TAGESBEMERKUNGEN: 23. Mai. 2022: Verfassungstag

Wer schreibt, der bleibt. Aber auch das Geschriebene bleibt. Es gibt Geschriebenes, welches noch lange bleiben sollte. Manches sollte möglichst ewig bleiben.

Vor 73 wurde das letzte Satzzeichen eines ganz speziellen Textes auf ganz spezielles Papier geschrieben. Handgeschöpftes Büttenpapier war es. Dieses Papier stellte die Papierfabrik Renker her. Solches tut sie, sooft sie es tut, noch heute. Sie tut dies in Zerkall. Zerkall ist ein Ort in Nordrhein-Westfalen, im Kreis Düren, in der Gemeinde Hürtgenwald. Handgeschöpftes Büttenpapier gilt als fälschungssicher und tintenecht. Es ist damit Grund genug für einen Text wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Ein Wort, das soll man lassen stahn und möglichst keine Hand anlegen an einschränkende Bearbeitungen.

Denn wenn es nicht beeinträchtigt wird, ist das Grundgesetz eine brauchbare Regelung für den Umgang der Gesellschaft mit allen ihren Mitgliedern. In Verbindung mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch, der Straßenverkehrsordnung sowie mit Bildung und Kultur bietet das Grundgesetz eine Basis für das Zusammenleben unterschiedlicher Einkommensschichten.

Büttenpapier ist bewahrendes Papier. Aber es kann sich nicht zusammenrollen und auf Finger trommeln, deren Hände sich an den Grundrechten und der Menschenwürde vergreifen. Grundrechte sind das Recht auf Leben, Wohnung, Arbeit, Gesundheit, freie Berufswahl, freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, freie Meinungsäußerung, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Bewahrung des Friedens durch Ablehnung des Waffendienstes, Vertrauen auf Post-und Fernmeldegeheimnis sowie Unverletzlichkeit der Wohnung.

Im Ganzen sind es 19 Grundrechte. Sie zu schützen und zu wahren ist oberste Pflicht von allen staatlichen Organen. Nur wer die Grundrechte zum Nachteil anderer verletzt – Menschenwürde durch Hartz Vier zählt aus verfassungsrechtlicher Sicht nicht dazu – kann seine eigenen Grundrechte oder Teile davon verlieren.

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TAGESBEMERKUNGEN: Preistrick in Kaufhalle

(Glosse) Als Corona war, haben alle alle Presseigerungen auf Corona geschoben. Seit sich Russland und die Ukraine im Krieg befinden, wird der Krieg als Grund für gestiegene Preise herangezogen. Auch für die Warenknappheit. Waren, die nie aus der Ukraine auf deutschen Märkten ankamen, sind jetzt knapp auf deutschen Märkten, und darum müssen für den Rest höhere Preise bezahlt werden. Denn der dümmste Spruch der Betriebswirtschaft heißt: Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Dieser Spruch hat schon immer heftig zuckende rammende Bewegungen des Digitus an an Limbus temporalis verursacht. Wenn Ware knapp wird oder zum Zwecke der nacheilenden Preissteigerung knapp gehalten wird, klettern die Preise, aber sie klettern nur wegen der Gier der Profiteure.
Inzwischen ist die Ausrede von Angebot und Nachfrage ausgelutscht. Einigermaßen ehrlich klang neulich: Die gute Selter gibt’s nicht mehr, weil die jetzige billiger im Einkauf ist. Und daher wird sie teurer als die Gute verkauft. Wobei zu sagen ist: Die Gute Selter hatte eine wirklich erfrischende Konzentration von Prickelkohlensäure. Die jetzige schmeckt fade als habe die Falsche bei geöffnetem Verschluss längere Zeit in der Mittagshitze zugebracht. Der Zweck des Handels ist aber nicht der Profit der Händler, sondern das Wohl der Kunden.
Heute nun haben sie ein billiges Preisschild vor den Käse gepappt, und dann dazu gesagt, das bezöge sich auf das Gewicht. Das war rückseitig ach längerem Suchen durch die Kassiererin tatsächlich zu finden. In de Schlange der ehrbaren Kunden begann ein Kopfschütteln über die Dreistigkeit, einen höheren Preis aufzudrücken. Zwischen 1,29 und 1,99 kann durchaus ein Unterschied mit kaufabschlussausschließender Wirkung bestehen.
Nun liegt der Käse an der Kasse. Es war Tilsiter, der mit dem ehrlichen Duft. Hab ich mir eben ne Stulle mit Gurke belegt.

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BARON VON FEDER: Menschen wollen wieder lernen

BARON VON FEDER

„Menschen wollen wieder lernen“

Eigentlich müsste ich in der Lage sein, mir niemals die Sprache versiegen zu lassen. Denn lesen, Schreiben, Denken sowie das mündliche Artikulieren des zuvor schon Geschriebenen ist meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist der Umgang mit Worten. Der Umgang mit Worten ist die Aufgabe von Schriftstellern, Dichtern, Journalisten, Musikern und Philosophen und Historikern. Wenn es einem von diesen die Sprache verschlägt, ähnelt er einem Kommissar, der nicht kombinieren kann, oder einem Ingenieur, der eine völlig neue Situation im Studium noch nicht hatte, oder einem Arzt, der kein Blut sehen kann.

Blut fließt zur Zeit in Strömen, und über die reißenden Flüsse des Blutes muss es wundenstillende Worte geben. Jedes Blut wird sinnlos vergossen. Der Sinn des Blutes ist es, durch die Kreisläufe in den Körpern den Lebewesen zu fließen, Nährstoffe zu transportieren, Zellen mit Sauerstoff zu versorgen, und allen Organen ein friedliches Miteinander zu bescheren.

Das Schwierige an den Worten ist das Erreichen von Ohren, Hirnen und Herzen. Es fällt auf, dass manipulierende Worte fast immer freien unangefochtenen Zugang haben. Aufklärende Worte aber dringen nicht durch. BILD erreicht mehr Köpfe als Immanuel Kant. Aber Kant ist unendlich klüger. Dieser Größenunterschied lässt sich auch auf das Verhältnis von Kabarettisten wie Christian Ehring von Extra 3 oder Sarah Bosetti anwenden. Sie können was, sie erreichen viele, aber an die Klugheit von Kant reichen sie nicht heran. Bleibt die Frage: Wie könnte Aufklärung in die Hirne kommen, ohne methodisch mit Manipulation verwechselt zu werden?

Falls man sagen kann, dass die „Spassgesellschaft“ die Menschen vom Denken abgebracht hat, dann lernen sie es jetzt wieder. Das möchte ich gerne mit einem Menschen vergleichen, der nach einem Unfall oder einer Krankheit wieder neu Gehen lernt. Vielleicht befindet sich die Gesellschaft am Beginn einer REHA-Maßnahme nach oder trotz einer traumatischen geistigen Kleinhaltung. Zuenehmend wurde ab 1990 den Menschen das Bedürfnis abgenommen, sich nicht mit Dingen zu befassen, die sie nicht verstehen sollten. Wer allein hat einen Vorteil aus der Empfindung, dass die Regierenden machen, was sie wollen, und „wir kleinen Leute“ richten dagegen gar nichts aus? Versuch macht klug.

Heutzutage braucht man den Untertanen nicht mehr zu untersagen, den Maßstab ihrer beschränkten Einsichten an das Handeln der Obrigkeit anzulegen. Lange genug taten sie es von sich aus . Das hat die Spassgesellschaft angerichtet., die Käufer von Erzeugnissen der Wirtschaft als Verbraucher geringschätzen, statt sie als fachlich anspruchsvolle Nutzer zu achten.

Und nun lernen wir wieder. Und werden immer MER – Mit Erfahrung Reif.

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ONKEL JULES VERNEUM: Sylvicultura Oeconomica

ONKEL JULES VERNEUM

„Wieder-Entdeckung vergessenen Wissens“

Als 1990 die Wiedervereinigung von DDR und BRD anstanden, gab es Menschen mit schnelllebigen Geschäftsideen und welche, bei denen die Ideen langsam wuchsen wie ein Wald. Weshalb es dann wohl auch lange dauerte, bis im Osten der Wunsch aufkam, „ehemalige Tuppenübungsplätze aufzuforsten”. Truppenübungsplätze wurden aus Aufforstungsüberlegungen nach kurzer Erwägung von Kosten und Nutzen wieder ausgeklammert. Von Ausnahmen abgesehen, siegte der Weiternutzungsaspekt aus Sicherheitsgründen. Denn wie man seit der mehr oder weniger verdeckten Beteiligung der NATO am Krieg zwischen Russland und der Ukraine sieht, kann man nicht genau wissen, ob und wozu man noch mal ehemalige militärische Infrastrukturen braucht. Bei ehemaligen Braunkohletagebauen sieht die Sache einfacher aus. Diese Flächen spielten im Gesamtprofitkonzept des übernehmenden Teils der Vereinigungspartner keine Rolle. Hier konnten sich dann Forstbetriebe und Umweltschutzingenieure ausprobieren und als Bestandteil der Renaturierung erste Erfahrungen mit der Aufforstung sammeln.

