Baron von Feder: Das kann ja heiter werden

Baron von Feder

Das kann ja heiter werden“

 Am 27. November tickerte über die Webseite des Senders N-TV, dass die CDU den Koalitionsvertrag online als PDF verfügbar gemacht hat. Nach einer etwa halbstündigen Lektüre war die Überschrift dieser Glosse hier geklärt: Das kann ja heiter werden.

Erheiternd war zum Beispiel die treudoofe Ausführung zum Thema Rohstoffe und Rohstoffsicherung. Die Bundesregierung will hierzu „gezielte Maßnahmen“ ergreifen. „Es ist gezieltes Handeln geboten, um negative Auswirkungen auf die Wertschöpfung zu vermeiden.“ Horst Köhler wähnte sich für diese Äußerung noch als Rücktritts-Verpflichtet vom Amt des Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Natürlich lässt die Regierung ergreifen und ergreift nicht selber. Für so etwas gibt es eine spezielle Branche. Sie ist die einzige Branche, zu deren berufsspezifischen Maßnahmen das Zielen gehört. Inzwischen darf man das offenbar unverhohlen sagen. Offenbar hat sich die Branche im Ausland recht gut bewährt. Sie darf nur noch nicht im Innern tätig werden, wo es auch um die Sicherung von Rohstoffen geht, zum Beispiel gegen Bauern, wenn unter ihrem Acker seltene Erden liegen. Dafür springt die Deutsche Rohstoffagentur ein. Sie soll laut Vertragstext bei der Raumordnung zwar alle Interessengruppen berücksichtigen, aber eben darauf achten, dass der Wirtschaft ein angemessener Stellenwert beigemessen wird. (Wortdopplung mit „messen“ aus dem Text übernommen). Umweltschützer zum Beispiel, die sich gegen die Erdölförderung im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft engagieren, haben bei dieser Interessenabwägung von vornherein verloren. Menschen, Pflanzen und Tiere wohl auch. Der industriellen Landschaftsverschandelung sind keine Grenzen mehr gesetzt.

Immerhin dürfen Freie Berufe – ich zum Beispiel – nach großer Enttäuschung wieder auf eine Neuaflage von Existenzgründercoachings freuen. Da bezhalt man selbst oder das Arbeitsamt einen Coach dafür, dass man hinterher das gesparte Geld nicht mehr hat, um einen Mitarbeiter einzustellen und die Aufgaben zu bewältigen, mit einem Einkommen, welche beide Mitarbeiter sowie die Krankenkassen und das Finanzamt ernähren. Immerhin begreift man die erste Lektion: Wenn man soviel Geld hat, um sich eine Existenz aufzubauen, braucht man keinen Coach dafür.

Was aufhorchen lässt, ist die immerhin vertraglich erwähnte Bereitschaft, auch Genossenschaften zuzulassen. Aber sutje: Nicht so, wie sich die künftigen Genossenschaftler das vorstellen, also zum Beispiel „Das Flugblatt“ mit noch drei anderen Journalisten gemeinsam. Dann käme heraus: Vier Leute wären wie normale Angestellte durch die Genossenschaft versichert, bezögen Gehalt, zum Beispiel 401 Euro anzüglich Sozialabgaben, Mieten etc. wären Betriebskosten der Genossenschaft, und alles wäre gut. Geplant ist, diese Genossenschaften nur nach Bedingungen der Koalitionäre zu gestatten. Diese Bedingungen will die Koalition im Laufe ihrer Tätigkeit mal ausdenken. Dagegen hilft wohl doch nur noch eine Piraten-Genossenschaft.

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Helene Musfedder: Pour Le Profit Kapitel (1)

Helene Musfedder

Pour Le Profit“

Ein Fortsetzungskrimi ohne Tote, aber mit viel krimineller Energie. Ähnlichkeiten sind eigentlich unmöglich, und wenn doch, rein zufällig.

