FEUILLETON-REZENSION: Wahrheit und Lüge in der Politik

FEUILLETON-REZENSION

Buchtitel: Wahrheit und Lüge in der Politik
Autor: Hannah Arendt
Verlag: Piper
Name des Rezensenten: Hannes Nagel

„Umdeutung ist möglich. Ungeschehen machen nicht“

Diesmal stellen wir Ihnen ein Buch mit zwei Essays aus den Jahren 1967 und 1971 vor. Manchmal muss man die Vergangenheit bemühen, wenn die Wahrnehmung der Gegenwart ohne sie wie ein Blick durch eine Milchglassscheibe ist. Man erkennt nichts, und selbst Schatten, die sich bewegen, haben keine Konturen.Im Verlauf des Viel-Lesens in den Jahren von 2010 bis 2020 trat hin und wieder, aber zunehmend häufiger, ein sehr befremdlicher Eindruck auf. Es schien, als würden Erkenntnisse und Fakten aus der Vergangenheit teils nicht mehr erwähnt oder im Falle von Büchern und Filmen nachträglich heraus geschnitten. Ein Bekannter aus dem Osten Deutschlands sagte in der Wendezeit, er würde jetzt erstmal eine Zeit lang in den Westen gehen, „um seine Biographie zu bereinigen“. Aber er vergaß: Man bleibt doch immer, was man ist. 1 So hat er sich verbogen und verdreht, ist aber im Kern der Gleiche geblieben, der er von seinen Anlagen her war. Und das besagt: Charaktere können sich entwickeln, aber der Grundtakt, den jeder einzelne Mensch hat, zieht sich durch alle Variationen bis hin zur meisterhaften Verfremdung. Und so kann man zwar versuchen, Geschichte umzudeuten, aber Tatsachen kann man nicht ungeschehen machen. Darum betrifft die Rezension des Monats Juli die Broschüre „Wahrheit und Lüge in der Politik“.

Der erste Teil der Broschüre heißt „Die Lüge in der Politik“. Im Text begegnet einem ein unbekannter lateinischer Ausdruck. Wer hat je von „Arcana imperii“ gehört und weiß, dass es „Staatsgeheimnisse“ bedeuten soll? Und durch welch einen großen Gedankenbogen kommt man von „Staatsgeheimnis“ zu der Aussage: „Wahrhaftigkeit zählte niemals zu den politischen Tugenden“? An diese These schließt sich im Text von Hannah Ahrendt eine spannende Herleitung an. Es steht den Menschen frei, die Welt zu verändern. Also nicht allen, aber denen, die Zugang zu den dazu benötigten Mitteln haben. Aber: Der Prozess des Änderns ist eine Handlung. Und das Handeln, resümmierte Hannah Ahrendt, ist „genuin politisch“. Also: Wenn ich etwas verändere, handele ich politisch. Wenn ich in der Gastronomie arbeite und und schiebe etwas vom Abwasch zum Kollegen rüber, so dass der mehr zu tun hat, handele ich „personalpolitisch“, indem ich Menschen für Aufgaben einsetze, die sie ohne mich nicht hätten. Kann man das so vereinfacht sehen? Vielleicht.

Ab hier taucht immer wieder der Ausdruck „Tatsachenwahrheit“ auf. Tatsachen brauchen Zeugen, um festgestellt zu werden, schrieb die Autorin. Aber das, was die Zeugen sehen, ist nicht notwendig das Wesen der Dinge. Es mischen sich immer wieder Interpretationen hinein. Deswegen schrieb Hannah Ahrendt: „Tatsachenwahrheiten sind nicht notwendigerweise wahr“. Sie sind aber auch nicht notwendigerweise gelogen. Denn die Lüge ist im Vergleich zur nicht-wahren Tatsache eine bewusste kommunikative Fehlinformation zum Zwecke des Handelns – und also politisch.

Dann müßte es als Gegenpol zur Lüge als Wesen politischer Äußerungen auch Überlegeungen geben, was unter politischer Wahrheit zu verstehen ist, insofern es eine solche gibt. Oder aber der Gegensatz zur Lüge ist die die Vielfalt der politischen Tatsachen-Wahrheiten, womit bewiesen wäre: Wahrheit geht nur durch Meinungsvielfalt.

