REZENSION: Die Brüder Casanova“

REZENSION

Rezension „Die Brüder Casanova“

„Ein berühmter Tunichtgut“

Als Giacomo Casanova seine letzten Lebensmonate auf Schloss Dux verbrachte, muss ihm klar geworden sein, dass er bisher das Leben eines Tunichtgutes geführt hatte. Im Gegensatz zu seinem malenden Bruder Giovanni hatte er außer einem Trampelpfad durch gebrochene Herzen, Ermittlungsakten als Finanzbetrüger einer umfangreichen Krankenbiographie als Mann mit häufig auftretenden Geschlechtskrankheiten kein Lebenswerk zu hinterlassen. Giacomo Casanova schrieb daher ein mehrbändiges Werk mit dem Titel „Meine Lebenserinnerungen“, in dem er konsequent die Leistungen seines Bruders gering schätzt oder gar ausblendet. Das tat er auch mit allen zeitgeschichtlichen oder kulturgeschichtlichen Ereignissen, deren Zeuge er wurde. Ihm waren in seinen Beschreibungen die langweiligen Schilderungen einer A-tergo-Kopulation mit einer veheirateten Frau in der Öffentlichkeit am Fenster seines Hauses wichtiger als die Hintergründe der von dort ausgeführten Exekution eines Attentäters durch Vierteilen bei lebendigem Leibe. Beschreibungen von Glücksspielen im Kasino hielt Casanova ebenso für wichtiger als die ausführliche Beschreibung kaufmännischer Überlegungen für ein trotz Kapitalismus funktionierendes Sozialsystem, welches für dezentralisierte Strukturen, zum Beispiel Kommunen, auch hier und heute noch eine attraktive und vor allem menschenwürdige Alternative zu Hartz Vier und Ämterschikanen darstellen könnte. In Wahrheit war Casanova oberflächlich gebildet und ein Blender und Angeber, der jeglicher Verantwortung aus dem Weg ging. Das Unbehagen über die 12 Bände von Casanovas Lebenserinnerungen legt sich erst, wenn man ein weiteres Buch über Casanova liest, nämlich das Buch „Die Brüder Casanova – Künstler und Abenteurer “ von Roland Kanz. Es erschien im Deutschen Kunstverlag. Eine Angabe des Erscheinungsjahres fehlt darin. Alles Andere ist vorhanden. Der Autor ergänzt sozusagen die Auslassungen, die Giacomo Casanova aus Scham oder Nichtwissen wegließ, aus rückblickender kulturhistorischer Bewertung. Er macht das sehr geschickt, und so gelang es ihm, die Biographien der Brüder Casanova zu beschreiben, ohne sozusagen „DEM Casanova“ „DEN Casanova zu erklären.

(Roland Kanz, „Die Brüder Casanova“, Deutscher Kunstverlag)

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APROPOSIA: Von Flintenweibes Nachtgesang

APROPOSIA

Von Flintenweibes Nachtgesang

Moderatorin: „Guten Abend, Erlauchte Runde. Wo ist denn U.v.D. schon wieder hin? Sie hat mit Abstand die meisten Fehlzeiten.“

Sehr kluge Frau: „U.v.D. hat dafür einen sehr guten Grund. Sie hat Geld aus ihrem Etat für die Begrenzung der Neuverschuldung zur Verfügung gestellt.“

Zwischenrufer: „Und nun fehlt in Flintenuschis Haushaltskasse. Da muss sie zusehen, wie sie neues Geld anschafft.“

Unker: „Sind doch bloß 400 Millionen. Wieviel Geschieß kann man dafür kaufen?“

Mathelehrer: „Ein Leopard-Panzer kostet Pi mal Daumen abzüglich Schmiergeld 12 Millionen Euro. Ein Schuss aus dem Rohr kostet 4000 Euro. 400 Millionen geteilt durch 12 Millionen sind 3 Millionen Panzer. Braucht niemand. Soll ich das jetzt in Krankenhäuser, Wasserversorung und nachhaltige Bewahrung der Schöpfung umrechnen?“

Mesiramis Drohne: „Solche Vergleiche sind dumm.“

Moderatorin: „Solche Vergleiche sind vor die Säue geworfene Perlen.“

Sehr kluge Frau: „400 Millionen – ach Kinder, wenn ihr wüsstet.“

Moderatorin: „Was wissen wir denn nicht?“

Sehr kluge Frau: (südweisende Mundwinkel)

Mathelehrer: „Abgesehen von den 400 Millionen hat sie ja noch 32 Milliarden. Da fallen die 400 gar nicht auf.“

Zwischenrufer: „Geht es bei den Einsparungen um Einsparungen von Exporteinnahmen oder um Einsparungen bei Anschaffungsausgaben?“

Mesiramis Drohne: „Geht Sie gar nichts an.“

Moderatorin: „Doch, Drohne, doch. Denn wer so lügt wie IHRE Kreise / und das auf solche dreiste Weise / verdient nie wieder das Vertrauen / denn Ihr habt es kaputt gehauen.“

Die Tür: (öffnet sich)

U.v.D.: (stürmt herein)

Die Frisur: (sitzt)

U.v.D.: „Das war der Putin. Putin hat enorm Vertrauen zerstört.“ (wedelt mit einem Zeitungsartikel über sich)

Unker: „So ein Quatsch.“

U.v.D.: „Putin weiß, dass die NATO geschlossen hinter ihren östlichen Mitgliedern steht. Deshalb wird er dort nicht an die Souveränität und Integrität rühren.“