*Kapitel 1

Schlecht gelaunt saß Julius Brannak am Küchentisch. „5 Waagerecht: Amtierender UNO-Generalsekretär: Kofi Annan. So ein Quatsch, der heißt inzwischen Bang Ki Moon.“, brummelte er vor sich hin. Die übrigen Seiten des „Seetang-Merkurs“ waren auch nicht besser. Jedenfalls besserte sich die schlechte Laune von Julius Brannak nicht. Sie dauerte auch schon eine Weile. Seit Wochen schon schmeckte sogar der Tankstellenkaffee besser als sein frischgebrühter zu Hause. Sogar eine pappige Bockwurst mit Brötchen schmeckte besser als eine Stulle mit Käse oder Wurst. Wurst hinterließ auf der Zunge einen Geschmack wie früher die 4,5 Volt Flachbatterien, wenn man mit der Zunge beide Pole berührte, um zu prüfen, ob sie noch genug Saft hatte. Selbst ein Bier schmeckte nicht mehr wie ein Bier schmecken sollte. Es hinterließ im Abgang einen Geschmack wie säuerliche Milch. Da musste man ja schlechte Laune bekommen, und dann meldete auch noch der Seetang-Merkur, Forscher wollten den Hopfen gentechnisch verändern, damit das Bier im Glase möglichst blumig schäumte. Eine Sauerei, fand Julius Brannak und ging zu Netto, um sich fürs Wochenende Stier-Bier und eine Flasche Müller-Supergau zu kaufen. Das Zeug hießt zwar Thurgau, aber Julius Brannak erlaubte sich gerne mal einen Kalauer – irgendwie musste man ja mit den Umständen klar kommen. Und Kalauern ist hierzu eine geistvolle Art. Als Julius Brannak Netto verließ, lud neben ihm auf dem Parkplatz Frau Dr. Kasta Nienbaum ihre Einkäufe in den Kofferraum ihres Autos. Bier hatte sie nicht gekauft, aber Rotwein und Mineralwasser sowie Klopapier und Küchenrollen. „Muss mich um die Lütten kümmern“, gestand Kasta Nienbaum. Die Lütten waren die Kätzchen, Welpen und Waschbärbabies, die Kasta Nienbaum in der Auffangstation betreute. „Wenn die erst mal für den Nationalpark lebenskräftig sind…“. Sie beendete den Satz nicht, weil Julius Brannak ergänzte: „Um darin zu überleben, muss man tatsächlich lebenskräftig sein. Das geht den Menschen wie den Leuten. Und den Waschbären erst recht.“ Forschend schaute Kasta Nienbaum in Julius Brannaks nachdenkliches Gesicht. Dann sagte sie unvermittelt: „Weiß gar nicht, wie lange es die Station noch gibt. Wird ja überall gespart.“ „Und immer am Nötigen, damit man Mittel für das Unnötige frei kriegt.“ Julius Brannaks schlechte Laune wurde an diesem Tag nicht besser.

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Baron von Feder: Frechheit ist der Geist der Zeit

Frechheit ist der Geist der Zeit

 Mit der kleinen Teufelsfeder
dichtet der Baron, denn jeder,
der ihn etwas besser kennt,
weiß, dass man ihn „Den Frechdachs“ nennt.

Frechheit muss in diesen Zeiten,
die die Staaten bös bereiten,
schon zwecks der Selbstbehauptung sein.
Dies hält geplante Übel klein.

Man kann sie wohl nicht ganz verhindern
jedoch in ihrem Ausmaß mindern.
So ungeniert als wie bisher
lügt auch ein Kanzler heut nicht mehr
Stets lacht das Volk ganz teuflisch breit.

Frechheit ist der Geist der Zeit

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Die Hildebrandung

Die Hildebrandung

Ein Meer aus Geist ergoß sich an den Stränden
und legte Perlen, Muscheln, Bernstein in den Tang
und wenn sich auch die Winde wenden
verläßlich war die Brandung – vielen Dank

(Für Dieter Hildebrandt)

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Redaktionsmitteilung: Das Flugblatt Nummer 74 für 1. Dezember ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser, das Flugblatt für den Ersten Dezember ist fertig. Die
Erlauchte Runde befasst sich mit den hohen Strompreisen, obwohl die gar nicht nötig sind,
und stellt fest, Strom ist nur deshalb teuer, weil er gehandelt wird. Dr. Liberalitas
fordert darauf hin, das Unfassbare zu begreifen. Der Traurigkeit zum  Trotze hat sich die
Abteilung Rezension mit einem Kochbuch von Ursula Winnington befasst – kurzer Aperitif:
„Liebe, Lust und Leckereien“ – und jeder einzelne Punkt ist wörtlich gemeint. Und wenn das Mahl gemundet hat und nichts die Geister trübt, dann kann man sich auch über Bayerns „Ausländer Maut“  Rufe mokieren. Dafür ist die Gruppe Artikel 20 zuständig. Bewegungsmelder gibt es zwei, und die Glosse heisst „Der Sozialgeheimdienst“.

