937 beginnt mit dem revolutionärem Wirrwarr nach dem Ende des einen Krieges und endet mit dem Beginn der Kulturauflösung Europas nach dem spanischen Probekrieg 1936 bis 1939. Was dann geschah, ist sattsam bekannt, aber Harry Graf Kessler blieb die irdische Kenntnisnahme erspart.

Der Herausgeber der Kessler-Tagbücher heißt Wolfgang-Pfeiffer-Belli. Er hat den Tagebüchern noch ein Nachwort angefügt. Darin schreibt Pfeiffer-Belli:

„Seine Abstammnung und Jugend hat Harry Graf Kessler, Mäzen und Diplomat, in dem schönen und wehmütigen Buch ‘Gesichter und Zeiten’ ausführlich beschrieben. Es erschien 1935,als der nach Frankreich emigrierte Autor bei uns nicht mehr gelitten war.“

Mit UNS meint der Herausgeber und Nachwortverfasser die Deutschen im Ort Deutschland. Zwei Jahre nach der Emigration starb Harry Graf Kessler. Sein Buch ist kaum noch bekannt. Einige Antiquariate bieten es noch zu Preisen zwischen 22 und 100 Euro an.

(siehe hierzu www.zvab.de)

Harry Graf Kessler wurde am 23. Mai 1868 in Paris geboren. Am 30. November 1937 starb er in Lyon.

(Harry Graf Kessler, „Tagebücher 1918 bis 1937“, Hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli, Insel-Taschenbuch, 7. Auflage, Berlin 2017)

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FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: Europa – ein Nachruf

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES

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„Europa – Ein Nachruf“

Stefan Zweig und andere bezeichneten die Phase vor dem Ersten Weltkrieg als eine Art Abgesang der Kultur. Der Krieg als Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts zerstörte Kultur, verwilderte den Entwicklungsstand der Zivilisation und schuf Gräben und Grenzen, wo Freundschaft und Miteinander ein von gleichen oder ähnlichen Interessen geleitetes Europa kennzeichnen sollten – ein Europa wie das mühsam nach dem Zweiten Weltkrieg neu angedachte gemeinsame Europa, aber mit dem Primat der Kultur, der Reisen, der gegenseitigen Besuche und des Bildungsaustausches quer durch die Klassen und Schichten der einzelnen europäischen Nationen. Insofern ist Hannes Hofbauers Buch „Europa – Ein Nachruf“ in der Rubrik Kulturbetriebliches ebenso gut aufgehoben wie in der Rubrik Zeitgeist. Womit der Nachweis erbracht wäre, dass Zeitgeist und Kultur ebenso wenig voneinander trennbar sind wie Orient und Okzident in Goethes west-östlichem Diwan. Wer Zeitgeist wie Kultur gut kennt, der wird auch hier erkennen: Europa, will es prosperieren, darf man von Kultur nicht trennen. Doch wie systematisch vollzieht der Neoliberalismus die letzten Schnitte zur Trennung des kulturellen Umfeldes von den Wurzeln Europas und zwängt den Kontinent in das Prokrustesbett der Wirtschaft.

Eine Zeitleiter mit allen Sprossen

Schon das Inhaltsverzeichnis ruft die Vorstellung einer Zeitleiter hervor, der keine einzige Sprosse fehlt. Vorgeschichte-Kultureller Untergang-Kalter Krieg und Europäische Gemeinschaften-Neoliberaler Binnenmarkt-Militarisierung sind ihre Sprossen, und auf jeder Sprosse zeigt Hofbauer auf, was man von der Sprossenblickhöhe aus von Europa sehen kann. Das Gute ist: Man kann ALLES sehen. Das Schlechte ist: Vieles liegt im ARGEN. Nacheinander beschaut der Eurobetrachter den Kontinent, die Geschichte und die politischen Strukturen, die zunehmend wirtschaftlich dominiert werden. Der erste zu den Akten gelegte Aspekt der europäischen Idee seit der Gründung der EG ist die Vorstellung und das Ideal eines Wohlfahrtsstaates, der deswegen nicht gleich das Risiko eines einerseits sozialistischen, zugleich aber auch diktatorischen Staates eingehen muss, im Namen einer guten Absicht viel Unheil anrichten zu müssen, wie es der Widerspruch im Begriff „Diktatur des Proletariats“ und seinen jeweiligen konkreten Ausprägungen im Ostblock tut. Das Unheil des Ostens an den Menschenrechten geschah aus ideologischen und revolutionären Gründen. Das Unheil des Westens an den Menschenrechten geschieht auf der Grundlage des Widerspruchs zwischen Betriebsbedingung und Geschäftsgrundlage des Kapitalismus. Die Betriebsbedingung ist das Privateigentum. Aber die Geschäftsgrundlage ist der Raub. (*) Der zweite zu den Akten gelegte Aspekt ist die noch bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges ungebrochene Aktivität der europäischen Friedensbewegungen der internationalen und sozialistischen Arbeiterparteien Europas. Mit der Bewilligung von Kriegskrediten hatte dann die deutsche Sozialdemokratie ihre Erbsünde begangen. Den Ruf, ein Mandantenverräter zu sein, ist sie bis 2020 noch nicht wieder losgeworden. (**)

Zwischenvergleich

Zwischen Hannes Hofbauers „Nachruf auf Europa“ und Oswald Spenglers 1917 erschienenen doppelt so viele Seiten enthaltenden Buches „Der Untergang des Abendlandes“ scheint es Gemeinsamkeiten zu geben. Beide machen ihre Untersuchungen am Ende einer Kulturepoche fest. Daraus KANN etwas Neues entstehen, wenn es Akteure gibt, die für die Neue Zeit oder die Neue Weltordnung oder welche anderen Begriffe noch dafür geprägt werden oder wurden, die Gestaltungsrolle übernehmen wollen. Beide graben mit breitem Spaten tief in die Schichten der menschlichen Vergangenheit hinein. Die Grabungen Hofbauers und Spenglers enden erst, als sie mit den Füßen in Augenhöhe vor den Sedimenten des Altertums stehen. Bei Hofbauer ist es Zeus, der Europa in Gestalt eines Stieres aus ihrem behüteten Elternhaus entführt, bei Spengler waren es die Sumerer. auf die sich die Summen aller Erkenntnisse zurückführen lassen.

Kehre um, Europa, auf den Weg der Kultur

Ausgesprochen umfangreich ist die Seitenanzahl, die Hannes Hofbauer dem strebenden Suchen der Europäischen Mächte einräumt. Diesen faustischen Charakter im Suchen Europas handelt Hofbauer auf den Seiten 27 bis 50 ab. Irgendwie scheint sich der banale Eindruck zu bestätigen, dass die Suche Europas nach sich selbst – oder seiner „neuen Rolle“ – angesichts neoliberaler Tatsachen, eingebildeter militärischer Sicherheitsgefahren, realer Bedrohungen durch Corona, durch selber erst ermöglichte Gefahren durch Umweltzerstörung und Klimawandel sowie deren Folgeerscheinungen Migration und Terrorismus durch ein ganz einfaches Fundstück erfolgreich wird: Kehre um, Europa, auf den Weg der Kultur.

*) Das ist eine genuine Einschätzung von „Das Flugblatt“.

(**) Siehe auch: „Das Seifenlied“ und den Vorwurf: „Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten“)

(Hannes Hofbauer, „Europa-ein Nachruf“, Promedia, Wien 2020)

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BARON VON FEDER: Kopfgeburten

„Kopfgeburten“

Erste Phase

Ein Feld, zur Aussaat vorbereitet,
welches parallele Rillen dekorieren,
erwartet, dass man in es leitet,
Ideen, die zur Gesellschaftsblüte führen.

