Baron von Feder: Frechheit ist der Geist der Zeit

Frechheit ist der Geist der Zeit

 Mit der kleinen Teufelsfeder
dichtet der Baron, denn jeder,
der ihn etwas besser kennt,
weiß, dass man ihn „Den Frechdachs“ nennt.

Frechheit muss in diesen Zeiten,
die die Staaten bös bereiten,
schon zwecks der Selbstbehauptung sein.
Dies hält geplante Übel klein.

Man kann sie wohl nicht ganz verhindern
jedoch in ihrem Ausmaß mindern.
So ungeniert als wie bisher
lügt auch ein Kanzler heut nicht mehr
Stets lacht das Volk ganz teuflisch breit.

Frechheit ist der Geist der Zeit

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Die Hildebrandung

Die Hildebrandung

Ein Meer aus Geist ergoß sich an den Stränden
und legte Perlen, Muscheln, Bernstein in den Tang
und wenn sich auch die Winde wenden
verläßlich war die Brandung – vielen Dank

(Für Dieter Hildebrandt)

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Redaktionsmitteilung: Das Flugblatt Nummer 74 für 1. Dezember ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser, das Flugblatt für den Ersten Dezember ist fertig. Die
Erlauchte Runde befasst sich mit den hohen Strompreisen, obwohl die gar nicht nötig sind,
und stellt fest, Strom ist nur deshalb teuer, weil er gehandelt wird. Dr. Liberalitas
fordert darauf hin, das Unfassbare zu begreifen. Der Traurigkeit zum  Trotze hat sich die
Abteilung Rezension mit einem Kochbuch von Ursula Winnington befasst – kurzer Aperitif:
„Liebe, Lust und Leckereien“ – und jeder einzelne Punkt ist wörtlich gemeint. Und wenn das Mahl gemundet hat und nichts die Geister trübt, dann kann man sich auch über Bayerns „Ausländer Maut“  Rufe mokieren. Dafür ist die Gruppe Artikel 20 zuständig. Bewegungsmelder gibt es zwei, und die Glosse heisst „Der Sozialgeheimdienst“.

Viel Spass beim Lesen, hier kommt der Link: Das Flugblatt Nummer 74 01-Dezember-2013 –

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Pour Le Profit

In Kürze beginnt hier eine Fortsetzungsgeschichte

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Bewegungsmelder: Es brodelt

BEWEGUNSMELDER

 Es brodelt“

 Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die verbliebenen Menschen zur Ruhe kommen. Weil es viele nicht mehr gab, wurde fast jeder gebraucht. Die Chancen waren da, zumindest theoretisch, wenn auch nicht für Alles. Aber zumindest für kleine Jobs, um sich über Wasser zu halten, gab es Chancen auch für Leute, die etwas anderes konnten oder wollten als Malocherjobs.

Neulich sagte jemand: Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges macht die Geschichte eine Atempause, und das Land ist geprägt von Restauration. Es sammelt sich. Es besinnt sich wieder. Worauf besinnt es sich? Die These war gemein, denn sie ließ mir keine Ruhe, und ich bedarf der Ruhe zur Zeit sehr. Es beruhigte mich daher, als ich einen Zusammenhang zwischen Restauration, Stagnation und Brodeln sah. Restauration war das große Wundenlecken mit dem anschließenden „Jeder wird gebraucht“. Fast konnte man es sich aussuchen. Dann kam die Zeit der Stagnation. In der Stagnation wird nicht mehr jeder gebraucht. Es stagniert bei Jobs. Statt dreijähriger Berufsausbildung soll jetzt eine zweiwöchige Anlernphase reichen, damit Aushilfskräfte Arbeiten von Fachleuten erledigen können. Es stagniert bei Chancen. Arbeitssucher werden abgelehnt, weil sie keine praktische Erfahrung haben, und sie können keine praktischen Erfahrungen sammeln, weil sie mangels praktischer Erfahrung abgelehnt und nicht eingestellt werden. Es stagniert bei Einstiegsmöglichkeiten. Dieter Hildebrandt konnte noch als Student „entdeckt“ werden, bevor er selber zum „Entdecker“ wurde, weil er einen Einsteigerjob als Platzanweiser und Kartenabreißer im Theater bekam, um sich damit was Geld zum Studium hinzu zu verdienen. Es stagniert nämlich auch das Interesse am Menschen. Der ist nur für die Verwertung von Jobvergeberinteressen von Bedeutung. Ausgequetschte Zitronen landen auf dem Kompost und interessieren niemanden mehr. Aus diesem Grund stagnieren auch Talente in der Warteschleife. Sie möchten und sie dürfen nicht. Daher fängt es in ihnen an zu brodeln. Die Stagnation ist der Übergang von der Restauration zum Brodeln. Es brodelt in den ungenutzten Menschen, die ihren Talenten einen Weg bahnen möchten.