Versuch macht klug, heißt es, unbd Probieren geht über studieren. Ähnlich wie man an einen vergrabenen Schatz erst durch das Wegschaufeln des Bodens kommt oder an den Kern an einer Nuss durch das splitternde Knacken der Schale, so kommt man an die Lösung einer Aufgabe oft erst durch die Feststellung, dass das eine Reihe von bisherigen Versuchen noch nicht die Freilegung der Nuss an sich ist ist. Aber mit jedem Schritt kommt man ihr näher, und am Ende schmeckt die Nuss im Kuchen. Uns wuchs über eine lange Zeit ein erfahrungsschatz heran, über den schon vor 300 Jahren eine Chronologie der Fehlversuche mit Schlussfolgerung für gelingende Versuche der sächsische Oberberghauptmann und königlich-polnische sowie kurfürstlich-sächsische Kammer-und Bergrat Johann Hannß Carl von Carlowitz das Buch schrieb „Sylvicultura Oeconomica“, deutsch: „Wirtschaftliche Waldkultur“. Das war 1713.

Staunend weite Leseraugen

Wenn 2022 ein Mensch über die Idee spricht, sich einen kleinen Wald zu kaufen und ihn zu hegven, zu pflegen und ihm nur soviel zum Leben zu entnehmen, wie er dem Wald auch wieder zurückgeben kann, hört ein Mensch oft die Antwort: “Wenn Du unbedingt Geld verlieren willst, kannst es auch gleich mir geben”. Beide Menschen würden jetzt aber mit staunend weiten Augen vernehmnen, dass im Oekom-Verlag ein 300 Jahre altes Buch neu erschien, dessen modernster Bezug zur Gegenwart die Benutzung des Wortes “Nachhaltigkeit” ist. 1713 verwendete es Hans Carl von Carlowitz in dem Urdruck des hier von Oekom-Verlag neuaufgelgten Buches. Titel, 1713 wie auch 2013 und jetzt, 2022: Sylvicultura oeconomica, deutsch: Wirtschaftliche Waldkultur. Mit sprachgeschichtlich wiedererkennbaren Elementen in Syntax, Lexik und Ausdruck schrieb Hans Carl von Carlowitz:

„Wird derhalben die gröste Kunst / Wissenschafft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.“

Ein Blick durch das Lebenszeitfenster von Hans Carl von Carlowitz

Drei Jahre vor der Unterzeichnung und Veröffentlichung des Westfälischen Friedens zum Zwecke des Abschlusses des Dreissigjährigen Krieges strömte die Luft des Lebens ducch das gerade geöffnete Zeitfenster in die Lungen von Hans Carl von Carlowitz. Es war der 14 oder 24 Dezember 1645, je nachdem , ob man den gregorianischen oder den julianischen Kalender als Grundlage der Lebenszeitrechnung anwendet. 1714 starb er Mann im jungen Alter von 69 Jahren, wo die Reife des Lebenswerkes gerade beginnt. Sein Waldkultur-Nachhaltigkeitsbuch von 1713 ist quasi sein “Vermächtnis”. Der dreißijährige Krieg hatte 65 Jahre mit dem Frieden von Osnabrück seinen formalen Abschluss gefunden. Seit 1700 tobte bereits der näcchste Krieg in Europa. Diemal im Norden, und es ging um die Vorherrschaft im Ostseeraum und damit um Handelswege und Rohstofflieferungen. Die Nachwirkungen des Dreißigjährigen muss man wohl weiterhin gespürt haben: Denn Holz wurde zum Neuaufbau gebraucht und auch zum Heizen und Kochen, Und in der Kunst: Nämlich für Schnitzereien und Möbel. Kurz: Zestörte Wälder und Kriegsverödetes Land bedurften der Aufforstung. Das Wachstum musste einerseits schnell gehen, andereseits auch mit Weile, damit auch langlebige Bäume wachsen konnten, deren Reife erst die dritte Generatione von Forstleuten erlebt. Das alles stellte Hans Carl von Carlowitz so ausführlich und aus der Sicht der jeweils befassten Berufe war, dass es immer noch für Ingeneiuere, Raumbiologen, Heizungsfachleute, Forstleute, Volkswirtschaftler und Historiker eine enorme Informationsquelle ist.

Hans Carl von Carlowitz, der historische Fachberater

Ein 300 Jahre altes Buch mit Antworten auf aktuelle Fragen ist fürwahr das Werk eines historischen Fachberaters. Fachleute von heute können auf die Lösungen von früher zurück greifen und sie auf die heutigen Besonderheiten anwenden. Daher gebührt ihm tatsächlich der Titel „Geschichtsberater“, den es ansonsten nur nur literarisch-feuilletonistisch-essayistisch gibt.

(Hans Carl von Carlowitz, „Sylvicultra Oeconomica, neu editiert von Joachim Hamberger, Oecom-Verlag)

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FEUILLETON-REZENSION: Das Ende des Endes der Geschichte

FEUILLETON-REZENSION

Buchtitel: Das Ende des Endes der Geschichte
Autor: Alex Hochuli/George Hoare/Philipp Cunliffe
Verlag:Promedia-Verlag
Name des Rezensenten: Hannes Nagel

„Fukuyama widerlegt: Geschichte geht weiter“

Das Ende eines Endes ist entweder en Neuanfang, dem ein Zauber innewohnt, oder eine Michung aus Apokalypse, Götterdämmerung, Armageddon oder selbstverschuldeter Vernichtung der Lebensgrundlagen der Schöpfung im Allgemeinen durch die völlig verblödet auftretende Krone der Schöpfung. Ein Brasilianer und zwei Engländer haben 2021 das Buch „Das Ende des Endes der Geschichte“ geschrieben. Nach Übersetzung ins Deutsche durch Stefan Kraft gab der Wiener Promedia-Verlag dem Buch 2022 eine mediale Startbasis im deutschsprachigen Raum. Hinten weisen die drei Autoren der Jahrgänge 1985, 84 und 80 die Leser darauf hin, dass sie ihre Gedanken üblicherweise mittels Podcast verbreiten. Die Freiheit der Zugänglichkeit zun dem Podcast behindern sie jedoch durch eine erfolgreiche Spendenzahlung, gestehen die Autoren , die zwischen 37 und 42 Jahren alt sind. Wenn das Geld im Kasten klingt, der Podcast auf den Rechner springt. Mal sehen, wie lange sie brauchen, um zur Reife der Zahlungsmoderatheit vorzustoßen. Junge Menschen brauchen halt Geld. 1

Nach der Selbstdarstellung kommt das Inhaltsverzeichnis

Erst haben sich die drei vom Buch selbst vorgestellt – oder vorstellen lassen – jedenfalls sind sie nachprüfbare Personen und keine Avatare. Nach dem Selbst stellen sie das Werk vor. Und hier beginnen sie mit einer Überschrift, die mehrerere Enden der Geschichte suggeriert. Das ist unnötig, denn Geschichte hat überhaupt kein Ende, weder eines noch viele. Oder wie ein berühmter Bayer sagte: „A bissel was geht immer“. 2 Aber sie steigern sich und kommen zu recht originellen punktgenauen Zusammenfassungen einer Lage in nur einem Satz . Sie schreiben also völlig unaufgeregt ins Buch, dass der Wegfall des Ostblocks für Langeweile gesorgt hat. „Keiner interessiert sich mehr für Politik, nur noch für Konsum“. Aber jetzt, wo es „fast zu spät“ sei, würden Menschen das politische Denken wieder neu erlernen, welches in der Zeit der Spaßgesellschaft kulturell verkümmerte wie jede andere Fähigkeit, die mangels Training vergeht.

Insofern könnte man Social Media Lerner und Über betrachten, deren Talent sich durch Erfahrung erst noch herausbildet, während die ersten Versuche der sozialen Medien um gesellschaftliche Kompetenz noch kein eigenständiges Denken mit Verantwortungsbewusstsein erkennen lassen. Aber es entwickelt sich vielleicht doch noch etwas daraus.

