Apropos Lebensleistungsrente und Dilettanten

 Lebensleistungsrente und Dilettanten

 Lebensleistung und Dilettanten“

 Die Regierung hat sich herabgelassen, eine Lebensleistungsrente in Höhe von 850 Euro einzuführen. Zugleich bescheinigt ein Buchautor den regierenden Klassenangehörigen, Blender, Täuscher und Dilettanten zu sein. Denen ganz unten aber sagen die Dilettanten, dass Arbeitslosigkeit und Altersarmut auf falscher Lebensplanung beruht.

 Die arge von der Arge: „Wann haben Sie zuletzt Ihre Armut geplant, um den Jahrmarktnervenkitzel von Inkassomaßnahmen zu erleben? Gar nicht? Aber Sie stecken doch drin. Ach, und jetzt glauben Sie, der Sozialstaat holt Sie da raus? Wie, Sie können nichts für den Verlust Ihres Arbeitsplatzes? Zeigen Sie mal, her, Ihre Kündigung. Soso, Sie haben sich Anweisungen widersetzt, ja, glauben Sie denn, ein Unternehmer muß Ihre Disziplinlosigkeit dulden? Ach, Sie haben bloß Fragen gestellt. Na, wenn ich Sie hier so erlebe, kann ich mit sehr genau vorstellen, wie Sie Ihrem Vorgesetzten Fragen gestellt haben. Wissen Sie überhaupt, wieviel Verantwortung ein Unternehmer trägt? Der hat Tag und Nacht seine Fürsorgepflicht für Angestellte im Sinn, und das bei dem allgemeinen untenehmerischen Risiko. Sie haben nur Ihre Miete, Ihre Heizung und Ihren nächsten Urlaubsflug im Sinn – was Ihnen alles nur möglich wurde, weil Sie einen so fürsorglichen Chef hatten. Wenn DEM was in der Lebensplanung schief geht, da kann der Sozialstaat eingspringen, und das wird er auch. Denn Ihr Chef wie alle Unternehmer LEISTET etwas, für Leute wie Sie. Dabei haben Sie vom Staat jede Chance für eine solide Lebensplanung bekommen. Glauben Sie jetzt bloß nicht, wir springen für Sie ein, nachdem Sie leichtfertig größere Happen schlucken wollten, als Sie vertrugen“

Der Bittsteller: „Aber…“

Die arge von der Arge: „Sie fangen ja schon wieder an“

Die Lokalzeitung: „Solidar-oder Lebensleistungsrente soll Geringverdienern 850 Euro im Monat bringen, wenn sie 40 Jahre versichert waren und 30 Beitragsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung voweisen können. Das will die SPD. CDU und CSU wollen zwar auch 850 Euro, aber verlangen dafür 40 Jahre Beitragszahlungen UND eine private Zusatzvorsorge.“

Der Sachbuchautor: „Ich sag ja: Das ist die Stunde der Dilettanten.“

Der Parteischnösel: „Das ist ja eine Unverschämtheit von Ihnen. Wir von der F…“

Der Sachbuchautor: „Na was?“

Der Parteischnösel: „Wenn die Arbeitslosen und Minijobber in diesem Land soviel Schneid hätten wie wir, dann hätten wir diese sozialistische Rentendiskussion nicht“

Der Bittsteller: „Bei allem Respekt vor unserem Rechtstaat und der FDGO: Erstens hat Ihre Partei gar nichts zum Thema Rente gesagt, zweitens kann man ja von Ihnen allen erwarten, dass Sie erkennen, wie Sie die Grundrechte und den Sozialstaat aushöhlen und drittens ist es pervers, von Lebensleistung zu sprechen, wenn die Menschen keine Aufgaben haben. Was fördern Sie denn an Leistungen, Sie alle?“

Der Schnösel: „Leistung muss sich wieder lohnen, und dafür haben wir ein ausgeklügeltes System von Leistungsanreizen geschaffen. Dazu gehören auch harte Strafen für solche notorischen Leistungsverweigerer wie Sie“

Der Pfarrer: „Lebensunterhalt und Menschenwürde sind keine Verdienstfrage. Sie stehen jedem ohne alle Leistung und trotz aller Schuld zu“

Der Physiker: „Also hier muss die Physik der Theologie Recht geben. Denn Arbeit ist die Verschiebung einer Kraft längs ihres Weges. Leistung ist lediglich ein imaginäres Größenverhältnis einer verrichteten Arbeit zu der hierfür benötigten Zeit. Je mehr Arbeit in kürzere Zeit getan wird, desto größer ist die Leistung. Es ist schon bezeichnend, dass Arbeit geteilt durch Zeit als Leistung auch von der Arbeitsmarktpolitik als Bezugsgröße herangezogen wird“

Der Zwischenrufer: „Und wo bleiben Glück und Freude?