Viel Spass beim Lesen, hier kommt der Link: Das Flugblatt Nummer 74 01-Dezember-2013 –

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Pour Le Profit

In Kürze beginnt hier eine Fortsetzungsgeschichte

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Bewegungsmelder: Es brodelt

BEWEGUNSMELDER

 Es brodelt“

 Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die verbliebenen Menschen zur Ruhe kommen. Weil es viele nicht mehr gab, wurde fast jeder gebraucht. Die Chancen waren da, zumindest theoretisch, wenn auch nicht für Alles. Aber zumindest für kleine Jobs, um sich über Wasser zu halten, gab es Chancen auch für Leute, die etwas anderes konnten oder wollten als Malocherjobs.

Neulich sagte jemand: Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges macht die Geschichte eine Atempause, und das Land ist geprägt von Restauration. Es sammelt sich. Es besinnt sich wieder. Worauf besinnt es sich? Die These war gemein, denn sie ließ mir keine Ruhe, und ich bedarf der Ruhe zur Zeit sehr. Es beruhigte mich daher, als ich einen Zusammenhang zwischen Restauration, Stagnation und Brodeln sah. Restauration war das große Wundenlecken mit dem anschließenden „Jeder wird gebraucht“. Fast konnte man es sich aussuchen. Dann kam die Zeit der Stagnation. In der Stagnation wird nicht mehr jeder gebraucht. Es stagniert bei Jobs. Statt dreijähriger Berufsausbildung soll jetzt eine zweiwöchige Anlernphase reichen, damit Aushilfskräfte Arbeiten von Fachleuten erledigen können. Es stagniert bei Chancen. Arbeitssucher werden abgelehnt, weil sie keine praktische Erfahrung haben, und sie können keine praktischen Erfahrungen sammeln, weil sie mangels praktischer Erfahrung abgelehnt und nicht eingestellt werden. Es stagniert bei Einstiegsmöglichkeiten. Dieter Hildebrandt konnte noch als Student „entdeckt“ werden, bevor er selber zum „Entdecker“ wurde, weil er einen Einsteigerjob als Platzanweiser und Kartenabreißer im Theater bekam, um sich damit was Geld zum Studium hinzu zu verdienen. Es stagniert nämlich auch das Interesse am Menschen. Der ist nur für die Verwertung von Jobvergeberinteressen von Bedeutung. Ausgequetschte Zitronen landen auf dem Kompost und interessieren niemanden mehr. Aus diesem Grund stagnieren auch Talente in der Warteschleife. Sie möchten und sie dürfen nicht. Daher fängt es in ihnen an zu brodeln. Die Stagnation ist der Übergang von der Restauration zum Brodeln. Es brodelt in den ungenutzten Menschen, die ihren Talenten einen Weg bahnen möchten.

Es brodelt aber womöglich auch in der Gesellschaft, weil der friedlich schlafende Atem der Geschichte unruhig wird. Durch Träume, oder weil der Morgen dämmert? Wenn ich mich im Halbschlaf auf einen Morgenkaffee freueen kann, stehe ich ruhig und geborgen auf. Wenn ich nichts habe, worauf ich mich freuen kann, wache ich mit brodelndem Blutdruck und Tatendrang auf, weiß aber nicht, zu welchen Taten es mich drängt. Dann staut sich der Druck, und der Geist muss ein Thema finden, an dem sich der Tatendrang besänftigen kann. Bezogen auf eine brodelnde Gesellschaft heißt dies: Es gibt statt Morgenkaffee beim Aufwachen die Ahnung eines Sozialgeheimdienstes, der nach den Zuckerstückchen und dem Belag auf der Stulle schnüffelt. Wenn es schon Morgenkaffee gibt, enthält die Morgenzeitung hauptsächlich Hofberichterstattung. Beim Ausweichen von der Zeitung ins Internet zeigt Google, wie sehr die Webung dem entspricht, was man gestern aus Informationsinteresse gesucht hat, aber nicht gefunden hat. Denn nicht die Informationen zeigt die Suchmaschine an, sondern die Werbung, die sich Zecken gleich in die Haut der Informationen bohrt. Der Schein der Werbung wird zum Sein der Dinge verdreht. Kein Wunder, wenn nachher das Denken automatisiert wird. Zugang zu Bildung und Information wird rationiert. Jeder darf nur noch wissen, was zur Erfüllung von Aufgaben, die einem anderen dienen, nötig ist.

