Rezension: Kleine Brechtchronik

 Hannes Nagel

Rezension „Kleine Brechtchronik“

Freitag, 14. September 2012

Brechtige Zeiten

Die kleine Brechtchronik von Werner Hecht ist ein kleiner Geniestreich.Denn sie beschreibt das Leben von Eugen Berthold Friedrich Brecht in einer Form, die Brecht vermutlich als Grundlage eines Theaterstückes gut geheißen hätte. Der Brechtspezialist Werner Hecht schreibt einfach nur Datum und Jahreszahl auf und daneben, was Brecht so an diesem Tag gemacht hat. Zum Beispiel Notizen zu etwas, was ihn bewegt hat. Manchmal waren es Aussprüche, Formulierungen oder Entscheidungen, auf die Brecht dann gleich literarisch reagierte. Er tat nun dieses aber nicht aus dem Bauch heraus, sondern beschaffte sich unverzüglich Fachwissen aus Essays, Zeitungen und Lexika, um dann seinerseits über allerhand Behauptetes fundiert räsonieren zu können. Weil Hecht auch immer aufschreibt, welche Aufsätze, Reden und Ähnliches für Brecht so ein „Bewegungsmelder“ waren, die seinen Geist bewegten, kann man mit dieser Biographie ganz neuartige Leseerfahrungen machen. Ich hab es mal ausprobiert und aus dem Hecht-Text über Brecht heraus Walter Benjamins Text „Der Autor als Produzent“ gelesen. (Der Name Walter Benjamin war mir bereits bekannt, der Text nicht. Er hätte es früher schon sein sollen). Walter Benjamin hatte Philosophie. Germanistik und Kunstgeschichte studiert und war ebenfalls schriftstellerisch tätig. Der Text, den ich da las, ist vom 27. April 1934. Im Prinzip heißt es darin mehrfach, dass Schriftsteller und Journalisten die Medien mit Inhalten füllen, aber die Medien gehören ihnen gar nicht. Das müsste geändert werden, damit die produktive Kraft des Geistes auch wirken könne. (Der Text von Walter Benjamin ist insgesamt sehr stark marxistisch formuliert, wie hier in der Benutzung der Begriffe Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse) Und an dieser Stelle wurde mir plötzlich klar, warum die produktive Kraft des Bloggens nicht zu Einkommen führt und das daran etwas geändert werden muss. Bei Brecht kommt die Wirkung aus der unmittelbaren Reaktion der Literatur auf aktuelle Themen der Gesellschaft, und zwar in der Verbindung von Dramatik (Spannung und Aufmerksamkeit und Interesse) sowie Epik (ästhetische Erzählweise). Wer weiß, vielleicht kann die Auseinandersetzung mit Brechtstücken im Theater zu einem Aha-Effekt führen. Dann können vielleicht sogar Blogger ihr technisches Wissen um die Nutzung der Kulturtechniken „Internet“, „Blogsoftware“ und „Social Media“ für eine Verbesserung der eigenen sozialen Verhältnisse einsetzen. Es sind ja gerade mal wieder Zeiten voller Konflikte, von denen sich einige auch mit brechtigen Mitteln lösen lassen.

Übrigens: Brecht scheint auch wahsinnig gern gekalauert zu haben, und darum grient er auch wie ein Schalk, ein Filou, ein Spitzbube – Brecht zu lesen, scheint wieder mal zeitgemäß zu sein, weil sich auf das derzeitige Weltgeschehen automatisch Brechtzitate aufdrängen.

 Goethe auch. Siehe Götz von Berlichingen.

 Werner Hecht, „Kleine Brechtchronik“, Hofmann und Campe, Hamburg 2012

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Das Flugblatt Nummer 51 ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser, heute hat das BuVerfG gesagt, dass Rettungsschirme für Banken unter Auflagen rechtens sind. Und das Landessozialgericht Celle hat geurteilt, dass es keinen Anspruch auf ein bedingungslose Grundeinkommen gibt, weil das bedingungslose Grundeinkommen noch nirgends geregelt ist. Und:  Das Flugblatt Nummer 51 ist da. So verschieden ist es im menschlichen Leben. Ansonsten geht es im Flugblatt um Planspiele, um das Buch Die Rüpel-Republik und um eine Briefmarke.
Viel Spass beim Lesen
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Frontalklage

Hannes Nagel

Mittwoch, 12.9.2012

Frontalklage

Wenn ein Gericht eine Klage in sein Arbeitspensum aufgenommen hat, darf man davon ausgehen, dass die Klage auch Aussicht auf Erfolg hat. Darum durfte man zurecht gespannt sein, was aus der Frontalklage von Stefan Pudritzki wurde.