Zwischenrufer: „Ich denk der hat Vertrauen zerstört? Eben sagten Sie noch, Putin hat Vertrauen zerstört. Und nun ist es bei Ihnen wieder da?“

U.v.D.: „Vorsorglich muss der Verteidigungshaushalt hochgesetzt werden.“

Dr. Liberalitas: „Manchmal muss man eben zu den Waffen greifen.“

Moderatorin, Unker und Zwischenrufer: (lachen)

Liedermacher: (singt „Flintenweibes Nachtgesang“

„Gute Nacht, Ihr Heimatsterne
nach Euch greifen tu ich gerne.
Ihr kommt in die Reservekasse
wo ich jedesmal reinfasse
wenn ich wo Geld bezahlen soll
aber es behalten woll.
Da siehste ma, Kollege Drohne
Frauentricks sind auch nicht ohne.“

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Ersten Juni ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser, „Das Flugblatt“ für den Ersten Juni ist da. Themen diesmal:

Aproposia: „Von der Propaganda“
Rezension: „Aufruhr am Ryck“
„Der Rügener Sandkobold“
Das Foto: „Reflexionen am Fliess“
Gruppe Artikel 20: „Freier Handel oder Freies Leben“
Bewegungsmelder: „Abgefracktes Naturidyll“ http://hannesnagel.de/?p=2383
„Informations-Totalitarismus“
Baron von Feder: „Schwarzmeerwellen bringen schwarze Kunde“

Für die Juli – oder Augustausgabe ist ein Erdöl-Special geplant.

Das Flugblatt Nummer 80 01-Juni-2014 –

 

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BEWEGUNGSMELDER: Demo gegen Erdölförderung in Saal

Der Bohrturm am Bohrloch Barth 11 soll voraussichtlich kurz vor Himmelfahrt 2014 abgebaut sein und die Pumpen zur Testförderung installieert werden. Im Juni – wohl schon in der ersten Hälfte – beginnt die Firma CEP mit der Testförderung am Bohrloch in Saal. Am 24. Mai versammelten sich dort Bündnis 90/Grüne, NABU und weitere Gruppen in Saal, ein weiteres Mal gegen Ölförderpläne in der Boddenidylle zu demonstrieren. Es folgen drei Fotos vom Verlauf der Demonstration. Der ausführliche Text erscheint am 1. Juni in der PDF-Ausgabe von „Das Flugblatt“.

Update:

BEWEGUNGSMELDER
„Abgefrackte Naturidylle“
Karl Theodor zu Guttenberg hatte, als er noch Verteidigungsminister war, den Krieg in Afghanistan als „kriegsähnlichen Zustand“ bezeichnet. Inzwischen wird auch die hydraulische Stimulation des Stassfurt-Karbonats in der Tiefe der vorpommerschen Boddenidylle als frackingähnliche Methode zur Gewinnung von Erdöl durch Zerstörung der ölhaltigen Gesteinsschichten bezeichnet. Anhänger der Friedensbewegung halten bis heute die Beteilugung der Bundeswehr in Afghanistan für falsch. Anhänger verschiedener Umweltverbände halten das Fracken als Methode zur Ölgewinnung für falsch. Das Erdölunternehmen CEP kann die Bedenken der Umweltverbände nicht ausräumen, und die Umweltverbände halten von vornherein das Profitstreben der Erdölbohrer für zu groß, um offen für Sorgen und Nöte zu sein. Weil in der ersten Junihälfte die erste Ölentnahme aus dem Bohrloch Barth-11 bei Saal entnommen und an die Oberfläche, das heißt, in die Auffangtanks gepumpt werden soll, veranstaltete die Bürgerinitiative „Erdöl Barth“ aus Rostock am 24. Mai eine Demonstration. Merwürdigerweise fielen unter den anwesenden Demonstranten nur Umweltschützer auf, die von weit her angereist waren, aber kaum jemand aus der betroffenen Gemeinde Saal. Die Anwesenheit von Bündnis 90/Grüne verlieh der Veranstaltung auch den Anstrich eines zu groß geratenen Wahlkampfstandes mit Tischchen, Flyern und Sonnenschirm. Aber was ist nun mit der Angst vor einem zerbröselten Untergrund unter Vorpommerns Landschaft? „Das Flugblatt“ sprach vor Demobeginn mit Pressesprecher Jens Müller. Die bisher geäußerten Sorgen der Grünen vor der Zerbröselung ist verbildlicht die Vorstellung eines Treppenpodestes, in das jemand seitlich Löcher hineinschießt. Wenn dann einer auf die Stufen träte, würden sie wackeln und Sand aus dem Podest rieseln. Der Pressesprecher erklärte mit Skizze und Mathematik Klasse 8, Volumenberechnung von Körpern, dass alle Bohrlöcher
und „Brösel“ die gesamte ölhaltige Gesteinsschicht in kaum messbarer Größe beeinflussen würden. „Sozusagen ein Milliardstel des gesamten Volumens der ölführenden Gesteinsschicht“, sagte Müller. „Das ist schwer zu glauben, aber einfach nachzurechnen.“ Zur Plausibilität: Der Gesteinskörper ist Pi mal Daumen 20 Meter hoch und hat eine Grundfläche von 160 Quadratkilometern. Nehme man vereinfacht einen idealen Quader an, so beträgt das Gesteinsvolumen 160 Quadratkilometer mal 20 Meter, also 160 mal 0,02 = 3,2 Kubikkilometer ölführende Schicht. In diese Schicht kommen 20 Horizontale Bohrungen zu je 15 Zentimeter Durchmesser. „Davon bröckelt nichts“, sagte Jens Müller. „Das ist ungefähr so, als wenn Sie ein Hochhaus haben und der Hausmeister schlägt im Keller einen Nagel in die Wand, um seinen Arbeitskittel dran aufzuhängen. Nach der Brösel-befürchtung müsste das Hochhaus davon akut einsturzgefährdet sein.“

