Glosse: Pseudonym-Recht für Schaffner

Dienstag, 19. Oktober 2010

Apropos Pseudonyme für Zugbegleiter

Autor: Hannes Nagel

Dienstag, 19. Oktober 2010

Apropos Pseudonyme für Zugbegleiter

Autor: Hannes Nagel

Bei der Bahn dürfen Schaffner jetzt falsche Namen benutzen. Solche heißen Pseudonyme und sollen nach Auskunft von Bahnsprecher Frech-Tiefrich Greifintasch (Pseudonym) dem Schutz der Schaffner vor aggressiven Reisenden dienen. Sollten sich die Pseudonyme bewähren, denkt die Bahn an die Einführung des Rechtes auf falsche Bärte und Perücken für ihre Mitarbeiter nach. Das stand so auf der Webseite von N-TV.

( http://www.n-tv.de/reise/Zugbegleiter-mit-falschen-Namen-article1738076.html )

Umgehend meldete der Fahrgastverband an, zum Erhalt des Gleichheitsgrundsatzes und zum Schutz der Reisenden vor unhöflichen und schikanierenden Schaffnern auch für Reisende ein Pseudonymrecht zu erstreiten, notfalls über Karlsruhe.

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Das Flugblatt Nummer 9 ist da


Und hier ist ein Link Flugblatt Nummer 9


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Glosse: Und der Zeitgeist heisst …

Glosse

Und der Zeitgeist ist – Hitler

Hannes Nagel

Samstag, 16. Oktober 2010

Der Zeitgeist und eine Hitlerausstellung

Ungeachtet der komplizierten Definitionen aus Philosophie und anderer Gelehrsamkeit ist der Zeitgeist eine Mode, die Angehörige einer gesellschaftlichen Schicht oder Klasse oder eines Standes tragen. Wenn alle Männer Perücke, Knickerbocker und Schnallenschuhe tragen, ist das der Zeitgeist. Wenn alle Menschen plötzlich nach Bildung streben, wenn sie Bücher lesen, sich mit Kultur befassen, ist es Zeitgeist. Auf diese Art hat jede Zeit ihren eigenen Zeitgeist. Manchmal gibt es aber auch geistlose Phasen. Dann könnte man sich fragen, wo der Zeitgeist hin ist und ob er eventuell mal wieder kommt. Zur Zeit kommt gerade etwas wieder. Parteien rücken nach rechts, Umfragen befassen sich schon damit, ob die Menschen einen neuen Führer brauchen oder wollen, der dann an der Spitze einer Partei oder Diktatur steht. Meinungsumfrage, auch so eine Mode: Was ein echter Diktator, der befragt nicht erst das Volk, ob es ihn will. Der knallt sich über es und dann darf das Volk wieder zusehen, wie es ihn los wird. Der Zeitgeist des Faschismus: Diesmal auf eine weiche, schleichende, scheindemokratische Art. Sieht auch ästhetischer aus als nackte brutale Gewalt.

Wenn es der neue Zeitgeist ist, nach einem neuen Führer Ausschau zu halten, dann erklärt sich auch, weshalb sich Thilo Sarrazins Buch gut verkauft, warum Horst Seehofer die Zuwanderung stoppen will, warum Erika Steinbach dummes Zeug erzählen durfte und warum Guido Westerwelle gegen die Ärmsten und Schwächsten im Lande geifert. Und dazu passt dann auch eine Ausstellung in Berlin. Sie heisst „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Gewalt“. VORHER hätte sie kommen müssen, vor Westerwelle, Sarrazin, Entwicklungstendenzen in den Arbeitswelten und der 5-Euro-Verhöhnung der Hartz-Vier-Opfer. Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist noch bis zum 6.Februar 2011 zu sehen. Also gut eine Woche über den 30. Januar hinaus.

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Artikel 20 GG oder Wehe dem Volk, das seine Rechte wörtlich nimmt

Quergedachtes

Artikel 20 Grundgesetz oder Wehe dem Volk, das seine Rechte wörtlich nimmt

Hannes Nagel

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Artikel 20 Grundgesetz oder Wehe dem Volk, das seine Rechte wörtlich nimmt

Stuttgart bringt der Gesellschaft in Erinnerung, dass unter der beamteten Maske von Freund und Helfer eine brutale Fratze steckt. Freunde und Helfer sind immer nur Freunde und Helfer von Kapital, Besitz, Gewinn und Staatseinnahmen. Die Stuttgarter Prügelrabauken, vom Ministerpräsidenten ermuntert, schützen die Interessen eines Teiles der Gesellschaft und Verneinen jegliche Interessenberechtigung der anderen. Ein eventuelles Gemeinwohl wurde gar nicht erst erörtert. Dabei zeigen Demonstranten deutlich, dass sie die Verlegung des Bahnhofes ins Unterirdische für Unsinn halten. Was er wohl auch ist, wenn man sich vorstellt, dass das Ding nachher genauso beschissen aussieht wie der Berliner Hauptbahnhof.

