FEUILLETON-REZENSION: Trotzdem

FEUILLETON-REZENSION

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„Trotzdem“

Der Verlag heißt Luchterhand, und das Buch von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge ist dem Impressum nach bereits als sechste Auflage erschienen, obwohl es erst im März 2020 fertig geworden sein soll. Corona soll den Wortlaut überrrollt haben wie ein nasser Schwamm die Kreidedarstellungen auf einer herkömmlichen Schultafel. Wenn man dann auf diesem nassen Grund einen neuen Text mit Kreide verfasst, braucht man sich nicht über den Grad der Sichtbarkeit des Tafelbildes zu wundern.

Ziemlich schnell entstanden.

Herr Ferdinand von Schirach und Herr Alexander Kluge wollten sich persönlich zu einem Dialog treffen, in welchem sie sich über den Zustand der Gegenwart austauschen wollten und warum die ganze Welt dümmer sein kann als zwei Herren, die sich gedanklich austauschen. Das persönliche Treffen kam nicht zustande, weil persönliche Treffen wegen Corona nicht möglich waren. Wegen des technischen Fortschritts aber konnten die beiden Herren ihren geplanten Dialog mit einem Instant-Messaging-programm führen. Da hatte zumindest den Vorteil, dass der Text mit seiner Verkündung auch gleich transkribiert war. Dennoch wundern sich die beiden Disputanten über ihre Intelligenz. Wie kann das sein, das zwei zugegeben belesene Herren zu einem weitestgehend noch informationslosen Lagezustand mit einer unerforschten Seuche oder Pandemie oder einer globalen Krise einigermaßen klug diskutieren konnten? Alle anderen haben wild drauflos spekuliert, wie die Boulevard-Rüpel, die mit zehn Mikrofonen einen völlig überforderten Angehörigen eines Menschen aus einem Opfer-Täter-Beziehungsgeflecht überfallen? Sie reden alle durcheinander, nicht einmal ihresgleichen lassen sie ausreden. Das sieht schematisch wie ein Gleichungssystem aus:

Ihr Mann sollSchwarzgeld gewaschen haben
Kinderpornos vertreiben
Zum Rotlicht gehören
ein Millionenbetrüger sein
Was sagen Sie dazu?

Kein Kritiker lässt an einem andern ein gutes Haar

In so einer Situation kann niemand alle gestellten Fragen beantwortten – und die Fragesteller wollen auch gar keine Antworten hören. Ihnen genügt zur Stimmungserzeugung ein Schweigen, auf das sie schreiben können: „Was hat die Ehefrau zu verbergen, wenn sie auf ganz einfache Fragen der Öffentlichkeit schweigt?“

Auf vergleichbare Art nehmen auch verschieden geäußerte Meinungen keinen Bezug aufeinander. Wo es auf Sensation ankommt zählen Behauptungen. Es geht um Behauptungen, die auf Social Media-Kanälen ihren publizistisch verfolgbaren Quellort hatten. Wenn sich Zweifel ergeben, wird der Meinung das Attribut „wissenschaftlich“ angehängt. Unantastbar ist das Dogma, fertig mit der Welt und mit dem Wunsche zu verstehen ist die Öffentlichkeit – und freie Bahn hat fortan jegliche Behauptung. Bis jemand kommt und untersucht das Netz, an dessen Knoten die Behauptungen zusammenhängen.

Herrn Kluge fällt das leicht. Er ist durch die permanente Übung seiner bisherigen Täigkeit in der Lage, zumindest die Möglichkeit eines jeglichen Zusammenhanges anzunehmen und dann mit Fantasie auszuschmücken. Man muss seine Art nur kennen, um ihn nicht falsch zu verstehen. Meinungen zum Thema Corona nehmen sich da selbst viel zu ernst. Aber wie selten zuvor gilt: Man muss auch mal die andere Seite hören. Am Besten abwechselnd im Wechselspiel von Ausspruch und Widerspruch.