Der Physiker: „Kraft durch Freude – diese Bezugsgröße ist nicht definiert“

Der Parteischnösel: „Sie haben einen Nazi-Vergleich benutzt. Ich hab das genau gehört. Ich bin ganz – außerordentlich – empört. In meiner Gegenwart hat kein anderer solche Vergleiche zu nutzen“

Der Zwischenrufer: „Ja nee, schon klar“

Der Bittsteller: Und was ist nun mit Lebensplanung?

Der Sachbuchautor: Lieber Kollege, das ist genauso ein Hohlphrasenblindgänger wie das gekanzlerte Wort „alternativlos“: Dumm, leer, gefährlich. Es bedeutet nichts, und kann daher bedenkenlos angewendet werden, weil man sich juristisch dagegen nicht wehren kann.“

Der Zwischenrufer: „Also ein Fall für Artikel 20 GG – Widerstandsrecht“

Zweiter Zwischenrufer: „Und 1 – Menschenwürde“

Pfarrer: „Herr, Dein Wille geschehe“

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Rezension Mörder im Gespensterwald

 Helene Musfedder

Rezension „Mörder im Gespensterwald“

Dienstag, 13. November 2012

Mimis kleine Bettlektüre, Folge 4: Akute Lektüreschübe

Mittags gegen 11 Uhr 10 kam mein Freund zurück. Nach der ersten Freude hab ich zu ihm gesagt, „Freund“, sagte ich zu ihm, „es ist schön, wenn Du mal eine Zeit lang weg bist, denn dann merke ich, dass ich noch Sehnsucht nach Dir habe.“ Er hat mich ziemlich verdattert angeschaut, und dann hat er aus seiner Reisetasche ein kleines Päckchen herausgeholt. „Für Mimi“, stand darauf und ich ahnte sofort, es konnten nur Krimis darin sein. Schließlich hatte er auf der Rückfahrt von seiner Dienstreise einen Zwischenstopp bei seiner Tante in Crimmitschau eingelegt, die dort eine kleine Buchhandlung betreibt. Bevor ich das aber heraus finden durfte, wollte mein Freund unbedingt Wiedersehen mit mir feiern. Gott ja, irgendwie war mir auch so danach, und als er selig auf dem Stubensofa einschlief, stiebitzte ich mein Geschenk und huschte in mein Leselümmelzimmerchen. Hmm, dachte ich beim Betrachten des Päckchens: Doppelt zugenähter Umschlag, mit Hartwachssiegel petschiert – wie eine Geheime Kommandosache. „Nur für den Dienstgebrauch“ ist fast harmlos langweilig. „GVS- Geheime Verschlußsache“ (mit dem roten Dreieck links oben) ist schon etwas brisanter und damit spannender, aber eine Bestätigung für die Stufe „Gekados“ kriegt man nur, wenn man dem Teufel seine Seele verkauft. Dann ist es doch besser, Historiker zu werden, dann kriegt man die Infos auch so. Wenn also mein Freund das Spiel „Gekados“ spielt, will er mir andeuten, das der Inhalt des Päckchens spannend sein könnte. Da kann er gar nicht anders. Mit den Händen fühlte ich nach dem Inhalt. Ahh, dick. Könnten 400 Seiten sein. 400 Seiten. Ich überlegte: Könnte das am Ende… Ist das vielleicht…? Ich riss Siegelschnur und Schließnaht auf. Tatsächlich: „Mörder im Gespensterwald“, blinzelte es mich verheißungsvoll an. Autor Frank Goyke. Klang ebenfalls verheißungsvoll. Und dann, dann kam der Text. Und der klang – Sie ahnen es schon – verheißungsvoll. Mit Verheißungen ist es so eine Sache. In Frank Goykes Krimi wechseln Phasen von Humor mit Phasen von Fatalismus, die dann in einen akuten Schub von Zuendelesenwollen ausarten. Hauptsache fertig werden, denn ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende. Die Humorphasen des Krimis könnten richtig gut sein, aber man wird dann immer unsanft aus der Stimmung gerissen, als wenn eine eiskalte Dusche mitten in die Kuschelstimmung schwappt. Denn die Kommisarin ist Alkoholikerin. Ständig fürchtet man beim Lesen, sie könnte ein Kind oder einen Radfahrer umsemmeln. Das tut sie aber nicht. Angenehm ist hingegen die genüßliche Demontage der von Fernsehkrimis aufgebauten Klischeekulissen. Selten bekommt man in Literatur oder Film Polizisten serviert, die tatsächlich noch Herz und Menschlichkeit haben. Der Humor geht meistens so, dass Vorkommnisse aus der gesellschaftlichen Realität mit sarkastischen Bemerkungen bedacht werden. Es handelt sich mithin um Situationskomik. Einmal fragt ein Polizist schwedische Touristen, ob sie in Rostock jemals Erlebnisse mit Ausländerfeindlichkeit hatten. „Wieso“, fragt eine Schwedin verständnislos, „wir sind doch blond“. Falls den hier einer nicht verstanden hat, stellt der Polizist einem Neonazi die gleiche Frage, aber weil der richtig schwer von Begriff ist, wiederholt der Polizist die Blondheitsfrage, aber er ersetzt „blond“ durch „arisch“. Tusch, Helau unnd Alaaf.

