BARON VON FEDER
„Rationierte Infohappen“
Neulich hab ich mal versucht, jemanden zu finden, der vollständig über den ukraino-russischen Krieg und dessen Bedeutung als Manöver für den dritten großen Krieg ist, während es noch Zeugen für die beiden Vorgängerkriege gibt. Ich fand denjenigen nicht. Mal war keiner ehrlich, mal wusste keiner etwas Genaues. Daraus ergab sich für mich die Schlussfolgerung, dass die Informationen rationiert zugeteilt werden. Hochgehaltsträger, propagandistisch auch Leistungsträger genannt, bekommen beispielsweise Wirtschaftsdaten als Hintergrundinformation. Sie sollen dann „Ach so“ dazu sagen und fürderhin als gewöhnlich gut informierte Kreise dem Prekariat erklären, dass die prekäre Lage der Arbeitsmärkte auch von den Gefahren des internationalen Terrorismus verursacht ist. Das sind Schlöcher alle miteinander. Schland wimmelt von Schlöchern. Wer nur aufs Fernsehen angewiesen ist, bekommt vom Sender gesagt, das es „Alle Infos“ nur bei diesem Sender gibt. Auf die theoretisch vorhandene meinungsvielfalt wird gar nicht erst hingewiesen. Zur Zeit bringt jeder neue tag eine Bestätigung dessen, was ich am Vortag dachte. So schnell ging das noch nie. Ich warte noch auf den Tag, wo ich bereits „Siehste“ sagen kann, wenn ich gerade erst ausgesprochen habe. Monat für Monat, wenn ich für „Das Flugblatt“ arbeite, empfinde ich das politische Kabarett als neue Darstellungsform von Journalismus. Prompt sagten die Kollegen Uthoff und von Wagner ähnliches im Gespräch mit dem Onlinemagazin „Telepolis“. Sie bezogen sich dabei auf die Septemberausgabe des Sendung „Die Abstalt“, in der von Wagner mit einer Generalsuniform rumlief und zeigte, wie man neuerdings im Fall Ukraine, Syrien, IS und anderen Kriegstatorten statt Journalismus „Heeresberichte“ und „Wehrmachtsberichte“ verbreitet. Das us-geführte Kriegstreiben damals gegen Saddam Hussein versuchte hierfür „embedded journalists“ als liberalhegemoniales Pressekorps einzusetzen. Sie waren noch nicht soweit. Wieweit sind sie jetzt? Kann man noch „Hinter den Schlagzeilen“ lesen, wenn dahinter nur steht, dass es so gar nicht sein kann, wie es vorne behauptet wird? Kann da überhaupt etwas anderes stehen, wenn die Informationsbeschaffung die Anwendung der Snowden-Methode verlangt? Dazu gehört Mut. Oder reicht es schon, wenn man die die offiziellen Informationen so anordnet, dass die Widersprüche zwischen den Zeilen sichtbar werden? Dann ist Kabarett wirklich Journalismus. Die Tradition ist lang. In der Weimarer Klassik zum Beispiel hatte „Das Theater“ auch schon einen journalistisch aktuellen Unterhaltungsauftrag. Das politische Kabarett von heute soll aber keine seichte Unterhaltung sein. Dazu ist die Lage zu ernst. Sie soll aber das Kriegstreiben wirkungslos verpuffen lassen. Die Pointe von Uthoff und General von Wagner hieß: MAKE LAUGH NOT WAR.