Diese Wechselspiel exerzieren Kluge und von Schirach ganz ausgezeichnet.

Schirach: „Scheußlich, was wir gerade für Worte lernen. Herdenimmunität, Durchseuchung. Wir wollen also in München auf dem Marienplatz dagegen demonstrieren.“

Seite 13

Kluge: „Das könnten wir nicht. Wir könnten versuchen, zu behaupten, wir wären verwandt. Geistesverwandt sozusagen“

Seite 14

Gemeinsames Fazit: Es dürfte schwer fallen, erstens den Behörden gegenüber eine Geistesverwandschaft zu behaupten und dann die zulässiger Kontakte wie bei familiären Verwandschaften erfogreich geltend zu machen.

Das zweitschönste Wechselspiel-Beispiel ist die vergleichende Darstellung der Möglichkeiten die Juristen haben die Politiker haben und die fachwissenschaftler wie zum Beispiel Virologen haben.

Die Verfassungsrechtler sagen: Das gewählte Mittel der Grundrechtebeschränkung ist erforderlich, wenn es keine mildere Maßnahme mit dem gleichen Nutzen gibt.

Virologen sind sich selbst uneins: Denn erstmal müssen sie forschen und ihre Theorien durch weitere Forschungen widerlegen lassen.

Die Politik sagt: Dann müssen wir den Erfolg von Beschränkungen ausprobieren.

Und die Populisten geifern: Sieh Volk, deine Regierung weiß nicht was sie tun soll, sie macht nur Aktionismus, das bringt nicht, daher muss sie weg.

(Das eine weg-gebrachte Regierung noch weniger ausrichtet als eine die durch Versuch und Irrtum eine Lösung für alle zu finden, begreifen Populisten wohl nie)

Es ist ganz wohltuend, unaufgeregte Debattenprotokolle ala Schirach-Kluge zu lesen.

(Ferdinand von Schirach/Alexander Kluge: „Trotzdem“, Luchterhand, München 2020)

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Dezember 2020 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, das Flugblatt für Dezember 2020 ist fertig. Jetzt ist etwas Urlaub erforderlich – bisher hatte ich im Jahre 2020 keinen einzigen freien Tag. War ja auch viel los, wenn man so will. Ab Januar sollen die gesammelten Ausgaben des Flugblattes ab Jahrgang 2015 via Herunterladens gegen eine Spende ab 2,00 Euro verfügbar sein.

Beste Grüße

Hannes Nagel

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TAGESBEMERKUNGEN: Dienstag, 17.11.2020

Der petzende Busfahrer und die Politesse

Der Busfahrer stoppte den Bus halb im, halb aus dem Kreisverkehr . Er brachte sein Ding genau vor zwei Politessen zum stehen. Eine war schöner als die andere. Der Busfahrer machte dort die Tür auf. Und dann gab es folgenden Dialog, den sich Hans Fallada auch nicht besser hätte ausdenken können, um Kleinkarierte korrekt zu zitieren:

Der Busfahrer begann:

“Was stehsten hier, Geh mal rüber zu Sassenstraße, da parken sie wieder so, das unsereins nicht durchkommt”

“Kann erst um zwei, das Aut0 ist noch unterwegs”

“Na Mensch, das lütte Stück, Gehste halt zu Fuß, tut dir auch gut.”


“Jut. Und wer parkt da falsch?”

“Stadtwerke. Aber von mir hastes nicht”.