Vom Kommunismus und vom Kapitalismus

Eigentlich ist mit dem Kommunismus der Kapitalismus auch ein Stück weit an den Flügeln gestützt worden. Denn es blieb, so sagen die Autoren, nur der Konsumismus. Auf der Suche nach einem „Sieger der Geschichte“ sehen sie nur den Konsumenten. Der Kapitalismus berappelte sich und begann, mit Propaganda und Marketingpsychologie die Konsumenten den Bauchnabel zu pinseln, damit sie nicht merkten, dass mit dem Verlust des politischen Denkens angesichts von ausreichend Konsumentenspielzeug auch die Freiheit vergangen war oder vergänglich wurde. Kosumentesspielzeug hat einzuig den Zweck, die Kosumenten aktiv an ihrer kreativen Verödung mitwirken zu lassen, indem sie die Lust verlieren, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

Mit Globalisierung, Umweltkrisen, Minilohnsektor und Sozialabbau spürten dann auch die Kinder in den Kinderzimmern neoliberalisierender ehemaliger Wohlfahrsstaaten, dass der hätschelnde Wohlstandskapitalismus nur die Propagandafassade für den armen Osten war. – und jetzt dachten sie, mit der Finanzindustrie den Pyrrhus-Sieg des Kapitalismus im Streit mit dem sozialistischen Lager doch noch für sich entscheiden zu können. Um doch noch mal Wohlstand für Alle, wirklich Alle, zu erreichen, muss man aber Bescheidenheit lernen.

Schluss

Von da an wird die Nutzung mdes Plurals in Ende und Geschichte klar: Denn ein jegliches hat seine Zeit. Der Beginn einer Geschichte und das Ende einer Geschichte, aber aller Geschichten. Der Frieden hatte einen Anfang und er fand gerade wieder ein Ende. Der Wohlstand hatte eine Zeit, und er fand sein Ende in der Globalisierungsgier. Die Demokratie hatte viele Anfänge, und sie hatte immer wieder einen Neubeginn.

Aber um DAS mitzuteilen, hätte ein Essay auch gereicht.

(Alex Hochuli/George Hoare/Philipp Cunliffe: „Das Ende des Endes der Geschichte”, Promedia-Verlag, Wien 2022)


1  Ältere aber auch – Hannes Nagel

2  Monaco-Franze, „A bissel was geht immer“, Kultfilm von 1983

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TAGESBEMERKUNGEN: 08.Mai 2022

Zeitgleiche Ereignisse in Berlin

Museum Karlshorst umbenannt, Reichstag-Siegerfoto gebannt, Sinn der Sache unbekannt

Am 04.05 schrieb die Berliner Zeitung bz-berlin.de, dass das in Berlin-Karlshorst befindliche Museum der Kapitaluation der Wehrmacht , des Ende des zweitren Weltkrieges und der Befreiung Europas vom Faschismus umbenannt wurde. Es trug den Beinamen Deutsch-Russisches Museum. Am 08. Mai 1945 wurde an genau diesem Ort die Kapitualtion unterzeichnet. laut BZ hat der Museumsdirektor mit der Umbenennung nur ein Rückkekr zu dem Namen „Museum Karlshortst “ vorgenommen, den das Museum vor der Nutzung des Doppelnamens Deutsch-Russisches Museum trug. Das Wort „Russisch“ wird durch die Wortgruppe „Ort der Kapitulation“ ersetzt, sagte der Direktor der Zeitung laut deren Artikel.

Die TAZ ihrerseits erklärte in ihrem Beitrag, dass das Museum erst seit der Wiedervereinigung Deutsch-Russisches-Museum heißt, weil der bisherige Betreiber die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland war. Mit dem Abzug der Truppen gab es den Betreiber nicht mehr, aber das Museum sollte bleiben. Der TAZ gegenüber hat der Direktor nach dem Wortlaut des TAZ-Artikels gesagt, dass die Streichung des russischen Bezuges ein Protest gegen den derzeitigen Krieg ist. Daher weht auch nur dnoch die ukrainische Fahne vor dem Museum. Die Russische und die Belorussssische sind eingezogen worden.

Und Ernst Volland schrieb in der BZ: Ein Auktionshaus lehnt ab, das Foto vom Hissen der Sowjetflagge auf dem Reichstag zu versteigern. Das Motiv von Jewgeni Chaldej habe nun einen „Beigeschmack“. Volland, der Meister politischer Fotoplakatkunst, hat unter anderem das Urheberrecht an dem berühmten Reichstagsflaggenfoto. Vollands Beitrag für die BZ lautet wie folgt:

Sowjetische Flagge auf dem Reichstag: Auktionshaus nimmt Foto aus dem Sortiment

Ein Auktionshaus lehnt ab, das Foto vom Hissen der Sowjetflagge auf dem Reichstag zu versteigern. Das Motiv von Jewgeni Chaldej habe nun einen „Beigeschmack“.

Ernst Volland,

Das Foto vom Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Reichstag von Jewgeni Chaldej ist eines der meistreproduzierten Bilder des 20. und 21. Jahrhunderts. Es konkurriert in der Akzeptanz und Häufigkeit nur noch mit dem jesusgleichen Che-Guevara-Porträt des kubanischen Fotografen Alberto Korda.

Die unbestrittene Bedeutung dieses Fotos liegt in der Qualität der fotografischen Aufnahme und im entsprechenden historischen Kontext. Das am 2. Mai 1945 gemachte Foto symbolisiert das Ende des Zweiten Weltkrieges, das Ende des Faschismus und das Ende Hitlers.

Fotograf des Reichstagsfotos war ein Ukrainer

Als Jahrhundertfoto, als Ikone in der Geschichte der Fotografie ist es ein begehrtes Objekt in Sammlungen, Museen und auch für Privatsammler. Kürzlich lieferte ein Sammler das Flaggenmotiv bei einem renommierten internationalen Auktionshaus ein. Die Auswahl für ein Motiv kann sich über Monate hinziehen, bei der Einlieferung des Flaggenmotivs wird erfahrungsgemäß nicht gezögert.

Doch diesmal wurde es zwar akzeptiert, jedoch bei Beginn des Ukrainekrieges wieder aus dem Sortiment genommen. Man muss die Entscheidung des Auktionshauses respektieren, aber die dem momentanen Zeitgeist angepasste Absage ist mehr als verstörend bei einem Foto dieser historischen Dimension, zumal der Sammler darauf hinwies, dass Jewgeni Chaldej ein Ukrainer war.

Das Argument zündete nicht, denn umgehend kam die Antwort, man wisse, Chaldej stamme aus der „Ost-Ukraine“ , in der „jetzigen aktuellen Situation“ sei es jedoch angebrachter, das Motiv vom Reichstag zurückzusenden. Das Motiv habe momentan einen „merkwürdigen Beigeschmack“.

Niemand konnte ahnen, dass das Foto eine Ikone wird

Das Foto der Flagge wurde zuerst am 13. Mai 1945 in der Zeitschrift Ogonjok veröffentlicht. Niemand konnte voraussehen, dass es sich zu einer Ikone entwickeln würde, denn es gab andere Fotografen, die ebenfalls spontan rote Tücher, eine Flagge imitierend, auf dem Reichstag hissten. Doch deren Motive setzten sich nicht durch.

Das Reichstagsgebäude wurde von vielen Rotarmisten, wohl wegen des imposanten Baus und seiner zentralen Lage neben dem Brandenburger Tor, für das politische Zentrum Nazideutschlands gehalten Bei seinem ersten Besuch in Berlin später wünschte Chaldej, auf das Dach des Reichstages zu steigen, um die Stelle zu zeigen, an der er das berühmte Foto aufgenommen hatte. Es war seine erste Wiederkehr an diesen historischen Ort. Eine Genehmigung für das Betreten des Daches zu bekommen, gestaltete sich kompliziert, da der Reichstag renoviert und umgebaut wurde. Es war nur mit einer speziellen Genehmigung möglich, auf das Dach zu kommen. Diese Gelegenheit wurde Chaldej gewährt. Chaldej stellte sich genau an die Stelle, an der er die Flagge aufgenommen hatte.

Er berichtete, wie die Flagge gehisst worden war:

„Als ich zum Reichstag kam, wurde noch geschossen, Soldaten liefen herum. Ich nahm die Fahne, die ich bei mir hatte, und sagte zu den drei jungen Soldaten: Lasst uns nach oben gehen und die Fahne hissen. Also gingen wir los und kamen bis zur Kuppel. Unten im Reichstag brannte es noch und auf die Kuppel zu klettern, war einfach unmöglich, wenn man sich nicht räuchern lassen wollte. Wir suchten eine Stelle, die etwas tiefer lag.