Der zweite Teil heißt „Wahrheit und Politik“. Der Essay beginnt mit umfassend verbreiteten Ansicht: „Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist“. Die Erörterung des Allgemeinsatzes wird mit zunehmender Differenzierung zunehmend spannender, weil sie sich zeitlos und prophetisch auf die Gegenwart anwenden läßt. Bisweilen tauchte beim Lesen der Eindruck auf, dass Tatsachen unvollständig sind, Wahrheiten veränderlich und Meinungen Mißbrauch der Meinungsfreiheit zum Zwecke der Lüge sind. Die Benutzungdes Wortes Anticorona-Maßnahme ist entweder Maßnahme des Staates , um die Plage einer Pandemie medizinisch zu beseitigen, oder Protest von Gegnern staatlicher Maßnahmen gegen die Staatsmaßnahmen. Was ist wahr, was ist Lüge, was ist Meinung? Wahrscheinlich geht alles ineinander über. Nur eins scheint sicher: Die Lüge ist am ehrlichsten erkennbar. Denn sie muss notwendiger weise im Widerspruch zu den bekannten Stufen des Wissens stehen. Hierfür bemüht Hannah Ahrendt leider nur das wiederkehrende Beispiel der Geschichtsfälschung. Wenn jemand aus Fotografien heraus retuschiert wird oder Lexikoneinträge geändert oder Sprache nachträglich korrigiert wird, dann müsste konsequenter weise auch jede Erinnerung an Personen ausgelöscht werden. Aber schon in Krimis wird klar: Wer einen Zeugen beseitigt, hinterlässt Zeugen der Zeugenbeseitigung. Die Spuren werden durch jeden Vertuschungsversuch breiter.

Nur ein einziges mal taucht der Gedanke der Freiheit in den beiden Essays auf. Und diese Freiheit ist immer nur gegeben, wenn es eine Vielfalt von Meinungen gibt und eine als wahr geltende politische Aussage nicht durch Machterhalt motiviert ist.

Ein wunderbrares Buch. Die Kontinuität zwischen Autreon der Vergangenheit und Lesern der Gegenwart sollte gepflegt werden. Das wäre der Gesiut der Zeit, welcher die Zeit wieder geistvoll macht.


1  Im ersten Teil von Goethes Faust spricht Mephisto zu dem Sinn suchenden Gelehrten: „Setz Dir Perücken mit Millionen Locken. Stell Deinen Fuß auf ellenhohe Socken – Du bleibst doch immer, was Du bist.“ Man kann eben nicht vor sich selbst weglaufen. Der Teufel kann sich selbst ja auch nicht selbst verschlingen.

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BARON von FEDER: Auf Relevanz zu prüfende ZeitbeobACHTUNGen

Erstens Inflation
Wie selbstverständlich sprechen Menschen von Inflation, ohne eine solche wie in der Zeit der Weimarer Republik selbst erlebt zu haben. Dementsprechend naiv klingen Leute, die zu wenig wissen. Die zu viel gelesen haben, sind eher skeptisch, denn sie sehen Parallelen. Und daher fühlen sich auch Skeptiker von einer unbestimmten Angst gepackt. Aber vorstellen können sie sich die 20er-Jahre-Inflation als konkrete Auswirkung auf ihr Leben auch nicht. Diejenigen aber, die es auf Grund ihres Alters oder ihrer Erinnerungen könnten, scheinen zu schweigen. Jedenfalls höre md sehe ich sie nicht. Und dann kam die Kaufhalle und verkündet mit unangemessener Flapsigkeit: Gegen Inflation frieren wir die gestiegenen Preise ein. Jedenfalls für Kunden mit Deutschland-Card. Alle anderen zahlen den Inflationszuschlag.
Aber was ist bei Tauwetter? Wie hoch steigt der Preispegel, wenn der eingefrorene Betrag wieder frei ist? Was für eine Flutwelle kann da entstehen?

Zweitens Pazifisten Krieg
Kriegsbegeisterte Pazifisten nennen Bestandspazifisten Kriegstreiber. Angehörige der früher ausdrücklich friedensbewegt und gewaltfreie gestimmten Partei “Die Grünen” empfinden im Zusammenhang mit dem Russisch-Ukrainischen Krieg und den Amerikanisch-Europäisch gebundenen hellwachen Beobachtern die Gewaltfrei als Verantwortungslos und den Waffeneinsatz als Friedensverantwortung. Sie benutzen dabei Sprachregelungen aus der Münchner Sicherheitskonferenz, aus den verteidigungspolitischen Richtlinien der NATO und aus dem Weißbuch der Bundeswehr von 2016 . Nicht aufgezählte Quellen fühlen sich bitte ausdrücklich mit gemeint.

Drittens Sprachgebrauch
Wer sich gestern noch über die die sprachliche Unsitte der Benutzung künstlicher Verschlusslaute als Ausspracheform einer ebenso unsinnigen Schreibweise von grammatikalisch männlichem und weiblichen Geschlecht mokierte, benutzt diesen Unsinn plötzlich über Nacht als wäre der Gender-Quatsch schon immer die Hochform des sprachlichen Ausdrucks gewesen. Die sich mokierten, weisen nun Leute zurecht, die diese Form nicht benutzen. Sogar in Nachrichten oder und Printmedien wird die Sprachvielfalt auf den Ausdrucksmangel des Genderns reduziert. Nicht einmal die Forscher werden verschont, die sich als Linguisten mit den seltsamen Formen des Ausdruckes der Sprache im Prokrustesbett befassen. Die Forscher werden zu Forschenden mutiert. Ganz schön forsches Vorgehen.