Es brodelt aber womöglich auch in der Gesellschaft, weil der friedlich schlafende Atem der Geschichte unruhig wird. Durch Träume, oder weil der Morgen dämmert? Wenn ich mich im Halbschlaf auf einen Morgenkaffee freueen kann, stehe ich ruhig und geborgen auf. Wenn ich nichts habe, worauf ich mich freuen kann, wache ich mit brodelndem Blutdruck und Tatendrang auf, weiß aber nicht, zu welchen Taten es mich drängt. Dann staut sich der Druck, und der Geist muss ein Thema finden, an dem sich der Tatendrang besänftigen kann. Bezogen auf eine brodelnde Gesellschaft heißt dies: Es gibt statt Morgenkaffee beim Aufwachen die Ahnung eines Sozialgeheimdienstes, der nach den Zuckerstückchen und dem Belag auf der Stulle schnüffelt. Wenn es schon Morgenkaffee gibt, enthält die Morgenzeitung hauptsächlich Hofberichterstattung. Beim Ausweichen von der Zeitung ins Internet zeigt Google, wie sehr die Webung dem entspricht, was man gestern aus Informationsinteresse gesucht hat, aber nicht gefunden hat. Denn nicht die Informationen zeigt die Suchmaschine an, sondern die Werbung, die sich Zecken gleich in die Haut der Informationen bohrt. Der Schein der Werbung wird zum Sein der Dinge verdreht. Kein Wunder, wenn nachher das Denken automatisiert wird. Zugang zu Bildung und Information wird rationiert. Jeder darf nur noch wissen, was zur Erfüllung von Aufgaben, die einem anderen dienen, nötig ist.

Brodelt es? Im Rahmen der von der Werbung bestimmten Möglichkeiten gibt es hierzu inzwischen häufiger Beiträge in den Medien. Holenh wir sie heruas, und verbreiten sie mündlich, theatralisch, auf Bühnen, in Clubs, miteinander, untereinander, – erzählen wir uns, was los ist, tauschen wir uns aus, und finde jeder einen Weg für das, was ihn bewegt.

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Baron von Feder: Deutschlands Sozialgeheimdienst

Baron von Feder

Deutschlands Sozialgeheimdienst“

 In Zukunft soll das Bundeszentralamt für Steuern kleine Online-Geschäft von Hartz-Vier-Opfern kontrollieren und über das zuständige Finanzamt den Jobcentern zu melden. Den Leistungsabteilungen und Fallmanagern ist nämlich die Vorstellung unerträglich, dass ein Arbeitsloser per E-Bay-Versteigerung sein kärgliches Einkommen auf Regelsatzbasis aufbessert, weil jedem Menschen ab und zu „ein bisschen was extra“ zusteht. Das wäre ein unzulässiger Zuwachs an Lebensqualität und unterläuft damit den Zweck der Hartz-Vier-Gesetze. Verkaufen dürfen und sollen die Hartz-Vier-Opfer ja, aber keinen Gewinn daraus ziehen. Womit sies eigentlich behalten dürfen.