Vorbereitung auf die Demo:

24-05-2014 Bohrstelle Saal Demo gegen Fracking

 

Ein Demoplakat:

24-05-2014 Bohrstelle Saal Demo Plakat

Der Zug:

24-05-2014 Demoeindruck

 

Näher ran:

24-05-2014 Demostimmung

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FOTO: Wahlplakat und Wahlplakat mit Korrekturbalken

Original und Korrektur

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HOLDGER PLATTA: Die Sprache verschlagen

Die Sprache verschlagen

Armin T. Wegner

Damals verbrannt und heute vergessen? Zu Leben und Werk des deutschen Schriftstellers Armin T. Wegner. Ein Beitrag zum heutigen Gedenktag der Bücherverbrennung – 10. Mai 1933. (Holdger Platta)

Sechzehnter August 1933: ein Mann, der sich aus Berlin in die Wälder an der Havel geflüchtet hat und dort seit rund drei Monaten in zwei Zelten campiert, wird am frühen Morgen von zwei Männerstimmen geweckt. Ausflügler? Waldarbeiter?

Der Schlaftrunkene vernimmt einige Sätze über die schöne Aussicht von seinem Lagerplatz aus auf den kleinen See unten und kriecht aus seinem Zelt. Verwirrt steht er zwei Männern gegenüber, beide in bürgerlicher Kleidung, mit
Regenschirmen über dem Arm. Drüben, hinter den Bäumen, taucht ein dritter Mann auf, streckt seine Hand nach ihm aus und ruft: „Das ist er!“ Der Flüchtling erkennt in ihm den Wirt aus dem benachbarten Dorf wieder, in dessen Gasthaus er sich seine Post hat nachschicken lassen. Die beiden Herren weisen sich als Beamte der Geheimen Staatspolizei aus und verhaften den aufgestörten Schläfer. Genauerer Ort dieser Festnahme: der Sacrower See, vermutlich am Ostufer dort, wenige Kilometer von Potsdam entfernt. Der Name des Festgenommenen: Armin T. Wegner, geboren am 16. Oktober 1886 in Wuppertal-Elberfeld, von Beruf Schriftsteller. Sein ‚Delikt’: er hat – Anfang April 1933, unmittelbar nach dem von den Nazis organisierten Boykott jüdischer Geschäfte – einen Brief an Adolf Hitler geschrieben, mit der Aufforderung, diesem Treiben ein Ende zu setzen:

„Herr Reichskanzler, es geht nicht um das Schicksal unserer jüdischen Mitbrüder allein, es geht um das Schicksal Deutschlands! Im Namen des Volkes, für das zu sprechen ich nicht weniger das Recht habe als die Pflicht, wie jeder, der aus seinem Blut hervorging, als ein Deutscher, dem die Gabe der Rede nicht geschenkt wurde, um sich durch Schweigen zum Mitschuldigen zu machen, wenn sein Herz sich vor Entrüstung zusammenzieht, wende ich mich an Sie: Gebieten Sie diesem Treiben Einhalt! (…) Ich bestreite den törichten Glauben, daß alles Unglück in der Welt von den Juden herrühre, ich bestreite ihn mit dem Recht, den Beweisen, mit der Stimme der Jahrhunderte, und wenn ich diese Worte an Sie richte, so geschieht es, weil ich keinen anderen Weg mehr weiß, mir Gehör zu verschaffen. (…) Herr Reichskanzler (…) Schützen Sie Deutschland, indem Sie die Juden schützen! Lassen Sie sich nicht beirren durch Männer, die mit Ihnen kämpfen! Sie sind schlecht beraten! Fragen Sie Ihr Gewissen wie in jener Stunde, da Sie vom Kriege heimkehrend inmitten einer entfesselten Welt allein den Weg Ihrer Kämpfe begannen. Immer ist es das Vorrecht großer Seelen gewesen, einen Irrtum einzugestehen. Wessen die Menge bedarf, ist ein sichtbares Zeichen.
Führen Sie die Verstoßenen in ihre Ämter zurück, die Ärzte in ihre Krankenhäuser, die Richter auf das Gericht, verschließen Sie den Kindern nicht länger die Schulen, heilen Sie die bekümmerten Herzen der Mütter, und das ganze Volk wird es Ihnen danken. Denn wenn Deutschland auch vielleicht die Juden zu entbehren vermag, was es nicht entbehren kann, sind seine Ehre und seine Tugend. (…) Ich beschwöre Sie! Wahren Sie den Edelmut, den Stolz, das Gewissen, ohne die wir nicht leben können, wahren Sie die Würde des deutschen Volkes.“

Keine Frage: manches am Pathos dieses Briefes mag uns fremd geworden sein. Ich komme darauf noch einmal zurück. Und die Anrede Hitlers als Wahrer von „Edelmut“, „Gewissen“ und „Würde“ erscheint uns Heutigen vielleicht sogar
unfaßbar naiv. Daß ein Adolf Hitler, der seit dreizehn Jahren den Aufstieg des deutschen Faschismus betrieb, sich von einem einzigen Brief hätte umstimmen lassen können: ist das nicht allzu vertrauensvoll und gutherzig gedacht? Ja, zeigt diese Annahme, dieser Versuch nicht sogar Züge der Selbstüberschätzung? Und dieser Satz, das „ganze“ Volk würde es danken, wenn Hitler die Judenverfolgung beendete: wie konnte man das schreiben, 1933, in einem Land, das seit Jahren von antisemitischen Haßreden und Ausschreitungen aufgewühlt war – als politischer Zeitgenosse, als engagierter Literat?