Da fällt mir gerade ein: Kennen Sie den? Erdogan und Merkel machen Gespräch zum Thema EU-Beitritt der Türkei. Erdogan säuselt: „Nur wer sich selbst und andre kennt, der wird auch hier erkennen – Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“ „Ah, Sie kennen Goethe“, sagt Merkel, „Sagen Sie: Sagt Ihnen Götz von Berlichingen was?“

Ich musste bei den 400 Krimiseiten viele Pausen einlegen. Denn er erzeugt so viele einander widersprechende Stimmungen gleichzeitig, das spielt der Herzschlag Gefäß-JoJo. Mal jagt ein Schub von Adrenalin durch den Körper, mal treibt man locker entspannt wie ein Blatt auf dem stillen Herbstsee. Man weiß nie, wann welche Stimmung kommt. Hinterher ist man total verwirrt. Ein Glück bloß, dass die Kommissarin am Ende nach 22 Stunden Trockenheit den weg zur Therapie findet. Wenigstens eine solide Entwicklung. Oder Happy End? Apropos Happy End: Nach diesem Krimi brauchte ich auch eins.

Ich schlich mich auf Samtpfötchen zum Sofa,auf dem mein Freund schnarchte, und maunzte lieb. Er nahm mich in den Arm und ich konnte schnurren. Der Krimi war aber auch hart. Edgar Wallace geht einen irgendwie nichts an. Hier aber kribbelte ständig die Kopfhaut, wenn die Polizei einen befragte, als ob man selber befragt würde. Und so oft – man war in jeder Szene jeder Befragte. Das war anstrengend. Es war so – so realistisch, verstehen Sie?

Frank Goyke, „Mörder im Gespensterwald“, Hinstorff-Verlag, Rostock, 2012

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Apropos: Die Retter des Grundgesetzes

Freitag, 9.November 2012

Hannes Nagel

Die Retter des Grundgesetzes 

Der Konvent und die Basis“

 Das Volk als Souverän ist in der Situation eines Grundstücksbesitzer, der sein Land nicht nutz-und freudebringend bearbeiten kann, weil ein Mitbesitzer ihn daran hindert. Die „Initiative Verfassungskonvent“ will daher das Grundgesetz vom Kopf auf die Füße stellen, den Souverän in seine Rechte einsetzen und Leute wie Dich und Mich, wie Sie und Euch, an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen teilnehmen lassen.

 Eins vorweg: Petitionen einreichen und an Volksentscheiden teilnehmen darf der Souverän ja. Da hat ihm gnädig die von ihm beauftragte Legislative erlaubt. Sie gestattet dem Souverän nur nicht, aus eigenem Antrieb eine gesellschaftliche Entscheidung selbst zu initieren. Sonst müsste der Gesetzeber alle, auch die Arbeitslosen, fragen, wie das Sozialgesetzbuch II formuliert werden muss. Bevor sie loslegen konnte, gab sie einen Startschuss ab. Die Initiative appellierte „An alle“, und sie nannte es den „Leipziger Appell“. Die Folge war die Erweiterung des Internets um zwei neue Webauftritte. Der eine heißt www.initiative-verfassungskonvent.de und der andere www.visionsofpolitics.de

Weil das Volk der Souverän ist, soll es auch selbst von sich aus einen Volksentscheid starten dürfen. Das Ergebnis soll dann Gesetzeskraft haben. Unantastbar. Unantastbar, wie die Würde des Menschen und die Verpflichtung der Wirtschaft auf eine soziale Marktwirtschaft. Der Leipziger Appell sammelt Unterschriften für eine Eingabe an den Bundestag, damit der das Recht des Volkes auf Volksentscheide in die Verfassung aufnimmt, und dies soll symbolisch am 23. Mai 2013 geschehen, weil am 23. Mai 1949 das Grundgesetz beschlossen und verkündet wurde, weshalb der 23. Mai auch Verfassungstag genannt wird.