Auf der anderen Seite war der Tiergarten – hier gab Berlin keinen guten Hintergrund ab. Ich habe nach einer optimalen Komposition gesucht. An der Stelle, die ich schließlich aussuchte, war eine Blutlache. Das Blut war noch warm. Offenbar hatte dort jemand sein Leben verloren. Ich ging um die Blutlache herum, bat die Jungs, die Fahne zu nehmen und zu hissen. So habe ich das Foto gemacht. Später, als ich unten war, schaute ich nach oben, und mir wurde schwindelig.“

„Reichstag ohne Kuppel ist wie Mann ohne Eier“

Dann mokierte er sich darüber, dass der Reichstag ohne Kuppel nur ein Torso sei.

„Reichstag ohne Kuppel ist wie Mann ohne Eier“, sagte er in fließendem Deutsch zum begleitenden Fotografen und schmunzelte.

Nach der Aufnahme ging er einige Schritte auf dem Dach entlang.

„Bin ich Sieger? Was ist Sieg? Ich fühle mich nicht als Sieger, eher als Verlierer. Eure Rentner fliegen nach Mallorca und ich kann mir nicht einmal fünf Kopeken leisten für eine Tramfahrt ins Zentrum Moskaus.“

Tränen standen in seinen Augen.

Chaldej hatte mit seiner Leica eine Serie von 24 Bildern fotografiert, von deren Negativen die Agentur Tass Moskau heute einige besitzt, andere befinden sich in der Hand der Familie von Chaldej. Alle Negative sind entsprechend der Technik der Kamera in einem Kleinbildformat aufgenommen.

Nach den Aufnahmen, die historisch werden sollten, war Chaldej nach Moskau zurück geflogen. Die Aufnahmen wurden noch am selben Tag entwickelt und Stalin vorgelegt. Dieser bestimmte, welches Foto an die Presse geht und wer die drei Soldaten sind, die die Flagge hissen. Der auf dem Sockel die Flagge haltende Soldat musste ein Georgier sein wie Stalin. Chaldejs Kommentar dazu: „Das sind die drei Soldaten, die die Fahne auf dem Reichstag hissten. Jegorow, Kantaria und Samsonow. Kantaria war Georgier. Sie kamen alle drei zu Ruhm und Ehre, erhielten eine lebenslange üppige Zuwendung.“

Diese drei Soldaten waren an der Erstürmung des Reichstages am 30. April dabei, hatten jedoch keine Flagge gehisst. Sie gehörten zu den verschiedenen Stoßtrupps, bestehend aus fünf Soldaten, die zuerst den Reichstag erreichten. Auch waren diese drei Soldaten nicht die, die auf dem Foto von Chaldej abgebildet sind. Das waren ganz andere Personen, die in der Anonymität verschwanden. An ihre Stelle traten die drei offiziell Geehrten, die Stalin aussuchte.

Stalins Schatten über dem Leben des Fotografen

Der Schatten Stalins schien Jewgeni Chaldej ein Leben lang zu verfolgen. So wie er berichtet, hatte er den Auftrag von Stalin, über die Entstehung des Fotos und die Forderungen Stalins mit niemandem zu sprechen. Und daran hielt er sich.

Es blieb nicht bei einem berühmten Foto. Der 28-Jährige wurde von der Tass nach Potsdam zur Konferenz mit Churchill, Truman und Stalin geschickt. Wiederum konnte er an einem wichtigen historischen Ereignis teilnehmen und mit seiner Leica entsprechende Bilder mit nach Hause bringen.

Kurze Zeit später fotografierte er bei den Nürnberger Prozessen. Dort traf er seinen amerikanischen Kollegen Robert Capa. Sie freundeten sich an und Capa schenkte Chaldej eine Speed-Kamera. Er konnte sie gut gebrauchen. In den Innenräumen des großen Gerichtsgebäudes, das von den Bomben der Engländer verschont geblieben ist, war es schwierig, ohne Blitzgerät zu fotografieren. Bei der Speed-Kamera ist der Blitz in die Kamera integriert und wichtigster Bestandteil. Das Modell ist sehr bekannt, es taucht in vielen Filmen aus den 1950er- und 1960er-Jahren auf.

Durch die Perestroika und damit die Öffnung zum Westen gelang es Jewgeni Chaldej in seinen späten Jahren noch Berühmtheit und Anerkennung weltweit zu erlangen. Auch in Deutschland wurden einige Ausstellungen seiner Werke gezeigt. Er versuchte trotz seines hohen Alters die Ausstellungseröffnungen mitzugestalten und als Zeitzeuge zur Verfügung zu stehen.

Im schwarzen Anzug, die Leica um den Hals, am Revers zwei bis drei Verdienstorden des Großen Vaterländischen Krieges saß er vor dem zahlreichen Publikum, den Gehstock griffbereit, im Gesicht eine überdimensionale Brille, die Gläser dick wie Weckgläser. Kaum waren die letzten Sätze des Eröffnungsredners beendet und noch bevor die Diskussion mit Chaldej überhaupt begann, kamen schon Stimmen und erhobene Zeigefinger aus dem Publikum. „Eine Frage, das Foto ist doch inszeniert, da bin ich ganz sicher.“ „Das Foto ist doch eine Fälschung, habe ich gehört …“

Chaldej saß ganz ruhig da, wartete, bis die Erregung abflaute und sagte dann nur einen Satz. „Ist gutes Foto, nächste Frage bitte.“

Der Vorwurf der Fälschung ist nicht aufrecht zu halten

Am Foto waren kurz nach dem 2. Mai zwei Veränderungen vorgenommen worden. Zum einen hat Chaldej die Szene durch zwei aufsteigende Rauchwolken dramatisiert. Zum anderen entfernte er in den Räumen der Agentur Tass in Moskau, für die er arbeitete, eine der beiden Armbanduhren auf den Handgelenken des stützenden Soldaten.

Beuteobjekte auf einem so wichtigen historischen Foto, das durfte nicht sein. Die Korrekturen sind keine Fälschungen des ganzen historischen Vorganges. Chaldej war zum Ende des Krieges auf dem Reichstag. Er war an dem historischen Ort in Berlin. Die Szene ist nicht vor einer Kulisse in einem Studio aufgenommen.

Der einmal in Umlauf gebrachte Vorwurf der Fälschung ist nicht aufrechtzuerhalten.

So hatte sich das Gerücht auch seinerzeit bis nach Freiburg auf der Ausstellungseröffnung herumgesprochen und Chaldej wurde damit direkt konfrontiert. Es hält sich auch weiterhin hartnäckig.

Die Uhren an den Handgelenken des Soldaten

Ich ließ mich eines Tages aus großem Interesse am Thema von einem DDR-Dokumentarfilmer in sein Haus am Kollwitzplatz locken, der behauptete, er besitze einen Abzug mit drei Uhren an den Handgelenken. Das wäre eine kleine Sensation gewesen.

Er präsentierte mir ein Foto mit zwei Uhren, jeweils eine an jedem Handgelenk. Das war nichts Neues für mich, zumal ich diverse Abzüge mit zwei Uhren kenne. Der Mann wollte sicherlich einfach nur eine kostenlose Expertise. Weitere Fotos wurden mir vorgelegt.

Ich gab bereitwillig Auskunft. Der Filmer war vor Jahren an das Material gekommen, als er in den 60er-Jahren einen Dokumentarfilm über eine Handvoll russischer Kriegsfotografen für die Defa drehte. Damals stellten ihm die Fotografen, darunter Chaldej und Dimitri Baltermans, ein weiterer sehr bedeutender russischer Fotograf aus dieser Generation, die Abzüge selbstverständlich für das Projekt zur Verfügung. Die Frage ist berechtigt: Ist der Dokumentarfilmer der rechtmäßige Besitzer der Fotos?

Der Bitte, seinen Film einmal zu zeigen, kam er nicht nach. Im Gegenteil, er wollte ihn mir nicht zeigen, weil es angeblich keine Kopie mehr davon gab. Ein halbes Jahr später bot ein Berliner Auktionshaus seine Sammlung russischer Kriegsfotografie zum Verkauf an.

Grundsätzlich geben die Auktionshäuser die Namen der Einlieferer nicht preis. In diesem Fall erkannte ich jedoch einige der mir beim Tee vorgelegten Abzüge. Die Zeit für die Auktion war gut gewählt, denn wenige Monate zuvor wurde eine Chaldej-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin eröffnet. Sie erhöhte natürlich den Wert der Sammlung, der Verkauf war jetzt einfacher.

