Rezension: Hellers allmähliche Heimkehr

 Hannes Nagel

Rezension „Hellers allmähliche Heimkehr“

Sonntag, 12. August 2012

Erinnerungen sind ungewöhnliche Schätze“

 Die Fähigkeit sich zu erinnern befähigt zum Vergleich von Gegenwart und Vergangenheit. Das ist bei Vorher-Nachher-Fotos so, wenn jemand sich eine neue Frisur zulegt, und das ist bei Dokumentationen vom Erhalt oder dem Verfall von Gebäuden so. Bei Handlungsitten, Wertvorstellungen und Zeitgeistmoden ist es schwieriger, aber im Prinzip auch möglich. Es ist deshalb schwieriger, weil sich der Wandel von Sprachgebrauch, Wertvorstellung, Idealen, Wünschen, Zielen, sogar der Wandel des Arbeitsethos nicht eben mal fotografisch festhalten lässt. Sigmund Freud verlagerte das Unbehagen in der Moderne in eine essayistische Darstellung, und der Schriftsteller Wolfgang Bittner verlagerte das Unbehagen mit der Kultur in die Literatur. Das Buch heißt „Hellers allmähliche Heimkehr“. Darin kommt ein Mann in eine Stadt zurück, die er vor Jahrzehnten verließ um sozusagen „in den großen Städten sein Glück zu versuchen“. Es reiften nicht alle Blütenträume, und darum ist der Mann froh, dass am Baum seines Lebens doch noch einmal Laub wächst, welches ihm Schatten auf dem letzten Ende seines Karriereweges spendet.

Mit Städten, die man von früher kennt, ist es manchmal so, dass man selbst älter und reifer geworden ist, aber das Gefühl hat, hier wäre alles wie immer. 20 Jahre nichts passiert, nur die Frauen sind dicker und die Männer haben kahle Stellen am Kopf. Das klingt so, als ob es überschaubar spannend werden könnte, in solch einer Stadt die redaktionelle Leitung der Lokalzeitung zu übernehmen. Bis hierhin könnte man meinen, die Probleme aller Zeiten wären immer die gleichen. Aber es kommt dann doch noch ein krimineller Hauch hinzu: Der Polizeichef ist mit Geschäftsleuten per Du (sehr verdächtig), die Kommune hat plötzlich einen Bebauungsplan im Hochwasserschutzgebiet (planungsrechtlicher Außenbereich), die Bürger schweigen, weil geduckt. Die Konstellation könnte einem bekannt vorkommen. Überraschend ist aber die Reflexion des Zeitgesistes, den Wolfgang Bittner an das Romangerüst hängt, sozusagen wie Lametta und Kugeln an einen Weihnachtsbaum. Im echten wie im literarischen Leben hängen doch fast immer eigene Erfahrungen, Erkenntnisse, Ansichten, Muster in den Lebensbäumen. Kein Wunder, dass die leute im Roman fast präzis so reden wie im echten Leben (Nur dass im echten Leben nicht so genau auf Grammatik und Zeitformen er Verben geachtet wird. Im echten Leben nutzt doch kaum einer das Präteritum oder irre ich mich da?). Wer Erinnerungen besitzt, besitzt einen Schatz. Nahezu unendlich kann er seine Gegenwart zu dem bisherigen Leben in Bezug setzen und Handlungsmöglichkeiten überlegen, damit ihn niemand unterbuttern kann. Oben bleiben, sich behaupten, wenn auch die See hochgeht und das Wasser kalt und reißend ist, verstehen Sie? Aber auch für die Leser offenbaren sich Erinnerungen, die aus den Seiten zwischen einem Einband kommen, als Schatztruhe. Nämlich dann, wenn die Münzen,Perlen, Edelsteine die eigenen Erfahrungen zum Klingen bringen.

Wolfgang Bittner, „Hellers allmähliche Heimkehr“, Verlag Andre Thiele (VAT), Juni 2012

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