Baron von Feder
„Ein bisschen stolz sein“
„Was ist Zeit?“, fragte ein alternder Vertreter zwei Geschäftsleute in Erich Maria Remarques Roman „Der schwarze Obelisk“. Mit 56 Jahren ist ihm nämlich die Lebenszeit vergangen und was hat er erreicht? Nichts hat er erreicht. Erst als der Hintern einer rattenscharfen Frau im gegenüberliegenden Fenster kurz aufleuchtet wie der Mond, bevor er wieder hinter dunklen Wolken verschwindet, bringt ihm kurz die Freude der Jugend zurück. „Was ist Zeit?“, fragten nach einem halben Jahrhundert Lebenszeit Absolventen und Aussteiger, die dazumal gemeinsam ein Studium begonnen hatten. Von den damaligen Studienfreunden wurden manche Beamte, manche Unternehmer und manche sattelten ganz andere Pferde, um die Wege des Lebens zu reiten. Die Beamten glaubten beim Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus nicht so recht an Wohlstand durch Leistung und wählten den abgesicherten Zustand durch Unkündbarkeit und Pensionsanspruch. Dafür gaben viele dem neuen System freiwillig das, was sie im Sozialismus Opportunismus nannten. Andere wurden Unternehmer waren ihrerseits dem kapitalistischen System auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Blieben noch Leute, die in ganz andere Richtungen ritten. Über gereifte und ungereifte Blütenträume mag keiner reden. Zwischen Karriere, Wohlstand, vergleichsweiser Armut und scheinbarem Versagen sind nach 50 Lebensjahren und ganz unterschiedlichen Wegen kaum Unterschiede zu erkennen. Macht also die Zeit alles gleich? Dann ist alles Streben nur eitles Haschen nach Wind, aber nötig, um überhaupt etwas zu tun. Da Streben ist also nur ein Teil des Seins und nicht für sich genommen schon der Sinn des Seins. In „Habe nu, ach“ bedeutet: außer streben nichts erleben, „Hättste man, ach“ bedeutet: kurz vor Abgabe der schriftlichen Prüfung die Lösung zu haben, aber sie aus Zeitmangel nicht mehr aufschreiben zu dürfen. Viel lieber möchte ich ein bisschen stolz sein und still feixend für mich feststellen: „Habe trotz Allem“.