Zweite Phase

Die Ideen, ungeduldig,
dringen in den Ackerboden ein.
Als fühlten sie sich bringeschuldig
bilden Spross sie aus sowie auch Keim.

3. Phase

Auf gutem nährstoffreichem Boden
können die Ideen gedeihn
Auf Schlechtem würden sie nur Episoden
Von nicht gedurft gehabtem Leben sein.

4. Phase

Ideen suchen, um zu sprießen,
sich den besten Boden aus,
Wenn dann verschiedene Ideen grüßen
wirds ein Gesellschaftsfesttagsschmaus

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FEUILLETON-REZENSION: Chronik einer angekündigten Krise

Rezension: Chronik einer angekündigten Krise

„Vollendete Tatsachen hinter verschlossenen Türen“

Bei Paul Schreyers Buch „Chronik einer angekündigten Krise“ heisst der Untertitel „Wie ein Virus die Welt verändern konnte“. Das Corona-Virus und die Reaktion darauf haben also schon „vollendete Tatsachen“ geschaffen. Zumindest sind Entwicklungstrends ins Marsch gesetzt worden.

Wenn die angekündigte Krise aus Paul Schreyers Buch und die Schwarzmalereien der Sciencefiction-Autoren des Buches „Pandemie“ dasselbe sind, dann ist diese Zeitenwende ein 2016 begonnenes Wendemanöver. Paul Schreyer versucht seit Januar 2020 zu verstehen, was gerade passiert, und fragt seinerseits die Leser seines im Westend-Verlag erschienenen Ebooks „Chronik einer angekündigten Krise“, ob ihnen das Verstehen gelang. Mir für meinen Teil bleiben zwei Fragen offen: Erstens: Wenn ein großangelegtes Wendemanöver stattfindet, wohin geht danach der neue Kurs? Kap Hoorn oder Tahiti? Zweitens: Wessen Interessen soll die Admiralität durchsetzen, die ihrem Flaggschiff den neuen Kurs vorgibt, ohne ihn zu nennen?

Man weiß es nicht, denn „noch immer fehlt eine große, aber alles umfassende Erklärung“. Immerhin scheint sich heraus zu stellen, dass Wissenschaft und Politik untrennbar sind, wenn man das Problem mit der Pandemie erklären will.

„Es geht nicht nur um die reine Wissenschaft, sondern immer auch um Politik“. (Schreyer)

Vermutlich bedeutet das: Poltik ist immer von Interessen geleitet, aber fast nie repräsentiert politisches Handeln die Interessen Aller. Wenn Politik nicht interessengeleitet wäre, dann wäre der Sinn von Politik die Politik, also die Erprobung von Herrschaftsmethoden und Gesetzesreglungen an der Gesellschaft. Eine solche Sichtweise auf die Corona-Sache gibt es auch. Aber zwischen Politik und Gesellschaft muss es auch Schnittstellen geben. Wenn es keine Verbindung mehr gibt, dann wäre eine Abspaltung der Politik von der Gesellschaft die Folge. Das wäre auch das Ende der Demokratie das offene Tor zum Faschismus und in der Tat eine Zeitenwende. Fukuyama widerlegt, aber kein Triumph.Paul Schreyers Resümmee: „Gesellschaftssteuernde Maßnahmen und Technologien werden zunehmend weltumspannend und zentral koordiniert wirksam.“ Künstliche Intelligenz und Schnittstellen zwischen Gehirn und Maschine schüfen die dazu notwendigen perfekten Maschinen, die auch noch zu Verrat und Mittäterschaft fähig sind.

In der Seefahrt hilft zur Not eine Meuterei. In der Gesellschaft aber muss man das Wagnis eingehnen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

(Paul Schreyer, Chronik einer angekündigten Krise. Wie ein Virus die Welt verändern konnte, Westend, Frankfurt 2020)

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FEUILLETON-REZENSION: “Pandemie. Geschichten zur Zeitenwende”

Rezension: „Pandemie“

H.J.Kugler und andere, Hirnkost-Verlag, Berlin, Oktober 2020)

„Science-Fiction-Literatur ist genauso ratlos

wie die Corona-Forschung“

Die Forschung insgesamt hat noch nicht genug Erkenntnisse gesammelt, um über das Thema CORONA, SARS, COVID seriöse Aussagen zu treffen. Der Volksmund weiß es besser und läßt Aussagen an die Öffentlichkeit dringen, wenn sie Subekt, Prädikat und Objekt besitzen. Das sind Aussagen, bei denen die Grammatik stimmt, aber nicht die semantischen Beziehungen zwischen den Aussagen. Alle sprechen von „die“ oder „sie“, sagen aber nicht, wer jeweils gemeint ist. Nur eines wissen angesichts dieser Lage die Macher ds Buches “Pandemie“ schon genau: Ihre gesammelten Science-Fiction-Erzählungen sind Ausdruck und Ergebnis einer Zeitenwende. Mit Verlaub: Diese Zeitenwende schau ich mir an. Historische Ereignisse im Stadium ihres Stattfindens zu beobachten hat mich schon immer interessiert.

37 Autoren schrieben für das Buch „Pandemie. Geschichten zur Zeitenwende Beiträge. Eines trifft zu: Die Corona-Pandemie ist tatsächlich zum führenden Medienthema geworden. Sogar der NATO-Aufmarsch an der russischen Grenze ist hinsichtlich der medialen Erwähnung unbedeutend. Militärische Themen kommen fast nur n der form militärmedizinischer Unterstützung der ansonsten zuständigen Zivilverteidigung vor, wie der gesamte Zivilschutz seit Juni 2016 und der damals begonnenen Änderung der gesetzlichen Bestimmungen in gleich drei Bereichen neuerdings genannt wird.

Wahr ist, dass die CORONA-Krise eine erschreckende Störung der bisher gewohnten öffentlichen Ordnung. Besonders erschreckend und verstörend an der Krisensituation ist, dass keiner wirklich richtig weiß oder wissen kann, was eigentlich los ist. Vieles bleibt nach dem Grundsatz des früheren Innenministers Thomas de Maiziere vorsorglich ungesagt. Der Innen-Thomas hatte am 18.November 2015 in Hannover ein Fußball-Länderspiel abgesagt und mit Hinweis auf eine nicht konkret benannte Terrordrohung gesagt: „Manche Informationen würden die Bevölkerung nur beunruhigen“. Wichtige Dinge zu verschweigen beunruhigt allerdings auch. Das fiel dem Minister damals nicht ein. Damals, am 18 November 2015. Aber so ein Spruch bleibt in den Köpfen – egal was die Köpfe damit machen.

Zwischenliste: Bisherige Literatur

Corona-Fehlalarm, 22. April 2020

Coronomics, 15.Mai 2020

Viren, 25. Mai 2020

Pandemie. 09.Juni 2020

Shutdown, 01. Juli 2020

Wie wir unsere Wirtschaft retten, 21. Juli 2020

Viren für Anfänger, 15. September 2020

Chronik einer angekündigten Krise, Oktober 2020

Pandemie. Geschichten zur Zeitenwende, Oktober 2020

Lockdown 2020, Oktober 2020

Spekulative Geschichten

Der Titel „Corona-Fehlalarm“ wurde in der in der Oktoberausgabe als publizistischer Schnellschuss besprochen. In dieser Ausgabe kommtn zwei Bücher dran: „Pandemie. Geschichten zur Zeitenwende“ und „Chronik einer angekündigten Krise.“. Zunächst zur Zeitenwende.