Ob Journalismus-Studenten heute im Volontariat gelernt werden, dass nur gut gegenderte Texte guter Stil sind?

Viertens Allgemeinwissen
Neulich musste ich mal etwas nachlesen über Erdgeschichte. Und da gabs mal eine schöne Zeittafel der Entwicklungsphasen, die aufsteigend hießen Kambrium, Ordovizium, Silur, Devon, Karbon und Perm. Den Rest spar ich kurz, denn nicht mal diesen Zeitstrahl und seine Unterabteilungen fand ich wieder. Stillschweigend hießen sie alle anderes. Die meisten waren nach irgendwelchen unbekannten modernen amerikanischen Forschern benannt. Das gleiche geschah mit den Kontinenten. USA ist ein eigenständiger amerikanischer Kontinent geworden, dazu gibt es zwei weitere, und die Einteilung von Lateinamerika und Mittelamerika stimmt auch nicht mehr.

Bewahret das Wissen, bevor es sprachpolitisch verloren geht.

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Hier ist das Flugblatt für Juni 2022

Liebe Leserinnen , liebe Leser, ein kurzer Krankenhausaufenthalt hat mich aus den letzten Arbeiten am Flugblatt heraus gerissen. Aber jetzt, am 4. Juni statt am 1., ist es fertig und ich verbreite es. Ich hoffe, diesmal funktionieren alle Links – sowohl zum herunter laden als auch zum Blättern zwischen den Seiten. Immerhin hatte ich Ruhe genug im Krankenhaus, um an einem der nächsten Essays formulierend tätig zu werden. Freuen Sie sich bitte schon auf die essayistische Erzählung “Das Friedensfrühstück”, das ich entweder bis 1. August oder 1. September fertig zu stellen gedenke. Was berichtet das Flugblatt im Juni? Es geht nochmal um das Russlands-Fahnen-Siegerfoto auf dem Reichstag damals 1945 und ein paar Dinge um das Kapitulationsmuseum Karlshorst. Baron von Feder hat ein Stellenangebot vom Arbeitsamt als Reis-Enden-Lenker bekommen und träumt seitdem von vietnamesischen Reisfeldern. Bis er dann herausfand, was für ein Job sich tatsächlich hinter dem Begriff verbirgt. Er fasste sich an den Kopf und ließ die Hand da, so dass er seitdem nichts mehr schreiben konnte. Ein Friedensgedicht außer der Reihe ist noch entstanden. Schauen Sie mal:

Generale, Pazifisten,
Demokraten, Anarchisten,
Reiche und sozial Versehrte,
Arme und Moral-Bekehrte,
Gläubige und die, die nicht,
sind alle Teil von der Geschicht,
die von jedem nur verlangt,
dass keiner mit dem Nächsten Zankt

Seitdem schweigt der Baron. Er braucht etwas Ruhe. Jetzt bekommen Sie erstmal das Flugblatt mit Downloadlink auf der Webseite. Danach kommt der obligatorische Newsletter. Wer ihn nicht hat, aber möchte, braucht sich nur einzutragen. Den Button dazu finden Sie als geübte Internetnutzer schneller als ich Ihnen erklären kann, wo der steht. Ja, ich auto mich: Mir fällt die Technik nicht so leicht wie sie sollte. Aber man sieht, ich streng mich an. Viel Spaß beim Lesen

Hannes Nagel

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BARON VON FEDER: Bahnlogistik sucht Reis-Enden-Lenker