Brodelt es? Im Rahmen der von der Werbung bestimmten Möglichkeiten gibt es hierzu inzwischen häufiger Beiträge in den Medien. Holenh wir sie heruas, und verbreiten sie mündlich, theatralisch, auf Bühnen, in Clubs, miteinander, untereinander, – erzählen wir uns, was los ist, tauschen wir uns aus, und finde jeder einen Weg für das, was ihn bewegt.

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Baron von Feder: Deutschlands Sozialgeheimdienst

Baron von Feder

Deutschlands Sozialgeheimdienst“

 In Zukunft soll das Bundeszentralamt für Steuern kleine Online-Geschäft von Hartz-Vier-Opfern kontrollieren und über das zuständige Finanzamt den Jobcentern zu melden. Den Leistungsabteilungen und Fallmanagern ist nämlich die Vorstellung unerträglich, dass ein Arbeitsloser per E-Bay-Versteigerung sein kärgliches Einkommen auf Regelsatzbasis aufbessert, weil jedem Menschen ab und zu „ein bisschen was extra“ zusteht. Das wäre ein unzulässiger Zuwachs an Lebensqualität und unterläuft damit den Zweck der Hartz-Vier-Gesetze. Verkaufen dürfen und sollen die Hartz-Vier-Opfer ja, aber keinen Gewinn daraus ziehen. Womit sies eigentlich behalten dürfen.

Noch vor ein paar Jahren hätte jeder einer Behörde mit derartigen Gedankengängen einen Vogel gezeigt. Heute ist es durchaus denkbar, dass sich ein Arbeitsamt das Steueramt zum Erfüllungsgehilfen dienstverpflichten kann. Eine Zeitung nannte es kürzlich den „Aufbau eines Sozialgeheimdienstes“. Die bisherigen Denunzianten mit der Tarnbezeichnung „Aufmerksamer Bürger, der seiner Verantwortung gerecht wird“ werden in Deutschlands Sozialgeheimdienst Agenten. Und wenn das alles nicht Hilft, um den Anspruch auf sinnvolle Betätigung und Einkommen zurück zu drängen, dann müssen Hartz-Vier-Opfer bei Antragstellung ihre Computer abgeben und dürfen im Internet nur noch das Stelleninformationssystem des Arbeitsamtes ansehen. Termine und Computernutzungsplatz vergeben die Fallmanager.

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Rezension: Der Baron, die Juden und die Nazis

Hannes Nagel

Rezension „Der Baron, die Juden und die Nazis“

 „Das fremdgedachte Milieu

 Im traurigen Monat November wars. Die Tage wurden trüber. Da schickte der Hofmann und Campe Verlag ein Buch von Frau Ditfurth herüber. Es ist ein ziemlich schwieriges Buch und dazu auch noch ein Wagnis. Es macht den Ditfurthschen Stammbaum zum Kern nationalromantischen Denkens. Ein Denken, das Platz für die Juden nicht hat, doch für Nazis und Antisemiten. Wie das alles zu erklären ist, will Jutta Ditfurth berichten, und erklärt die deutsche Geschichte sodann als Beet von Familiengeschichten. Im Mittelpunkt steht der Urgrossonkel Börries von Münchhausen. Der schrieb zwischen 1897 und dem Beginn herrlicher Zeiten gemeinsam mit einem Freund, dem Zeichner und Grafiker Ephraim Moses Lilien ein Gedichtbuch mit dem Namen Juda, worinnen Balladen erschienen. Danach geschah etwas mit Münchhausen, und er wurde Antisemit. Rechtfertigt das ein Buch mit 395 Seiten? Die Frage hat vielleicht auch die Autorin umgetrieben, oder sie kennt bereits die Leser als Pappenheimer, und daher schreibt sie ganz hinten, wo die Danksagungen kommen, warum sie das Buch geschrieben hat: „Der Grund für dieses Buch liegt in der kritisch – historischen Auseinandersetzung mit dem sozialen Milieu, in das ich zufällig hineingeboren wurde. Der erste Anlass über ein Buch nachzudenken, war ein Brief Börries von Münchhausens bezüglich der Namen der Juden.“ Aufs Engste verknappt zeigt der Brief, dass der Baron vom Judenfreund ein gefährlicher Antisemit geworden war. Von hier an gehen die Lesergedanken einen anderen Weg als die Seiten der Autorin vorschreiben. Meine befassten sich plötzlich mit der Frage, wie lange Dinge wichtig sind. Wann kommt der Punkt, von dem an die Dinge keine Rolle mehr spielen? Ich habe in Bezug auf meine eigene Geschichte kürzlich Aktenmaterial von vor 28 Jahren gelesen. Alles war wieder frisch, aber es interessiert ehrlich gesagt nur mich. Wie ist es mit diesem Buch? Leute wie Ernst-Moritz-Arndt starben vor dem Holocaust („Die Gnade des frühen Tods“) Der Verfasser von „Was ist des Deutschen Vaterland?“ musste also das monströse Verbrechen nicht mehr erleben, zu welchem die Zeilen „Soweit die Deutsche Zunge klingt, und Gott im Himmel Lieder singt, das, Wackrer Deutsche, nenne Dein“. Nein. Niemand ist in der Lage, dieses monströse Verbrechen zu relativieren. Schweigen, Denken, Leiden sind die Folgen. Und jedes Wort, ob gesprochen oder gedacht, wirkt auf den Gegenstand, dem es gilt, und ändert ihn. Wenn aber Schweigen und Sprechen gleichermaßen falsch ist, was bleibt dann noch?

