FEUILLETON-REZENSION: “In Erdogans Visier”

Rezension „In Erdogans Visier“

„Der Einfluss von Leuten ist oft nicht selbsterklärend“

 Die Türkei stand schon einmal sehr sehr knapp vor dem Beitritt zur Europäischen Union. Der angehaltene Atem war in ganz Europa hämmernd zu hören, besonders in Deutschland. Der damalige Kanzler Gerhard Schröder hatte sich ausgiebig mit Erdogan auf dem west-östlichen Diwan gelümmelt, so dass Erdogan fließend zitieren konnte:

„Denn wer sich selbst und andere kennt
der wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
sind nicht mehr zu trennen.“

Dann kam Angela Merkel. Sie wollte nicht zu Erdogan auf den Diwan. Seinerseitige Avancen mit dem Goethezitat konterte sie mit Hinweis auf ein anderes Goethezitat, welches der einzige Spruch ist, der in seiner verkürzten Form aus dem Drama „Götz von Berlichingen“ bekannt geblieben ist.

Nicht nur Polizisten fühlen sich beleidigt, wenn ihnen die Berlichingen-Forderung in Kurzform entgegen gebracht wird. Auch Erdogan mag davon tief getroffen gewesen sein. Aus seinem entgegenkommen an die EU wurden lauter kleine Stänkereien und Bockigkeiten gegenüber den Klassenkameraden der Europäischen Politikerklassen, besonders gegenüber Klassenprimus Merkel und Klassenstreber Sarkozy.

So wurde dann aus einem ziemlich realistischen und klardenkenden Staatsmann einer, dessen autokratische Züge vom Westen zunehmend als Verlust des Realitätssinns interpretiert wird. Welch arrogante Hoffärtigkeit des Westens. Die Autorin Hülya Özkan zeigt in ihrem Buch „In Erdogans Visier“ eher einen verschmähten Verehrer, der sich auf dem Basar der Eitelkeiten und Beziehungen nach neuen Partnern umsieht. Wenn es nicht die die hochnäsige Dame Europa sein kann, so soll es eben eine bodenständige Muslima sein. Europa aber rümpft das Näschen und erkennt nicht, dass der Verehrer dann eben die neue Angebetete anders anbaggern muss, als er es mit Europa getan hat.
Man braucht hier für niemanden Partei zu ergreifen. Es geht um Staatenlenker. In deren Metier ist alles Kalkül. Zahlst du mir genügend Geld, halt ich dir Flüchtlinge von den Grenzen fern. Giftest du mich aber an und störst meine Wirtschaft mit Sanktionen, dann stiften meine Landsleue in deinem Reich Unruhe. Das können die. Willst du es riskieren?

Selbst Menschenrechte bleiben in solchen Kreisen immer nur Kalkül. Sie dienen auch gar nicht als Verhandlungsargument, sondern der Mobilisierung von Anhängern. Gegen den Willen von riesengroßen Heeren der gesellschaftlichen Öffentlichkeit kann kein Staatsmann etwas ausrichten. Leider will die gesellschaftliche Öffentlichkeit sich nie alleine führen, sondern erwartet dies von der Regierung.

Die Autorin fasst ihr Büchlein mit den Worten zusammen, dass die Türken Deutschland lieben, aber Deutschland nicht zurück liebt. Und aus den negativen Gefühlen über die verschmähte Liebe handele Erdogan nun wie ein Liebhaber, der seine Braut bestrafen will. Das ist womöglich eine sehr einseitige Brautsicht.

(Hülya Özkan, „In Erdogans Visier“, Knaur Taschenbuch, München 2017)

Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton-Rezension veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.