Zweifellos: dieser nicht zu verleugnende Zug zur Verleugnung offenbarster Verhältnisse signalisiert – bei aller Hochachtung für den Autor und dessen Motive – ein Problem. Aber: würfe die Alternative zu dieser Gutgläubigkeit – selbst gegenüber einem Menschen wie Hitler – nicht ebenfalls einige Fragen auf? Wäre dann nicht festzustellen und festzuhalten, daß diese Aufgeklärtheit, diese Illusionslosigkeit allzuoft in einem Ton auftritt, der mit dem Faschismus zynisch-auftrumpfend dessen negatives Menschenbild teilt? Ich denke hier an die Analyse, die Theodor W. Adorno vom „autoritären Charakter“ vorgelegt hat, gemeinsam erarbeitet mit zahlreichen anderen Wissenschaftlern in der zweiten Hälfte der Vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Armin T. Wegner jedenfalls hat – Jahrzehnte später, nach Erfahrungen, die noch zu schildern sind – seinen Brief folgendermaßen beurteilt:

„Natürlich hatte ich gehofft, daß es nicht ohne Eindruck sein würde, denn ich hatte ja darin nicht nur gebeten oder angeklagt. Ich hatte einfach darin nachgewiesen, daß Spanien zugrunde gegangen war, nachdem es die Juden vertrieben hatte, und hatte daran die geschichtliche Folgerung gestellt, daß dasselbe eintreten würde, wenn die Anhänger Hitlers die Juden verfolgten. Das hat sich mit der Zeit ja auch bewahrheitet.“

Unüberhörbar: auch hier – in diesem Rückblick aus dem Jahr 1972 – klingt die Überschätzung rationaler Argumente gegenüber dem Faschismus noch nach. Als ob der Faschismus auf der Basis von Argumenten entstanden sei und der Kraft der besseren Argumente hätte weichen müssen! Und zu befürchten ist: es handelt sich dabei um eine spezifische Überschätzung des „Geistigen“ durch viele Intellektuelle überhaupt, um eine rationale Variante des Idealismus, der allzuoft eng gekoppelt bleibt an eine Unterschätzung des Affektiven und der materiellen Lebensverhältnisse der Menschen. Trotzdem:

Tadelt man damit, Jahrzehnte danach, nicht allzu sorglos und ungefährdet die – vermeintlichen oder tatsächlichen – Irrtümer der Antifaschisten von einst? Oder verfügen wir tatsächlich über das ‚bessere’, das heißt: aufs furchtbarste schlechtere Wissen – blutig oder auch gratis von der Geschichte belehrt, und wir verdanken dieses furchtbare Wissen nicht zuletzt Menschen wie Armin T. Wegner und dessen furchtbarem Lebensweg?

Dessen humanes Engagement hatte – wie meist bei den Männern, die im wilhelminischen Deutschland aufgewachsen sind – des Vorbildes der Mutter bedurft, denn aus eigener Kraft, aus eigener Tradition brachten nur wenige Männer diesen Mut zur Empathie und zur Sensibilität hervor.

Wegners Vater, preußischer Baurat bei der Reichsbahn, war ein gewalttätiger Mann, schlug den Sohn mit der Reitpeitsche, bis dieser ausriß, sich bei einem Bauern als Knecht verdingte, kaum siebzehnjährig. Die Mutter hingegen, zartfühlender, verständnisvoller als der Vater, besaß – wie der Göttinger Literaturwissenschaftler Reinhard Nickisch in seiner Biographie über Wegner geschrieben hat – „ein waches Gespür für das, was Menschen an Leid und Ungerechtigkeit widerfuhr.“

Die Mutter war eine der ersten Deutschen, die für das Wahlrecht der Frauen kämpften. Sie empörte sich über den Ersten Weltkrieg und verbreitete dies auch in einer von ihr herausgegebenen Frauenzeitschrift, bis das Blatt verboten wurde.

Als einer der wenigen jungen Männer dieser Zeit begrüßte daher auch Armin T. Wegner den Ersten Weltkrieg nicht, und der junge angehende Künstler und Schriftsteller Wegner stimmte auch nicht in das Begeisterungsgeschrei so
mancher anderen Schriftsteller und Künstler seines Landes für den Ersten Weltkrieg mit ein. Wegner Jahre danach:

„Am Tage des Kriegsausbruches war ich der einsamste Mensch, so einsam, wie ich es mir nie wieder im Leben habe vorstellen können (…)“

Er, dessen erster Band mit expressionistischen Gedichten 1909 erschienen war, im Berliner Fleischelverlag – Titel: „Zwischen zwei Städten“ –, kam als Sanitäter an die Ostfront, doch seine prägenden Kriegseindrücke erhielt er erst in der Türkei. Dort wurde er Zeuge des ersten großen Genozids des zwanzigstens Jahrhunderts: der Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern durch die Türken.