Ich schaute mir nach der Auktion noch einmal das von der Direktion des Gropius-Baus ausgelegte große rote Gästebuch an, das eine Fülle an Kommentaren enthielt, aus den unterschiedlichsten Ländern und in den verschiedensten Sprachen. Darunter Zeilen bitterster Trauer. Eine Frau schrieb, sie habe vor den Aufnahmen Chaldejs zum ersten Mal ihren Mann weinen gesehen.

Ich entdeckte dabei auf der ersten Seite als allerersten Gästebucheintrag eine schriftliche Bemerkung des teetrinkenden Dokumentarfilmers. Er schrieb, dass er der eigentliche Entdecker Chaldejs sei.

In der Sowjetunion kennt jedes Kind das Motiv

Für die Russen besitzt das Bild eine andere ikonische Bedeutung als für Fotokenner und Sammler. In der Sowjetunion kannte jedes Kind das Motiv. Auch heute noch, 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, kennt es jedes Kind in Russland. Am 9. Mai, am Tag des Sieges über Hitler, am Tag des Großen Vaterländischen Krieges, dem höchsten Feiertag des Landes, wird es wieder landesweit reproduziert und ausgestellt. Die Zeitzeugen sind fast alle gestorben, das Gedenken an den Krieg bleibt lebendig.

Die Schätzungen über die Zahl der sowjetischen Toten durch den barbarischen Angriff, von den deutschen Militärs als „Unternehmen Barbarossa“ bezeichnet, am 22. Juni 1941, schwanken und sind nicht genau. Bei einer Zahl von 30 Millionen Toten ist das auch nicht möglich, darunter Millionen Zivilisten, Frauen, Kinder.

Auch der Begriff Tote, statistisch, abstrakt, trifft nicht genau. Es handelt sich um Menschen, die auf unterschiedlichste Weise grausam, barbarisch umgebracht worden sind. In jeder Familie des großflächigen Reiches war ein Toter zu beklagen.

Die nächste Frage an Chaldej aus dem Publikum war: „Sie sind jetzt in Deutschland, im Land der Täter. Wie fühlen Sie sich?“ Seine Antwort: „Wissen Sie, mein Vater und zwei meiner Schwestern sind im Donbass, in der Ukraine, in der Nähe meiner Heimatstadt bei lebendigem Leibe in eine Kohlengrube geworfen worden. Zusammen mit 70.000 anderen Juden. Das waren nicht nur Deutsche, dabei waren auch viele Ukrainer, die geholfen haben.“

Stille im Raum.

(Nachdruck mit Zustimmung Ernst Vollands)

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REDAKTIONSBEMERKUNGEN: Das Flugblatt für Mai 2022 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, das Flugblatt für Mai 2022 ist fertig. Unwirsche Stirnen hatten wir beim Thema Pazifismus, weil die Grundfrage bleibt: Wenn Kriege böse sind, aber Menschen Gutes wollen, warum finden sie Krieg dann vernünftig? Sie sind doch “Das Ende der Vernunft”, als Ultima von der Ratio. In der Rezensionsrubrik geht es um Zensur – auch nicht viel besser als Krieg. Neulich im Alptraum kamen Algorithmen der Social Media in Form allegorischer Figuren hinter mir her und wollten mich Festhalten – wo immer ich hoffte Ruhe finden zu können saß eine “Influencende Allegorie” und wollte mich ihrem Oberguru ausliefern. Zum Glück musste ich aufs Klo, und als höflicher Mensch sagte ich zu der Allegorie: “Ich geh jetzt pinkeln, und wenn ich wieder ins Bett gehe, bist Du aus meinen Träumen verschwunden. Ist das klar?”. Sie war dann tatsächlich weg. Ich träumte dann nur noch von ein paar Differentialgleichungen. Aber ich wusste, die tun mir nichts. Heute am zweiten Mai haben wir dann die Rechtschreibung und das Layout bearbeitet. Falls ein paar interne Links nicht gehen: Ich bitte um Entschuldigung. Ebenso wie ich um Entschuldigung bitte, dass wir wieder nicht pünktlich am 1. Mai mit dem Flugblatt heraus kamen. Im Juni kommt der Dritte und letzte Teil des Rapallo-Thema. Ich bin erstaunt und erfreut zu sehen, wie häufig auf diesen Text zugegriffen wird. Gute Quoten, würde man beim Fernsehen sagen. Wenn Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser mal selber Neugier auf Geschichtsrecherche verspüren, sagen Sie mir doch mal, wer J.H.L. Wiebke war. Der hat 1851 en Buch geschrieben (vorher und nachher auch, aber der Vorname ist nur nach den Initialen bekannt). Und dieses Buch “Die neue Art der Vertheidigung” soll eine Theorie enthalten über die Verunmöglichung von Kriegen. Ein hochaktuelles Thema also. Wie isses, machen Sie mit?

Beste Grüße

Hannes Nagel

Link zum Flugblatt-Download

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FEUILLETON-ZEITGEIST: 100 Jahre Rapallo (2)

Teil 2

FEUILLETON-ZEITGEIST

„100 Jahre Rapallo-Vertrag”

Teil 2: Auf dem Weg nach Rapallo

Ex Oriente Lux II – Auf dem Weg nach Rapallo

von Solotänzer

In der Aprilausgabe des Flugblattes haben wir eine Reise in die Vergangenheit begonnen. Wir blickten etwa 100 Jahre zurück in die Vergangenheit, nicht nostalgisch schwärmend, sondern mit wachem Auge auf eine europäische und insbesondere deutsche Wirklichkeit am Ausgang des ersten Weltkrieges.