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BARON VON FEDER: Berufswunsch Dissident

BARON VON FEDER

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„Berufswunsch: Dissident“

In den 80er Jahren waren Dissidenten in der DDR sehr geschätzte Gesprächspartner aller zuständigen Organe vom Rat der Stadt oder des Kreises, die Abteilungen Wohnraumlenkung, Energieversorgung und der Staatliche n Versicherung bis hin zu den Kulturabteilungen im Kulturbund und seinen Sektionen. Mittendrin tummelten sich die Deutsche Volkspolizei, die Abschnittsbevollmächtigten, und erst, wenn diese nicht mehr klar kamen, die gehobenen Fallmanager der besonders wachsamen Beobachter des BBKF. BBKF heißt “Bitterböser Klassenfeind“. Alle diese Organe mit ihren jeweiligen Teilbereichszuständigkeiten hätten keine der ihnen gestellten Aufgaben ohne Mitwirken der Dissidenten erfüllen können. Immer, wenn die vielen Zuständigen in ihren Zuständigkeitsbereichen nicht mehr weiter wußten, besuchten sie die Dissidenten. Sie besuchten sie beim Lieben, beim Teetrinken, beim Schwimmen im See, beim Singen und Gitarrespielen auf einem Zeltplatz und auch bei der Arbeit am Arbeitsplatz. Händeringend baten sie die Dissidenten um Begleitung zur Klärung eines Sachverhaltes. Ohne Dissidenten ging damals gar nichts. Kein Sachverhalt hätte je geklärt werden können ohne die Mitarbeit von Dissidenten.

Viele hätten es für sich wunderbar gefunden, auch einmal so gefragt zu sein wie die Dissidenten. So entstand der Berufswunsch Dissident. Das Berufsbild des Dissidenten zeigte Experten, die Tabellen und Diagramme zu Zustand der Natur lesen konnten. Vereinfacht gesagt: Die Laborbefunde des Patienten Umwelt waren für die Dissidenten lesbar, während die zuständigen Organe die Dissidenten fragen mussten, woher die Daten stammten und was sie ausdrücken können. Das Berufsbild Dissident zeigte darüber hinaus Fachgutachter und Sachverständige. Sie alle verstanden Dinge, die die Zuständigen Organe zur wahrnehmung ihrer Zuständigkeit hatten verstehen müssen. Sie aber, welche verstanden, waren nicht zuständig, und wer nicht zuständig ist, dem ist das Handeln im Zuständigkeitsbereich untersagt.

Es gibt keine Ausbildung zum Dissidenten. Eines Tages ist man es oder nicht. Kein Dissident kann weder Befragern noch sich selbst erklären, wie er Dissident wurde.

Man wird nicht als Dissident geboren. Man wächst da hinein, wenn die Umstände diese Entwicklung begünstigen. Dissident zu sein ist eine Charaktersache, die mit Zivilcourage zu tun hat.

Wenn man merkt, dass man Dissident ist, hat man die stufe der Unzufriedenheit schon längst hinter sich gelassen und eine Fülle von Ideen, Vorschlägen oder Handlungen vorzuweisen, die sich konstruktiv kritisch mit Möglichkeiten zur Reparatur von Schäden an der Gesellschaft vorzuweisen.

Weil Dissidenten freie konstruktive Kritik liebten, hatten sie meistens ein Faible für FKK.

Am 26. Oktober 2020, 18.30 Uhr, waren wieder NATO-Flugzeuge im Tiefflug über Neustrelitz zu sehen, die den nächsten Überfall auf Russland übten. Der Himmel soll frei von Mordgeräten sein.

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FEUILLETON-REZENSION: Lockdown 2020

Unaufgeregte Bestandsaufnahme in aufgeregter Zeit

FEUILLETON-REZENSION

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„Lockdown 2020“

Im Wiener Promedia-Verlag erschien im Oktober 2020, ungefähr beim Übergang von der ersten zur zweiten Woche, noch ein Buch zum Corona-Komplex, welches als Untertitel einen zu Beginn der Lage deutlich wahrnehmbaren Aspekt als Frage-Antwort-Erklärsystem aufgreift: „Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern“