 Immerhin rein theoretisch hat das Volk zumindest das Recht, sich mit Petitionen an den dafür zuständigen Petitionsausschuß zu wenden. Petitionen sind Eingaben oder Bittschriften; der Petitionsauschhuß ist die Bewertungsstelle der Bittschrift. Die muss aus Sicht der Politik sein, weil sonst das Volk mit seinem fehlenden Verständnis für das weltpolitische Große und Ganze zum Beispiel das Ende der Rohstoffkriege beschließen könnte und dann im Dunkeln dasitzt, weil es Mangels seltener Erden keine Batterien mehr für die Taschenlampe gibt. Dabei hätte das Volk diesen Zustand ja erst herbeigeführt durch sein verantwortungsloses Spielen mit dem Petitionsinstrument. Der Volksentscheid ist im Prinzip auch jetzt schon möglich, aber nur als ein von „Oben“ zur Abstimmung nach „Unten“ durchgereichtes Projekt. Die direkte Möglichkeit, dass „Unten“ ein Gesetzgebungsverfahren von „Oben“ mittels Volksentscheid initiiert, ist noch nicht möglich. Der Souverän bekommt also vorgeschrieben, worüber er abstimmen darf, obwohl die Entscheidungen schon längst woanders gefallen sind. Diese im Prinzip kleine Veränderung in der Verfassung hätte die Initiative Verfassungskonvent gerne.

Visionofplitics sammelt inzwischen konkrete Vorschläge, was in der gesellschaftlichen Realität verändert werden müsste. Bisher sind einige hundert Vorschläge eingereicht worden zu 14 Themenkomplexen. Das hält die Initiative für einen guten Anfang, aber noch viel zu wenig. Obwohl es Schnittmengen zwischen den Vorschlägen gibt, dauert es noch bis zu einem Gesamtkonzept. Unter den eingegangenen befindet sich zum beispiel der Vorschlag, Politiker sollten vor Amtsantritt eine Art Probezeit bestehen, wie jeder Angestellte in einem Unternehmen. Bürger sollten die Möglichkeit erhalten, am Staatsapparat ausgebildet zu werden – statt bloß in Staatsbürgerkunde zu lernen, was Legislative, Exekutive und Judikative sind. Manche Vorstellungen sehen eine Zweckbindung von Steuern vor, was dazu führen könnte, dass ein Bürger nur von den Leistungen bedient wird, für die er gezahlt hat. Außerdem kam der Gedanke an eine autonome Selbstverwaltung der Arbeitslosigkeit und der Armut auf. Sinnlose Gängelungschikanen von Hartz-Vier-Opfern wären dann vorbei. Und außerdem müssten Ehrenämter als aktiver Verfassungsschutz gewertet werden.

Vorschläge bitte an www.visionsofpolitics.de – anmelden, einloggen, vorschlagen.

 

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Rezension: Der Teufel vom Ryck

 Helene Musfedder

Rezension „Der Teufel vom Ryck“

Mittwoch. 07.November 2012

Mimis kleine Bettlektüre, Folge 3: Nix gelernt seit 500 Jahren

Meine kleine schwarze Katze streicht maunzend um meine Waden, die infolge eines Feuers im Kamin glühen, und schmiegt das Köpfchen an sie. Das Kätzchen teilt mir mit seinem Geschmiege mit, dass es entweder Freßchen oder Liebe will. Liebe heißt, sich bei mir auf dem Schoß zu räkeln und Streicheleinheiten zu bekommen. Das kann ich zwar verstehen, aber leider nicht zulassen. Nicht heute, denn es wartet wieder ein Ostseekrimi auf mich. Diesmal heißt der Tatort Greifswald. Greifswald bekam 1456 eine Universität, weil Bürgermeister Heinrich Rubenow eine Menge Drittmittel in Aussicht stellte, und die im Krimi disputierte Tat fand 1490 statt, also vor 522 Jahren, und das Buch heißt „Der Teufel vom Ryck“. Eine Tat im akademischen Milieu. Ein Kopist spielt eine irreführende Rolle, denn es geht nicht um Plagiate, sondern um Mord. Ermordet wird ein Arzt, der ein Mittel gegen Pocken sucht. Der Kopist hat bei ihm einen Nebenjob mit ein paar Nebeneinkünften. Das fängt ganz spannend an. Daher kann ich nicht im Bett weiter lesen, sondern muss akademisch brav am Schreibtisch sitzen und den Krimi wie eine wissenschaftliche Abhandlung lesen. Es ist zwar keine, aber was solls. Die Stimmung machts. Das findet das Kätzchen auch und nimmt augenblicklich einen Räkelplatz unter der wärmenden Strahlung der Schreibtischlampe ein. Schnurrend liegt es da, das Mäulchen leicht geöffnet, Zähnchen blitzen, die Äuglein sind geschlosen, während in meiner Lektüre der Kopist im Hause des Arztes zuerst auf die Leiche des Dieners stößt, dann auf die Leiche des Arztes, und dann einen Schlag auf den Deez bekommt. Infolgedessen steigt er vorübergehend aus dem Geschehen aus, und als er wieder zu sich kommt, hat er Quartier gefunden im Hause eines andern Mediziners, der gute Beziehungen zur Kommunalpolitik hat, also zum Rat, zum Vogt, zum Bürgermeister, zu allen Behörden und natürlich auch zum Rektor und zu den Professoren. Er ist also politisch gut vernetzt, würde man heute sagen. Der Kopist, weil er wegen eines Hiebes auf den Kopf nur die Hälfte des Geschehens mitgekriegt hat, klärt nun quasi im Alleingang den Fall auf, wobei immer wieder eine Kneipe mit saurem Bier auftaucht. Das ist schlimm beim Lesen, wenn man selber mal in Greifswald studiert hat, und dabei zwangsläufig an das „Amberland“ von zwischen 1990 und 1995 denken muss. Auch sonst scheint man schon 1490 in manchen Fakultäten eher an der Vermittlung von Methoden und weniger an Wissen interessiert gewesen zu sein. Es hat sich dann später verschoben. Die Medizin zum Beispiel ist aus dem Schneider. Aber so hie und da in den Geisteswissenscahften: Achgottachgott, düsteres Mittelalter.