Bahn-Logistik sucht Reis-Enden-Lenker

Jetzt ist es soweit. Die Chinesen kommen. In Neustrelitz werden Reis-Enden-Lenker gesucht. Offenbar wird die Landwirtschaft auf Reisanbau umgestellt und die Ernährung sowieso gleich mit. Mit umfassenden Kampagnen wird die Bereitschaft der Bevölkerung erzeugt und von geschulten Kadern durchgesetzt. Der Bahnhof Neustrelitz ist von der Erhellten Führung zum Vorbild – Point erkoren worden. “Freiwillige vor”, heißt die jungdynamische revolutionäre Mission; “Werde auch Du Reis-Enden-Lenker”, wirbt die Bahn in einer Stellenausschreibung von ihrem zuständigen Dienststandort Berlin und spricht alle Bewerber mit DU an. Sogar seriöse Herren, die zwar “gepflegtes Äußeres”, “freundliches Auftreten” und gute Umfangsformen” haben, aber selber Hilfe benötigen würden, wenn sie den Reis-Enden helfen sollen, die bereit gestellten Transportgelegenheiten zu besteigen. Besonders die Vorgänge im Zusammenhang mit dem Treppauf und dem Treppab beim Umsteigen könnten beschwerlich sein. Immerhin passt es zu den geforderten Umfangsformen, wenn das Profilbild abgerundet sein soll. Schön, endlich mal keine Adipositas-Diskriminierung. Hä? Ach nee. Das muss ja ganz anders heißen. Fahrgast-Lenkung wäre richtig. Der hat doch wieder der Gender-Teufel einen sonst – vom Du abgesehen – ganz guten Text auf das Gebiet des Unverständliche geschoben. Oder wie die Bahn sagt: “Rangiert”. Ja schiet ok, wenn der Hang zu G-Enderung aus Reisenden Reis-Enden macht. Nun ist nix mehr mit China in Neustrelitz. Am Bahnhofs-Döner wird es auch weiterhin keine Peking-Enten geben. “Halleluja”, schnattern die erleichterten Enten einschließlich der besonders betroffenen Mandarin – Enten zwischen Glambecker See, Käbelick-See, Zierker See und Woblitz.

Aber wenn ich mir den Rest des Stellenangebotes anschaue: Ich glaube, ich bewerbe mich mal. Gleich nachdem ich diesen Text veröffentlicht haben werde (Gute Deutschkenntnisse setzt der Arbeitgeber voraus). Klar werd ich das mal probieren. Auch ohne Chinesen.

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Monsieur Miezerich: Der Juni steht vor der Tür

„Halbjahr“

Liebe Leserinnen, liebe Leser, im Juni sind die Jahre traditionell halb um. Wer jetzt nicht unterhalb seiner Jahresvorsätze liegt, hat gute Chancen, sie erfolgreich beenden zu können. Wer aber im Rückstand ist, der holt ihn nicht mehr auf. Cheffchen sagt, er ist seinen Plänen zum Teil weit voraus, und gleichzeitig hinkt er hoffnungsvoll und chancenlos hinterher. Aber wer will sich schon künstlich unter Zeitdruck setzen? Ich jedenfalls nicht. Und Ihr so? Ich freu mich , dass Cheffchen mir zum Halbjahr für Online meine Sicht der Tagesbemerkungen als Katze eingerichtet hat. Danke, Cheffchen. Immerhin: auch wenn die Chancen auf Erhalt von Mitteln für das Notwendige gering sind: Cheffchen hat gerade eine Mikrowelle für die Essenszubereitung bekommen. Cheffchen sagt: Prima Geschenk „Als erste shab ich mir drei kleine Kartoffeln gegrillt.“ Für den Kindertag am 1. Juni hatter sich vier Mikrowellengerichte erarbeitet. Er ist manchmal ein bisschen wie ein Kind. Aber sind wir nicht alle Kinder – Kinder des Schöpfers? Wir alle, die wir die Kinder des Schöpfers sind, haben eigentlich nur den Wunsch nach Geborgenheit. Geborgenheit kann für jeden anderes aussehen, hat aber insgesamt auf alle die gleiche friedliche Wirkung. Wir Katzen fühlen uns manchmal bei Menschen geborgen, die sich geborgen fühlen, weil wir uns bei ihnen geborgen fühlen. Ich glaub manchmal sogar, Geborgenheit ist der Zustand, wo man nichts zu verlieren hat, aber Sein darf. “Hier bin ich Katz, hier darf ich sein”, dichtete Euer Goethe extra für uns. So ein netter Kerl. Ob der mit Katzen besser konnte als mit manchen Menschen? Was würde Goethe sagen, wenn er von der Verbissenheit erführe, mit der alles, womit ein Ende des Krieges begründet wird, immer auch als Mittel gesehen wird, ihn zu verlängern? Waffen liefern zum Beispiel. Tschüss erstmal, ich geh ne Runde schnurren, das beruhigt.

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TAGESBEMERKUNGEN: 23. Mai. 2022: Verfassungstag

Wer schreibt, der bleibt. Aber auch das Geschriebene bleibt. Es gibt Geschriebenes, welches noch lange bleiben sollte. Manches sollte möglichst ewig bleiben.

Vor 73 wurde das letzte Satzzeichen eines ganz speziellen Textes auf ganz spezielles Papier geschrieben. Handgeschöpftes Büttenpapier war es. Dieses Papier stellte die Papierfabrik Renker her. Solches tut sie, sooft sie es tut, noch heute. Sie tut dies in Zerkall. Zerkall ist ein Ort in Nordrhein-Westfalen, im Kreis Düren, in der Gemeinde Hürtgenwald. Handgeschöpftes Büttenpapier gilt als fälschungssicher und tintenecht. Es ist damit Grund genug für einen Text wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Ein Wort, das soll man lassen stahn und möglichst keine Hand anlegen an einschränkende Bearbeitungen.