Das ist ein Gedanke, der sozusagen durch die Seitentür oder das Kellerfenster in das Denkgebäude hinein gelangt. Wie behandelt man diesen Gast im Haus?

Der Baron, die Juden und die Nazis“ ist im Grunde eine sehr interessante Darstellungsform. Geschichte wird auf die Geschichte einer Familie bezogen, bleibt aber keine reine Familienbiographie, sondern erklärt ihrerseits die Geschichte eines Landes als die Geschichte seiner Adelsfamilien.

Jutta Ditfurth, „Der Baron, die Juden und die Nazis“, Hofmann und Campe, Hamburg 2013

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Baron von Feder: Doppelstockwege gegen Platzmangel

Baron von Feder

Doppelstockwege gegen Platzmangel“

 Die Gemeinde Zingst auf einer Sandbank an der Ostsee, gleich rechts neben dem Darss, lebt mangels fehlender anderer Möglichkeiten hauptsächlich vom Tourismus. Das Geld sprudelt reichlich aus den Taschen der Urlauber in die Kassen der Gemeinde. Bei 3 fuffzich für eine kleine Tasse Kaffee ist das auch kein Wunder. Angesichts des Sprudels kommt die Tourismusbranche nach jeder Saison auf die Idee, dass die Übernachtungszahlen gesteigert werden müssen. Infolge dessen sorgte ein Bauboom für wuchtige Ferienwohnungen mit der notwendigen Anzahl von Betten. Neuerdings aber hat die Gemeinde bemerkt, dass die Fläche der Sandbank nicht mit den Urlauberzahlen wächst, so dass es zu Fussgängerstaus kommt. Selbst Radfahrer auf den Deichen müssen dann anhalten, weil der Fussgängerstau sich einfach nicht auflöst. Auch dann nicht, wenn sich die Leute gegenseitig in die Hacken treten. Und am Strand liegen die Leute dicht an dicht, was auch nicht immer ein reines Vergnügen ist. Mitte November präsentierte Zingst voller Stolz eine Probelösung für das Dilemma mit den Wegen. Über den Dünen, wo der Sandhafer wächst und der Breitwegerich, soll ein Entlastungsweg auf Stützen gebaut werde. Sozusagen ein Hoch-Weg. 2 Millionen Euro soll das Dingens kosten. Zehn Prozent will die Gemeinde wuppen, den Rest sollen Land und EU dazugeben, beschloss die Gemeinde. Von der Beteiligung der Allgemeinheit war vorsorglich noch nicht die Rede.

Die Idee ist ausbaufähig. Nach dem Vorbild der Hochweg-Dünen-Promenade könnten auch Doppelstock-Liegeplätze am Strand errichtet werden. Das nimmt die Enge aus den Körpern und spendet Schatten gegen Sonnenbrand.

Ach, übrigens: Ab 2017 soll die Erdölförderung beginnen. Die Ölfirma sagte vor ein paar Tagen, dass sie dazu die Bahnanbindung braucht. Kesselwagen und Touristen auf einer Strecke? Wer bleibt dann? Können Ölquellen und Tourismusgeld gleichermassen sprudeln? Von den Auswirkungen auf die Kraniche, Gänse und anderen Schöpfungsmitglieder war noch gar nicht die Rede.

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