Wegen Corona geschlossen

Als überall Einschränkungen in der Wirtschaft und in den Arbeitswelten begründet wurden, war fast überall der erste Gedanke, dass so ein blödes Virus für manche Leute eine willkommene Ausrede darstellt. Mit „Leute“ sind meistens Betriebe ab KMU-Größe aufwärts gemeint. KMU heißt Klein-und mittelständische Unternehmen. Für die Leute, die den Betrieben Arbeitskraft und Können im Austausch gegen einen Lohn zu Arbeitsmarkte tragen. Einschränkungen für die Gesellschaft gab es in der Form von Ausgangsbesprechungen, der Anzahl der Personen, die ein Mensch kontaktieren dürfte, einer Verpflichtung zum Tragen einer OP-Maske vor dem Gesicht und Besuchsverboten in Krankenhäusern und Altersheimen. Auch in private Familienfeiern griff der Staat regulierend ein, in dem er die Anzahl der teilnehmenden Gäste reduzierend festlegte. Das führte prompt zu dem Witz, wo die Schwiegermutter vom Schwiegersohn die Mitteilung erhält: „Tut mir leid, Schwiegermutter, Du kannst leider nicht zu meiner Geburtstagsfeier kommen. Das liegt an Corona. Mit Dir wären wir einer zuviel.“ Aber auch Pleiten wegen Umsatzrückganges wurden schon auf das Virus zurück geführt. Insofern stimmt die Behauptung im Untertitel, dass das Virus benutzt wird, um die Gesellschaft zu verändern.

Das Hand-in-Hand von Politik, Medien und Wirtschaft

„Lockdown 2020“ ist ein Buch über das Zusammenwirken von Politik, Medien und Wirtschaft im der Annahme, die Gesellschaft solle auf ein ganz bestimmtes Verhalten konditioniert werden, welches sie selber aber nicht erkennen soll. Konditionieren bedeutet „abrichten“, „dressieren“. Das sind schwere Behauptungen, und sie bringen jeden Wissensdurstigen in berechtigte Rage, wenn zur Spannungssteigerung nicht Stück für Stück zu jeder behaupteten Kondition auch der zuständige Dompteur benannt wird. Darum ist es gut, dass die einzelnen Kapitel des Buches immer mehrere Beiträge enthalten, die man als Leser vergleichen kann. Sie sind in sich differenziert und durch einen roten Faden miteinander verbunden.

Zwanzig Autoren kommen in vier Kapiteln zu Wort, die jeweils drei bis sieben Beiträge enthalten. Im ersten Kapitel wird die mutmaßliche Herkunft des Virusses ausdem chinesischen Ort Wuhan behandelt. Die wichtigste Erkenntis scheint zu sein, dass wie meist bei Krankheiten eine unhygenische Nähe von Menschen und Tieren auf engem Raum das Verbreiten von Viren und deren Wirkungsentfaltung im Wirtskörper ermöglicht.

Es schließt sich die Frage an, ob und wie der hygenische Aspekt zur Absatzförderung (*)genutzt worden sein könnte. Und sei es auch nur indirekt zum Überproduktionsabbau.

(*) Hamsterkäufe von Klopapier sind damit jedenfalls nicht gemeint

Streng logisch kommt man vom straffen Markt auch gleich zum straffen Zügel für die Gesellschaft. Die straffen Zügel behandeln sechs Autoren unter der Überschrift „Staatliche Zwangsmaßnahmen und die Rolle der Medien“. Zwangsmaßnahmen bewirken immer ein Stück Gehorsamsverhalten – aber auch stille Wut, die bis zum Ausbruch gären kann. Und dann fragen sich alle Beteiligten scheinheilig, wieso der mit friedlichen Mitteln zu großen Leistungen geforderte Zirkuselefant eines Tages ausrastete. Würden sie einmal den Elefanten fragen, er würde von Qualen, Trietzereien und Reduzierung von allem Schönen trompeten.