Wegner erkrankte schwer, an Fleckfieber, wurde nach Deutschland zurückgeschickt. Nicht mehr „kriegstauglich“, wie man das nannte, versuchte er in Berlin zugunsten der Armenier zu intervenieren, veröffentlichte ein Buch darüber: „Der Knabe Hüssein“. Doch die Deutschen – wie auch später die Siegermächte – kümmerten sich nicht darum.

Er schloß sich dem „Rat der geistigen Arbeiter“ an, einer Gruppe von linken Schriftstellern, welche die Umwälzung zum Sozialismus wollte. 1919 gründete Wegner den „Bund der Kriegsdienstgegner“, gemeinsam unter anderem mit
Helene Stöcker und Kurt Hiller. Zuvor, während des Krieges, 1917, hatte er seinen zweiten Gedichtband veröffentlicht, wiederum in Berlin, wiederum bei Fleischel: „Das Antlitz der Städte“, vielleicht seine besten Gedichte. Als „obszön“ verfielen sie der kaiserlichen Zensur und konnten erst später erscheinen. Gebannt vom Phänomen Großstadt – wie so viele andere Expressionisten auch – schrieb Wegner – nach und neben Georg Heym – dennoch eines der ersten, wenn man so will, „grünen“ Gedichte über die Großstadt – ein Gedicht gegen das allmählich alles verschlingende Häusermeer – „Der Zug der Häuser“:

Die letzten Häuser recken sich grau empor,
In Massen geschart und in einzelnen Gruppen,
Elende Hütten laufen davor,
Zerlumpte Kinder vor Heerestruppen.
Hinter den steinernen Zinnen aber beginnen
Die Felder, die Weiten,
Die sich endlos in die graue Ebene breiten.
Hohläugig glotzen die Häuser herüber,
Mit scheelem Blicke versengen sie Strauch und Baum

„Gebt Raum! Gebt Raum
Unserem Schritt!
Wir wälzen den plumpen steinernen Leib darüber,
Die Dörfer, die Felder, die Wälder, wir nehmen sie mit!

Mit unserem rauchenden Atem verbrennen
Wir jede Blüte und reifende Frucht.
Die Saaten, die nicht mehr grünen können,
Ersticken in Qualm wir. Vor unserer Wucht
Zersplittern die Bäume, in rasender Schnelle
Sind alle Menschen im Land auf der Flucht
Vor unserer steinernen Welle.
Wir aber erreichen sie doch. Uns hält
Kein Strom, kein Graben. Wir morden das Feld.
(…)
Bis wir zum Saume der Meere uns strecken,
Nie sind wir müde, nie werden wir satt,
Bis wir zum Haupte der Berge uns recken
Und die weite, keimende Erde bedecken:
Eine ewige, eine unendliche Stadt!…“

Mit anderem – noch stärker pazifistischem – Akzent als er auch in diesem Gedicht bereits vernehmbar ist (= der „Zug der Häuser“ gleichzeitig ein kriegerischer Truppenverband) hatte Wegner diese Fortschrittskritik auch in einem Brief an seine Mutter aus dem Jahre 1916 formuliert:

„Wofür bauten wir Eisenbahnen und Dampfschiffe, errichteten Schulen, Fabriken und Krankenhäuser (…) Glaubten wir wirklich, daß wir die Menschen näher aneinanderrückten, Völker an Völker, Herzen an Herzen zu binden, die Güter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer Mangel wäre, und die Armut zu töten? O die große Lüge, die große Lüge! Soviel Wunder des Geistes und der Hände, nur daß wir Mittel und Wege hätten, Soldaten schneller dorthin zu werfen, wo sie Menschen fänden, zu töten (…) Dreitausend Jahre haben wir die Sehnsucht in uns getragen, in die Lüfte zu steigen, und da sie endlich in Erfüllung ging und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in die Lüfte und warfen den Tod auf die Erde herab (…)“

Das Gedicht „Zug der Häuser“ wie der Brief Wegners an seine Mutter zeigen: hier wandte sich einer gegen mächtige Tendenzen in Gesellschaft und Gegenwart, und sein Brief aus dem Jahre 1916 an die Mutter hatte uns hören lassen: Wegner reagierte mit eminenter Sensibilität auf die inhumanen Entwicklungen seiner Epoche. Mit dieser gleichen Empfindlichkeit gegenüber den Kehrseiten offiziell gepriesener Realitäten reiste Wegner dann 1927 – mittlerweile ein Schriftsteller von hohem Ansehen und großem Erfolg – in die Sowjetunion. „Nur ein Liebender“, sagte er, „kann dieses Land verstehen.“ Und so schrieb er, der Kommunist, überwältigt von dem, was er in der Sowjetunion sah, seinen Erfahrungsbericht „Fünf Finger über Dir“, notierte er die Vorzüge der neuen Gesellschaft gegenüber der alten – um dann um so hartnäckiger von Zweifeln verfolgt zu werden:

„Daß überall das alte Rußland hindurchblickt, daß man die Gesetze der Zensur, der Amtsstuben, des Spitzelwesens, der Ochrana <= des zaristischen Geheimdienstes. HP> nur deshalb vernichtet hat, um sie selber anzuwenden – das ist es, was mich erschreckt.“

Und an anderer Stelle, in einem Brief an den Dichter Maxim Gorki:

„Wovor ich erschrecke, ist folgendes: Auf allen Bahnhöfen, in den Schreibstuben, den Polizeizimmern stelle ich immer von neuem fest, wie man das einfache Volk beleidigt. Während man die hohe Kameradschaft der Befehlshaber der Roten Armee zu ihren Untergebenen nicht ohne Rührung betrachten kann, scheinen die Beamten des Staates in der namenlosen Masse nur eine Herde von Hammeln zu sehen, die ihrer Willkür, jedenfalls aber ihrer grenzenlosen Gleichgültigkeit überlassen sind.“

Fragen, Zweifel, Unsicherheiten. Und Wegner nahm mit seinen Zweifeln nur vorweg, was andere europäische Linke später unter dem Eindruck von ‚Säuberungsprozessen’ und Spanischem Bürgerkrieg, von Hitler-Stalin-Pakt und Archipel Gulag erfahren sollten: den Beginn politischer Heimatlosigkeit. Daher dieser ‚apolitische’ Alleingang des Pazifisten und Kommunisten Wegner im April 1933, dieser einzelgängerisch-humanitäre Brief an den faschistischen Führer?

„Das Erschütternde unserer Lage besteht darin, daß es uns offenbar vom Schicksal bestimmt scheint, nicht hinter, sondern zwischen die Barrikaden zu fallen…“, so hatte Armin T. Wegner es schon 1919 ahnungsvoll formuliert – in einem Brief an den Schriftsteller und Revolutionär Ernst Toller, der in der Münchener Räterepublik nicht Menschenleben opfern wollte.

Nun stand er nicht mehr nur zwischen den Barrikaden, Mitte August 1933, sondern vor den Nazi-Schergen in der Prinz-Albrecht-Straße, Berlin. Und das Übliche begann. Man stieß ihn eine finstere Kellertreppe hinunter, drohte mit seiner Erschießung. Man ließ ihn warten und schlug ihn dann blutig. Man schrie ihn an „Ein Intellektueller, der riskiert nur ’ne Lippe in Büchern“ und las ihm höhnisch aus Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ vor, die sie bei dem Festgenommenen gefunden hatten.

Dann die Wiederholung der Torturen im KZ Oranienburg. Schläge jetzt mit der Reitpeitsche, einen Knebel im Mund, ein Gestapo-Mann, der ihn anschreit: „Nun wirst Du nicht mehr gegen uns schreiben!“ – und ein anderer: „Mach kein so trauriges Gesicht!“

Endlich, vierzehn Monate später, nach einem Leidensweg durch sieben Gefängnisse und drei KZs, im Oktober 1934 die erste Entlassung. Wegner geht nach England, seine jüdische Frau – die Schriftstellerin Lola Landau – ist schon dort, aber: „Auswandern“, so Wegner, „ist Sterben“. Der Autor kehrt nach Deutschland zurück, wird erneut verhaftet, als er sich für die Freilassung eines Juden einsetzt, den er im KZ kennengelernt hatte. 1935, am 7. September, dann die endgültige Entlassung, betrieben von einem englischen Anwalt und Quäker. Wegner findet Unterschlupf in einem Dorf bei Amalfi in Italien.

„Das Inferno war überstanden“, schreibt Jürgen Serke in seiner Kurzbiografie des expressionistischen Dichters: „Es blieb die Sprachlosigkeit aus Entsetzen.“ Und Wegners spätere Lebensgefährtin, Irene Kowaliska, erzählt:

„Er schob immer ein Blatt über das, was er schrieb, wenn ich zu ihm ins Zimmer kam. Einmal vergaß er es. Ich schaute auf seinen Schreibtisch. Ich habe mich furchtbar erschrocken. Er schrieb überhaupt nicht. Er saß den ganzen Tag vor leeren Blättern.“

Und Serke ergänzt:

„Nachts träumte er von den Folterern… er schrie so laut, daß man es auf der Straße hören konnte.“

Jean Amery, der wie Wegner Folter, KZ-Haft und Exil erdulden mußte, schrieb zwei Jahrzehnte später in seinem Essay über „Die Tortur“:

„Schon mit dem ersten Schlag, der auf den der Folter Unterworfenen niedergeht (…) endigt ein Teil unseres Lebens und ist niemals wieder zu erwecken (…) Daß der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde, bleibt als gestauter Schrecken im Gefolterten liegen.“

Armin T. Wegner, der vom Verstummen Bedrohte, hat sich von diesem Erschrecken niemals mehr befreien können. Und das Vergessen seiner Person, seines Werkes im Nachkriegsdeutschland tat ein übriges. Jürgen Serke im Jahre 1983:

„Dieser Schriftsteller war nie ein Thema im Nachkriegsdeutschland. Weder in der Schule noch in der Politik. Sein Name steht in kaum einem Literaturlexikon nach 1945. Seine Bücher, einst in hohen Auflagen verbreitet, wurden nicht mehr aufgelegt. Die alten Werke sind nicht einmal in den großen öffentlichen Bibliotheken erhältlich.“

Dies stimmt so zum Glück nicht mehr ganz. Anfang der siebziger Jahre begann verdienstvollerweise der Wuppertaler Peter-Hammer-Verlag mit der Neu-Herausgabe seiner Werke, nunmehr hat der Göttinger Wallstein-Verlag die Neu-Edition seiner Bücher übernommen. 1982 erschien beim Hammer-Verlag – eine Pionier-Arbeit! – die Biografie des Göttinger Literaturwissenschaftlers Reinhard Nickisch über Armin T. Wegner, der am 17. Mai 1978 im Alter von fast 92 Jahren starb. Schließlich ist zu erwähnen die Dissertation von Martin Rooney über den expressionistischen Dichter aus dem Jahre 1982, die zwei Jahre später im Selbstverlag erschien unter dem Titel „Leben und Werk Armin T. Wegners (1886-1978) im Kontext der soziopolitischen und kulturellen Entwicklung in Deutschland“. Und zuallerletzt: seit 2002 gibt es auch eine „Armin T. Wegner-Gesellschaft“, die sich um Erinnerungsarbeit für diesen großen humanen Autor bemüht. Dennoch, für den verfolgten Schriftsteller kam dies alles zu spät.