Noch vor ein paar Jahren hätte jeder einer Behörde mit derartigen Gedankengängen einen Vogel gezeigt. Heute ist es durchaus denkbar, dass sich ein Arbeitsamt das Steueramt zum Erfüllungsgehilfen dienstverpflichten kann. Eine Zeitung nannte es kürzlich den „Aufbau eines Sozialgeheimdienstes“. Die bisherigen Denunzianten mit der Tarnbezeichnung „Aufmerksamer Bürger, der seiner Verantwortung gerecht wird“ werden in Deutschlands Sozialgeheimdienst Agenten. Und wenn das alles nicht Hilft, um den Anspruch auf sinnvolle Betätigung und Einkommen zurück zu drängen, dann müssen Hartz-Vier-Opfer bei Antragstellung ihre Computer abgeben und dürfen im Internet nur noch das Stelleninformationssystem des Arbeitsamtes ansehen. Termine und Computernutzungsplatz vergeben die Fallmanager.

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Rezension: Der Baron, die Juden und die Nazis

Hannes Nagel

Rezension „Der Baron, die Juden und die Nazis“

 „Das fremdgedachte Milieu

 Im traurigen Monat November wars. Die Tage wurden trüber. Da schickte der Hofmann und Campe Verlag ein Buch von Frau Ditfurth herüber. Es ist ein ziemlich schwieriges Buch und dazu auch noch ein Wagnis. Es macht den Ditfurthschen Stammbaum zum Kern nationalromantischen Denkens. Ein Denken, das Platz für die Juden nicht hat, doch für Nazis und Antisemiten. Wie das alles zu erklären ist, will Jutta Ditfurth berichten, und erklärt die deutsche Geschichte sodann als Beet von Familiengeschichten. Im Mittelpunkt steht der Urgrossonkel Börries von Münchhausen. Der schrieb zwischen 1897 und dem Beginn herrlicher Zeiten gemeinsam mit einem Freund, dem Zeichner und Grafiker Ephraim Moses Lilien ein Gedichtbuch mit dem Namen Juda, worinnen Balladen erschienen. Danach geschah etwas mit Münchhausen, und er wurde Antisemit. Rechtfertigt das ein Buch mit 395 Seiten? Die Frage hat vielleicht auch die Autorin umgetrieben, oder sie kennt bereits die Leser als Pappenheimer, und daher schreibt sie ganz hinten, wo die Danksagungen kommen, warum sie das Buch geschrieben hat: „Der Grund für dieses Buch liegt in der kritisch – historischen Auseinandersetzung mit dem sozialen Milieu, in das ich zufällig hineingeboren wurde. Der erste Anlass über ein Buch nachzudenken, war ein Brief Börries von Münchhausens bezüglich der Namen der Juden.“ Aufs Engste verknappt zeigt der Brief, dass der Baron vom Judenfreund ein gefährlicher Antisemit geworden war. Von hier an gehen die Lesergedanken einen anderen Weg als die Seiten der Autorin vorschreiben. Meine befassten sich plötzlich mit der Frage, wie lange Dinge wichtig sind. Wann kommt der Punkt, von dem an die Dinge keine Rolle mehr spielen? Ich habe in Bezug auf meine eigene Geschichte kürzlich Aktenmaterial von vor 28 Jahren gelesen. Alles war wieder frisch, aber es interessiert ehrlich gesagt nur mich. Wie ist es mit diesem Buch? Leute wie Ernst-Moritz-Arndt starben vor dem Holocaust („Die Gnade des frühen Tods“) Der Verfasser von „Was ist des Deutschen Vaterland?“ musste also das monströse Verbrechen nicht mehr erleben, zu welchem die Zeilen „Soweit die Deutsche Zunge klingt, und Gott im Himmel Lieder singt, das, Wackrer Deutsche, nenne Dein“. Nein. Niemand ist in der Lage, dieses monströse Verbrechen zu relativieren. Schweigen, Denken, Leiden sind die Folgen. Und jedes Wort, ob gesprochen oder gedacht, wirkt auf den Gegenstand, dem es gilt, und ändert ihn. Wenn aber Schweigen und Sprechen gleichermaßen falsch ist, was bleibt dann noch?

Das ist ein Gedanke, der sozusagen durch die Seitentür oder das Kellerfenster in das Denkgebäude hinein gelangt. Wie behandelt man diesen Gast im Haus?