Die „Geschichten zur Zeitenwende“ sind nirgends analytisch, dokumentierend oder realistisch. Sie sind Beschreibungen wahr gewordener Ängste, deren Wahrwerdung eine Möglichkeit aber nicht unbdeingt die größte Wahrscheinlichkeit ist. Sie sind damit ungefähr so verantwortungvoll wie ein auf Facebook geteiltes video, wo jemand in einem Sportpalastartigen Auftritt in einem vollen Zug Kinder fragt: „Wollt Ihr an dem Kohlendioxid eurer Ausatemluftin der Maske ersticken?“ „Nein“, ruft die Masse der Kinder. „Dann nehmt eure Masken ab“, sagt der Jemand. „Jaaaa“ rufen die Kinder und nehmen die Masken ab. Jetzt noch „Heil Dir im Siegerkranz“, sonst wäre es zu auffällig, und dem Jemand wäre die Joseph-Goebbels-Gedenkmedaille mit Diamant am Band samt Schärpe sicher. In der Literaturwissenschaft werden düstere Szenarien einer noch nicht eingetretenen Zukunft als Dystopie bezeichnet. Studenten lernen als Eselsbrücke „Düstere Utopie“. Klingt eben ähnlich. Wenn Utopien wahr werden, können sie düster oder befreiend sein. Und diese 37 Geschichten der Autoren, die versuchen zu beschreiben, wohin Krisen, Virus und gesellscahftliches Management führen, verbreiten 37 traurig-trostlose Zukunftsaussichten im Stile klassischer Science-Fiction-Autoren.

Aber warum muss man gleich von Zeitenwende reden? Wenn überhaupt, hat sich die letzte Zeitwende mit dem Übergang von der Aufteilung der Welt in den sozialistischen Ostblock einerseits und die imperialistischen Einflussbereiche andererseits zum globalisierten Neoliberalismus ereignet. Es hätte auch die Chance bestanden, dass sich die Welt frei nach Gotthold Ephraim Lessing zum kosmopolitischen Weltbürgertum entwickelt, in dem jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nachgehen kann, und zwar mit Eifer.

Zwischen den Zeilen lesen, heißt Fehlendes zu denken

Krise ist nie nur lähmende Dystopie, sondern Eröffnung neuer Chancen und Ideen. Auch die CORONA-Krise, aber der Aspekt fehlt dem Buch total. CORONA bot bisher die Möglichkeit der Entschleunigung. Das allein reicht nicht. Aber sie ist ein guter Anfang. Wenn Dystopien sinnvoll sind, wecken sie den Wunsch nach Licht, weil alles so finster ist. Und wo man das fehlende Licht in die Texte erst naoch als Leser selbst hineinschreiben muss. da haben Aufklärung und Erleuchtung Zugang zu Herzlichkeit und Nächstenliebe geschaffen.

Wo Ideen aktivieren, entsteht Freiheit.

(Hans-Jürgen Kugler u.a.. „Pandemie. Geschichten zur Zeitenwende“, Hirnkost, Berlin, Oktober 2020)

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FEUILLETON-REZENSION: Der Untergang von Amerikas globalem Einfluss”

„Der Untergang von Amerikas globalem Einfluss“

Nirgends wird der Begriff „Amerikanisches Zeitalter“ benutzt. Statt dessen beschreiben die Autoren der amerikanischen Denkfabrik RAND-Corporation die Rolle Amerikas in der Weltpolitik nach dem Sieg der Alliierten über Deutschland im Mai 1945 als „Bereitschaft, die Lasten der Weltführung zu schultern“.

Der selbstlose Lastenträger des Weltgeschehens ist aber nicht der Kuli, den man aus Romanen von B.Traven kennt oder aus der Realität afrikanischer Hafenarbeiter, die ihre eigenen Lebensmittel und Rohstoffe in die Laderäume von Kolonialschiffen luden, nur damit sich in der westlicchen Welt auch weiterhin Seidenhemden über Wohlstandsbäuchen spannen konnten. Der selbstlose Lastenträger ist seit 1945 der Weltpolizist. Der Weltpolizist scheint nach dem ende des Kalten Krieges und der Umwandlungsprozesse m ehemlaigen Ostblock ein wenig müde geworden zu sein. Oder gleichgültig-mechanisch.Oder nicht ganz bei der Sache. Jedenfalls fehlen dem Polizeiapparat Mittel, Fähigkeiten und Führungspersonen aus Politik und Zeitgeschehen. deren Charisma die Aufgabenverteilung zur Reparatur globaler Schäden an der Natur, der Wirtschaft und der sozialen Grundzustände in allen Ländern, und zwar vom immer noch reichen Westen bis zum bitterarmen Süden.

„Influencer“ im modernen Politik-Sprachgebrauch

Amerika hat auf dem Gebiet des Marketing mehr Leistungen vollbracht als auf dem Gebiet der Kultur an sich. Es gibt gute Literatur, anspruchsvolle Filme, aber auch Serien, Unterhaltungsformate und den Trend zu „Social Media“. Dort wird zu Einerlei gekocht, was besser nicht auf die Teller der Welt gehört. Das soll aber niemand merken. Methoden des Marketing, die früher ziemlich freimütig als „Beeinflussung“, „Absatzsteigerung“, sogar „Manipulation“ genannt wurden, werden jetzt von sogenannten Influencern („Einflussnehmern“) angewendet. Auf einmal nutzt nahezu jeder die nahezu unüberprüfbaren Möglkichkeiten der Informationsverbreitung der sozialen Medien, die von früheren seriösen Zeitungen in ihren Onlineausgaben in die qualitätsjournalistische Berichterstattung eingearbeitet werden. („Lesen Sie, was eine junge Mutter ehrlich ber hello fresh sagte“). Nein, lassen Sie es lieber. Oder machen Sie, wie Sie es wollen, aber denken Sie an den Grundsatz „Audiatur et altera pars“. Auf Deutsch: „Höre auch auf die andere Seite“. Der Grundsatz ist spätestens seit 1995 schrittweise verschütt gegangen. In den Sozialen Medien heißt es: Jeder soll alles sagen dürfen aber keiner soll merken, wessen Meinung in der Reichweite nach vorn gesteuert wird. „Lassen wir dem Gaul die Zügel locker, aber geben wir die Zügel niemals aus der Hand“, beschreibt die Branche ihr Vorgehen in einem Lehrbuch. Zwischen globaler Ordnungsmacht und Influencermacht bestehen Ähnlichkeiten. Influencer sind bequem, solange sie eine gut fütternde Hand sind. Hindern Influencer aber die Saubere Energie daran, die Abhängigkeit der Verbrennungsmotoren vom Erdöl zu beenden, so stehen sie mit der Macht ihres Einflusses dem Fortschritt im Wege. Dann steht die Reiterschaft vor dem Dilemma, die Zügel wieder zu straffen und gerade dadurch die Aufmerksamkeit auf den versuch zu lenken, dass der Weltkavallerie-Polizist die Freiheiten bedrängt, beengt, versenkt. Mit anderen Worten: Die Zügel haben ausgespielt, hat man die Freiheit erst gefühlt.

Und darum verrringert sich der globale Einfluss der USA

Wenn die amerikanische Politik nun aber merkt, dass ihr Einfluss geringer wird, dann wird sie fünsch. Wenn ein fremdes Segelschulschiff auf den Meeren der Welt einem amerikanischen Kriegsschiff begegenet, erwartet der Ami Salut und Ehrenbezeigung. Hängen statt desssen fröhliche Gesäße über der Reling, fühlt sich die Admiralität in ihrer maritimen Würde verunglimpft. Dabei geht es nur darum, die Rolle als Weltmade der amerikanischen Produktion abzuschütteln und zu Nachhaltigkeit und Bewahrung von Schöpfung und Frieden voran zu schreiten. Voran schreiten bedeutet Fortschritt.