Er, der wie Erich Kästner der Verbrennung der eigenen Bücher zugeschaut hatte, am 10. Mai 1933 in Berlin, mußte erfahren, daß dieses Vergessenwerden im nachfaschistischen Deutschland noch quälender war als der einmalige
Verbrennungsakt von Büchern seinerzeit auf dem Berliner Opernplatz – und übrigens, Wochen davor schon, auch in seiner Heimatstadt Wuppertal. Unsere „zweite Schuld“ hat das der deutsch-jüdische Autor Ralph Giordano in seinem gleichnamigen Buch genannt. Und Armin T. Wegner schrieb einmal: „Nichts Unnachgiebigeres gibt es als die Vergangenheit“. Vielleicht, so müssen wir hinzufügen, kann sie übertroffen werden, diese Gewalt der Vergangenheit, durch die Grausamkeit des Vergessens in der Gegenwart.

Es liegt an uns, dieser Grausamkeit ein Ende zu setzen. Die Verspätung dieses Wiedererinnerns rückgängig zu machen, liegt freilich nicht in unserer Hand.

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APROPOSIA: Von Propagandaschlachten

APROPOSIA

Von Propagandaschlachten

Moderatorin: „Guten Abend, Erlauchte Runde. Im März, April und auch im Mai / ertönte wütendes Geschrei. / Nur Worte über Kriegsgefahren / warn Worte, welche Wahre waren.“

Zwischenrufer: „Die Kriegsgefahr ist wahr. Doch warum Verse?“

Moderatorin: „Wenn man nicht das Kabarett / und politsche Witze hätt, / gäbs nicht den kleinsten Widerstand / gegen Krieg, in diesem Land.“

U.v.D: „Krieg? In diesem Land?“ (blickt fragend zu Mesiramis Drohne)

Moderatorin: „Beteiligung? Mit diesem Land?“

Unker: „Es stand in manchem Käseblatt: / Es findet ein Manöver statt. / Im hintren Teil des baltschen Meeres, / wo grad reger Schiffsverkehr ist, / spielt die NATO mit den Balten / wie sie die Russen draußen halten.“

U.v.D: „Es ist Ihnen unbenommen, die Dinge so zu sehen, wie Sie es gerade tun.“

Moderatorin: „Der Medien Propagandaschlacht / hat jedenfalls zustand gebracht, / dass deutsche Nazis und die Linken, / auf gleichen Friedensdemos winken.“

Liedermacher: „Ich will aber nicht mit Nazis auftreten. Mit homophoben Rassisten für den Weltfrieden? Das kann nicht klappen.“

Zwischenrufer: „Nicht Montags und nicht irgendwann.“

Die Couragierte: „Die Montagsdemos sind unterwandert.“

Unker: „Und wen freuts?“

U.v.D.: (blickt fragend zu Mesiramis Drohne)

Meklenburger: „Grad as ick von schärpere Sanktionen gägen Russland läst heww, keem de Naricht, dat ein Russ de Volkswerft Stralsund köfft hett. Dat verdrächt sick alls nich mitnander.“

Sehr kluge Frau: „Das müssen Sie dialektisch sehen.“

Zwischenrufer: „Ist Vorpommern-Rügen nicht Ihr Heimatwahlkreis?“

Sehr kluge Frau: (redet gar nicht mehr mit dem Zwischenrufer)

Wachsamer Pazifist: „Seit Anfang Mai kann man die Eurofighter Typhoon zumindest am Himmel über Barth und Velgast fast täglich hören und zum Teil auch sehen.“

Luftwaffenpressechef: „Für den Luftraum über Barth gibt es eine militärische Luftraumreservierung für Eurofighter seit Ende 2013 etwa.“

Unker: „Und da konnten Sie schon zeitlich voraus schauen und auf die Entwicklung zwischen Russland und Ukraine reagieren?“

Mesiramis Drohne und U.v.D.: (schauen sich an)

Ein Militärexperte: „Ich hoffe zu unserem Glück, dass sich die NATO nicht wirklich an eine kriegsbeteiligung traut.“

Verlautbarungspresse: „Was haben Sie denn immer mit der NATO? Schuld sind doch die Russen. Die Russen sind schuld dass die Ukraine schießt. Also muss man Putin erziehen, damit die Schießereien in der Ukraine aufhören.“

Zwischenrufer: „Genau. Und nur wenn man Gregor Gysi erzieht, kann man das transatlantische Freihandelsabkommen stoppen.“

Moderatorin: „Sie Zyniker“ (zwinkert ihm zu)

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BEWEGUNGSMELDER: Frack-Off Demo in Saal

BEWEGUNGSMELDER

„Frack-Off-Demo in Saal“

Am 30. April 2014 hatte sich eine Gruppe von Anhängern der Partei Bündnis 90/Die Grünen (Kreisverband Vorpommern-Rügen) vor der Bohrstelle „Barth 11“ ins Saal versammelt. Sie wollten ihre Bedenken bezüglich unkalkulierbarer Gefahren für Grundwasser, Gesundheit und Umwelt der Ölförderfirma CEP vortragen. CEP kennt die Ängste und versucht mit genau so viel Ausdauer und Zähigkeit die Ängste abzubauen, wie Grüne, Umweltschützer und Anwohner sie immer wieder vortragen. Einer der Gründe dafür sind die unbekannten Gefahrensquellen bei der Fördermethode „Fracking“, die laut CEP in Saal gar nicht angewendet wird. Der Knackpunkt ist jedoch, dass die von CEP mit dem Begriff „Stimulation“ bezeichnete Methode sich für die meisten Menschen bestenfalls nach Begriffskosmetik anhört, aber nicht nach einer anderen Methode.