Der Baron, die Juden und die Nazis“ ist im Grunde eine sehr interessante Darstellungsform. Geschichte wird auf die Geschichte einer Familie bezogen, bleibt aber keine reine Familienbiographie, sondern erklärt ihrerseits die Geschichte eines Landes als die Geschichte seiner Adelsfamilien.

Jutta Ditfurth, „Der Baron, die Juden und die Nazis“, Hofmann und Campe, Hamburg 2013

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Baron von Feder: Doppelstockwege gegen Platzmangel

Baron von Feder

Doppelstockwege gegen Platzmangel“

 Die Gemeinde Zingst auf einer Sandbank an der Ostsee, gleich rechts neben dem Darss, lebt mangels fehlender anderer Möglichkeiten hauptsächlich vom Tourismus. Das Geld sprudelt reichlich aus den Taschen der Urlauber in die Kassen der Gemeinde. Bei 3 fuffzich für eine kleine Tasse Kaffee ist das auch kein Wunder. Angesichts des Sprudels kommt die Tourismusbranche nach jeder Saison auf die Idee, dass die Übernachtungszahlen gesteigert werden müssen. Infolge dessen sorgte ein Bauboom für wuchtige Ferienwohnungen mit der notwendigen Anzahl von Betten. Neuerdings aber hat die Gemeinde bemerkt, dass die Fläche der Sandbank nicht mit den Urlauberzahlen wächst, so dass es zu Fussgängerstaus kommt. Selbst Radfahrer auf den Deichen müssen dann anhalten, weil der Fussgängerstau sich einfach nicht auflöst. Auch dann nicht, wenn sich die Leute gegenseitig in die Hacken treten. Und am Strand liegen die Leute dicht an dicht, was auch nicht immer ein reines Vergnügen ist. Mitte November präsentierte Zingst voller Stolz eine Probelösung für das Dilemma mit den Wegen. Über den Dünen, wo der Sandhafer wächst und der Breitwegerich, soll ein Entlastungsweg auf Stützen gebaut werde. Sozusagen ein Hoch-Weg. 2 Millionen Euro soll das Dingens kosten. Zehn Prozent will die Gemeinde wuppen, den Rest sollen Land und EU dazugeben, beschloss die Gemeinde. Von der Beteiligung der Allgemeinheit war vorsorglich noch nicht die Rede.

Die Idee ist ausbaufähig. Nach dem Vorbild der Hochweg-Dünen-Promenade könnten auch Doppelstock-Liegeplätze am Strand errichtet werden. Das nimmt die Enge aus den Körpern und spendet Schatten gegen Sonnenbrand.

Ach, übrigens: Ab 2017 soll die Erdölförderung beginnen. Die Ölfirma sagte vor ein paar Tagen, dass sie dazu die Bahnanbindung braucht. Kesselwagen und Touristen auf einer Strecke? Wer bleibt dann? Können Ölquellen und Tourismusgeld gleichermassen sprudeln? Von den Auswirkungen auf die Kraniche, Gänse und anderen Schöpfungsmitglieder war noch gar nicht die Rede.

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Übernommene Texte: Wecker gegen die Entmündigung der Demokratie

Wecker gegen Entmündigung unserer Demokratie

Ein trojanisches Pferd der Konzerne in den nationalenen Entscheidungsgremien.

Ein trojanisches Pferd der Konzerne in den nationalenen Entscheidungsgremien.

Konstantin Wecker warnt vor dem geplanten internationalen Abkommen “TAFTA”, das die nationale Gesetzgebung Konzerninteressen unterwerfen würde. Wieder ein massiver “postdemokratischer” Angriff auf unsere Werte und unsere Freiheit, der wir entschlossen entgegentreten müssen.

Liebe Freunde,

es lohnt sich immer, die „Le Monde diplomatique“ zu lesen. Da mein Französisch leider sehr zu wünschen übrig lässt, muss ich mich mit der deutschen Ausgabe begnügen. Aber auch die hat‘s in sich.