Die RAND-Sudie zählt anhand von Tabellen zwischen den Seiten 7 und 13 vor,dass immer mehr Handlungen des Weltpolizisten zur Bewahrung des Fürungsanspruches der Amerikanermisslungen sind. Ein Plus markiert einen Erfolg. ein Plus, gefolgt von einem Minus heißt: es fing ganz gut an, ließ dann aber stark nach. Umgekehrt bedeutet ein Minus gefolgt von einem Plus, das aus einem Fiasko doch noch ein Erfolg im Sinne der selbstgestellten Vorgaben entstand.

Die RAND-Forscher zählten Plus, Minus und Fragezeichen und kamen zu dem Ergebnis, dass die Plusse weniger wurden. Sie folgerten für den erhalt der amerikanischen globalen Hegemonie:

„Die amerikanische Führung kann nur erhalten werden, wenn die amerikanischen Führer eine breite unt ausreichend tiefe öffentliche Unterstützung zu Hause haben.“

Wie aber werden sie das anstellen? der kritische Blick sollte nicht einschlafen.

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Oktober 2020 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, hier ist das Oktoberflugblatt. Einen goldigen Herbst wünscht

Hannes Nagel

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Baron von Feder: “Erntedank”

„Erntedank“

(Oktober 2020)

Limonenbäume tragen Früchte.
Lange haben sie gebraucht,
bis Samenkörner hin zum Lichte
sind zu Bäumchengröße hoch gekraucht.

Endlich einmal seh ich Früchte,
zu deren Werden ICH beitrug.
Kennt jemand aus der Bäckereigeschichte
wen, der mal Limonenkuchen buk?

Ach, ich möcht zum Erntedanke
der sauren Arbeit süßen Schweiß
mit einer meterhohen Ranke
geweihtem Wasser gleichend schwenken rings in Kreis

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Fremdmitteilung: Ein Beitrag mit freundlicher Genehmigung von www.hinter-den-schlagzeilen.de

Die Gehorsamsprüfung

Von rr  am 18. September 2020  in FEATUREDPolitikRoland Rottenfußer 13 14

Szene aus der Serie „The Handmaid’s Tale“ nach einem Roman von Margaret Atwood, beim Videoportal Hulu.

Der Maskenzwang ermöglicht es dem Staat in bisher unvorstellbarem Ausmaß, die Gesinnung der Bürger zu testen. „Der, des Verwaltung unauffällig ist, des Volk ist froh. Der, des Verwaltung aufdringlich ist, des Volk ist gebrochen“. So steht es in einem Flugblatt der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“. Ursprünglich stammt der Spruch von dem chinesischen Weisen Laotse. Machthaber, die auf fragwürdigem ethischem Fundament agieren und sich der freiwilligen Loyalität ihrer Bürger nicht sicher sein können, neigen dazu, sich „aufdringlich“ zu verhalten. Immer wieder behelligen sie die Menschen und zwingen sie zu symbolischen Unterwerfungsgesten. Durch diese wird die Mehrheit der Gehorsamen gebrochen, während die Minderheit der „Aufrührer“ leichter zu identifizieren ist. In modernen gelenkten Fassadendemokratien werden diese Unterwerfungsgesten jedoch mit einem akzeptablen Narrativ ideologisch eingekleidet. Die Pflicht zum Tragen einer Atemschutzmaske in der Öffentlichkeit erfüllt diesen Zweck bestens. Im Gegensatz zur ersten Phase der Abschaffung unserer Freiheitsrechte sind Gegner der herrschenden Corona-Hysterie in der zweiten schon auf den ersten Blick zu identifizieren. Roland Rottenfußer

„Das Volk hat aber doch gewisse Rechte“, sagt Rudolf, Stallmeister von Hermann Geßler, dem Reichsvogt der Kantone Schwyz und Uri. Doch Geßler antwortet lakonisch: „Die abzuwägen ist jetzt keine Zeit.“
Geßler, der Verwalter der besetzten Bezirke der Alpenregion, hat in Altdorf auf dem Marktplatz einen Hut auf einen Stock gepflanzt. Daneben steht eine Wache, die jeden abführt, der nicht vor diesem Popanz salutiert. Zur Begründung gibt Geßler an:

Ich hab den Hut nicht aufgesteckt zu Altdorf
Des Scherzes wegen, oder um die Herzen
Des Volks zu prüfen; diese kenn ich längst.
Ich hab ihn aufgesteckt, dass sie den Nacken
Mir lernen zu beugen, den sie aufrecht tragen –
Das Unbequeme hab ich hingepflanzt
Auf ihren Weg, wo sie vorbeigehn müssen,
Dass sei drauf stoßen mit dem Aug‘ und sich
Erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.

Der mittlerweile sprichwörtliche Geßlerhut in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ wurde also explizit nicht aufgestellt, um die wahre Gesinnung des Volkes zu testen. Diese setzt Geßler als bekannt voraus; er weiß, dass die Menschen ihren Unterdrücker hassen. Vielmehr ist der Hut ein Gehorsamstest. Nicht herzliche Zustimmung wird erwartet, sondern zähneknirschende Unterwerfung. So reagiert der „Landesvater“ auch sehr ungnädig, als der Titelheld dem Hut den Gruß verweigert.

Verachtest du so deinen Kaiser, Tell,
Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,
Dass du die Ehr‘ versagst dem Hut, den ich
Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen?
Dies böses Trachten hast du mir verraten.

„Böse“ ist also, wer die inhaltlich völlig absurde, jedoch symbolisch aussagekräftige Geste verweigert. Tell muss in der Folge seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schießen und dessen Leben riskieren. Schließlich wird Tell verhaftet…

Symbolische Unterwerfungsrituale

Der „Geßlerhut“ wurde deshalb weithin bekannt, weil er einen typischen Mechanismus der Machtausübung offenlegt. Fast überall, wo Macht ist, gibt es auch symbolische Unterwerfungsrituale. Wo die Unterdrückung ungeschminkt auftreten darf, weil sie auf ein gesellschaftlich akzeptiertes Gewohnheitsrecht auf seelische Misshandlung der ihr Unterworfenen bauen kann, sind diese Rituale besonders leicht zu durchschauen. Etwa in Gefängnissen oder beim Militär. Man kann dies anhand der unsäglichen Bundeswehr-Werbesoap „Die Rekruten“ auf youtube sehr gut beobachten.

In der Start-Folge der Serie erklärt ein bulliger Ausbilder die Regeln in Richtung Kamera. Es geht um einen simplen Vorgang: das Eintreten der neuen Rekruten in ein Amtszimmer. „An der Linie sollen die sich einfach bloß aufhalten, und dann: ordentlich anklopfen. Und viele schaffen’s einfach nicht. Die rennen einfach los und sagen ‚hallo, hier bin ich‘. Das gib’s aber nicht.“ Der Ausbilder erklärt nicht den Sinn der Regel, er sagt nur, was Sache ist. „Es gibt zwei verschiedene Arten, diese Linie zu übertreten: eine richtige und eine falsche.“

Die Filmregie unterstützt diese Regelung visuell – als wolle sie angehende Rekruten im Interesse der Bundeswehr schon präventiv miterziehen. Ein junger Mann bleibt vor einem dick gezogenen Strich am Boden stehen. Ein dicker grüner Schriftzug wird eingeblendet: „richtig“. Ein unsicherer anderer Rekrut schlendert gleich ohne Anklopfen ins Amtszimmer. Dicker roter Schriftzug: „falsch“. Ein dritter verlässt das Zimmer gerade. Er sagt zum Abschied: „Alles klar!“ Jetzt erhebt sich die Stimme des Vorgesetzten drohend: „Nicht ‚alles klar‘, sondern…???“ Sichtlich gequält und eingeschüchtert stößt der Jüngling hervor: „Jawohl!“ Mit diesem Unterwerfungsritual ist das Erziehungsziel erreicht. Nicht nur wird der Rekrut künftig dienstbeflissen die Silbe „…wohl“ anhängen; er hat auch kapiert, wer beim Bund das Sagen hat.