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Ungeachtet der Bedenken und des Miteinander Redens führt CEP die Arbeiten am Bohrloch Barth 11 konsequent weiter. Am 30. April konnten die Frack-Off-Demonstranten sogar das Gelände betreten und mit den Geschäftsleitungsvertretern reden. Redefreudig ist CEP wirklich. Das muss Bestandteil ihrer PR-Arbeit sein. „Corporative Smiling“ wäre ein schönes Wort, um sie zu beschreiben. Für den 7. Mai lud Jens Müller, der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von CEP zu einem weiteren Pressetreffen am Bohrloch ein. Thema diesmal: „Weitere Einblicke in die Ölaufsuchung“.

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BEWEGUNGSMELDER : Vorsicht: Datensammeln kann totalitär machen

BEWEGUNGSMELDER

„Vorsicht: Datensammeln kann totalitär machen“

Neulich las ich einen Artikel von Harald Wetzler. („Wenn man etwas merkt, ist es zu spät“, FAZ, 23.04.2014). Der Artikel begann mit der Beschreibung der Begeisterung von Harald Wetzler über die Möglichkeiten, selbst im Braunen Deutschland unterzutauchen, illegal zu leben und nicht aufgespürt werden zu können. Und um die Möglichkeit, doch noch fliehen zu können, wenn man enttarnt wird. Nach der begeisterten Beschreibung über die Möglichkeiten sich verstecken müssender Menschen kommt die betrübliche Feststellung: Das geht heute nicht mehr. Denn heute gibt es globalisierte Herrschaftsnetzwerke. Für das Untertauchen im Braunen Deutschland waren nur Glück, Vorsicht und Fluchthelfernetzwerke. Die mussten selbst so klein sein, dass sie nicht auffielen, und groß genug, um arbeiten zu können. Harald Wetzler nennt dies „die Nischen des Privaten und der Intransparenz“. Die bisherigen Nischen des Privaten gibt es nicht mehr. Teils machte die eigene Bequemlichkeit es Geldkarteninstitutionen, Mobilfunkbetreibern, Werbung und Versicherungen ziemlich einfach, sich in den privaten Nischen der Menschen auszukennen. „Leben Sie, wir kümmern uns um die Details“, hieß mal ein Werbespruch. Eigenschutz gegen den Informationstotalitarismus ist also nur möglich, indem man sich stets aufs Neue Nischen schafft. Denn um uns selber müssen wir uns selber kümmern, sonst leben wir nicht, sondern werden gelebt. Der Rückzug in Nischen ist schwer. Denn der heute übliche Lebensstil setzt die Benutzung von Geräten und Gegenständen voraus, die im Grunde Datenschleudern sind: Mobiltelefone, E-Mail, SMS, Kartenzahlungen, GEZ, Kraftfahrzeuganmeldungen, Einkommensnachweise gegenüber dem Jobcenter, wenn man Hartz-Vier-Opfer ist, sogenannte intelligente Zähler für den Verbrauch von Strom und Wasser, und wo das alles nicht reicht, gibt es juristisch fabrizierte Auskunftsverplichtungen der Bürger gegenüber Vermietern, Energieversorgern, Arbeitgebern und Krankenkassen. Diesem Stress möchte man sich gerne entziehen. Selbst der Versuch, keine digitalen oder aktenkundlichen Spuren in Anträgen, Pflichtmitteilungen und Bescheiden im Umgang mit Ämtern und Behörden zu hinterlassen, hinterlässt heute Spuren. Zumindest macht sich im Sinne der Obrigkeit verdächtig, wer keine Spuren hinterlässt oder plötzlich abweichende Spurenmuster hinterlässt. Weniger Wasser zu verbrauchen darf kein Grund für einen Wasserversorger sein, mit Argwohn den Haushalt des betroffenen Bürgers unter vorsorgliche Observanz zu stellen.

An die überall gesammelten Daten machen sich Algorithmen heran. Sie sollen die gesammelten Informationen auswerten und in Zusammenhänge bringen. Da kommt bisweilen Unsinn heraus. Mein Buch „Omelett oder Rührei – eine Art franziskanische Wirtschaftsordnung“ wird mit konstanter Seelenlosigkeit als Kochbuch angesehen. Dabei geht es um Lebensformen, durch die eine würdevolle Existenz möglich ist, indem sich Menschen Nischen verschaffen können, die ihnen Urlaub vom Kapitalismus schenkt. Kein algorithmischer Filter kann den Sinn erkennen, denn der Sinn offenbart sich gegenüber Geist und Seele. Bloß der Schaden, den der informationelle Totalitarismus anrichten kann, der ist verheerend.

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BARON VON FEDER: Schwarzmeerwellen bringen schwarze Kunde

Baron von Feder hat folgendes für Sie gereimt:

Schwarzmeerwellen bringen schwarze Kunde

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