Als kürzlich von einer Hartz-Vier-Erhöhung um schäbige fünf Euro die Rede war, sagte ein Fernfahrer an der Tankstelle: „Geschieht uns recht, wenn wir das mit uns machen lassen. Wir sind eben keine Franzosen. Die haben sogar erfolgreich „Non“ gesagt, als Sarkozy sie erst mit 67 in Rente schicken wollte“. Aber wir sind eben keine Franzosen. In Deutschland kann es sogar passieren, dass sich das Volk versammelt und die Revolution findet wegen schlechten Wetters nicht statt. So ähnlich ging mal eine freche Bemerkung von Kurt Tucholsky, die in Weimar von der Fassade eines Hauses grüßt. Im Original: „Wegen schlechten Wetters fand die Revolution in der Musik statt“. Insofern verdient der Widerstand von Stuttgart Respekt, Anerkennung, Beachtung, Förderung und Eingang ins zulässige Repertoire der gesellschaftlichen Meinungsäußerungsmittel gegenüber Politik und Wirtschaft. Denn auch Bundespräsident Christian Wulff sagte: Das Land ist unser aller Land. Und es gehört eben nicht nur der Bahn, sondern auch den Reisenden und den Bewohnern im Umkreis. Darum dürfen die Entscheidungen der Bahn über den Umbau eines ihr gehörenden Bahnhofes nicht gegen die Interessen der Gesellschaft verstoßen. Verwaltungsgerechtigkeit alleine reicht nicht, es geht um gerechte Verhältnisse für alle, denen das Land gehört. Wenn dem geltenden Recht eine Art Gemeinschaftsbesitz bekannt wäre, der nur veräußert oder umgestaltet werden darf, wenn jeder einzelne Mitbesitzer zustimmt, wäre es relativ einfach, gerechte Verhältnisse für alle durch gerechte Entscheidungen für alle herzustellen, und dann könnte die Polizei ihren Pfeffer für die nächste Grillparty benutzen, statt ihn zweckentfremdet in die Augen der Menschen zu sprühen, wohin die Politik im Allgemeinen bereits Sand gestreut hat. Ist Widerstand nur verbal erlaubt? Nein.

Artikel 20 GG:

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat

Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus
Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt

Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung , die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Widerstand ist immer erlaubt. Sie dürfen die Hände schützend vor Ihr Gesicht halten, wenn die polizeilichen Prügelorgien über friedliche Demonstranten hinweg brausen. Aber sie dürfen nicht zurückschlagen. Notwehr gegen Prügelbullen kennt das Recht nicht. So bleibt nur passiver Widerstand. Im Wege stehen, wenn die Bagger kommen. Blümchen gießen, wenn sich Planierraupen nähern. Ghandi auf dem T-Shirt tragen wie früher Che Guevara.

(Mehr zum Thema kommende Woche in DAS  FLUGBLATT Nummer Neun)