Unaufgeregte Bestandsaufnahme in aufgeregter Zeit

Im Abschlusskomplex behandeln sieben Autoren die möglichen sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Krise und die Folgen der eingeleiteten Maßnahmen. Standard: Kontaktbeschränkung führt zu Einsamkeit, Einsamkeit führt in Altersheimen zum Tod. Immerhin zeigen die Autoren dabei keine Endzeitstimmung, sondern eine Art von Hoffnung aiuf Neuanfang im Sinne von Entwicklung, Anpassung und „Das Beste draus machen“.

In Schulen wurde ständig gelehrt, dass Entwicklung eine Anpassung an sich verändernde Bedingungen ist, und wer sich nicht anpasst, stirbt aus wie die Saurier. Wer sich aber anpasst, der überlebt wie die Kakerlaken.

„Lockdown 2020“ ist eine unaufgeregte Bestandsaufnahme von Meinungen, Wahrnehmungen und Erkenntnissen in einer aufgeregten Zeit. Wenn ein Virus benutzt wird, um eine Gesellschaft im Interesse einer neoliberalen Minderheit zu verändern, kann ein Buch wie Lockdown 2020 benutzt werden, das unheilschwangere neoliberale Treiben wirkungslos zu machen wie eine 250 Kilo Bombe aus dem zweiten Weltkrieg, die bei Bauarbeiten zu einer Kultur-und Bildungseinrichtung und einer belebten europäischen Innenstadt gefunden wird und entschärft werden muss, um keinen Schaden anzurichten.

(Hannes Hofbauer/Stefan Kraft, „Lockdown 2020“, Promedia, Wien 2020)

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Feuilleton-Kulturbetriebliches: Zeit, sich der Feindschaft zu verweigern

Ein Neues Lied von Krystof Daletzki kam in die Redaktion geflattert. Es ist Zeit, sich der Feindschaft zu verweigern, wenn man zum Feind gemacht werden soll, obwohl man die Freundschaft will.

https://www.youtube.com/watch?v=PTNgV_5WTr0
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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für den November 2020 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, “Das Flugblatt” für November 2020 ist fertig. Diesmal haben Corona-Themen den Vorrang vor anderen, aber nicht ohne sie. Im Dezember kommt noch etwas nach. Denn nun gibt es eine handfeste Masse an Literatur zum Thema, an der sich Leser und Schreiber gemeinsam abarbeiten können. Und dann kommt auch wieder Licht ins Dunkel, und AHA wird wieder das Ausrufsmerkmal eines Erkenntnisterfolges.

Viel Spass beim Lesen

Hannes Nagel

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Harry Graf Kesslers Zeitbeobachtungen

FEUILLETON-ZEITGEIST

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„Harry Graf Kesslers Zeitbeobachtungen“

Harry Graf Kessler könnte, wenn man die Tagebücher von 1918 bis 1937 liest, der Prototyp des Zeitzeugen am Zeitfenster sein. Manchmal stürmt der Zeuge die Treppe hinunter, um mit dabei zu sein, wenn er einen Bekannten sieht oder jemanden, mit dem er bekannt werden möchte.

Wenn das gesamte Zeitfenster von Harry Graf Kesslers Blick auf das Leben und seiner Teilnahme am Leben von auf einer als Zeitstrahl dargestellten Fensterbank gezimmert ist, steht links die Jahreszahl 1868, in welchem der Graf geboren wurde. Am rechten Rand der Zeitfensterbank steht die Zahl 1937. Ein schwarzer Vorhang markiert das Datum des Todes. Das kleine Fenster der Tagebücher von 1918 bis 1937 beginnt mit dem revolutionärem Wirrwarr nach dem Ende des einen Krieges und endet mit dem Beginn der Kulturauflösung Europas nach dem spanischen Probekrieg 1936 bis 1939. Was dann geschah, ist sattsam bekannt, aber Harry Graf Kessler blieb die irdische Kenntnisnahme erspart.