Die politische Ordnung war zerrüttet, der Krieg endete in der totalen Erschöpfung der nationalen Volkswirtschaften. Mangel an Grundnahrungsmitteln, Rezession, Währungsverfall, Hunger und Elend in bislang nicht gekanntem Ausmaß prägten den Lebensalltag. Mit den Pariser Friedensverträgen, allen voran, dem Versailler Vertrag schufen die alliierten Siegermächte eine repressive Variante neuer sicherheitsversprechender Regelungen. Deutschland wurde in eine Korsett reparationspolitischer Zwangsmaßnahmen zur Entschädigung und Wiedergutmachung gezwängt, dessen moralischer Sühnecharakter sachliche Erwägungen zu überbieten schien. Der territoriale Verlust von bisherigen Staatsgebieten (Ostpreußen, Teile Schlesiens, überseeische Kolonien) und die Besetzung industriell wichtiger Landesteile (Rheinland, Saargebiet) dezimierten nicht nur den Bevölkerungsbestand, sondern reduzierten auch wertvolle volkswirtschaftliche Aktiva. Die kompromisslose Haltung Großbritanniens, Frankreichs und Italiens koppelte Deutschland von der Weltwirtschaft ab und isolierte es außenpolitisch, schließlich annullierte der Versailler Vertrag in Art. 116 u.a. alle bisherigen völkerrechtlichen Vertragsbeziehungen des Deutschen Kaiserreiches zur maximalistischen Regierung in Rußland . Gleichzeitig trat die revolutionäre Idee der kommunistischen Weltanschauung in Gestalt der russischen bolschewistischen Bewegung ihren Siegeszug an. Der Versuch eines Exportes des Revolutionsfunken destabilisierte für kurze Zeit die im Entstehen begriffene Weimarer Republik, konnte jedoch kein leidenschaftliches Feuer entfachen. Dennoch blieben die Angst vor der Wirkung sowjetrussischer Propagandaaktivitäten, die finanzielle Last der Reparationszahlungen, Demilitarisierungsverpflichtungen und das psychologische Stigma alleiniger Kriegsschuld, die innen-und außenpolitisch prägenden Faktoren. Die Durchführung der Bestimmungen des Friedensvertrages überschattete das Bemühen jeder Reichsregierung in den Anfangsjahren der Weimarer Republik zu aktiver Politikgestaltung. Das erste Kabinett Scheidemann trat mit Bekanntwerden der Friedensbedingungen im Juni 1919 zurück. Ihm folgten bis Ende 1922 fünf weitere Regierungsbildungen (die Kabinette Bauer, Müller, Fehrenbach, Wirth I und II). Lloyd George, damaliger britischer Premierminister bekannte in Bezug auf Deutschland während einer Rede im Londoner Unterhaus am 29.04.1920: „(…)Man hat es zutun mit einem gekrümmt daliegenden Wesen, das nicht Gewalt über seine Gliedern und Muskeln hat. Seine Handlungen sind krampfhaft. Es hat Gewalt übers seine Stimme und das ist ungefähr auch alles. Berichte von englischen Offizieren erreichen mich, dass Hungersnot im Lande sei. (…)“1 Mehrere alliierte Kontrollgremien in Form der Reparationskommission und weiterer Militärkommissionen überwachten akribisch den Verlauf der deutschen Schuldentilgung und die deutschen Fortschritte bei der Entwaffnung. Ihre reparationspolitischen Forderungen wurden in schriftlichen Noten überreicht, die, wie Außenminister Rathenau z.B. anlässlich einer Reichstagsrede vom 29.03.1922 zählen lies, innerhalb von zwei Monaten eine Größenordnung von 100 zur Beantwortung erreichten.2 Die Gefahr militärischer Sanktionen bei Nichteinhaltung der Verpflichtungen, v.a. eine stets im Raum schwebende Besetzung des Ruhrgebietes mit seinen Kohlevorkommen bewogen die Regierungen der ersten Nachkriegszeit zu einer erfüllungspolitischen Positionierung. „Die Erfüllungspolitik hatte den Sinn, die Diskussionen über die Unerfüllbarkeit der unmöglichen 132 Milliardenforderung zu verschieben-sich angesichts der völlig ungerechten Einstellung des Auslandes Deutschland gegenüber durch ehrliche Bemühungen um die Erfüllung wieder eine bessere moralische Position zu sichern und durch die Praxis den wirtschaftlichen Unsinn der 132 Milliardenforderung darzulegen. … Die Erfüllungspolitik trug in sich eine natürliche und ernste Grenze: Erst Brot, dann Reparationen! … Bei einem Dollarstand von 4-6000.- aber sah alle Welt, dass die Ernährung des Deutschen Volkes in Frage gestellt war. (…)“3 Der erwähnte wirtschaftliche Unsinn entstammte dem sogenannten Londoner Ultimatum vom 05.05.1921, in dem die Verbandsregierungen (England, Frankreich, Italien, Japan) einen deutschen Rückstand in der Verpflichtung zur Entwaffnung und Reparationszahlung feststellten. Bis zum 12.05.1922 wurde die Annahme eines Zahlungsplanes verlangt, der die Gesamtsumme der Reparationszahlung auf 132 Milliarden Goldmark bezifferte, anderenfalls erfolge die sofortige militärische Besetzung des Ruhrgebietes. Innerhalb von 25 Tagen sollten 1 Milliarde in Goldmark oder anerkannten Devisen gezahlt werden. Die bedingungslose Annahme des Ultimatums durch die neugebildete Regierung Dr. Wirth verhinderte Schlimmeres. Das Verhältnis Deutschlands zu den Ententemächten verschlechterte sich jedoch zusehend. Auf der im Januar 1922 abgehaltenen Konferenz von Cannes ersuchte die deutsche Regierung gegenüber den Siegermächten um eine vernünftige Regelung der Reparationslasten, da der Staat sich an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit befände. Der deutsche Vertreter Dr. Rathenau legte als Sachverständiger dar, dass die passive deutsche Handelsbilanz bei steigenden Zahlungsforderungen zum weiteren Kursverfall der Währung führe und die wachsende Inflation jede Konsolidierung des Staatshaushaltes aus dem Gleichgewicht bringt.4 Dieser Einsicht folgend, erzielte Rathenau ein Schuldenmoratorium und eine zukünftige Dekadenzahlung von 31 Millionen Goldmark (Überweisung aller 10 Tage). In realistischer Betrachtungsweise erkannte die britische Seite, das es in zivilisierten Ländern gelte, der der einen Schaden angerichtet hat, ihn wieder gutmachen muss und daher Deutschland zahlen müsse bis zum Höchstgrade seiner Leistungsfähigkeit.5 Wenn der Vertreter Großbritanniens jedoch dafür eintrete, dass Deutschland nicht zum Hungertod getrieben werde, so sei dies keine Deutschfreundlichkeit, sondern es müsse vermieden werden, Deutschland in das Chaos zu stürzen, in dem Rußland gegenwärtig darniederliegt.6 „Wenn die sozialen Verhältnisse in Deutschland zerrüttet werden, so wird es sich infolge seiner Fähigkeiten und des Temperamentes seiner Einwohner als etwas viel Gefährlicheres erheben, als Russland für seine Nachbarn ist.“7 Diese mäßigende Haltung aus Angst vor revolutionären, revanchistischen Umwälzungen begründete auch den auf der Konferenz gefassten Beschluss zugunsten einer gesamteuropäischen Wirtschafts-und Wiederaufbaukonferenz in Genua im März 1922. Die in einer Resolution gefassten Bedingung der Anerkennung von staatlicher Oberhoheit und territorialer Integrität, Eigentumsgarantien, Ersatz für Sozialisierungsschäden, Handelssicherheiten und des Verzichts auf propagandistische Gefährdung der jeweiligen staatlichen Ordnung wurden als essentiell betrachtet.8 Unter diesen zu akzeptierenden Voraussetzungen könne auch Rußland die Anerkennung seiner neuen Staatlichkeit gewährt werden.9 Eine gemeinsame Anstrengung der Kräfte sollte in Genua der europäischen Wirtschaftsidee die gelähmte Lebenskraft wiedergeben.10 Bis dahin störten jedoch zwei Ereignisse die verständigungsorientierte Hinwendung Deutschlands zu den westlichen Stabilisierungsvorschlägen. Nachdem der neue polnische Nationalstaat auch aus ehemaligen Gebieten des deutschen Kaiserreiches und des russischen Zarenreiches aus der Taufe gehoben wurde, behielt sich der Versailler Vertrag (Art. 88) hinsichtlich der identitätsgewichtigen oberschlesischen Region die Regelung eines späteren Plebiszites vor. Dieses ereignete sich am 20.03.1921 und war zeitlich umrahmt von einer sehr gewalttätigen Konkurrenz zwischen polnischem und deutschem Patriotismus. Im Ergebnis votierten fast 60 % der Einwohner für einen Verbleib in Deutschland, was zu anarchieähnlichen Gewaltausschreitungen zwischen selbsternannten deutschen Selbstschutzverbänden und polnischen Aufständischen, unter gewisser Duldung seitens alliierter französischer Interventionstruppen, führte. Die Entscheidung über den zukünftigen Status fällte am 12.10.1921 ein Schiedsspruch des Völkerbundrates in Genf. Oberschlesien wurde geteilt, ein Drittel, d.h. 45% der Bevölkerung, 90% der Steinkohlenlagerstätten, 75% der Industrieanlagen wurden Polen zuerkannt.11 Die deutsche Regierung sah darin eine eklatante Verletzung des nationalen Selbstbestimmungsrechtes und so trat das erste Kabinett des Reichskanzlers Dr. Joseph Wirth zurück, welcher bereits am 26.10.2021 wiederum eine neue Regierung im Auftrag von Reichspräsident Ebert bildete, der ab Februar 1922 auch Dr. Walther Rathenau als Außenminister angehören sollte. Der Vertrauensverlust gegenüber den Alliierten wirkte nachhaltig und insbesondere ihre Interpretation einzelner Vorschriften des Versailler Vertrages setzte ein deutliches Negativzeichen, dass u.a. die Ausweitung russlandpolitischer Optionen forcierte.12 Eine nochmalige Zuspitzung erfuhr die konfliktbelastete Situation durch die Note der (französisch dominerten) Reparationskommission vom 21.03.1922. „Das neue Pariser Diktat“ titelte am 23.03.1922 die Deutsche Allgemeine Zeitung und veröffentlichte im Wortlaut der Note, dass Deutschland weitere 720 Millionen Goldmark in bar zu zahlen bzw. durch veränderte Steuergesetzgebung zusätzliche Mehreinnahmen von mindestens 60 Milliarden Papiermark zu generieren hat.13 Die Grenze des Zumutbaren war erreicht und in seltener parlamentarischer Einigkeit wurde diesen Forderungen, eine Absage erteilt. Der damals amtierende Reichskanzler Dr. Wirth erwiderte dann auch in einer Reichstagsdebatte am 28.03.1922:“(…)Wir haben uns die Frage vorzulegen, ob die Verträge, die uns auferlegt sind, in ihrem Wortlaut und Sinne es gestatten, dass das Ausland, so wie es hier geschehen soll, in die Exekutive der deutschen Regierung, in die Hoheitsrechte der Nation und die gesetzgeberischen Befugnisse des Deutschen Reichstags eingreift. (…) In nicht ganz zwei Wochen wird in Genua die Konferenz eröffnet werden, deren großes Ziel die Wiederaufrichtung der Weltwirtschaft ist. Das Kernproblem hierbei ist der Wiederaufbau Mitteleuropas und Rußlands. Ich kann mir nicht denken, daß in einem Augenblicke, in dem sich alle … an der Weltwirtschaft beteiligten Nationen zusammenfinden …in leichtfertiger Weise die erste und vornehmste Voraussetzung zu dem Gelingen des Werkes in Genua beseitigt werden soll. Der Wiederaufbau Mitteleuropas und Rußlands ist ohne die wirtschaftliche Gesundung Deutschlands unmöglich. (…)“14 Als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Parlament ergänzte Dr. Gustav Stresemann am 29.03.1922 hinsichtlich des Wiederaufbaus Rußlands: Ich möchte vor allen Dingen betonen, daß man Rußland nicht in die Lage bringen darf, etwa die Anschauung zu haben, daß es von uns mit als eine Ausbeutungskolonie des internationalen Kapitals angesehen würde, das ihm allein die Bedingungen vorschreibt, unter denen es Waren zu beziehen hätte. …Wir, die eine besonders enge Schicksalsgemeinschaft mit Rußland verbindet, da wir ja die Hauptleidtragenden des Weltkrieges sind, sollten am ehesten, wenn wir eine Stimme in dieser Frage gegenüber den anderen Nationen haben, diese Stimme für den russischen Wiederaufbau und für die Vertretung berechtigter Interessen bei der Form des Wiederaubaus erheben und und ihm nicht gegenüberstellen als Glied einer ihm doch wirtschaftlich feindlich gegenüberstehenden internationalen Vereinigung.(…)“15 Im Anschluss bekräftigte Außenminister Dr. Rathenau: „Wir wollen die Erfüllung, soweit sie im Rahmen der Möglichkeit liegt, nicht als Selbstzweck, sondern als Weg zum Frieden. Wir wollen den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete als Weg zum Frieden und wir wollen nach Kräften beitragen zur Entbürdung und zum Wiederaubau der Welt. …Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten Frieden bringen?…Wir müssen erwägen, mit welchen Gedanken, aber auch mit welchen Gefühlen, wir uns einer Konferenz nähern, auf der das Schicksal und der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht der unseren, nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal. Lässt sich eine Brücke finden, -gut! Läßt es sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal von vielen anderen Konferenzen teilen. … Zweifellos wird Genua für Rußland manches Wesentliche bringen, und ich will nicht einen Augenblick die Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen lassen, die dahin geht, daß wir nach Ausmaß unserer Kräfte uns aufrichtig bemühen werden am Wiederaufbau Rußlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von Syndikaten nicht der entscheidende … Syndikate können nützlich sein…Dagegen wird das Wesentliche unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Rußland selbst zu besprechen sein. …Solche Besprechungen haben stattgefunden und finden weiter statt und ich werde sie mit allen Mittel fördern. Es ist kein Gedanke daran, daß Deutschland etwa die Absicht hätte, Rußland gegenüber, die Rolle des kapitallüsternen Kolonisten zu spielen. … Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg gefunden werden, so ist es nötig, den Rahmen weiter zu spannen, als es durch die Note der Reparationskommission geschehen ist.(…)“16 Hören sich diese Worte nicht an, wie eine Prophezeiung des gut zwei Wochen später, in nahezu unvorhersehbarer Überraschung, abgeschlossenen Vertrages von Rapallo?