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Apropos Res Publica

Eine Republik ist ein Staat, bei dem im wörtlichen Sinne die Entscheidungen der Politik eine öffentliche Angelegenheit sind. Wen es betrifft, der sollte entscheiden: Wehrpflichtige, die in den Krieg sollen, Krankenkassenmitglieder, die höhere Beiträge zahlen sollen, Steuerzahler, wenn der Staat die Steuergelder nur für seine Zwecke ausgibt. Die Republik selbst ist nämlich auch eine öffentliche Angelegenheit, nicht nur ihre Handlungen. Weil sie in Rom erfunden wurde, heißt sie lateinisch Res Publica, „Sache der Öffentlichkeit“. In „Bundesrepublik Deutschland“ steht vor der öffentlichen Angelegenheit (Republik) noch der Genitiv von Bund, womit Berlin die Interessen der Öffentlichkeit als Eigentum des Bundes betrachtet.
Der Bund und die Republik wollen zuweilen unterschiedliche Dinge. Der Bund will Kriege führen, die als Sicherung von Rohstoffen und Handelswegen verbrämt werden. Das Volk als Öffentlichkeit will soziale Sicherheit, Rente ohne Armut, Einkommen ohne Zwangsbettelei um Hartz Vier, und ein bisschen ein schönes Leben. Es möchte, wenn es nein sagt, auch gehört werden, zum Beispiel, wenn sie ihm in Stuttgart den Schloßpark einstampfen, weil die Bahn da für die Börse einen fahren lassen will, oder wenn sie bei Hamburg Obstbauern enteignen, weil ein paar Flugzeugbauern ihre Dinger zu lang geraten sind und sie daher mehr Platz brauchen. Wieso steht Bund eigentlich über Republik? Und wieso darf der Bund entscheiden, wessen Meinung eine öffentliche Angelegenheit ist? Und wieso kommt dann Ostseepipeline, Plantagenrodung, Windpark und Umweltverschandelung heraus? Aber niemals Parkanlagen, Erholungsgebiete und Theater? Nur mal so gefragt.

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Unbedingt Grundeinkommen



Freitag, 08. Oktober 2010

Autor: Hannes Nagel

Unbedingt Grundeinkommen

In etwa drei Wochen wollen die wichtigsten Unternehmer Hessens im Kurhaus von Wiesbaden über Energie reden. Energie ist nämlich für die Unternehmer das Thema der Zukunft. Man muss also bereit sein, damit man auch in Zukunft die besseren Karten im Wirtschaftspoker. Die hessischen Unternehmer haben seit 1979 einmal im Jahr so eine großkarätige Versanstaltung. Sie heißt Hessischer Unternehmertag. ( www.hessischer-unternehmertag.de) Für den 26. Oktober 2010 ist der Tag bereits angekündigt, und zu den Großkarätern aus Politik und Wirtschaft gehört laut Plan auch Hans-Werner Sinn vom Insitut für Wirtschaftsforschung. Hans-Werner Sinn ist die Reizfigur der Armen, der Typ, der sich immer freisinnig die Schikanen für Hartz-Vier-Opfer ausdenkt, die Schwarz-Gelb und alle die dann umsetzen. Er ist also einer der geistigen Hauptverantwortlichen für die soziale Kälte in Deutschland. Denn kalt wird die Armut erst durch die Art und Weise, wie die Politik eines Landes mit den Armen umgeht.

Den 26. Oktober haben sich aber auch noch Anhänger anderer sozialer Bewegungen rot markiert und einen Aufruf gestartet. Wenn die Unterrnehmer in Saus und Braus ihre Elitarität feiern, will das „Sozialrevolutionäre und antinationale Krisenbündnis“ (www.krise.blogsport.de) eine Demonstration gegen Lohnarbeit, Leistungsterror und Standortkonkurrenz starten. Gegen 1200 Unternehmer wollen Gewerkschaften und antikapitalistische Gruppen mobil machen, weil der Widerspruch zwischen Sparen auf Kosten der Armen und Feiern in Saus und Braus den Hartz-Vier-Opfern Wellen des Zorns durch die verhöhnten Seelen peitschen.

Bei all den Kosten scheint doch ein bedingungsloses Grundeinkommen von 800 bis 1200 Euro pro Person und Monat der würdigste Umgang mit der Armut zu sein.

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Politur für die zeitlose revolutionäre Eleganz