In der aktuellen Ausgabe vom November 2013 ist ein Artikel erschienen, der mich in inneren Aufruhr versetzt hat. Einer dieser journalistischen Beiträge, wo man sich fragt, warum das nicht in großen Lettern auf Litfasssäulen und in den Headlines der millionenstarken Medien veröffentlicht wird.

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Entmündigung unserer Demokratie, in einem für mich bislang unvorstellbarem Ausmaß:
„TAFTA – die große Unterwerfung“ heißt der Artikel. Autor ist Lori Wallach, der die weltweit größte Verbraucherschutzorganisation leitet. Es geht um das transatlantische Handels- und Investitionsabkommen, eine Art „Wirtschaftsnato“, die eine transatlantische Freihandelszone begründen will. Die Verhandlungen über dieses TTIP-TAFTA-Projekt finden hinter verschlossenen Türen statt, damit niemand beizeiten mitbekommt, was tatsächlich auf dem Spiel steht.

Für diese Heimlichtuerei gibt es einen einfachen Grund: Ein solches Abkommen würde die nationalen Regierungen bis hinunter zu den Kommunalverwaltungen verpflichten, ihre aktuelle und künftige Innenpolitik dem umfangreichen Regelwerk anzupassen. „In diesem Abkommen wären auf diplomatischer Ebene ausgehandelte Gesetzesvorgaben festgeschrieben, die nach dem Wunsch der Unternehmen auch viele nicht handelsbezogene Bereiche beträfen: etwa die Sicherheit und Kennzeichnung von Lebensmitteln, die Grenzwerte chemischer und toxischer Belastung, das Gesundheitswesen und die Arzneimittelpreise, das Recht auf Privatsphäre im Internet, Energieversorgung und kulturelle ‘Dienstleistungen’, Patente und Urheberrechte, die Nutzung von Land und Rohstoffen, die Rechte und die Arbeitsmöglichkeiten von Immigranten, die öffentliche Auftragsvergabe und vieles andere mehr.
Wenn das TTIP-Tafta-Projekt zustände käme, könnte jeder beliebige Investor, der in einem der beteiligten Länder engagiert ist, alle möglichen ‘nicht handelsbezogenen’ Bestimmungen unter Beschuss nehmen – genau so, wie es in dem gescheiterten MAI-Abkommen von 1998 vorgesehen war.
Allein dies macht das TTIP-Projekt zu einer Bedrohung von völlig neuen Dimensionen. Und da jede nachträgliche Vertragsänderung der Zustimmung sämtlicher Signatarstaaten bedarf, wären die reaktionären Inhalte des Abkommens durch demokratische Kontrollmechanismen wie Wahlen, politische Kampagnen und öffentliche Protestaktionen nicht mehr angreifbar.“

Dieses Abkommen wäre ein Staatsstreich der Konzerne gegen die Demokratie. Um nur eines der vielen Beispiele herauszugreifen:
„Die Anhebung der ägyptischen Mindestlöhne und ein peruanisches Gesetz zur Kontrolle toxischer Emissionen werden derzeit von Unternehmen der USA wie der EU unter Berufung auf ihre Investorenprivilegien bekämpft. Andere Firmen klagten unter Berufung auf das Nafta-Abkommen gegen Garantiepreise für die Einspeisung erneuerbarer Energie und gegen ein Fracking-Moratorium. (…) Ebenso hat der US-Pharmakonzern Eli Lilly unter Hinweis auf den Nafta-Vertrag dagegen geklagt, dass Kanada die Lizensierung von Arzneimitteln nach eigenen Kriterien wahrnimmt (um möglichst allen Leuten erschwingliche Medikamente zugänglich zu machen). Und der schwedische Energiekonzern Vattenfall will von Deutschland wegen der einschränkenden Bestimmungen für Kohlekraftwerke und der schrittweisen Stilllegung von Atomkraftwerken eine Entschädigung in Milliardenhöhe eintreiben (…)
Die Lebensmittelsicherheit. Hier will die US-Fleischindustrie die Verhandlungen nutzen, um das EU-Verbot für mit Chlor und anderen Desinfektionsmitteln behandeltes Hähnchenfleisch zu kippen. Während die strengeren EU-Standards die Gefahr einer Kontaminierung der Produkte während des Schlacht- und Verarbeitungsprozesses reduzieren, begegnen die US-Regeln dem Kontaminierungsrisiko durch ein Desinfektionsbad, das Koli- und andere Bakterien auf den Hähnchenteilen abtöten soll. Also fordert der Mutterkonzern der Restaurantkette Kentucky Fried-Chicken, das Abkommen müsse die EU-Standards für Lebensmittelsicherheit so verändern, dass die Europäer ihre Chlorhähnchen kaufen können.
Noch ein Beispiel: Das amerikanische Fleischinstitut (AMI) empört sich, die Europäische Union bestehe auf ihrem ‘ungerechtfertigten’ Verbot von Fleisch, das unter Einsatz von Wachstumshormonen erzeugt wurde. Diese Mittel, wie etwa Ractopamin, sind wegen der Gesundheitsrisiken für Mensch und Tier in 160 Staaten – darunter allen EU-Ländern, aber auch Russland und China – verboten oder eingeschränkt. Auch der Verband der US-amerikanischen Schweinefleischproduzenten (NPPC) hat seine Wünsche: ‘Die US-Schweinefleischproduzenten werden ein Ergebnis nur akzeptieren, wenn es das EU-Verbot für den Einsatz von Ractopoamin im Produktionsprozess beseitigt.’”