Zu der unter Federführung des britischen Premiers Lloyd George für den 10.April 1922 anberaumten Konferenz von Genua erhielt Deutschland durch eine Note der italienischen Botschaft in Berlin vom 16.01.1922 seine Einladung zur Teilnahme. Dieser Note war neben der beabsichtigten Tagesordnung, auch die Resolution der Konferenz von Cannes vom 06.01.1922 beigefügt. Darüber hinaus wurden die Vorstellungen der französischen Regierung über den (eingeschränkten) Tätigkeitsbereich der Konferenz übermittelt. Keinesfalls sollten Themen berührt werden, die zu einer Debatte über die v.a. finanzpolitischen Regelungen des Versailler Vertrages führen könnten. „Die bestehenden Verträge, d. d. diejenigen, die aus der Friedenskonferenz hervorgegangen sind, bilden das öffentliche europäische Recht; an sie kann nicht gerührt werden, ohne den Frieden Europas beträchtlich zu stören…. Die französische Regierung kann auf keine Weise zulassen, daß diese Verträge oder irgendeine Bestimmung dieser Verträge zur Erörterung gestellt werden…“17 Die Billigung der mitgeteilten Vorbedingungen wurde allein durch die Konferenzteilnahme als vollzogen betrachtet. In ähnlicher inhaltlicher Stoßrichtung äußerte sich Lloyd George in einer Unterhausrede vom 03.04.1922, demnach eine Versammlung, wie in Genua nicht geeignet wäre, bestehende Verträge einer Revision zu unterziehen, auch wenn eine solche wünschenswert wäre. Unzweifelhaft hätten die nach Versailler Vertrag vorgenommenen Grenzänderungen neue wirtschaftliche Schwierigkeiten hervorgerufen. Die Reparationen hätten eine wirtschaftliche Desorganisation nicht verursacht. Die Schwierigkeit der Lage sei der Tatsache zu zuschreiben, dass Frankreich und Belgien zerstört worden seien. Wenn der Versailler Vertrag geändert würde, so würde die Last von Deutschland auf Frankreich und Belgien verschoben werden. Diese Fragen könnten dem Urteil einer Konferenz auf der Deutschland, Österreich, Ungarn, Rußland und die Neutralen vertreten seien, nicht unterbreitet werden.18 Es zeichnete sich also bereits vor Eröffnung diese Konferenz der „Gleichberechtigten“ eine Rollenverteilung ab, in der die Verliererstaaten des Krieges gegenüber den einladenden Mächten eine Objektfunktion zu erwarten hatten. Dementsprechend gedämpft fielen die Hoffnungen auf belastbare Ergebnisse in der Reihe der deutschen Delegationsteilnehmer aus.