Bei einer Demonstration in Dresden im Oktober 1989 sagte eine neben mir gehende Demonstrantin in Höhe der Bezirkspolizeibehörde: „Jetzte werden sie sich bestimmt ärgern, das sie uns in Stabü und Geschichte mit der leninschen Revolutionstheorie gedrillt haben“. Ich sagte: „Jetze werden sich bestimmt noch ein paar mehr Leute ärgern, dass sie nicht aufgepasst haben“. Zwanzig Jahre später taucht das Wort „Revolution“ wieder im Sprachgebrauch auf. „Früher wär das Grund für eine Revolutioin gewesen, heute geht kein Mensch dafür auf die Straße“, sagen viele Leute regelmäßig, wenn zum Beispiel vom Elend der Hartz-Vier-Wirklichkeit die Rede ist. Die Sprache gärt, aber sie kann die Siituation noch nicht beschreiben. Vor 20 und mehr Jahren hieß es: Eine revolutionäre Situation tritt ein, wenn die herrschende Klasse nicht mehr so herrschen kann wie bisher und die Unterdrückten die Schnauze gleichfalls voll haben. Irgendwann bringt aber immer irgendwas das Fass zum Überlaufen, dann bricht entweder ein Aufstand los oder es wird demonstriert. Wenn die herrschende Klasse selber der Lehrer der Revolution ist, wie in der DDR, ist es irgendwie albern für sie, etwas gegen die Revolutionäre zu tun. Deshalb verlief die Revolution im Osten vergleichsweise friedlich. Dann kam die Wende und mit der Erfahrung Kapitalismus die Rückkehr des Wortes Revolution.
Revolutionen und revolutionäre Situationen gab es in Deutschland 1848, 1918 und 1989. In Frankreich gab es sie 1789 und 1870. 1870 war damals, als Bismarck in Deutschland zum Krieg gegen Frankreich hetzte und am Ende dafür sorgte,  dass Wilhelm von Preußen zum Kaiser gekrönt wurde – und das auch noch in Frankreich – bon. In diese Zeit hat Jutta Ditfurth die Handlung ihres Romanes „Die Himmelsstürmerin“ angesiedelt. Zur Hauptperson hat sie ihre Urgroßmutter Gertrud Elisabeth von Beust erkoren. Jutta Ditfurth ist ein schönes Buch gelungen. Sprachlich ist es wunderbar. Humor hat sie auch. So gelingen ihr Sätze von zeitloser revolutionärer Eleganz. Einige Male fühlte ich mich beim Lesen an Stefan Heym erinnert. Ich halte diese Assoziation nicht für das schlechteste Kompliment. Im Gegenteil. 1870/71 machten die Franzosen in Paris das, wovon heute nur noch brennende Autos und Mülltonnen künden, wenn „Oben“ kompletter Unsinn die Leute erst wütend macht und dann die Wut zur Entladung bringt. Sie nannten es „Pariser Kommune“  So etwas Ähnliches müßte man mal weiter denken und sozusagen von Region zu Region das Schicksal selber in die Hand nehmen: Arbeitslosigkeit, Hartz-Vier-Elend, Apathie und Fatalismus.
Jutta Ditfurth, „Die Himmelsstürmerin“, Rotbuch-Verlag, Berlin 2010,   12,95 Euro

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Gastbeitrag: Jubel Deutschland Einig Vaterland?

Vereinheitlichung? BRDigung der DDR?

Jubel? Nicht nur Bundespräsident Christian Wulff hat sich Gedanken gemacht, sondern auch Gastautor Wolfgang Bittner

Von Wolfgang Bittner

Jubelstimmung Deutschland, einig Vaterland?

20 Jahre deutsche Einheit – ein Grund zum Feiern? Das ist die Frage. Zunächst aber habe ich mich gefragt, wie es denn 1989 und 1990 in Deutschland aussah. Da gab es nach dem sich anbahnenden Zerfall des sogenannten Ostblocks immer noch die BRD und die DDR. Die Bundestagswahlen in der BRD standen bevor; als Kanzlerkandidat trat Oskar Lafontaine 1990 gegen Helmut Kohl an. Laut den statistischen Erhebungen stand die SPD mit ihrem Kandidaten Lafontaine in der Wählergunst vorn.

Aber der damalige Bundeskanzler Kohl reiste nach der Öffnung der Grenze und der Auszahlung von Begrüßungsgeld an die „armen“ Brüder und Schwestern zum Wahlkampf in die DDR. Er versprach blühende Landschaften und die D-Mark und erreichte die Vereinigung der beiden deutschen Staaten – oder vielmehr die Übernahme der DDR durch die BRD – noch kurz vor der Wahl, sodass die Menschen in der ehemaligen DDR ebenfalls den neuen gesamtdeutschen Bundestag wählen konnten. Durch diesen Schachzug, der heute in den Medien allgemein als großartige Leistung Kohls gefeiert wird, gewann er seinerzeit die Wahl. Und das Leben in Deutschland veränderte sich grundlegend. Sozialabbau, Finanzmarktkapitalismus, Kriegseinsätze, Entstaatlichung und Entsolidarisierung der Gesellschaft sind nur einige wenige Stichworte dafür.