Was das bedeutet möchte ich noch einmal explizit erwähnen:
Wir können wählen, wen und was wir wollen. Unseren demokratisch gewählten Regierungen wären die Hände gebunden. Sie müssen sich den reaktionären Forderungen der Ökonomie fügen. “Die Diktatur ist nicht ganz ausgereift, sie übt noch”, heißt es in „Empört Euch“ – sie reift wie es scheint, und wir haben nur noch eine Chance:
Wir müssen uns wehren.

Ich weiß nicht ob es schon Unterschriftenlisten gibt, wenn nein dann müssen wir welche schaffen. Wir müssen unseren Politikern klar machen, dass wir sie nicht als Hampelmänner der Konzerne haben wollen. Wir müssen unsere Journalisten darauf hinweisen, das zu thematisieren, eben auch, wenn die Besitzer der Medien genau diesen Konzernen angehören. Das erfordert Mut. Aber anders ist der Karren nicht mehr aus dem Dreck zu ziehen.

Lori Wallach, dem ich für diesen Beitrag sehr dankbar bin, schreibt am Ende: “Aber die gute Nachricht kommt zum Schluss: Alle bisherigen Versuche, internationale Handelsabkommen als trojanisches Pferd zum Abbau des Sozialstaats und die Rückkehr zu einem neoliberalen Nachtwächterstaat zu benutzen, sind jämmerlich gescheitert. Das wird auch dieses Mal so kommen, wenn die Bürger, die Medien und auch einige Politiker endlich aufwachen und die klammheimlichen Versuche, die Demokratie zu untergraben, zum Scheitern bringen.”

Wachen wir bitte auf!!!

(Alle Zitate aus dem oben genannten Artikel. Bitte abonniert die „Le Monde diplomatique“, vermutlich ist sie wie alle kritischen Zeitungen von der Pleite bedroht)

http://www.monde-diplomatique.de/pm/2013/11/08.mondeText1.artikel,a0003.idx,0

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Glosse: Vom Fehlerverzeihen

Vom Fehlerverzeihen

Wer möchte schon an dieser Stelle zum tausendsten Mal die Gesichter von Hoeneß oder Beckenbauer sehen? Dies ist der Autor: Holdger Platta

Wer möchte schon an dieser Stelle zum tausendsten Mal die Gesichter von Hoeness oder Beckenbauer sehen? Dies ist der Autor: Holdger Platta

Heute Morgen in unserem Tageblatt: Beckenbauer, der ungekrönte Kaiser von Deutschland, hat die Steuerhinterziehungen von Uli Hoeneß, seinem Kicker-Kumpanen von einst, mit dem folgenden gnadenvollen Statement bedacht: „Ich denke, wir sollten niemanden verurteilen, der mal einen Fehler gemacht hat. Selbst die katholische Kirche gewährt eine zweite Chance.“ Donnerwetter: welch ein Edelmut! Aber der Reihe nach … (Holdger Platta)

„Ich denke“? – Nun, nicht alles, was sich als „Denken“ ausgibt, ist auch „Denken“.