Der Herausgeber der Kessler-Tagbücher heißt Wolfgang-Pfeiffer-Belli. Er hat den Tagebüchern noch ein Nachwort angefügt. Darin schreibt Pfeiffer-Belli:

„Seine Abstammnung und Jugend hat Harry Graf Kessler, Mäzen und Diplomat, in dem schönen und wehmütigen Buch ‘Gesichter und Zeiten’ ausführlich beschrieben. Es erschien 1935,als der nach Frankreich emigrierte Autor bei uns nicht mehr gelitten war.“

Mit UNS meint der Herausgeber und Nachwortverfasser die Deutschen im Ort Deutschland. Zwei Jahre nach der Emigration starb Harry Graf Kessler. Sein Buch ist kaum noch bekannt. Einige Antiquariate bieten es noch zu Preisen zwischen 22 und 100 Euro an.

(siehe hierzu www.zvab.de)

Harry Graf Kessler wurde am 23. Mai 1868 in Paris geboren. Am 30. November 1937 starb er in Lyon.

(Harry Graf Kessler, „Tagebücher 1918 bis 1937“, Hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli, Insel-Taschenbuch, 7. Auflage, Berlin 2017)

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FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: Europa – ein Nachruf

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES

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„Europa – Ein Nachruf“

Stefan Zweig und andere bezeichneten die Phase vor dem Ersten Weltkrieg als eine Art Abgesang der Kultur. Der Krieg als Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts zerstörte Kultur, verwilderte den Entwicklungsstand der Zivilisation und schuf Gräben und Grenzen, wo Freundschaft und Miteinander ein von gleichen oder ähnlichen Interessen geleitetes Europa kennzeichnen sollten – ein Europa wie das mühsam nach dem Zweiten Weltkrieg neu angedachte gemeinsame Europa, aber mit dem Primat der Kultur, der Reisen, der gegenseitigen Besuche und des Bildungsaustausches quer durch die Klassen und Schichten der einzelnen europäischen Nationen. Insofern ist Hannes Hofbauers Buch „Europa – Ein Nachruf“ in der Rubrik Kulturbetriebliches ebenso gut aufgehoben wie in der Rubrik Zeitgeist. Womit der Nachweis erbracht wäre, dass Zeitgeist und Kultur ebenso wenig voneinander trennbar sind wie Orient und Okzident in Goethes west-östlichem Diwan. Wer Zeitgeist wie Kultur gut kennt, der wird auch hier erkennen: Europa, will es prosperieren, darf man von Kultur nicht trennen. Doch wie systematisch vollzieht der Neoliberalismus die letzten Schnitte zur Trennung des kulturellen Umfeldes von den Wurzeln Europas und zwängt den Kontinent in das Prokrustesbett der Wirtschaft.

Eine Zeitleiter mit allen Sprossen

Schon das Inhaltsverzeichnis ruft die Vorstellung einer Zeitleiter hervor, der keine einzige Sprosse fehlt. Vorgeschichte-Kultureller Untergang-Kalter Krieg und Europäische Gemeinschaften-Neoliberaler Binnenmarkt-Militarisierung sind ihre Sprossen, und auf jeder Sprosse zeigt Hofbauer auf, was man von der Sprossenblickhöhe aus von Europa sehen kann. Das Gute ist: Man kann ALLES sehen. Das Schlechte ist: Vieles liegt im ARGEN. Nacheinander beschaut der Eurobetrachter den Kontinent, die Geschichte und die politischen Strukturen, die zunehmend wirtschaftlich dominiert werden. Der erste zu den Akten gelegte Aspekt der europäischen Idee seit der Gründung der EG ist die Vorstellung und das Ideal eines Wohlfahrtsstaates, der deswegen nicht gleich das Risiko eines einerseits sozialistischen, zugleich aber auch diktatorischen Staates eingehen muss, im Namen einer guten Absicht viel Unheil anrichten zu müssen, wie es der Widerspruch im Begriff „Diktatur des Proletariats“ und seinen jeweiligen konkreten Ausprägungen im Ostblock tut. Das Unheil des Ostens an den Menschenrechten geschah aus ideologischen und revolutionären Gründen. Das Unheil des Westens an den Menschenrechten geschieht auf der Grundlage des Widerspruchs zwischen Betriebsbedingung und Geschäftsgrundlage des Kapitalismus. Die Betriebsbedingung ist das Privateigentum. Aber die Geschäftsgrundlage ist der Raub. (*) Der zweite zu den Akten gelegte Aspekt ist die noch bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges ungebrochene Aktivität der europäischen Friedensbewegungen der internationalen und sozialistischen Arbeiterparteien Europas. Mit der Bewilligung von Kriegskrediten hatte dann die deutsche Sozialdemokratie ihre Erbsünde begangen. Den Ruf, ein Mandantenverräter zu sein, ist sie bis 2020 noch nicht wieder losgeworden. (**)