In den folgenden Jahren wurde das Staatsvermögen der DDR versilbert. Es floss weitgehend in die Taschen der Spekulanten, die ihre Chance erkannt hatten, nutzten und in ihren windigen Geschäften nicht nur nicht gehindert, sondern noch gefördert wurden. Das dem Volk der DDR gehörende Vermögen wurde also privatisiert. Das war – so lässt sich rückblickend feststellen – der größte Betrugs-Skandal in der Geschichte der Bundesrepublik: Die „Abwicklung“, wie man es nannte, des DDR-Vermögens durch die Treuhand-Anstalt.

1990 schätzte der erste Treuhand-Chef, Detlef Rohwedder, das DDR-Vermögen auf ca. 600 Milliarden DM. Bei der Auflösung der Treuhand-Anstalt im Jahre 1994 betrugen die Schulden ca. 250 Milliarden DM. Gute Geschäfte für Spekulanten und Betrüger, staatlich organisiert, auf Kosten der Bevölkerung.

Der allergrößte Betrugs-Skandal folgte dann allerdings ab 2007 und 2008, offenkundig zunächst mit der Pleite der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers und in Deutschland mit der drohenden Insolvenz der Hypo Real Estate Bank. Es stellte sich heraus, dass deutsche Banken auf dem internationalen Finanzmarkt Roulette gespielt und wertlose Papiere in Billionenhöhe erworben hatten; auch die Landesbanken, die einen öffentlichen Auftrag wahrzunehmen haben, wozu keinesfalls die getätigten Spekulationsgeschäfte gehörten.

Das zur Bankenrettung bereitgestellte Kapital erreichte die unvorstellbare Summe von 500 Milliarden Euro. Allein bei der Hypo Real Estate Bank fehlten 102 Milliarden, dann noch einmal 40 Milliarden und kürzlich wurden Papiere der Hypo Real Estate Bank im Wert von 173 Milliarden Euro in eine sogenannte Bad Bank ausgelagert. Wie es weitergeht, steht in den Sternen, zur Rechenschaft gezogen wurde niemand.

Seit dieser unter der Bezeichnung „Internationale Finanzkrise“ laufenden verbrecherischen und desaströsen Finanzmanipulationen rechnet man in Regierungskreisen nur noch mit Milliarden. Der europäische Rettungsschirm für die Gemeinschaftswährung beträgt sogar 750 Milliarden Euro. Die Bevölkerung wird zur Kasse gebeten, die Spekulanten haben sich saniert, machen weiter und baden sich in satten Gehältern, Bonuszahlungen, Abfindungen oder Renten.

Übrigens waren die Bonus-, Abfindungs- und überhöhten Gehalts- und Rentenzahlungen maroder Unternehmen an Manager, die sich auf ihre vor der Krise geschlossenen Verträge beriefen, rechtswidrig, und zwar nach §§ 242, 303 des Bürgerlichen Gesetzbuches und – soweit es sich um Aktiengesellschaften handelt – nach §§ 87, 93 und 116 des Aktiengesetzes: Das nennt sich „Störung der Geschäftsgrundlage“ oder auch „angemessenes Verhältnis“. Wenn sich also die Umstände, unter denen Verträge geschlossen wurden, wesentlich geändert haben, sind sie anzupassen oder aufzulösen (dazu mein Beitrag in der NRhZ vom 29.7.2009). Bisher ist niemand ernsthaft gegen die Verfehlungen der Vorstände und Aufsichtsräte, denen eine Vermögensbetreuungspflicht obliegt und die haftbar sind, eingeschritten.

Zwei weitere Zahlen sollten nicht verschwiegen werden, nachdem nun wieder überall zu hören ist, die DDR sei vor ihrer Übernahme durch die reiche BRD schon bankrott gewesen. Es sind noch unvorstellbarere Zahlen als die für die Rettung der Banken und des Euro: Die Staatsverschuldung in Deutschland beläuft sich zurzeit auf die Summe von rund 1.800 Milliarden Euro, das sind also 1,8 Billionen. Und die Staatsverschuldung der USA beträgt sogar mehr als 13,6 Billionen Dollar. (Der ehemalige Diplomat Ralph Hartmann widerlegt übrigens die Behauptung vom seinerzeit angeblich bevorstehenden Staatsbankrott der DDR in seinem Buch Die DDR unterm Lügenberg, Ossietzky Verlag 2008).