Schikanöse Vorschriften und permanente Herabsetzungen der Rekruten dienen der Brechung des Eigenwillens, sie werden nicht trotz, sondern wegen ihrer Unsinnigkeit konzipiert. Denn nur ein Soldat, der das Nachdenken komplett aufgegeben hat und dessen Gehorsam automatisiert abläuft, ist im Krieg „brauchbar“. Ein solcher Mensch wird willig in das Gewehrfeuer des „Feindes“ hineinlaufen und ist selbst bereit zu töten. Den Rekruten wird damit ein Teil dessen abtrainiert, was sie als Menschen ausmacht. Durch staatlich legitimierte Strukturen, die den Einzelnen einer Situation absoluter Machtlosigkeit ausliefert, wird letztlich eine Identifikation mit dem Aggressor erzwungen. Das Bewusstsein, sich diesem Irrsinn unterworfen zu haben, führt zu einem latenten Gefühl der Scham, einem Selbstwertverlust, der es wiederum für die Ausbilder künftig leichter macht, ohne Gegenwehr über das optimierte Menschenmaterial zu verfügen.

„Geßlerhüte“ in Corona-Zeiten

„Geßlerhüte“ in der erweiterten Bedeutung des Wortes verfolgen stets zwei Zwecke: den offiziellen, der für Ge- und Verbote eine Scheinbegründung liefert, und einen tatsächlichen Grund, der stets in einem symbolischen Unterwerfungsakt bzw. eine Gehorsamstest besteht. Geßlerhüte gibt es praktisch überall, wo es Machtausübung gibt. Sie dienen dem doppelten Zweck der Disziplinierung und Brechung der gehorsamen Mehrheit und der Identifizierung einer eventuell widerspenstigen Minderheit. Anlässlich der Aufrufe zum Ungehorsam im Zusammenhang mit der Volkszählung 1987 bemerkte eine Zeitschrift, der Staat habe nunmehr eine vollständige Liste seiner Gegner in Händen: jener Minderheit nämlich, die die Fragebögen nicht ausfüllte und dafür mitunter auch harte Geldstrafen in Kauf nahm.

Es fällt nun nicht schwer, von hier einen Bogen zu den derzeitigen staatsautoritären Zwangsmaßnahmen „wegen Corona“ zu schlagen. Das österreichische Webmagazin „Profil“ titelte am 9. April: „Die neue Lust am Strafen, Bespitzeln und Denunzieren“ und erhob gegen die Obrigkeit einen heftigen Vorwurf: „Innerhalb weniger Wochen mutierte Österreich zu einem Operetten-Polizeistaat, in dem harmlose Bürger nach Gutdünken drangsaliert werden.“ Lassen wir die Operette mal beiseite, dann bleibt: Polizeistaat. Ein Beispiel aus der Praxis: „Jüngst machte im Internet ein Strafzettel die Runde, mit dem ein Wiener zur Zahlung von 500 Euro Bußgeld aufgefordert wurde. Das rigoros beamtshandelte Delikt im Wortlaut: ‚Sie sind längere Zeit auf einer Parkbank gesessen und haben aufgrund des regen Fußgängeraufkommens nicht den nötigen Mindestabstand von 1 Meter zu anderen Personen eingehalten.‘“

Weitere Beispiele laut „Profil“: Wegen unerlaubten Benutzens eines Spielplatzes werden in Salzburg 1000 Euro Bußgeld verhängt. Eine Frau musste sich an der Kasse eines Drogeriemarkts einer Taschenkontrolle unterziehen und sich eine Rüge anhören, weil sie etwas „nicht unbedingt Nötiges“ gekauft hatte: ein Schulhelft für ihre Tochter. Niki Scherak, stellvertretender Klubobmann der Partei NEOS gab zu den Strenge-Exzessen der Ordnungshüter zu Protokoll: „Für mich ist wirklich erschreckend, dass die Leute fragen müssen, was sie überhaupt noch tun dürfen.“ In der Tat scheinen sich die betroffenen Länder in riesige Kindergärten verwandelt zu haben, in dem die Betreuten ängstlich um sich spähend und demütig die Grenzen des Erlaubten auszuloten versuchen. Die meisten Presseorgane haben sich ihrer Pflicht zu objektiver oder gar kritischer Berichterstattung mittlerweile ganz entledigt und die Funktion moderner Herolde übernommen. Auf den virtuellen öffentlichen Plätzen verkünden sie die Verlautbarungen des „Königs“: ungefiltert und unkommentiert: Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen: Folgendes ist ab kommenden Montag verboten, folgendes erlaubt…

Wenn sich nun irgendjemand durch das, was hier geschieht, entwürdigt fühlt, dann ist der Betreffende weder überempfindlich noch erfolgt diese Entwürdigung seitens der Staatsmacht unbeabsichtigt. Viele der jetzt geltenden „Corona-Maßnahmen“ haben den Charakter von Geßler-Hüten – zumindest teilweise. Staatsorgane, von ihrem unverhofften Machtzuwachs angefixt, widerstehen nur selten der Versuchung, Bürger zu erniedrigen und die Verhaltenssteuerung auf sinnfreie Gehorsamstests zu verengen. Wo eine Vorschrift nicht ohnehin schon diesen Charakter hat, agieren einzelne, besonders eifrige Polizisten gern ihre Machtlust an den ihnen Unterworfenen aus. Schlimmeres als die Rücknahme eines ungerechtfertigten Bußbescheids haben sie dabei ja nicht zu befürchten. Demütigungen sind stets auch kleinere oder mittelschwere Traumata – je nach den Vorerfahrungen der Opfer. Sie führen bei diesen oft zu Gefühlen von Benommenheit und Erstarrung, zu Schamgefühlen, die verdrängt werden und in vielen Fällen nur durch die Identifikation mit dem Aggressor „gelöst“ werden können.

Gehorsamstests mit Scheinbegründungen

Allerdings tritt die Entwürdigung von Bürgern selten in völlig „nackter“ Form auf. In modernen, „zivilisierten“ System des Despotismus wird um den Geßlerhut herum meist ein ausgefeiltes Narrativ gesponnen. Die Scheinbegründung, mit denen Gehorsamsprüfungen bemäntelt werden, erscheinen in der Regel plausibler, als dies beim ursprünglichen Geßlerhut in Schillers „Wilhelm Tell“ der Fall war. Oder eine Vorschrift stellt eine Mischung aus sinnvoller Regelung und einem Geßlerhut dar. Meist wird den Unterworfenen ein „weil“ mit auf den Weg gegeben, das ihnen hilft, mit einem die Würde verletzenden Befehl ihren Frieden zu schließen.