Zwischenvergleich

Zwischen Hannes Hofbauers „Nachruf auf Europa“ und Oswald Spenglers 1917 erschienenen doppelt so viele Seiten enthaltenden Buches „Der Untergang des Abendlandes“ scheint es Gemeinsamkeiten zu geben. Beide machen ihre Untersuchungen am Ende einer Kulturepoche fest. Daraus KANN etwas Neues entstehen, wenn es Akteure gibt, die für die Neue Zeit oder die Neue Weltordnung oder welche anderen Begriffe noch dafür geprägt werden oder wurden, die Gestaltungsrolle übernehmen wollen. Beide graben mit breitem Spaten tief in die Schichten der menschlichen Vergangenheit hinein. Die Grabungen Hofbauers und Spenglers enden erst, als sie mit den Füßen in Augenhöhe vor den Sedimenten des Altertums stehen. Bei Hofbauer ist es Zeus, der Europa in Gestalt eines Stieres aus ihrem behüteten Elternhaus entführt, bei Spengler waren es die Sumerer. auf die sich die Summen aller Erkenntnisse zurückführen lassen.

Kehre um, Europa, auf den Weg der Kultur

Ausgesprochen umfangreich ist die Seitenanzahl, die Hannes Hofbauer dem strebenden Suchen der Europäischen Mächte einräumt. Diesen faustischen Charakter im Suchen Europas handelt Hofbauer auf den Seiten 27 bis 50 ab. Irgendwie scheint sich der banale Eindruck zu bestätigen, dass die Suche Europas nach sich selbst – oder seiner „neuen Rolle“ – angesichts neoliberaler Tatsachen, eingebildeter militärischer Sicherheitsgefahren, realer Bedrohungen durch Corona, durch selber erst ermöglichte Gefahren durch Umweltzerstörung und Klimawandel sowie deren Folgeerscheinungen Migration und Terrorismus durch ein ganz einfaches Fundstück erfolgreich wird: Kehre um, Europa, auf den Weg der Kultur.

*) Das ist eine genuine Einschätzung von „Das Flugblatt“.

(**) Siehe auch: „Das Seifenlied“ und den Vorwurf: „Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten“)

(Hannes Hofbauer, „Europa-ein Nachruf“, Promedia, Wien 2020)

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BARON VON FEDER: Kopfgeburten

„Kopfgeburten“

Erste Phase

Ein Feld, zur Aussaat vorbereitet,
welches parallele Rillen dekorieren,
erwartet, dass man in es leitet,
Ideen, die zur Gesellschaftsblüte führen.

Zweite Phase

Die Ideen, ungeduldig,
dringen in den Ackerboden ein.
Als fühlten sie sich bringeschuldig
bilden Spross sie aus sowie auch Keim.

3. Phase

Auf gutem nährstoffreichem Boden
können die Ideen gedeihn
Auf Schlechtem würden sie nur Episoden
Von nicht gedurft gehabtem Leben sein.

4. Phase

Ideen suchen, um zu sprießen,
sich den besten Boden aus,
Wenn dann verschiedene Ideen grüßen
wirds ein Gesellschaftsfesttagsschmaus

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