Denn wenn es nicht beeinträchtigt wird, ist das Grundgesetz eine brauchbare Regelung für den Umgang der Gesellschaft mit allen ihren Mitgliedern. In Verbindung mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch, der Straßenverkehrsordnung sowie mit Bildung und Kultur bietet das Grundgesetz eine Basis für das Zusammenleben unterschiedlicher Einkommensschichten.

Büttenpapier ist bewahrendes Papier. Aber es kann sich nicht zusammenrollen und auf Finger trommeln, deren Hände sich an den Grundrechten und der Menschenwürde vergreifen. Grundrechte sind das Recht auf Leben, Wohnung, Arbeit, Gesundheit, freie Berufswahl, freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, freie Meinungsäußerung, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Bewahrung des Friedens durch Ablehnung des Waffendienstes, Vertrauen auf Post-und Fernmeldegeheimnis sowie Unverletzlichkeit der Wohnung.

Im Ganzen sind es 19 Grundrechte. Sie zu schützen und zu wahren ist oberste Pflicht von allen staatlichen Organen. Nur wer die Grundrechte zum Nachteil anderer verletzt – Menschenwürde durch Hartz Vier zählt aus verfassungsrechtlicher Sicht nicht dazu – kann seine eigenen Grundrechte oder Teile davon verlieren.

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TAGESBEMERKUNGEN: Preistrick in Kaufhalle

(Glosse) Als Corona war, haben alle alle Presseigerungen auf Corona geschoben. Seit sich Russland und die Ukraine im Krieg befinden, wird der Krieg als Grund für gestiegene Preise herangezogen. Auch für die Warenknappheit. Waren, die nie aus der Ukraine auf deutschen Märkten ankamen, sind jetzt knapp auf deutschen Märkten, und darum müssen für den Rest höhere Preise bezahlt werden. Denn der dümmste Spruch der Betriebswirtschaft heißt: Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Dieser Spruch hat schon immer heftig zuckende rammende Bewegungen des Digitus an an Limbus temporalis verursacht. Wenn Ware knapp wird oder zum Zwecke der nacheilenden Preissteigerung knapp gehalten wird, klettern die Preise, aber sie klettern nur wegen der Gier der Profiteure.
Inzwischen ist die Ausrede von Angebot und Nachfrage ausgelutscht. Einigermaßen ehrlich klang neulich: Die gute Selter gibt’s nicht mehr, weil die jetzige billiger im Einkauf ist. Und daher wird sie teurer als die Gute verkauft. Wobei zu sagen ist: Die Gute Selter hatte eine wirklich erfrischende Konzentration von Prickelkohlensäure. Die jetzige schmeckt fade als habe die Falsche bei geöffnetem Verschluss längere Zeit in der Mittagshitze zugebracht. Der Zweck des Handels ist aber nicht der Profit der Händler, sondern das Wohl der Kunden.
Heute nun haben sie ein billiges Preisschild vor den Käse gepappt, und dann dazu gesagt, das bezöge sich auf das Gewicht. Das war rückseitig ach längerem Suchen durch die Kassiererin tatsächlich zu finden. In de Schlange der ehrbaren Kunden begann ein Kopfschütteln über die Dreistigkeit, einen höheren Preis aufzudrücken. Zwischen 1,29 und 1,99 kann durchaus ein Unterschied mit kaufabschlussausschließender Wirkung bestehen.
Nun liegt der Käse an der Kasse. Es war Tilsiter, der mit dem ehrlichen Duft. Hab ich mir eben ne Stulle mit Gurke belegt.

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BARON VON FEDER: Menschen wollen wieder lernen

BARON VON FEDER

„Menschen wollen wieder lernen“

Eigentlich müsste ich in der Lage sein, mir niemals die Sprache versiegen zu lassen. Denn lesen, Schreiben, Denken sowie das mündliche Artikulieren des zuvor schon Geschriebenen ist meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist der Umgang mit Worten. Der Umgang mit Worten ist die Aufgabe von Schriftstellern, Dichtern, Journalisten, Musikern und Philosophen und Historikern. Wenn es einem von diesen die Sprache verschlägt, ähnelt er einem Kommissar, der nicht kombinieren kann, oder einem Ingenieur, der eine völlig neue Situation im Studium noch nicht hatte, oder einem Arzt, der kein Blut sehen kann.