Frauen müssen in Teilen der muslimischen Welt vollverschleiert auf die Straße gehen, weil dies der Anstand und die Religion verlangten. Katholiken müssen beim Betreten einer Kirche ihre Hände in das Weihwasserbecken tunken und sich bekreuzigen, weil dies der Respekt vor Gott gebiete. Bewerber um eine Stelle müssen bestimmte Formalitäten einhalten, um in die engere Wahl zu kommen, weil dies das Engagement des Stellensuchenden demonstriere. Alle Bürger müssen Gebühren für ARD und ZDF zahlen, selbst wenn sie diese Sender nicht anschauen, weil dies die Finanzierung des für die Demokratie so eminent wichtigen Öffentlich-Rechtlichen Systems sichere. Soldaten müssen ihre Kleidung im Spind in einer bestimmten Weise falten und „auf Kante“ legen, damit die Kleider im Alarmfall mühelos gefunden werden können. In weltanschaulich homogenen Gruppen sind gewisser Kleidervorschriften, Grußformeln und Rituale obligatorisch. Und so weiter.

In einigen Fällen wird der Gruß vor einem Geßlerhut nur durch mehr oder weniger sanften Gruppendruck kontrolliert; in anderen Fällen zieht eine Weigerung schwerste Sanktionen bis hin zur Tötung nach sich. Ein sehr prägnantes Beispiel für einen Konformitätstest war auch die den Deutschen zwischen 1933 und 1945 auferlegte Pflicht, einander mit „Heil Hitler!“ zu grüßen. Wir wissen aus der Geschichte, dass dies ein besonders perfides Kontrollinstrument darstellte. Die Ideologie beziehungsweise die Respektbezeigung vor dem „Führer“ durchdrang damit jede kleinste Alltagsbegegnung der Menschen. Wer den Gruß verweigerte, war unschwer als Regimegegner zu erkennen. Für Bürger, die für Hitler keine rechte Begeisterung aufbringen konnten, war der Aufenthalt im öffentlichen Raum somit mit beständigem Unbehagen verbunden. Verwende ich einen anderen Gruß oder sage ich um des Friedens willen doch besser „Heil Hitler?“ Wenn ja, wem gegenüber kann ich das wagen?

Opfer und Stütze des Systems

Der Dichter und spätere tschechische Ministerpräsident Vaclav Havel hat die beiden Dimensionen der Verhaltenssteuerung in seinem Essay „Versuch in der Wahrheit zu leben“ (1978) glänzend dargelegt. Vor dem Hintergrund eines damals noch intakten Ostblock-Totalitarismus stellte er die Techniken der Verhaltenskontrolle an einem einfachen Beispiel dar. „Ein Leiter eines Gemüseladens platzierte im Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘“ Warum hat er das getan? Weil er tatsächlich zutiefst der Überzeugung war, die Proletarier sollten sich vereinigen? Eher weil es „alle“ taten und weil es von ihm erwartet wurde. Auch aus Angst, der Illoyalität bezichtigt zu werden. „Er hat es deshalb getan, weil es ‚dazu gehört‘, wenn man im Leben durchkommen will; weil das eine von Tausenden ‚Kleinigkeiten‘ ist, die ihm ein relativ ruhiges Leben ‚im Einklang mit der Gesellschaft‘ sichern.“

Indem der Gemüsehändler das Schild aufstellt, wird er zugleich selbst zu einem Teil jener Konformitätskulisse, die andere Menschen dazu motiviert, ihrerseits ein „Proletarier“-Schild aufzustellen. Havel führt dazu aus, dass man in einer Diktatur modernen Anstrichs, nicht mehr klar zwischen Herrschern und Beherrschten, Tätern und Opfern trennen könne. „In dem posttotalitären System führt diese Linie de facto durch jeden Menschen, denn jeder ist auf seine Art ihr Opfer und ihre Stütze.“ Alle Mitglieder einer gleichgeschalteten Gesellschaft üben aufeinander Gruppendruck aus. Der Gemüsehändler stellt sein Schild auf, weil es der Metzger getan hat – und umgekehrt.

Wichtig an Havels Abhandlung ist nun der Aspekt der moralischen Entlastung von Mitläufern. Der Autor schreibt über das Proletarier-Schild: „Diese Parole hat die Funktion eines Zeichens“. Im Klartext könnte die damit verbundene Mitteilung lauten: „Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiß, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf eine ruhiges Leben.“ Im Grunde, so Havel, könne man den Händler ebenso gut zwingen, ein Schild mit der Aufschrift „Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam“ in sein Schaufenster zu stellen. Beide Botschaften meinen im Kern dasselbe.

Das letztere freilich würde er als ein erniedrigendes Eingeständnis von Feigheit empfinden. Es würde sein Gefühl für Würde verletzen. „Man muss dem Gemüsehändler die Gelegenheit geben, dass er sich sagen kann: ‚Warum sollten sich eigentlich die Proletarier aller Länder nicht vereinigen?‘ (…) Das Zeichen hilft also, die ‚niedrigen‘ Fundamente seines Gehorsams und somit auch die ‚niedrigen‘ Fundamente der Macht vor dem Menschen zu verstecken. Er versteckt sie hinter der Fassade des ‚Höheren‘. Dieses ‚Höhere‘ ist die Ideologie.“

Mit meinen eigenen Worten ausgedrückt: Jedes Mitglied einer totalitär durchstrukturierten Gesellschaft kann sich, wenn er die Fähigkeit zur Selbsttäuschung besitzt, wie ein Gewissensheld im Stadium der Latenz fühlen. Würde die Staatsideologie seinem innersten Glauben widersprechen, so glaubt er, ginge er tapfer in den Widerstand. „Zufällig“ aber stimmt das, was er will, mit dem, was der Staat will – dass es nämlich großartig wäre, wenn sich die Proletarier aller Länder vereinigen würden – überein. Auf diese Weise wird seine Charakterveranlagung zum mutigen Widerstandskämpfer nie auf die Probe gestellt. Die Welt ist voller verhinderter Hans und Sophie Scholls.

Das Wesen von Macht

Nun ist es generell schwer, sich in die Position von Machthabern hineinzuversetzen, wenn man selbst diesbezüglich zu wenig Erfahrung hat. Erst recht ist es schwer, deren „geheime“ Absichten mit letzter Sicherheit zu erkennen, so lange keine eindeutigen geleakten Dokumente diese preisgeben. Ich bin aber der Überzeugung: Wir können die Verhaltensweisen der Macht – also der Regierenden und ihrer ausführenden Organe – nicht realistisch einschätzen, wenn wir grundsätzlich positive und wohlwollende Motive unterstellen. Tun wir das, übersehen wir ganz wesentliche Dimensionen der Machtausübung. Ebenso wie wohlwollende Motive natürlich nicht völlig auszuschließen sind. Nach meiner Auffassung und Erfahrung hat Machtausübung mindestens folgende Merkmale, die sich auf „Fälle“ wie das derzeitig Corona-Regime und andere aus der Geschichte bekannte anwenden lassen:

• Macht verlangt danach, sich zu erweitern und möglichst viele Bereiche des Lebens der Bürger zu durchdringen.
• Macht hat Suchtcharakter. Betroffene geben sich selten mit dem zufrieden, was sie schon haben.
• Machtausübung ist lustvoll.
• Macht will auf sich aufmerksam machen und bleibt nicht gern unbemerkt. (Siehe dazu die Aussage des Reichsvogts Geßler: „…und sich erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.“)
• Macht will sich stets durch Konfrontation mit den Beherrschten erproben, da sie sonst ihrer selbst nicht sicher sein kann.
• Macht bezieht ihr Identitätsgefühl daraus, dass sie sich gegen den Willen der ihr Unterworfenen durchsetzt. Anderenfalls wäre es keine Macht, sondern nur Überredungskunst.