Zum zweiten: „Fehler“? – Nun, hier geht es nicht um einen „Fehler“, sondern mutmaßlich um ein Verbrechen, um Steuerhinterziehung, die gemäß der bundesdeutschen Abgabenordnung § 370 mit einer Haftstrafe bis zu 5 Jahren geahndet werden kann.

Zum dritten: „ein“ Fehler? – Nun, den Presseberichten zufolge hat Uli Hoeneß zehn Jahre lang, ergo bei insgesamt zehn Steuerklärungen, Geldeinnahmen in Millionenhöhe verschwiegen, von 2000 bis 2009. Was dann mehr als nur „ein“ Fehler ist. Oder kann ich nicht mehr zählen?

Doch selbst wenn es nur „ein“ Fehler gewesen wäre und auch nur ein „Fehler“: wieso kaiserlicher Gnadenerweis nur für einen Vereinskameraden und nur für einen Multimillionär?

Sollen hier Vergebungsimpulse im bundesdeutschen Seelenleben lediglich einem Superreichen zugutegekommen? Oder hat Beckenbauer solche Empfehlungen auch schon mal ausgesprochen zugunsten von Hartz-IV-Betroffenen, zugunsten von Hilfsbedürftigen, die bereits bei einem ersten Terminversäumnis 30 Prozent Kürzung an ihrer Mindestexistenzsicherung hinnehmen müssen, junge Erwerbslose bis zum 26. Lebensjahr sogar völlige Liquidation ihrer Bezüge? Strafmaßnahmen, von denen bis zum Jahresende 2013 rund eine Million deutscher Bundesbürger betroffen sein dürften. Für „Delikte“, die erstens keine sind, für „Delikte“, bei denen es zweitens nicht ums individuelle Beiseiteschaffen von Millionenbeträgen geht, für „Delikte“, zu denen es drittens kommt, weil die Hilfsbedürftigen oft keinen Sinn mehr sehen in höchst überflüssigen Terminen oder mittlerweile über die vielen Jahre hinweg psychisch kaputtreglementiert worden sind.

Wo bleibt da das Mitleid des edlen Beckenbauer mit den „Missetätern“?

Ich frage ganz ernsthaft: meldet sich in der Psyche des sogenannten Kaisers von Deutschland nur beim elitären Mitmillionär Hoeneß die Empathie zu Wort – das meinetwegen katholische Vergebenwollen nach Ablieferung von drei „Ave-Marias“ im Beichtstuhl? Das Mitgefühl unseres ewigen Liberos schweigt sich aber aus, wenn es nur um die armen Teufel in dieser Republik geht? Heißt: die Menschen ganz unten soll man ruhig weiter drangsalieren, Hauptsache, den Kumpanen ganz oben lässt man laufen?

Dem Vernehmen nach hat Uli Hoeneß seine Millionen vor allem mit der Herstellung von Würstchen gemacht. Da muss man sich um die „kleinen Würstchen“ in diesem Land nicht auch noch kümmern. Das scheint die „Denke“ des bundesdeutschen Massenidols Beckenbauer zu sein. Und ein „Fehler“ scheint zu sein, wenn man das für einen Fehler hält.

Republikanische Verteilungsgerechtigkeit also: Vergebung für Mehrfachmillionäre, Gnadenlosigkeit den Verzweifelten. Oder in Umkehr des berühmten Büchnerschen Satzes: Krieg den Hütten, Friede den Palästen!

Und ein derartiger Kaiser ist in Deutschland nach wie vor populär? – Mir scheint, ohne die Untertanengesinnung allzu vieler würde dieses nicht möglich sein.

Vielleicht wäre besser gewesen, ich hätte heute morgen unser Tageblatt nicht gelesen.

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