Blut fließt zur Zeit in Strömen, und über die reißenden Flüsse des Blutes muss es wundenstillende Worte geben. Jedes Blut wird sinnlos vergossen. Der Sinn des Blutes ist es, durch die Kreisläufe in den Körpern den Lebewesen zu fließen, Nährstoffe zu transportieren, Zellen mit Sauerstoff zu versorgen, und allen Organen ein friedliches Miteinander zu bescheren.

Das Schwierige an den Worten ist das Erreichen von Ohren, Hirnen und Herzen. Es fällt auf, dass manipulierende Worte fast immer freien unangefochtenen Zugang haben. Aufklärende Worte aber dringen nicht durch. BILD erreicht mehr Köpfe als Immanuel Kant. Aber Kant ist unendlich klüger. Dieser Größenunterschied lässt sich auch auf das Verhältnis von Kabarettisten wie Christian Ehring von Extra 3 oder Sarah Bosetti anwenden. Sie können was, sie erreichen viele, aber an die Klugheit von Kant reichen sie nicht heran. Bleibt die Frage: Wie könnte Aufklärung in die Hirne kommen, ohne methodisch mit Manipulation verwechselt zu werden?

Falls man sagen kann, dass die „Spassgesellschaft“ die Menschen vom Denken abgebracht hat, dann lernen sie es jetzt wieder. Das möchte ich gerne mit einem Menschen vergleichen, der nach einem Unfall oder einer Krankheit wieder neu Gehen lernt. Vielleicht befindet sich die Gesellschaft am Beginn einer REHA-Maßnahme nach oder trotz einer traumatischen geistigen Kleinhaltung. Zuenehmend wurde ab 1990 den Menschen das Bedürfnis abgenommen, sich nicht mit Dingen zu befassen, die sie nicht verstehen sollten. Wer allein hat einen Vorteil aus der Empfindung, dass die Regierenden machen, was sie wollen, und „wir kleinen Leute“ richten dagegen gar nichts aus? Versuch macht klug.

Heutzutage braucht man den Untertanen nicht mehr zu untersagen, den Maßstab ihrer beschränkten Einsichten an das Handeln der Obrigkeit anzulegen. Lange genug taten sie es von sich aus . Das hat die Spassgesellschaft angerichtet., die Käufer von Erzeugnissen der Wirtschaft als Verbraucher geringschätzen, statt sie als fachlich anspruchsvolle Nutzer zu achten.

Und nun lernen wir wieder. Und werden immer MER – Mit Erfahrung Reif.

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ONKEL JULES VERNEUM: Sylvicultura Oeconomica

ONKEL JULES VERNEUM

„Wieder-Entdeckung vergessenen Wissens“

Als 1990 die Wiedervereinigung von DDR und BRD anstanden, gab es Menschen mit schnelllebigen Geschäftsideen und welche, bei denen die Ideen langsam wuchsen wie ein Wald. Weshalb es dann wohl auch lange dauerte, bis im Osten der Wunsch aufkam, „ehemalige Tuppenübungsplätze aufzuforsten”. Truppenübungsplätze wurden aus Aufforstungsüberlegungen nach kurzer Erwägung von Kosten und Nutzen wieder ausgeklammert. Von Ausnahmen abgesehen, siegte der Weiternutzungsaspekt aus Sicherheitsgründen. Denn wie man seit der mehr oder weniger verdeckten Beteiligung der NATO am Krieg zwischen Russland und der Ukraine sieht, kann man nicht genau wissen, ob und wozu man noch mal ehemalige militärische Infrastrukturen braucht. Bei ehemaligen Braunkohletagebauen sieht die Sache einfacher aus. Diese Flächen spielten im Gesamtprofitkonzept des übernehmenden Teils der Vereinigungspartner keine Rolle. Hier konnten sich dann Forstbetriebe und Umweltschutzingenieure ausprobieren und als Bestandteil der Renaturierung erste Erfahrungen mit der Aufforstung sammeln.

Versuch macht klug, heißt es, unbd Probieren geht über studieren. Ähnlich wie man an einen vergrabenen Schatz erst durch das Wegschaufeln des Bodens kommt oder an den Kern an einer Nuss durch das splitternde Knacken der Schale, so kommt man an die Lösung einer Aufgabe oft erst durch die Feststellung, dass das eine Reihe von bisherigen Versuchen noch nicht die Freilegung der Nuss an sich ist ist. Aber mit jedem Schritt kommt man ihr näher, und am Ende schmeckt die Nuss im Kuchen. Uns wuchs über eine lange Zeit ein erfahrungsschatz heran, über den schon vor 300 Jahren eine Chronologie der Fehlversuche mit Schlussfolgerung für gelingende Versuche der sächsische Oberberghauptmann und königlich-polnische sowie kurfürstlich-sächsische Kammer-und Bergrat Johann Hannß Carl von Carlowitz das Buch schrieb „Sylvicultura Oeconomica“, deutsch: „Wirtschaftliche Waldkultur“. Das war 1713.