Emma Wittenstein, „Der Teufel vom Ryck“, Hinstorff-Verlag, Rostock, 2012

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Autorenforum Fabula

 Autorenforum Fabula

 Blühende Landschaften erfreuen die Sinne. Die Farbenpracht erfreut die Augen, der Blütenduft die Nasen, hocherfreut sind auch Bienen, Wespen, Hummeln, Schmetterlinge, die sich am Nahrungsangebot freuen. Blühende Landschaften sind aber keine Selbstverständlichkeit. Erst war da vegetationsloses Ödland. Wenn dann sogenannte Pionierpflanzen kommen und das Ödland besiedeln, können sich die Bodenbedingungen nach und nach ändern, so dass auch verwöhnte anspruchsvolle Pflanzen wachsen, wo einst nur Moose, Flechten und Gräser gediehen.

Literarisches Leben erfreut die Sinne. Gedichte verbreiten Stimmungen, Erzählungen vermitteln Erfahrungen, Heimatgeschichte bewahrt Erinnerungen. Literarisches Leben ist aber keine Selbstverständlichkeit. Erst war da literarisches Ödland. Wenn sich dann Menschen sammeln, um sich und anderen das zu schreiben, was die wirklich lesen wollen würden, wenn es es gäbe, dann kann aus einer dem zarten Pflänzchen Literatur mit eigenen Texten der Boden bereitet werden.

Ingrid Schmahl hat sich daher in den Kopf gesetzt, das literarische Ödland der Kleinstadt Barth am Barther Bodden mit monatlichen textlichen Sämereien zu begärtnern. Es kann, muss aber nicht sein, dass dann in Barth eine literarische Laienkultur entsteht, wie es sie schon an anderen Orten gibt. Zum Beispiel Pforzheim, wo Ingrid Schmahl das Autorenforum „Federfüchse“ gegründet hatte. Die Gruppe hatte sogar eine eigene Zeitung mit dem Titel „Die goldene Feder“, die inhaltlich die Texte aufnahmen, die den Federfüchsen aus den Federn flossen. In Barth fand Ingrid Schmahl auf Anhieb 7 Interessenten, die von ihrer Idee eines Autoren-Forums für Interessierte, Selbstschreiber, Laienverleger und Wortspassliebhaber hören wollten. Kaum hatten sie sich angehört, wie Ingrid Schmahl die Idee von einer Literaturliebhabergruppe präsentierte, befand Ingrid Schmahl das „Autoren-Forum Fabula“ in Barth für gegründet, und das nächste Treffen soll im Januar statt finden.

 

 

 