Bevor die deutsche Delegation ihren Sonderzug nach Genua am Samstag, den 08.04.1922 mittags in Berlin bestieg19, wurde im Rahmen einer offiziellen Ministerratssitzung vom 05.04.1922, 10:30 Uhr im Beisein des Reichspräsidenten Ebert eine grundlegende Verständigung hergestellt. Außenminister Dr. Rathenau vertrat eine sehr zurückhaltende Auffassung und sah wenig Hoffnung auf konstruktive Konferenzergebnisse. Nach der enttäuschenden Absage der Vereinigten Staaten an der Konferenz teilzunehmen, beklagte er die thematisch recht einseitige Vorlagerung der Rußlandfrage durch den britischen Premier. Das russischer Problem sei für die Deutschland eher von langfristiger Bedeutung, schließlich stünde Deutschland (im Gegensatz zu Frankreich und England) de facto und de jure zu Rußland anders. Er hoffe auf einen kontaktbildenden Gedankenaustausch, der in den zu bildenden Fachkommissionen (z.B. für Finanzfragen – Anm. des Verf. ) die Möglichkeit böte, vielleicht Hauptfragen (das Reparationsproblem – Anm. des Verf.) einzuwerfen. Insgesamt sei die Größe der Konferenz mit 1600 Personen aus 40 Nationen, deren Dauer er zwischen 4 Tagen und 8 Wochen schätze, nicht für zielführende Beschlüsse geeignet. Er ginge nicht sehr hoffnungsfreudig nach Genua und würde zufrieden sein, „wenn die Delegation zurückkehre, ohne daß ein Unglück geschehen sei.“20 Allerdings dürfte Deutschland nicht das Aschenbrödel der Konferenz spielen, die Russen würden sicherlich sehr selbstbewusst auftreten.21 Reichskanzler Dr.Wirth prophezeite einen kritischen Beginn der Konferenz, schließlich verkörpere sie eine Art Parlament der Nation und die Lage würde schwierig werden, falls einige Probleme ausdrücklich nicht behandelt werden dürften. Er plädierte für diesen Fall zu einem aktiven deutschen Auftreten. „Sollten wir das russische oder mitteleuropäische Problem selbst aufwerfen? Er sei der Ansicht, daß wer nicht durch Stellung dieser Probleme aktiv werde, in den Hintergrund gedrängt werde. (…) Wenn wir uns auf das Schweigen beschränkten, so könnten wir uns innenpolitisch nicht halten.“22 Der Reichspräsident betonte seine Überzeugung, wonach das Wirtschaftsproblem nicht ohne die Kernfrage des Reparationsproblems erfolgreich erörtert werden könne. Die vom französischen Premierminister Poincaré gewünscht scharfe Einschränkung der Diskussion dürfe die deutsche Delegation nicht zu demütigenden Protesterklärungen hinreißen lassen, da zu vermuten ist, dass die Entente-Staaten ihre Stellung bereits festgelegt hätten. Ebert verlieh seiner staatsrechtlichen Position noch einmal eine scharfe Präzisierung. „Die Delegation vertrete das Reich völkerrechtlich. Diese Vertretung läge verfassungsmäßig in seiner Hand. Das sei auch bei der Vollziehung von Abreden der Fall, soweit sie nicht dem Reichstag vorzulegen seien. Er müsse deshalb mit dem größten Nachdruck darauf hinweisen, daß, wenn in Genua konkrete Abreden in Frage ständen, die Delegation vorher mit ihm und den hiesigen Kabinettsmitgliedern sich verständigen müsste.“23 Dass aus deutscher Perspektive versucht werden solle, in sachlichen Einzelerörterungen das Kernproblem der Reparationen zur Sprache zu bringen, beschreibt den Standpunkt des Reichsschatzministers Bauer. Die deutsche Delegation beabsichtigte, sofern sie ihre Auffassung zur Sprache bringen könnte, die Darlegung der besonders schwierigen deutschen Wirtschaftslage und wollte Vorschläge zu den Gebieten Wirtschaft und Handel, Verkehr bzw. Finanzen unterbreiten, wie Staatssekretär von Simson ausführte.24 Der Staatsminister Dr. Rathenau erwähnte schließlich eingehender das bisherige Verhalten der russischen Vertreter. „Die Russen wollen jetzt über alle möglichen Dinge mit uns sprechen.“25 Die deutsche Unterstützung hinge vom Maß des russischen Entgegenkommens ab. Da ihnen der Beitritt zum Versailler Vertrag vorbehalten wurde, müssten wir uns zwar mit Rußland hierüber einigen, dürften mit dieser Einigung aber nicht in Konflikt mit den Westmächten geraten.26 Rathenau nahm dabei Bezug auf Gespräche mit Radek, Tschitscherin und Litwinow27, in denen sie sich übereinstimmend gegen die Ausbeutungsabsicht des geplanten Wirtschaftssyndikates28 wanden. Auf die Frage nach eventuellen russischen Gegenleistungen, sollte Deutschland alle Geschäfte des Syndikates mit Rußland ablehnen, bleib eine Antwort aus, was als Ausdruck höchster Unzuverlässigkeit zu werten sei.29 Daher ist es sehr schwer mit den Russen in ein wirkliches Verhältnis zu kommen, allerdings bräuchten sie uns mehr, als wir sie, referierte der Außenminister.30 Ungeachtet eine ressortspezifischen soliden deutschen Vorbereitungen wurde der Gang nach Genua von einen ungewissen Aussicht auf Erfolg und sehr verhaltenem Optimismus begleitet. Bekam man als proklamierter Paria der Weltgemeinschaft die Chance auf Gehör? oder musste die deutsche Delegation erleben, wie sie zum Spielball anderer nationaler Interessengegensätze wurde? Ein erster Schritt zu Rückkehr in eine Position selbstbestimmter außenpolitischer Präsentation schien in greifbare Nähe zu rücken. In dieser Hinsicht waren Rußland und Deutschland in gleichberechtigter Lage, nur ob man ihnen die gewünschte Akzeptanz gewähren würde, stand noch in den Sternen der italienischen Riviera.

(Teil III folgt im Juni)


1  Nachlass Dr. Wirth BA N1342/62

2  Verhandlungen des Reichstages Bd. 353, S. 6613, Berlin 1922

3  Walter Simons (Außenminister bis 04.05.21 im Kabinett Fehrenbach) private Aufzeichnung 1922 in: BA N 1048/18 (Nachlass Dr. Wirth)

4  Dr.Rathenau, Rede in Cannes (Zeitungsausschnitt) in: BA N1048/17 (Nachlass Dr. Wirth)

5  Rede Lloyd George auf der Konferenz von Cannes (Zeitungsausschnitt) in: BA N1048/17 Nachlass Dr. Wirth

6  ebenda

7  ebenda

8  Resolution von Genua (Zeitungsausschnitt) in:BA N1048/17 Nachlass Dr. Wirth

9  ebenda

10  ebenda

11  siehe Guido Hitze in: Die Oberschlesische Frage im Jahre 1921, Aufsatz in: PM 12/02, S.61

12  Niels Joeres: Der Architekt von Rapallo, Heidelberg 2006,S.243, siehe: https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/6751/1/Pflichtveroeffentlichung.pdf

13  DAZ in: https://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/27646518/-/1922/#apr

14  Verhandlungen des Reichstages Bd. 353, S. 6622, Berlin 1922

15  Verhandlungen des Reichstages Bd. 353, S. 6648, Berlin 1922

16  Verhandlungen des Reichstages Bd. 353, S. 6655, Berlin 1922

17  Material über die Konferenz von Genua in: Verhandlungen des Reichstages, Bd. 373 1920/24, Berlin 1924

18  DAZ (Deutsche Allgemeine Zeitung) vom 04.04.1922 in: https://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/2807323X/-/1922/#apr

19  ebenda

20  https://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/1100/wir/wir2p/kap1_1/kap2_5/para3_2.html, S.1-9

21  siehe ebenda                                                   

22  siehe ebenda

23  siehe ebenda

24  siehe ebenda

25 siehe ebenda

26  

27  Tschitscherin:1918-1930 Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der Sowjetunion, Litwinow amtierte als sein Stellvertreter. Karl Radek repräsentierte einen Berufsrevolutionär mit politischen Ämtern im Zentralkomitee der KPdSU und der kommunistischen Internationale, galt als enger Weggefährte Lenins

28  Die Alliierten planten ein internationales Kreditgeberkonsortium für den russischen Wiederaufbau, sofern das Land die Vorkriegsschulden des Zarenreiches anerkennt.

29  siehe Fn.20

30  siehe Fn.20

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TAGESTHEMEN: Pazifismus

 Nur Waffen, die es nicht gibt, töten nicht. Alle andren töten früher oder später, zuerst aber den Geist und die Menschlichkeit. Mit Pazifismus kann man Kriege verhindern, aber nicht beenden. Beenden kann man Kriege mit regelmäßigen Friedensfrühstücken. Die jeweils verbissensten Gegner müssen einander dann den Kaffee nachschenken, die Butter, das Brötchen, den Salzstreuer, die Marmelade reichen  oder die Zeitung überlassen. Wer speist, schießt nicht. Und einer der Gegenwartsmilitärtätigen hat ja schon gezeigt, dass er über sehr lange Tafeln zum Frühstücken verfügt. Das sind die sogenannten Putinowkas. Pazifismus geht nur solange Ethik im Denken und Fühlen vorhanden ist. Kein Militärtätiger aber kann auf Ethik beharren. Entweder das Handeln soll ethisch sein, dann gilt die Bergpredigt, oder es ist militärtätig, dann gilt Gewalt unter Ausschluss jeglicher Ethik.

Zu Pazifismus und Ethik gehört auch Meinungsvielfalt. Wo auch nur eine Meinung unterdrückt wird, da entsteht jenes Denken, welches ein Recht zum vorsorglichen Töten im Interesse der eigenen Meinung zulässt. Im Interesse des Friedens ist es keine charakterliche Schwäche, die rechte Wange hinzuhalten, wenn man auf die linke Wange geschlagen wird. Schmerz ist gleich Gegenschmerz: Der eine spürt den Schmerz am Kinn, wenn ihn jemand dorthin mit der Faust schlägt, und der andre spürt die Härte des Kinns am den Fingerknöcheln seiner Faust, die gerade gegen ein nichtsahnendes Kinn geboxt hat, welches einen Mund unten begrenzt, über dessen Lippen gerade Gedanken zum Erhalt oder der Wiederherstellung des Friedens gekommen waren. Meinungsvielfalt ist gelebter Pazifismus und keine pazifistische Symbolik im Interesse eines Etikettes, welches sich manche vorne auf die Fassade kleben, um davon abzulenken, dass die Räume Hinter-den-Kulissen leer sind wie des Teufels Sinne für die Menschlichkeit.

Baron von Feder

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TAGESTHEMEN: Dieser Film lohnt sich

ZDF-Mediathek https://www.zdf.de/filme/das-kleine-fernsehspiel/der-90-minuten-krieg-100.html

Israel und Palästina sollen Fußball spielen statt einander zu bekriegen. Grotesk, absurd, so wahr so wahr.

Nebengedanken an Russland und Ukraine sind vermutlich unvermeidbar

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