Rezension: Im Spiegel der Sprache

Sonntag, 24.10.2010

Vom prallen Kleiderschrank der Sprache

Hannes Nagel

Sonntag, 24.10.2010

Rezension Im Spiegel der Sprache

Hannes Nagel

Auf das Buch „Im Spiegel der Sprache“ von Guy Deutscher wurde ich durch ein Interview in der FAZ vom 26. September aufmerksam. ( www.faz.de )Der Untertitel lautet nämlich: „Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht“. Das wollte ich schon immer mal wissen.

Außerdem wollte ich wissen, ob sich für das große Thema „Sprachgebrauch“ kühne Thesen aufstellen lassen. Zum Beispiel diese: „Formulierungsvielfalt alleine ist noch keine Meinungsvielfalt. Im parlamentarischen Sprachgebrauch wird meist nur gegen Formulierungen diskutiert, aber nicht gegen Meinungen“. Darüber hinaus wollte ich die Ausführungen des Verfassers finden, auf die sich die Interviewerin bezieht, zum Beispiel, dass die Farbwahrnehmung von der Muttersprache abhängt und das es die Sprache ist, die Weltsicht und Denken bestimmt. Womit der Bogen zur Politik gespannt sein könnte. Ungerechtigkeit als Missverständnis. Gerechtigkeit durch Verstehen. Mit diesen hohen Erwartungen beginne ich die Lektüre…

… und schon nachdem ich mich durch zehn Seiten Text gewühlt habe, finde ich die erste Perle des Buches. Sie könnte ein Witz sein, den eine Salondame einer Gruppe edler Herren erzählt. „Meine Herren, wissen Sie, wie sie den Unterschied zwischen einem Engländer, einem Franzosen und einem Deutschen herausfinden können? Aber nein, meine Herren, nicht den Unterschied, an den Sie gerade denken. Sie müssen die drei Sprösslinge von Vaterland und Muttersprache nur auffordern, den Begriff Kultur zu erläutern“.

Was Guy Deutscher daraus schlussfolgert, bestätigt schon einmal eine der kühnen Thesen: Der Franzose, der Deutsche und der Engländer sprechen zwar alle von Kultur, kleiden aber das Wort in drei unterschiedliche Formulierungen. Wenn man so will, in einen eleganten Anzug, in schlabbrige Trainingshosen mit grünem Wollpullover und in eine unästhetische Militäruniform. Wenn Menschen sich unterhalten, zeigen sie sich nur die Kleider, in die sie ihre Aussagen gesteckt haben. In einem Streit zum Beispiel reden beide Seiten von derselben Sache. Der Uniformträger will bloß den Anzugträger zwingen, ebenfalls Uniform zu tragen. Der Streit geht nicht um Meinungen, sondern um die Wortwahl der vorgetragenen Meinung. Deshalb kommen Verhandlungen nicht auf den Punkt und keiner lässt den Anderen ausreden, weil er aus drei Worten eines Satzes schon den Rest der Aussage ableiten zu können meint – die juristische Engstirnigkeit der Sprache ist ein Paradebeispiel dafür.

Wo aber kommt der Sprachgebrauch, kommen die Sprachgebrauchsmöglichkeiten her? Der Autor konfrontiert die Leser mit der atemberaubenden These, dass diese Entwicklung begann, als Menschen entdeckten, durch die Art zu Formulieren auch den Umgang miteinander und die Einstellung zu den Dingen zu beeinflussen. Sein Musterbeispiel ist das Verhältnis von Sprache und Farbe. Um zu erklären, warum Menschen den Himmel blau sehen und seit wann, bedient sich Guy Deutscher der hierüber aufgestellten Theorien eines Herrn Gladstone aus England, der seine Erkenntnisse wiederum aus der Lektüre von Homer hat. Deutscher weist gleich darauf hin, dass der Einfluss der Sprache auf das Denken und das Wahrnehmen schwer nachweisbar ist. Es scheint aber doch zu stimmen, Autosuggestion und Neurolinguistisches Programmieren arbeiten ja auch mit dem Phänomen, dass die Seele die Welt gar nicht mehr so trübe wahrnimmt, wenn sie für das verdammte Sauwetter und dem ständigen Misslingen der Arbeit fröhliche Worte hat.

Wenn einer reden kann, heißt das noch lange nicht, dass er sich mit Sprache beschäftigt hat. Es ist auch unmöglich, alle Thesen darzustellen, die Guy Deutschers Buch parat hält. Die wichtigste scheint mir zu sein, dass die Sprache selbst noch ein unvollkommenes Werkzeug ist, um sich zu verständigen. Sprache müsste sein, als ob Lippen knutschen. Denn nichts ist verständiger als ein verständnisvoller Kuss.

Guy Deutscher, „Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht“, Beck-Verlag, München 2010

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