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Rezension Sokops Rache

 Helene Musfedder

Rezension „Sokops Rache“

Samstag, 03. November 2012

Mimis kleine Bettlektüre, Folge 2: Der Edmond Dantes von Wismar

Nächste Woche ist mein Alter weg. Dienstreise. Anrufe und SMS nur bei Notfällen. Ansonsten selbst klarkommen. Das vereinbaren wir immer so, und daran halten wir uns. Und das Schönste: Ich kann mich mit meinen Krimis im Bett verkriechen und lesen, lesen lesen. Hach, wird das schön, und wenn es mal knarzt oder die Heizung macht Geräusche – muss ich halt mit klarkommen. Das haben wir so vereinbart, darum wird es auch gut gehen. Für die erste Nacht seiner Abwesenheit hab ich mir was ganz Feines zum Lesen geholt: „Sokops Rache“, Hinstorff-Verlag, Reihe Ostseekrimi, Tatort Wismar. Der Krimi kommt zur Abwechslung ohne Polizei aus. Die wichtigsten Akteure sind ein Mann, der nach 15 Jahren unschuldiger Haft aus dem Gefängnis kommt und trotzdem Justizopfer bleibt, ein Bewährungshelfer, eine blonde Frau fürs Herz und alle anderen Personen sind Statisten. Also der Mann soll seinen Vater ermordet haben, hat er aber nicht, und das glaubt ihm kein Schwein, deshalb kam er ins Gefängnis. Nun will er wissen, wer ihm das angetan hat und will sich rächen. Daher Sokops Rache. Insoweit erinnert das Buch an den Grafen von Monte Christo. Da kam ein Herr namens Edmond Dantes aufgrund von Intrigen ins Verlies und durch Flucht wieder heraus, und plante dann ebenfalls einen Rachefeldzug. Der Edmond Dantes von Wismar ist zwar nicht so reich, geht aber viel intelligenter vor bei der generalstabsmäßigen Planung seiner Rache. Der Generalstab ist aber etwas aus der Übung, so dass der Plan bei der praktischen Durchführung ein paar Pannen erlebt. Des Krimis große Stärke ist die soziologische Präzision, mit der das Zusammenwirken von Staatswanwaltschaft, JVA, Bewährungshelfer und Sozialbehörden beschrieben wird. So präzis, dass man an Alfred Döblins Roman Berlin-Alexanderplatz denkt, wenn man das Buch kennt. Man könnte acuh sagen, die soziologische Präzision entspricht der Exaktheit der Gesellschaftsdarstellung in den DDR-Fernsehkrimis der Reihe „Polizeiruf 110“. Wenn ein Krimi traurige gesellschaftliche Realität darstellt, kann man als Leser davon lernen, weil ein solcher Krimi sozusagen eine reale gesellschaftliche Situation simuliert, die man gedanklich durchspielen kann, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Der Krimi als Manöverlage, quasi. Ausgedachte Situationen erschrecken nur. Denn es gibt keine Ordnung in der Kiste mit dem Handlungsrepertoire, und also nur chaotische Reaktionen. Solches ist regelmäßig der Fall bei ausgedachten Thrillern mit perversen Akteuren. Die Realität ist irgendwie schon kriminell genug.

Und noch etwas zeichnet diesen Krimi aus: Die ganze Handlung von der Haftentlassung über die die Racheplanung über die Wirkung der Resozialiserung am lebenden Menschen bis hin zum Grübeln und der Einsamkeit, der Angst und des amtsverursachten Unwohlseins ist aus einer psychosomatischen Sicht geschrieben: Herzrasen, Magenkrämpfe, Schweißausbrüche, Panikattacken, Halluzinationen sind präziser beschrieben als die rein formalen äußerlichen Umstände. Das ist nicht schön, nichts zum Stolz drauf sein, aber sehr, sehr lehrreich.

Birgit Lohmeyer, „Sokops Rache“, Hinstorff-Verlag, Rostock, 2012

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Das Flugblatt Nummer 54 ist da

Das Flugblatt Nummer 54Nr 1 okt2012 ist da.  Diesmal ist der Schwerpunkt quergedacht: Die Sache mit dem Friedensnobelpreis kommt vor, und in Bezug auf Julian Assange eine Überlegung, was Freies Geleit als Versprechen wert ist, samt der Schlußfolgerung: Öffentlichkeit könnte der beste Schutz gegen politische Verfolgung sein. Also eine Art Sicherheit. Dazu braucht man dann Transparenz. Quod erat demonstrandum.

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Vorteilswahrnehmungsgesellschaft

 Vorteilswahrnehmungsgesellschaft“

 Sichern Sie sich noch heute Ihren Vorteil“, schrie mich die Werbung an, als ich mittels Yahoo meine E-Mails lesen wollte. Ich knurrte gereizt. Denn kurz zuvor hatte eine Versicherung angerufen. „Bald kommt Unisex. Jetzt noch schnell Vorteile sichern“, hatte sie gesagt.