Im Landessozialgericht Celle herrschte Mittwoch, dem 12. September reger Betrieb. Die Richter hatten alle einen Fall, insgesamt etwa 15. Stefan Pudritzkis Fall war also nur einer von mehreren. In ihm trifft die Leidensfront der Sozialhilfeempfänger auf die Kaltfront der Sozialämter. Der Kläger wollte den Nachweis, dass die Praxis des Sozialgesetzbuches Teil II – vulgo Hartz-Vier-Strafrecht – die Hälfte aller Grundrechte verletzt. Den ersten Klageruf wies das Sozialgericht Hildesheim ab. Dagegen legte der Kläger Berufung ein. Das Landessozialgericht Hildesheim hatte trotz voller Termine Verständnis und nahm die Klage an.

 Für die Armen in Deutschland ist diese Klage wesentlich wichtiger als die ebenfalls heute stattfindende Verfassungsklage über Rettungsfonds für Banken und Staaten, denen gerade die Pleite droht. Stichwort ESM, Europäischer Stabilitätsmechanismus. Beide Entscheidungen haben nichts miteinander zu tun, aber sie hängen zusammen wie Reichtum und Armut. Von diesen beiden gibt es den einen Teil nur, weil es den anderen gibt.

 Nach meiner eigenen Einschätzung ist meine Klage ein Frontalangriff auf das SGB II, da ich die Hälfte aller Grundrechte verletzt sehe. Als eine für die Gesellschaft mir günstig erscheinende Alternative schlage ich in diesem Verfahren die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens mindestens in Höhe der Relativen Armutsgrenze vor“, verbreitete der Kläger in der letzten Augustwoche über die Interessengruppe „Gegen Ämterschikane“.

Armut liegt nach politischen, juristischen und sozialwissenschaftlichen Ansichten vor, wenn das verfügbare Einkommen eines Menschen NICHT ausreicht, um aus eigener Kraft, also unabhängig und frei von Behörden sein Leben zu erhalten. Hartz-Vier-Opfer sind in fast allen Lebensfragen vom Wohlwollen der Sozialbehörde abhängig: Kosten für Unterkunft, Krankenkasse, Essen und Trinken. Über die Höhe des Regelsatzes kontrolliert die Behörde bis ins Detail die Lebensqualität der Betroffenen: Ist die Miete zu hoch aus Sicht des Amtes, muss der Betroffene umziehen, hat der Betroffene Schulden, darf er sie nicht abzahlen, weil der Regelsatz eine so genannte „Zweckgebundene Leistung“ ist, die nur für Miete, Versicherungen, Essen, Trinken, Fahrten zum Amt und zurück sowie für Bewerbungen eingesetzt werden darf. Bewerbungen auf die vielen freien Stellen des Arbeitsmarktes sind deshalb besonders wichtig, damit der Hartz-Vierer wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft wird. (Verzeihen Sie mir den Zynismus. Aber er ist Zweckgebunden). Auf Kultur, Bildung, soziale Kontakte sowie Urlaub sollen Hartz-Vier-Opfer keinen Anspruch haben, wenn es nach den Vorgängen in der gesellschaftlichen Realität des SGB II geht.

 Die Relative Armutsgrenze bedeutet auch noch keinen Wohlstand, aber ein Einkommen in Höhe von 60 Prozent des kleinsten Einkommens, welches menschenwürdiges und amtsunabhängiges Leben garantiert.

 Übrigens: Den Rettungsfond für die Banken hat Karlsruhe unter Auflagen erlaubt. Die soziale Kälte hingegen gilt als zumutbare Belastung. Begründung: Weil es derzeit gar kein Gesetz gibt, welches ein bedingungsloses Grundeinkommen regelt, kann auch kein Anspruch auf die gewünschte Leistung angemeldet werden.

 

 

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Das Geheimnis liegt in der Tiefe

Wenn im Musenverlag die Worte fehlen, arbeiten wir mit Bildern. Den Text reduzieren wir dann auf minimale Höflichkeiten. Wir lächeln ja auch nicht nur, sondern fügen wenigstens noch ein nettes „Guten Tag“ hinzu.

Sehen Sie doch mal was wir hier haben: cover skulpturenweg2

Für zwei bis drei Euro können Sie eine gedruckte Ausgabe (gebunden mit Klemmschiene) bei den Ahrenshooper Literaturtagen vom 4. bis 7. Oktober in Ahrenshoop kaufen. Wenn alle Exemplare verkauft sind, drucke ich sie auf verbindlichen Wunsch nach.