Staunend weite Leseraugen

Wenn 2022 ein Mensch über die Idee spricht, sich einen kleinen Wald zu kaufen und ihn zu hegven, zu pflegen und ihm nur soviel zum Leben zu entnehmen, wie er dem Wald auch wieder zurückgeben kann, hört ein Mensch oft die Antwort: “Wenn Du unbedingt Geld verlieren willst, kannst es auch gleich mir geben”. Beide Menschen würden jetzt aber mit staunend weiten Augen vernehmnen, dass im Oekom-Verlag ein 300 Jahre altes Buch neu erschien, dessen modernster Bezug zur Gegenwart die Benutzung des Wortes “Nachhaltigkeit” ist. 1713 verwendete es Hans Carl von Carlowitz in dem Urdruck des hier von Oekom-Verlag neuaufgelgten Buches. Titel, 1713 wie auch 2013 und jetzt, 2022: Sylvicultura oeconomica, deutsch: Wirtschaftliche Waldkultur. Mit sprachgeschichtlich wiedererkennbaren Elementen in Syntax, Lexik und Ausdruck schrieb Hans Carl von Carlowitz:

„Wird derhalben die gröste Kunst / Wissenschafft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.“

Ein Blick durch das Lebenszeitfenster von Hans Carl von Carlowitz

Drei Jahre vor der Unterzeichnung und Veröffentlichung des Westfälischen Friedens zum Zwecke des Abschlusses des Dreissigjährigen Krieges strömte die Luft des Lebens ducch das gerade geöffnete Zeitfenster in die Lungen von Hans Carl von Carlowitz. Es war der 14 oder 24 Dezember 1645, je nachdem , ob man den gregorianischen oder den julianischen Kalender als Grundlage der Lebenszeitrechnung anwendet. 1714 starb er Mann im jungen Alter von 69 Jahren, wo die Reife des Lebenswerkes gerade beginnt. Sein Waldkultur-Nachhaltigkeitsbuch von 1713 ist quasi sein “Vermächtnis”. Der dreißijährige Krieg hatte 65 Jahre mit dem Frieden von Osnabrück seinen formalen Abschluss gefunden. Seit 1700 tobte bereits der näcchste Krieg in Europa. Diemal im Norden, und es ging um die Vorherrschaft im Ostseeraum und damit um Handelswege und Rohstofflieferungen. Die Nachwirkungen des Dreißigjährigen muss man wohl weiterhin gespürt haben: Denn Holz wurde zum Neuaufbau gebraucht und auch zum Heizen und Kochen, Und in der Kunst: Nämlich für Schnitzereien und Möbel. Kurz: Zestörte Wälder und Kriegsverödetes Land bedurften der Aufforstung. Das Wachstum musste einerseits schnell gehen, andereseits auch mit Weile, damit auch langlebige Bäume wachsen konnten, deren Reife erst die dritte Generatione von Forstleuten erlebt. Das alles stellte Hans Carl von Carlowitz so ausführlich und aus der Sicht der jeweils befassten Berufe war, dass es immer noch für Ingeneiuere, Raumbiologen, Heizungsfachleute, Forstleute, Volkswirtschaftler und Historiker eine enorme Informationsquelle ist.

Hans Carl von Carlowitz, der historische Fachberater

Ein 300 Jahre altes Buch mit Antworten auf aktuelle Fragen ist fürwahr das Werk eines historischen Fachberaters. Fachleute von heute können auf die Lösungen von früher zurück greifen und sie auf die heutigen Besonderheiten anwenden. Daher gebührt ihm tatsächlich der Titel „Geschichtsberater“, den es ansonsten nur nur literarisch-feuilletonistisch-essayistisch gibt.

(Hans Carl von Carlowitz, „Sylvicultra Oeconomica, neu editiert von Joachim Hamberger, Oecom-Verlag)

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FEUILLETON-REZENSION: Das Ende des Endes der Geschichte

FEUILLETON-REZENSION

Buchtitel: Das Ende des Endes der Geschichte
Autor: Alex Hochuli/George Hoare/Philipp Cunliffe
Verlag:Promedia-Verlag
Name des Rezensenten: Hannes Nagel