 Ich fragte zurück, warum ich mich gegen Unisex wehren soll. Außerdem bin ich weder Student noch Professor oder Dozent, da kommt das für mich sowieso nicht in Frage. Der Vertreter hatte aber etwas anderes gemeint. Er wollte mir verklickern, dass die bisher billigeren Versicherungstarife für Männer per Gesetz aufgehoben sind und Männer und Frauen tariflich gleichgestellt sind. „Wunderbar“, jubelte ich innerlich, „Furchtbar“, sagte der Vertreter, „stellen Sie sich das vor. Aber Sie können noch heute einen Vorteil wahrnehmen und Ihre günstigeren Tarife behalten“. Ich fragte den Vertreter, ob er Briefe schreiben kann. In dem Fall wäre es mir lieb, er würde mich schriftlich kontaktieren. Weil: Ich bin ja ein Mann. Daher kann ich mich am Telefon nicht so gut konzentrieren. Und einen akustischen Text kann man nicht noch ein zweites Mal in exakt der gleichen Ursprungsform hören. Er sagte dann, er würde schreiben, aber mein Briefkasten blieb bisher leer. Mein Kopf jedoch nicht. Der beschäftigt sich seither mit der Frage, wieso es eine Tugend sein soll, wenn man auf Wahrnehmung von Vorteilen gegenüber anderen getrimmt werden soll. Schließlich widerspricht der Vorteilsgedanke an sich doch dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes. Aber eben nicht dem dort ebenfalls verankerten Wettbewerbsprinzip. Wettbewerb fand ich schon immer doof, weil Wettbewerb Stress bedeutet und Zeitdruck und daher Qualität und Vielfalt mindert. Wenn alles schnell gehen muss, wird Kaffee im Restaurant nicht frisch gebrüht, sondern aus aufgewärmten Resten erneuert. Ist nicht immer und überall so, aber ich hab es neulich ein einziges Mal beobachtet. Ich war schockiert, kann ich Ihnen sagen, wo ich doch gerne ein bis zwei Tässchen Kaffee genieße, wenn er schon mal bei Übernachtungen mit Frühstück bereits bezahlt ist. Zum Glück hab ich den Vorteil, beim Frühstück in Hotels immer einer der ersten zu sein, so das ich mit hoher Wahrscheinlichkeit noch den frisch gekochten Kaffee bekomme.

Vorteile wahrnehmen. Hm. Klingt nach Chancen nutzen, wenn sie sich bieten. Aber was ist eine Chance? Ein Baumstamm im Hochwasser, an dem ich mich festhalten kann, um nicht zu ertrinken, wenn ich ins Wasser gefallen bin, oder ein Seil oder Ast, an dem ich mich aus dem Morast ziehen kann, wenn ich im Schiet stecke, so etwas ist eine Chance. Aber ein Vorteil? Der hat immer für einen anderen einen Nachteil. Ich hab das mal beim Segeln gesehen. Da lauerten sie bei einer Regatta darauf, sich möglichst in Luv von dem andern zu halten, damit der andere keinen Wind in den Segeln hätte, seine Fahrt sich verlangsame und man selbst als erster durchs Ziel ginge und das Blaue Band gewönne. Das hätte alles nichts mit Können zu tun, sondern mit der Wahrnehmung eines Vorteils. Oder bei Baumärkten und Autohäusern. In deren Werbung kommt immer wieder das Wort „Preisvorteil“ vor. Man hat also preislich einen Vorteil. Schön, schön. Aber will man nicht lieber Qualität haben? Qualität braucht keinen Vorteil. Sie ist es ja bereits. Wieso eigentlich soll die Gesellschaft auf eine Vorteilswahrnehmungsgesellschaft getrimmt werden? Vorteilswahrnehmung bedeutet, wenn zwei Menschen um den gleichen Job oder Lohn rangeln, dass sie auf Schwächen des andern lauern und diese Schwächen sofort ausnutzen. In meiner Kindheit gab es noch so etwas wie Selbstlosigkeit, wo man den andern auf seine Fehler diskret aufmerksam machte. Man könnte auch Fairness dazu sagen. Vorteilswahrnehmung ist unfair. Ich glaube fast, Vorteilswahrnehmung hat mit Übervorteilung zu tun, was man getrost umgangsprachlich als betrugsähnliche Handlung betrachten kann.

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Rezension Tödliches Fahrwasser