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Planspiele

Hannes Nagel

Samstag, 8.September 2012 

Planspiele – damit das X kein U wird

 Ohne Fachwissen kann keiner die Politikmaschine bedienen. Denn sie besteht nicht nur aus den Hebeln der Macht, sondern auch aus der Transmission zu den Rädern, die die Gesellschaft voran bringen. Zur Zeit fehlen kompetente Maschinisten an der Transmission zwischen Macht und Gesellschaft, denn die Kompetenz wurde schon seit Jahren nicht mehr gelehrt, trainiert und angewendet. Viele Anbieter von Weiterbildungen entwickeln Palnspiele, wie Spielehersteller fürr Computergames. Die Agentur Planpolitik war der erste Anbieter, den Das Flugblatt kennenlernte.

 Wenn Stabsoffiziere Siegen lernen sollen, stellen sie historische Kriegshandlungen am Sandkasten nach. Dann halten sie alle Bedingungen ein, wie sie real herrschten, nur die, die sie für die Lösung der Aufgabe halten, ändern sie. Und dann simulieren sie, ob der Hund den Hasen gefangen HÄTTE, wenn er nicht GEDRÜCKT hätte. Ziel ist es, die Ursachen der eigenen Niederlagen zu ergründen, um es im nächsten Krieg besser zu machen. Das nennt man Planspiel.

Wenn ein Fluss begradigt, ausgebaut oder umgeleitet werden soll, empfiehlt sich ein Planspiel zur Abschätzung der Folgen für das Hochwasser, Trinkwasser, Abwasser und Grundwasser. Das ist kein Planspiel, sondern eine Folgenabschätzung. Wenn die EU überlegt, ob Griechenland aus dem Euro raus soll, macht sie Planspiele, wie man das mit welchen Folgen machen kann oder ob es besser ist, damit noch zu warten.

Planspiele finden auch statt, wenn ein Unternehmen eine Vermarktungsstrategie erproben will, bevor sie in der Praxis auf Menschheit losgelassen wird. Planspiel, Rollenspiel, Simulation, Szenario sind nah bei einander.

Die Berliner Agentur „Planpolitik“ (www.planpolitik.de) hat nach eigenen Angaben über 70 Rollenspiele entwickelt. Im September unterwies sie Lehrer in der Kunst, Planspiele für für anders unverständlich bleibende politische Themen zu entwickeln. Planspiele als didaktische Methode haben etwas Faszinierendes. Man muss nicht selbst politische Erfahrungen machen, um selber zu erleben, was es bedeutet, ein politisches Vorhaben umzusetzen. Im Prinzip kann mit der Methode Planspiel jedes politische Thema erfahrbar machen – von Gesundheitsreform, Auslandseinsatz der Bundeswehr (vulgo: Krieg ) Rettungsschirme für Banken, Arbeitsmarkt und Rente, NPD-Verbot bis hin zur Wahl der Stadtverordnetenversammlung von Schillersdorf-Goethehagen. Dazu braucht man nur einen szenischen Plan, Plan wie Bauplan, Stadtplan, Liniennetzplan. Im Idealfall passiert beim Spiel folgendes:

Erstens: Wer miteinander redet, lernt die Interessen des andern kennen

Zweitens: Wer unterschiedliche Interessen kennt, hört unterschiedliche Argumente

Drittens: Wer in kurzer Zeit von vielen Leuten viele Argumente hört, kann sich selbst nicht wichtiger als andere nehmen

Viertens: Wer sich selbst nicht wichtiger als den anderen nimmt, entwickelt ein tiefes Verständnis für das Gemeinwohl

Fünftens: Wer an das Gemeinwohl denkt, entschärft Konflikte

Sechstens: Wer Konflikte entschärft, LÖST Probleme, statt sie nur zur ZERSCHLAGEN.

Planspiele können also:

Erstens: Die Aufmerksamkeit schulen

Zweitens: Die Tugend des Zuhörens pflegen

Drittens: zu einem Aufmerksamen Zeitungsleser machen

Viertens: Zu einem gründlicheren Zeitungsschreiber machen

Die Punkte 3 und 4 beziehen sich auf den Fall, dass man in der Zeitung eine Bericht über genau den politischen Vorgang liest, den man sich gerade durch ein Planspiel verdeutlicht hat. Punkt 4 bezieht sich darauf, dass sich ein Journalist viel besser auf die wirklich wichtigen Fragen zu dem politischen Vorgang vorbereiten kann, wenn er solche Situationen aus Planspielen kennt und dort möglicherweise mal die Rolle gespielt hat wie der, den er jetzt realiter befragen soll.