Um den letzten Punkt noch weiter zu vertiefen: Macht bedient sich dreier abgestufter Strategien der Selbstbehauptung: 1. Überredung und Propaganda, 2. Drohung, 3. Anwendung von Zwang. Undenkbar scheint aus Sicht der Macht nur, dass Menschen handeln wie sie es selbst für richtig halten. Normalerweise werden die früheren und harmloseren Eskalationsstufen zuerst angewandt, die fortgeschrittenen bleiben jedoch als Drohkulisse im Hintergrund präsent. Die meisten Bürger versuchen, die Phase 3 und möglichst schon Phase 2 zu vermeiden und passen sich bereits in Phase 1 (Propaganda) dienstbeflissen an. „Zivilisierte“, halbwegs befriedete Gesellschaften funktionieren fast nur noch mittels Phase 1 und vermeiden es so, das hässliche Gesicht der Gewalt offen zu zeigen. In Epochen der fortschreitenden Auflösung von Freiheitsrechten und des Übergangs zur Diktatur treten aber Drohung, Zwang und Gewalt wieder stärker in den Vordergrund. Das Erlebnis des „unterworfen Werdens“ bleibt nicht länger dem kriminellen Milieu vorbehalten, es wird zur allgemeinen Erfahrung fast aller Bürger.

„Drückebergergasse“ in München, Foto: Richard Huber,
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Die Schließung der „Drückebergergasse“

Ideal zur Selbstvergewisserung der Staatsmacht sind somit Geßlerhüte – also Gehorsamsprüfungen –, die möglichst vielen, idealerweise allen Mitgliedern eine Gesellschaft abverlangt werden können. Um zu dem Beispiel aus Schillers „Wilhelm Tell“ zurückzukehren: An nur einem einzigen Platz in der Schweiz einen Hut aufzustellen, ist ein zu punktueller Gehorsamstest. Die Bürger können den Hut und damit den Grußzwang zu leicht vermeiden und einfach einen anderen Weg nehmen.

So einen Fall gab es in der Geschichte tatsächlich. Bei der Feldherrnhalle auf dem Münchener Odeonsplatz, dort wo 1923 Hitlers erster erfolgloser Putschversuch stattfand, war während der Nazi-Diktatur Tag und Nacht eine SS-Ehrenwache postiert. Von den Passanten wurde erwartet, den Gefallenen des Putsches durch den Hitlergruß Reverenz zu erweisen. Ein typischer Geßlerhut also, der die visionäre Kraft Schillers auf das Schönste illustriert. Wer nicht gern salutieren wollte, nahm den Weg über die Viscardigasse zwischen Residenz- und Theatinerstraße. Man nennt sie im Volksmund deshalb bis heute die „Drückebergergasse“.

Die Absicht von Machthabern mit totalitärem Anspruch wird es deshalb stets sein, Gehorsamsprüfungen zu erschaffen, die man nicht umgehen kann. Volkszählungen etwa haben diesen Charakter. Ebenso wie die allgemeine Pflicht zur Abgabe einer Steuererklärung. „Drückebergertum“, also ungestrafte Vermeidung, ist in solchen Fällen schwierig. Mir ist natürlich bewusst, dass Vergleiche zwischen der Nazizeit, den Zuständen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks und heutigen Verhältnissen in westlichen gelenkten Demokratien ihre Grenzen haben. Speziell auch im „Dritten Reich“ ist noch mehr – Schlimmeres – passiert. Hier aber geht es mir nicht um eine Gesamtwürdigung geschichtlicher Epochen, sondern um die Darstellung spezifischer „Machttechniken“, die einander auch in sehr unterschiedlichen Regimen stark ähneln. Zudem ist es immer wichtig, den Anfängen zu wehren und Fehlentwicklungen früh zu erkennen.

Auch eine allgemeine Impfpflicht – ob sie nun die Masern betrifft oder später ein noch zu findendes allerlösendes Corona-Medikament – hätte den Charakter eines idealen Geßlerhuts ohne Drückebergergasse. Eine solche Maßnahme würde sich für die Selbstpositionierung und Selbstaufblähung der Macht ideal eignen. Folgende Faktoren sorgen quasi für Wind in den Segeln:

– Die Impfpflicht wäre allumfassend.
– Sie könnte mit einem geeigneten sie stützenden Narrativ aufwarten (Der Schutz aller vor Erkrankungen) und sich gerade deshalb einer großen Bereitschaft zu freiwilliger Unterwerfung sicher sein.
– Sie würde in hohem Maße sozialen Druck auf Abweichler ausüben. Die Staatsmacht könnte sich sicher sein, im Volk ein Heer an Propagandisten, Hilfslehrern und Hilfspolizisten an ihrer Seite zu haben. Denn Verweigerung wäre ja der offiziellen Erzählung von Politik und Schulmedizin nach gleichbedeutend mit der Gefährdung der Gesundheit anderer.

Die Atemmaske als Geßlerhut

Ich möchte zum Schluss noch auf ein Thema eingehen, das mich derzeit sehr beschäftigt und der ursprüngliche Anlass für meinen Artikel gewesen ist: die Maskenpflicht. Ab April 2020 wurde ja viel über Lockerungen der „Corona-Maßnahmen“ gesprochen, die von den Regierenden verhängt wurden. Dabei kam immer wieder folgende „Kompromisslösung“ ins Spiel: Viele der Beschränkungen könnten aufgehoben werden, im Gegenzug müsste aber eine allgemeine Maskenpflicht eingeführt werden. Wir wissen jetzt, dass aus der „dringenden Empfehlungen“ ein jetzt schon viele Monate währender Zwang geworden ist, die Maske zu tragen. Mindestens an Orten, an denen eine hohe Menschendichte zu erwarten ist wie Supermärkte und U-Bahnen. Der derzeitige „König von Deutschland“, Professor Christian Drosten, sprach sich in einem Interview klar dafür aus: „Das setzt voraus, dass wirklich jeder, jeder, jeder in der Gesellschaft, im öffentlichen Leben diese Masken tragen muss“, sagte Drosten.

Allein diese Aussage („jeder, jeder, jeder“) offenbart eine bedenkliche Neigung zum Totalitarismus. Sie lässt weder Ausnahmen noch auch nur Abstufungen der Maskenpflicht zu. Nicht einmal im repressionsfreudigen Österreich und in Bayern werden Menschen derzeit von der Polizei behelligt, die ohne Atemschutzmaske allein im Wald spazieren gehen. In Spanien allerdings konnte es in der „heißen Phase“ schon passieren, dass maskenlose Jogger an einem menschenleeren Strand von der Polizei dingfest gemacht wurden.

Ich konnte mir über dieses Thema nun über einige Monate ausgiebig Gedanken machen. Auf der Straße und in Läden beobachtete ich immer wieder Maskenträger – übrigens auch bei Spaziergängen allein, auf dem Rad oder gar in geschlossenen Autos. Die Mitbürger in meiner Nachbarschaft wirken allerdings relativ gelassen. Übertreibungen sind eher selten, jeder tut eben seine Pflicht.

