Rezension: Die Rüpelrepublik

 Hannes Nagel

Rezension „Die Rüpelrepublik“

Dienstag, 28. August 2012

Wer hat den Pöbel das Pöbeln gelehrt?

Die Rüpelrepublik“ ist ein Buch mit vielen klugen Beobachtungen und einem großen Irrtum. Der Irrtum heißt: „Individualismus“. Ein Selbst zu sein ist kein Egoismus. Die Gleichsetzung von Individualismus und Individualität mit Egoismus lenkt davon ab, dass Indivualismus Freiheit bedeutet, und bei Freiheit herrscht doch wohl Einigkeit, dass sie nie auf Kosten anderer gehen soll, oder? Wenn ein Egoist und ein Individualist zum Beispiel in einer Schlange an der Kaufhallenkasse stehen, dann drängt der Egoist sich vor, hält den Verkehr auf, schickt seine drei Kinder noch mal an drei Regalreihen, um noch Joghurt, Salzstangen und fette süße Limonade zu holen, und schimpft auf den Individualisten vor ihm, weil der mit seinem Hintern keinen Platz macht für den überquellenden Einkaufswagen des Egoisten. Auch sind Egoisten Fatzkes, für die Karriere über Freundschaft geht und Freundschaft nur ein Hilfswort für „Schönwettergebrauchsbeziehung“ ist. Individualisten sind dagegen Menschen, die niemandem gestatten, geringer zu sein als der Individualist selbst. Eigentlich ist „Chacun a sont gout“ ein sehr individualistisches Motto. „Jeder wie es ihm gefällt“. Das Wort „Jeder“ setzt voraus, dass es um „Mehrere“ geht. Einer allein kann nicht „Jeder“ sein. Individualismus ist wie eine Handschrift: Fünf Leute können identische Verhaltensregeln aufschreiben, aber jeder tut dies mit seiner eigenen persönlichen Handschrift – und die ganz persönliche Note der Lebensgestaltung unter Einhaltung gesellschaftlicher Regeln, welches die Individualität jedes einzelnen Menschen ausmacht, ist so gesehen auch die Handschrift jeder Lebensweise. Individualismus ist Freiheit, wenn man Individualismus zulässt.

Das war der Irrtum. Es folgen die klugen Beobachtungen. Jörg Schindler beschreibt zuerst einmal die Empfindung, dass soziale Normen und Regeln in der Gesellschaft nicht mehr gelten – weder unten bei den gesellschaftlich verachteten Unterschichten noch oben bei den die Gesellschaft verachtenden Elitenschichten. Und da fragt er sich, wie die soziale Verrohung entstanden ist. Mit anderen Worten: Wer hat den Pöbel das Pöbeln gelehrt? Und das war die Schule. Der mangelt es an Geld, Lehrern, Motivation. Ich fand keine Antwort darauf, wer die Schulsituation verursacht hat und sage deshalb so: das war die Politik. Die bildet Lehrämtler und Pädagogen auf Halde aus, kann sie dann nicht einstellen, weil die Landeshaushalte keine zusätzlichen Pensionanspruchsberechtigungsanwärter erlauben, und im übrigen: Wenn in der Politik Egoisten über Lehrinhalte befinden, können sich Verantwortung füreinander und Umgang miteinander nicht durchsetzen.

Dann kommt Jörg Schindler auf das Thema Gewalt. Die scheint ihm immer mehr zuzunehmen und in gebildeten Kreisen sehr subtile Formen anzunehmen. Das dürfte für Steven Pinker interessant zu lesen sein, denn der schrieb kürzlich, dass Bildung und starker Staat die Gewalt im wesentlichen zurückgedrängt hätten. (siehe “Das Flugblatt” Nummer 48 vom 1. August 2012) Sowohl Pinker als auch Schindler bemühen hierzu den Soziologen Norbert Elias und dessen Buch „Über den Prozess der Zivilisation“. Also ist es wohl so: Die Gewalt, die immer mehr zurückgeht, nimmt zu. Vielleicht verwirbeln hier auch bloß Werte wie kalte und nasse mit heißen trockenen Luftmassen, so dass sich sich da ein gesellschaftlicher Tornado zusammen braut.

Es fehlt auch an der Konfliktlösungskompetenz. Jahrelang haben Anwälte und Rechtsschutzversicherungen dafür geworben, jedem sein Recht zu holen, der dafür in die Versicherung einzahlt, und nun wird bei jedem Scheiß der Anwalt gebeten zu klagen. Alles bloss weil keiner mehr kann, was unter gebildeten und kultivierten Leuten üblich ist. Dazu gehört auch Kommunikation. Universitäten bieten ständig Studiengänge in Kommunikation an, aber keiner redet mehr miteinander. Nur übereinander. Die Folge: Konflikt. Die Lösung: Der Anwalt. Die Folge: Gewalt. Hoch und höher schraubt sich die Spirale.

Im Prinzip, so scheint der Text zu sagen, muss man bloß mal ein paar Dinge selber in die Hand nehmen, die Klugheit benutzen, vorausschauend denken, miteinander reden, Prinzipien zur Seite legen und den Konfliktgegner als Partner bei der Lösungssuche betrachten. Wo gemeinsam weise entschieden wird, kriegt die Gewalt keinen Fuß in die Tür.

PS: Man kann sich unterschiedliche Individualinteressen auch als Blütenblätter vorstellen, die ALLE um denselben Kelch angeordnet sind. Und wenn Sonnenblumen harmonisch aussehen können, wird eine Gesellschaft ja wohl ebenfalls ein blühendes Harmoniebild abgeben können.

Jörg Schindler, „Die Rüpel-Republik. Warum sind wir so unsozial?“, Scherz-Verlag, Frankfurt am Main, 2012

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