„Fukuyama widerlegt: Geschichte geht weiter“

Das Ende eines Endes ist entweder en Neuanfang, dem ein Zauber innewohnt, oder eine Michung aus Apokalypse, Götterdämmerung, Armageddon oder selbstverschuldeter Vernichtung der Lebensgrundlagen der Schöpfung im Allgemeinen durch die völlig verblödet auftretende Krone der Schöpfung. Ein Brasilianer und zwei Engländer haben 2021 das Buch „Das Ende des Endes der Geschichte“ geschrieben. Nach Übersetzung ins Deutsche durch Stefan Kraft gab der Wiener Promedia-Verlag dem Buch 2022 eine mediale Startbasis im deutschsprachigen Raum. Hinten weisen die drei Autoren der Jahrgänge 1985, 84 und 80 die Leser darauf hin, dass sie ihre Gedanken üblicherweise mittels Podcast verbreiten. Die Freiheit der Zugänglichkeit zun dem Podcast behindern sie jedoch durch eine erfolgreiche Spendenzahlung, gestehen die Autoren , die zwischen 37 und 42 Jahren alt sind. Wenn das Geld im Kasten klingt, der Podcast auf den Rechner springt. Mal sehen, wie lange sie brauchen, um zur Reife der Zahlungsmoderatheit vorzustoßen. Junge Menschen brauchen halt Geld. 1

Nach der Selbstdarstellung kommt das Inhaltsverzeichnis

Erst haben sich die drei vom Buch selbst vorgestellt – oder vorstellen lassen – jedenfalls sind sie nachprüfbare Personen und keine Avatare. Nach dem Selbst stellen sie das Werk vor. Und hier beginnen sie mit einer Überschrift, die mehrerere Enden der Geschichte suggeriert. Das ist unnötig, denn Geschichte hat überhaupt kein Ende, weder eines noch viele. Oder wie ein berühmter Bayer sagte: „A bissel was geht immer“. 2 Aber sie steigern sich und kommen zu recht originellen punktgenauen Zusammenfassungen einer Lage in nur einem Satz . Sie schreiben also völlig unaufgeregt ins Buch, dass der Wegfall des Ostblocks für Langeweile gesorgt hat. „Keiner interessiert sich mehr für Politik, nur noch für Konsum“. Aber jetzt, wo es „fast zu spät“ sei, würden Menschen das politische Denken wieder neu erlernen, welches in der Zeit der Spaßgesellschaft kulturell verkümmerte wie jede andere Fähigkeit, die mangels Training vergeht.

Insofern könnte man Social Media Lerner und Über betrachten, deren Talent sich durch Erfahrung erst noch herausbildet, während die ersten Versuche der sozialen Medien um gesellschaftliche Kompetenz noch kein eigenständiges Denken mit Verantwortungsbewusstsein erkennen lassen. Aber es entwickelt sich vielleicht doch noch etwas daraus.

Vom Kommunismus und vom Kapitalismus

Eigentlich ist mit dem Kommunismus der Kapitalismus auch ein Stück weit an den Flügeln gestützt worden. Denn es blieb, so sagen die Autoren, nur der Konsumismus. Auf der Suche nach einem „Sieger der Geschichte“ sehen sie nur den Konsumenten. Der Kapitalismus berappelte sich und begann, mit Propaganda und Marketingpsychologie die Konsumenten den Bauchnabel zu pinseln, damit sie nicht merkten, dass mit dem Verlust des politischen Denkens angesichts von ausreichend Konsumentenspielzeug auch die Freiheit vergangen war oder vergänglich wurde. Kosumentesspielzeug hat einzuig den Zweck, die Kosumenten aktiv an ihrer kreativen Verödung mitwirken zu lassen, indem sie die Lust verlieren, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

Mit Globalisierung, Umweltkrisen, Minilohnsektor und Sozialabbau spürten dann auch die Kinder in den Kinderzimmern neoliberalisierender ehemaliger Wohlfahrsstaaten, dass der hätschelnde Wohlstandskapitalismus nur die Propagandafassade für den armen Osten war. – und jetzt dachten sie, mit der Finanzindustrie den Pyrrhus-Sieg des Kapitalismus im Streit mit dem sozialistischen Lager doch noch für sich entscheiden zu können. Um doch noch mal Wohlstand für Alle, wirklich Alle, zu erreichen, muss man aber Bescheidenheit lernen.

Schluss

Von da an wird die Nutzung mdes Plurals in Ende und Geschichte klar: Denn ein jegliches hat seine Zeit. Der Beginn einer Geschichte und das Ende einer Geschichte, aber aller Geschichten. Der Frieden hatte einen Anfang und er fand gerade wieder ein Ende. Der Wohlstand hatte eine Zeit, und er fand sein Ende in der Globalisierungsgier. Die Demokratie hatte viele Anfänge, und sie hatte immer wieder einen Neubeginn.

Aber um DAS mitzuteilen, hätte ein Essay auch gereicht.

(Alex Hochuli/George Hoare/Philipp Cunliffe: „Das Ende des Endes der Geschichte”, Promedia-Verlag, Wien 2022)


1  Ältere aber auch – Hannes Nagel

2  Monaco-Franze, „A bissel was geht immer“, Kultfilm von 1983

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