Die gesetzliche Maskenpflicht erzeugt jedoch eine Dynamik, wie sie von Vaclav Havel hellsichtig dargestellt wurde. Sie erzeugt einen hohen Konformitätsdruck, da der Gehorsam oder Ungehorsam eines Menschen so schon auf den ersten Blick und von weitem von jedermann kontrollierbar ist. Dissidenten könnten mühelos identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden. Erinnern wir uns an die Geschichte, die Havel über den Gemüsehändler erzählt hat, der in seinem Schaufenster ein Schild „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ platzierte. In Anlehnung daran sendet der Träger einer Atemschutzmaske in den nächsten Wochen folgende Botschaft aus: „Ich (…) bin hier und weiß, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf eine ruhiges Leben.“ Eigentlich auch: „Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam.“

Die Markierung abweichender Weltanschauungen

Im Fall von Corona ist den Unterwerfungsbereiten jedoch ein besonders verführerisches Beschönigungsnarrativ in die Hand gegeben: „Ich tue es, um mich und andere zu schützen“. Mit dem unausgesprochenen Zusatz: „Wer keine Maske trägt, dem ist sein eigener Schutz und der seiner Mitmenschen egal“. Dabei muss dies keineswegs zutreffen. „Dissidenten“ schätzen vielleicht die Gefahrenlage nur nicht so dramatisch ein. Sie sind in einem Land, ihn dem „eigentlich“ Weltanschauungsfreiheit herrscht, einfach Anhänger einer anderen politischen Weltanschauung und einer von der Mehrheit abweichenden Medizin-Ideologie.

Zur Erinnerung: Die meisten Politiker, Medien und eingebetteten Wissenschaftler geben derzeit die Parole aus: „Der Corona-Virus ist außergewöhnlich gefährlich. Wenn Demokratie und Freiheitsrechte Leben kosten können, müssen sie eben zumindest vorübergehend geopfert werden“. Ich und andere „Corona-Skeptiker“ stehen dagegen auf dem Standpunkt: „Der Corona-Virus ist nicht außergewöhnlich gefährlich. Die Nachteile von Shutdown und Ausgangsbeschränkung überwiegen. Demokratie und Freiheitsrechte sind so elementar wichtig, dass alles, was jetzt geschieht, nur innerhalb des Rahmens erfolgen darf, den sie vorgeben – d.h. ohne Verletzung dieser Grundrechte.“

Es ergibt sich durch den allgemeinen Maskenzwang nun folgende Situation: Ich darf das alles zwar weiterhin denken und sogar schreiben. Noch. Aber ich darf meiner Weltanschauung nicht durch mein alltägliches Verhalten Ausdruck geben. Ich muss vor dem Geßlerhut salutieren, den eine abweichende, jedoch dominante Weltanschauung vor mir aufgepflanzt hat. Im Weigerungsfall drohen weitgehende soziale Isolation und Strafen, ja vielleicht die Verunmöglichung von Lebensmitteleinkäufen. Dieser Vorgang ist bzw. wäre äußerst bedenklich. Vorher nämlich gab es ja Ausweichstrategien, um den „Kotau“ zu vermeiden.

In den Apriltagen, als die Maskenpflicht noch Drohung, keine Realität war, beobachtete ich bei mir selbst ein Ausweichverhalten, da ich mich der direkten Konfrontation mit der Macht nicht gewachsen fühlte – ebenso wie dem geballten Volkszorn der Richtigdenker. Ich nahm quasi den Umweg über „Drückebergergassen“, indem ich überwiegend in abgelegenen Gegenden spazieren ging, in denen Polizeikontrollen unwahrscheinlich schienen, ebenso wie zu große Nähe zu anderen Passanten. Dieses beklemmende Gefühl der sozialen Kontrolle und der Überforderung durch die Situation, einer überwältigenden Übermacht von „Regime-Kollaborateuren“ ausgesetzt zu sein, führte dazu, dass ich bereits dann ein Vermeidungsverhalten zeige, wenn mein Verhalten durchaus noch im Rahmen des Legalen bleibt.

Diese Psychodynamik an sich selbst zu beobachten, ist nicht sehr ruhmreich, jedoch höchst aufschlussreich, wenn es darum geht einzuschätzen, in welchem Ausmaß wir schon jetzt sozialer Kontrolle und dem medial geschürten Gleichschaltungsdruck unterliegen. Die Diktatur beginnt, wo wir anfangen, unsere Worte zu wägen und unser Verhaltensrepertoire vorsorglich einzuschränken, wo sich bisher offene Räume durch unsichtbare Barrieren vor uns verschließen. Mit dem Maskenzwang – später vielleicht dem Impfzwang – verschließt mir der Staat quasi meine Drückebergergassen, macht Unterwerfungsgesten fast unvermeidbar und fügt mir das demütigende Gefühl einer Niederlage zu. Ein Gefühl, das er jedem Staatsbürger zugedacht hat, der sich nicht entschließen kann, die Normen der Obrigkeit „freiwillig“ zu seinen eigenen zu machen.

Das Lebensgefühl in einer solchen Situation ist eines der „Entheimatung“, der erzwungenen inneren Emigration in einem Umfeld, das sich schleichend in ein fremdes, bedrohliches Verwandelt. Oder wie Wilhelm Tell in Schillers Stück sagt:

Denn hier ist keine Heimat – Jeder treibt
Sich an dem andern rasch und fremd vorüber
Und fraget nicht nach seinem Schmerz.

Noch sind die Masken in meinem Wohnumfeld außerhalb von Geschäftsräumen rar. Jedes nackte, vielleicht lächelnde Gesicht ist eine Ermutigung für alle, deren Widerstand noch latent ist. Ich kann derzeit nur hoffen, dass „die“ es mit der aufdringlichen Verfolgungsbetreuung der Bürger nicht zu weit treiben werden. Für das Regime des Reichsvogts Geßler jedenfalls war die Nummer mit dem Hut der Anfang vom Ende seines Regimes. Die Schweizer taten sich zusammen und schüttelten das Joch der Fremdherrschaft ab.

„Dem Schwachen ist sein Stachel auch gegeben.“ (Wilhelm Tell)

rr

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Miezerichs Einlassungen: Ein Schafhalter versteht etwas von Schafen

„Ein Schafhalter versteht was von Schafen“

Liebe Leserinnen, liebe Leser, manchmal hat unsereins philosophische Gedanken. Ich meinerseits will sie Ihnen nicht vorenthalten. Es fing damit an, dass ich im Sommer 2020 nur sehr wenig Schwalben sah. Irgendwie fiel mir die Formulierung ein: „Vielleicht hält sie hier nichts mehr“. Da sinnierte ich über das Wort „halten“. Halten kann das Ende einer Bewegung bedeuten. „Halten“ kann auch bedeuten „etwas tragen“ oder „etwas befestigen“. Und dann dachte ich an die Schafe, die hier sonst immer auf den Wiesen weiden. Es hütet sie ein Schäfer. Ein Schäfer ist ein Mensch, der Schafe hält, um Wolle zu ernten. Ein Schafhalter versteht etwas von Schafen. Ein Pferdehalter versteht etwas von Pferden. Ein Hundehalter versteht etwas von Hunden. Bücher werden in Buchregalen gehalten. Aber muss ein Buchhalter deshalb notwendigerweise etwas von Büchern verstehen? Ein Mensch, der Bücher hält, ist zum Beispiel ein wissensdurstiger Mensch. Er kann auch ein literaturtätiger Mensch sein. Ein Mensch, der Bücher hält, kann auch einfach ein Mensch sein, der Wortwebearbeiten schätzt. Störend an dem Wort Buchregal ist nur der Wortbestandteil Regal. Denn ein Regal war im Mittelalter ein ausschließlich dem Staat zustehendes Verwaltungsrecht. Bücher hingegen sollten Allmende sein, also Gemeinbesitz. Es gibt sehr viele Bücher, aber nicht genug Wortschatz-Orte. Und irgendwie gibt es auch zuwenig Schwalbennester.

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