Das ist die Wirklichkeit in der wir heute leben. Immer noch wird auf der Leiche des „realen Sozialismus“ herumgetrampelt, ohne Alternativen zum „realen Kapitalismus“ auch nur zu erwägen. Weitgehend verschwiegen wird bis heute, dass Lafontaine sich 1998 und 1999 als Finanzminister vergeblich bemühte, das europäische Lohn-, Steuer- und Sozialdumping zu verhindern. Außerdem beabsichtigte er die Finanzmärkte zu regulieren und die Währungsspekulationen zu unterbinden, wofür er in der Folgezeit nach seinem Rücktritt verteufelt wurde.

Eine Anmerkung noch aus meiner Sicht als Schriftsteller: Bis 1990 gab es in der Bundesrepublik eine finanziell verhältnismäßig gut dastehende Kulturszene. Es gab zahlreiche – auch linke – Kulturinitiativen, Kommunikations- und Kulturzentren, Stadtteil- und Schulbibliotheken usw. Außerdem gab es eine recht aktive linke Verlags-, Medien- und Buchhandelsszene. Das hat sich grundlegend geändert. Die „Konkurrenz der Systeme“ ist weggefallen und es ist kein Geld mehr für diese Art von Kultur da. Die Zahl der Autorinnen und Autoren hat sich 1990 durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten deutlich erhöht, die zur Verfügung stehenden Gelder wurden jedoch nicht angeglichen, sondern in den folgenden Jahren ständig gekürzt, und zwar bereits vor der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Situation hat sich noch verschärft durch den fortschreitenden Kultur-, Bildungs- und Sozialabbau seit Beginn der Krise. Da geht es den Kreativen nicht anders als der übrigen Bevölkerung – soweit es sich nicht um die Spekulanten, Absahner, Politikerdarsteller und das sonstige Packzeug handelt, dass sich auf Kosten der breiten Bevölkerung die Taschen füllt.

Für sozial Schwache, für Kultur und Bildung ist kein Geld da, die Zahl der Leiharbeiter und Hartz-IV-Empfänger wächst. Zugleich hören wir, dass die Finanzspekulationen weitergehen, dass zum Beispiel Manager der heruntergewirtschafteten und staatlich gestützten Banken nach wie vor Gehälter in zum Teil zweistelliger Millionenhöhe erhalten. Die verstaatlichte Hypo Real Estate Bank verteilt 25 Millionen als Boni an ihre Mitarbeiter, sie zahlt Jahresgehälter von jährlich 500.000 Euro und bewilligt Rentenansprüche für kurzfristige Vorstandstätigkeiten von monatlich 20.000 Euro.

Und damit sind wir wieder bei der Frage, ob wir 20 Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten einen Grund zum Feiern haben. Aber das ist die falsche Frage. Meinetwegen kann gefeiert werden, aber die richtige Frage lautet: Leben wir noch in einer Demokratie? Oder vielmehr in einer Staatsform, die nach dem negativen Vorbild der römischen Dekadenz Plutokratie genannt werden kann, also Herrschaft des Geldes, der Besitzenden, des Kapitals? Das ist die richtige Frage, die auch in den Medien gestellt werden müsste. Stattdessen werden wir mit Nebensächlichkeiten abgelenkt und beschäftigt, zum Beispiel mit den Überlegungen eines Herrn Sarrazin oder einer Frau Steinbach, mit Geträller, blödsinnigen Talkshows und anderem Irrsinn.

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Apropos Uschi

Freitag, 01. Oktober 2010

Autor: Hannes Nagel

Apropos Uschi

Uschi, mach kein Quatsch. Mensch, Uschi, hab ein Herz für uns. Und wusstest Du nicht, lieb Uschi mein, was nach UNO bedeutet, in Armut zu sein? Ein Dollar pro Tag und Kopf, mein Kind, nun streng Dich an, rechne nach geschwind:

365 Tage pro Jahr. Regelsatz 364 Euro. Sag mal, schämst Du Dich nicht? 99 Cent für Essen Gesundheit Bildung Kultur – für keins reicht es richtig, Verhöhnung pur. Artikel 20 des Grundgesetzes zielt auf solche wie Euch, denn ihr zersetzt es. Ade, liebe Ursel, wende ab Dein Gesicht, Du verstehst doch die Tränen der Armut nicht.

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Das Flugblatt Nummer 8

Das Flugblatt Nummer 8 ist da, obwohl es erst um den 13. Oktober erscheinen sollte, aber es kann nicht schaden, wenn es bereits zum dritten Oktober flattert. Um Download wird gebeten.

HierFlugblatt Nummer 8

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