Zumindest kann der Gleichstand des politischen Wissens und des politischen Interesses von Schülern und Erwachsenen auf der Bürgerseite und der politischen Klasse auf der anderen Seite eine politische Angelegenheit nicht als X aussehen lassen, wenn sie ein U ist.,

 

 

 

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Baron von Feder: Kohl zum Anlecken

 Baron von Feder

Montag. 03. September 2012

Kohl zum Anlecken“

 Helmut Kohl und Helmut Schmidt sind höfliche alte Männer. Jeder will dem anderen den Vortritt ins Buch der Geschichte lassen. Jeder von ihnen hat aber eine andere Vorstellung von Seitenzahl und Zeilenumfang. Da muss Helmut Kohl wohl gedacht haben, dass einer, der über die Zeit mitbestimmt, wohl doch den längeren Atem haben könnte, Zigarette hin, Schnupftabak her. Der Groller aus der Pfalz dachte gerade „Ihr könnt mich mal“, und da hatte er gleich einen Gedankenblitz, der kam durch die elektrostatische Aufladung des Mantels der Geschichte zustande. Eine Briefmarke muss her. Und nun ist es bald soweit. Beschlossen und verkündet ist, dass Helmut Kohl mit einer Briefmarke geehrt wird. Wer kann schon zu Lebzeiten den Leuten sagen: „Leck mich doch“, und das mit dem höflichen Umweg über eine Briefmarke?

Helmut Kohl zum Anlecken ist etwa so als würde ich meinen Namen in „Edler Herr, ich bitte Sie untertänigst“ ändern, nur damit ein Sachbearbeiter bei der Arge, ein Polizist bei der Verkehrskontrolle und der Staatsanwalt, dem „Das Flugblatt“ ein Dorn im Auge ist, zu mir sagen müssen „Edler Herr ich bitte Sie untertänigst“, wenn sie eine Forderung an mich haben. Wenn die Rechtssprechung nicht so widersprüchlich wäre, müsste die Briefmarke genauso als Beleidigung eingestuft werden, wie das grantelnde „Leck mich fett“ eines Autofahrers in Hörnähe eines Polizeimanns.

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Rezension: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

 Hannes Nagel

Rezension „Der hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“

Montag 03. September 2012

Schwedenreden

Alter Schwede, das ist endlich mal wieder ein Buch so ganz nach meinem Geschmack. „Der 100jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist ganz große Erzählkunst. Es zu rezensieren ist schwer, denn obwohl ich die Lektüre beendet habe, muss ich immer noch lachen und schmunzeln, feixen und grinsen, und manchmal so aus voller Kehle lachen, dass draußen vor dem Fenstger die Dohlen besorgt zu mir herauf blicken. Ich spekuliere daher erst einmal ein bisschen über die Entstehung dieses Buches. Es muss in einer kalten dunklen nordschwedischen Winternacht entstanden sein. Fünf Leute saßen in der Küche zusammen und kämpften tapfer gegen Depri-Stimmung und Übellaunigkeit. Weil sie zwar Schweden waren, aber trotzdem nicht nur Alkohol trinken konnten, kamen sie auf die Idee, eine Geschichte zu schreiben. Dazu spielten sie ein Gesellschaftsspiel. Jeder mußte eine möglichst absurde Situation erfinden und den anderen erzählen. Der zweite musste von dieser Situation ausgehend eine noch viel absurdere Situation erfinden, die möglichst in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der Ausgangssituation stehen durfte. Der dritte musste die Absurdität noch einmal steigern und der vierte musste sie auf die Spitze treiben. Dabei durfte keine Situation mit keiner der voran gegangenen Situationen in einem erkennbaren Zusammenhang stehen. Insoweit ist das ja alles wie im echten Leben, wenn zum Beispiel eine Reisegruppe zusammen gewürfelt wird und sich dann auf einer einsamen Insel wiederfindet (auch eine absurde Situation). Jedenfalls konstellieren sich in der Reisegruppe auch so unterschiedliche Charaktere, die auf logisch-planbare Weise nie und nimmer zueinander gefunden hätten. Ihre Begegnung hätte sich einfach nicht konstelliert. Außer wenn ihr Kreuzfahrtschiff auf einer einsamen Insel strandet. Der fünfte am Küchentisch in der nordschwedischen Hütte in dunklen Winter war der Schriftsteller Jonas Jonasson, der hatte zum Gaudi der anderen vier Gauner die Aufgabe, aus den vier Schwedenreden eine Geschichte zu basteln, die unten mit vier Handlungsfäden beginnt, die sich alle zu einem Netz verknoten und oben in einem einzigen gemeinsamen Schnittpunkt zusammen kommen. Wäre noch ein Mathematiker in der nordschwedischen Erzählrunde dabei gewesen, hätte er vielleicht mehrere Funktionen grafisch dargestellt, wobei die Graphen der Funktionen einen gemeinsamen Schnittpunkt hätten haben müssen.