  Helene Musfedder

Rezension „Tödliches Fahrwasser“

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Mimis kleine Bettlektüre

Mimis Bettlektüre“, frozzelt mein Freund immer, wenn er sieht, dass ich abends wie eine hungrige Lesekatze um unsere Bücherregale streune und mir ein paar Lesehappen vor dem Einschlafen hole. Sobald ich gefunden habe, was ich suche, mauze ich „Gute Nacht“ und husche ins Körbchen. Kürzlich gehörte „Tödliches Fahrwasser“ zu meiner Beute. Das Buch erschien in der Reihe Ostsee-Krimi im Hinstorff-Verlag (Rostock 2012, knapp 14 Euro gloobe). Es ist einer von bisher sechs Krimis, die alle die Ostseeküste als Lokalkolorit gemeinsam teilen. Pro Halbjahr wächst die muntere Schar der Ostseekrimis um zwei neue Mitglieder. (Für Mathefans: Wann also hat Hinstorff mit der Reihe begonnen? Die anderen Krimis heißen „Mörder im Zug“, „Mörder im Gespensterwald“, „Der Teufel vom Ryck“. „Herrentier“ und „Sokops Rache“. „Tödliches Fahrwasser“ kann man aber vor dem Einschlafen lesen, ohne mit klappernden Zähnen angstvoll unter der Bettdecke zu liegen und und vor jedem knarzenden Geräusch schrecklich gruselige Angst zu bekommen. Der Handlungsort ist Stralsund, die Straßennamen, Baustellen, selbst das Mittwochs-Anzeigenblatt und die Krähen am Sund beim Krankenhaus am Sund sind bis ins Detail präzise und unterhaltsam geschrieben. Es geht also DOCH, dass Präzision unterhaltsam sein kann. Die meisten denken ja, Präzision bedeutet unendliche Detailfülle, die den roten Faden einer Handlung unter sich begräbt wie Pompeji unter der Asche des Vulkans. Sehr originell und keine Minute lang Ungeduld erzeugend wird die Offenbarung der Tatwaffe bis knapp vor Buchende zurück gehalten und dann ebenso orignell präsentiert. Eigentlich war ich nur ein einziges Mal verstimmt. Das war die Stelle, wo der Ermittlungsleiter mehr wusste als alle andern und ihnen dies mitteilte, auch den Lesern, und es gab keinen dramaturgischen logischen Hinweis darauf. Aber vielleicht sehen Sie das ja nicht so, wenn Sie sich die Lektüre kaufen, oder sie finden den versteckten Hinweis, wer weiß? Zwei Leser verstehen mehr als einer.

 Kim Lansky, „Tödliches Fahrwasser“, Hinstorff-Verlag, Rostock, 2012

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Verdient hätte ihn Bradley Manning

„Die Preis-Farce“

Verdient hätte ihn Bradley Manning.

Am 12. Oktober vergab das Nobel-Komitee den Friedensnobelpreis an die Europäische Union. Einen Tag zuvor konnte man auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung darüber abstimmen, wen der Preis zuerkannt gehöre. 44 Prozent entfielen auf Bradley Manning, dem mutigsten Soldaten seit Josef Schweyk.

Helmut Kohl, Bill Clinton und Julia Timoschenko standen auch auf der süddeutschen Kandiatenliste. Die EU jedoch nicht. Das kann viele Gründe haben, die von der Süddeutschen leider nicht zu erfahren waren. Und nachdem das Ergebnis bekannt war, war die Nachfrage überflüssig. Denn es gab neue Fragen. Wieso EU? Wieso bekommt ein Staatenbund einen Nobelpreis für den Frieden? Vor dem Jahr 2012 hätte man „Ja“ dazu sagen können. Also ungefähr bis 1990. Es stimmt, dass die Idee eines geeinten Europas theoretisch eine Friedensidee hätte sein können. Im Jahre 2012 spricht nichts dafür. Die Mitgliedsländer stecken in einer selbst verursachten Schuldenfalle. Sie steckten schon lange darin, aber auf einmal ist Eile geboten, weil die Falle die Gefangenen zu erdrosseln droht. Panik macht sich breit, und die Furcht vor einem möglichen europäischen Bürgerkrieg macht sich sogar auch in etablierten Medien breit. In Europa werden Polizeien mit militärischen Mitteln aufgerüstet, die Außengrenzen werden gegen Flüchtlinge gesichert, die herein wollen, wie die Außengrenzen der DDR gegen Flüchtlinge, die hinaus wollten, und die Beschissenen aller EU-Länder kochen vor Wut, zum Beispiel in Spanien und Griechenland. Was hat die Militarisierung der Europäischen Union mit einer herausragenden Leistung für den Frieden zu tun? Soll der Preis in letzter Sekunde Europa zum Frieden verpflichten, statt wie Jugoslawien in blutiges Bürgerkriegsgemetzel zu verfallen – und dann zu zerfallen? Oder ist es wirklich bloß eine Farce, um den Preis nicht an Wikileaks, Bradley Manning und Julian Assange zu geben? Falls es überhaupt eine bewundernswerte militärische Leistung gibt, dann ist es die Veröffentlichung von Dokumenten über die Straftaten im Auftrag von kriegsführenden Staaten. Die Störung von Vertuschungsbemühungen durch eine möglichst breite öffentliche Transparenz ist eine recht neue friedenspolitische und sicherheitspolitische Aktionsform. Sie muß weiter entwickelt werden und darf sich von der amerikanischen Justiz nicht die Köpfe zertreten lassen.

Die offzielle Übergabe des Preise soll am 10. Dezember 2012 sein. Auf Facebook formiert sich bereits murrendes Gegrummel gegen die Preisverleihung. Titel: „Ich nehme den Preis nicht an“.

 

 

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