Und als sie dann fertig waren und alles harmonisch aufgegangen war, da mussten sie das Manuskript nur noch zum Verlag Piratförlaget bringen, der es 2009 druckte und 2011 nach München zu Carls Books nach München schickte. Die Münchner sollten dann eine deutsche Übersetzung anfertigen. Das taten sie auch, so dass ein Rezensent an der Ostsee ein paar ganz vergnügliche Stunden hatte.

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Rezension: Die Rüpelrepublik

 Hannes Nagel

Rezension „Die Rüpelrepublik“

Dienstag, 28. August 2012

Wer hat den Pöbel das Pöbeln gelehrt?

Die Rüpelrepublik“ ist ein Buch mit vielen klugen Beobachtungen und einem großen Irrtum. Der Irrtum heißt: „Individualismus“. Ein Selbst zu sein ist kein Egoismus. Die Gleichsetzung von Individualismus und Individualität mit Egoismus lenkt davon ab, dass Indivualismus Freiheit bedeutet, und bei Freiheit herrscht doch wohl Einigkeit, dass sie nie auf Kosten anderer gehen soll, oder? Wenn ein Egoist und ein Individualist zum Beispiel in einer Schlange an der Kaufhallenkasse stehen, dann drängt der Egoist sich vor, hält den Verkehr auf, schickt seine drei Kinder noch mal an drei Regalreihen, um noch Joghurt, Salzstangen und fette süße Limonade zu holen, und schimpft auf den Individualisten vor ihm, weil der mit seinem Hintern keinen Platz macht für den überquellenden Einkaufswagen des Egoisten. Auch sind Egoisten Fatzkes, für die Karriere über Freundschaft geht und Freundschaft nur ein Hilfswort für „Schönwettergebrauchsbeziehung“ ist. Individualisten sind dagegen Menschen, die niemandem gestatten, geringer zu sein als der Individualist selbst. Eigentlich ist „Chacun a sont gout“ ein sehr individualistisches Motto. „Jeder wie es ihm gefällt“. Das Wort „Jeder“ setzt voraus, dass es um „Mehrere“ geht. Einer allein kann nicht „Jeder“ sein. Individualismus ist wie eine Handschrift: Fünf Leute können identische Verhaltensregeln aufschreiben, aber jeder tut dies mit seiner eigenen persönlichen Handschrift – und die ganz persönliche Note der Lebensgestaltung unter Einhaltung gesellschaftlicher Regeln, welches die Individualität jedes einzelnen Menschen ausmacht, ist so gesehen auch die Handschrift jeder Lebensweise. Individualismus ist Freiheit, wenn man Individualismus zulässt.

Das war der Irrtum. Es folgen die klugen Beobachtungen. Jörg Schindler beschreibt zuerst einmal die Empfindung, dass soziale Normen und Regeln in der Gesellschaft nicht mehr gelten – weder unten bei den gesellschaftlich verachteten Unterschichten noch oben bei den die Gesellschaft verachtenden Elitenschichten. Und da fragt er sich, wie die soziale Verrohung entstanden ist. Mit anderen Worten: Wer hat den Pöbel das Pöbeln gelehrt? Und das war die Schule. Der mangelt es an Geld, Lehrern, Motivation. Ich fand keine Antwort darauf, wer die Schulsituation verursacht hat und sage deshalb so: das war die Politik. Die bildet Lehrämtler und Pädagogen auf Halde aus, kann sie dann nicht einstellen, weil die Landeshaushalte keine zusätzlichen Pensionanspruchsberechtigungsanwärter erlauben, und im übrigen: Wenn in der Politik Egoisten über Lehrinhalte befinden, können sich Verantwortung füreinander und Umgang miteinander nicht durchsetzen.

Dann kommt Jörg Schindler auf das Thema Gewalt. Die scheint ihm immer mehr zuzunehmen und in gebildeten Kreisen sehr subtile Formen anzunehmen. Das dürfte für Steven Pinker interessant zu lesen sein, denn der schrieb kürzlich, dass Bildung und starker Staat die Gewalt im wesentlichen zurückgedrängt hätten. (siehe „Das Flugblatt“ Nummer 48 vom 1. August 2012) Sowohl Pinker als auch Schindler bemühen hierzu den Soziologen Norbert Elias und dessen Buch „Über den Prozess der Zivilisation“. Also ist es wohl so: Die Gewalt, die immer mehr zurückgeht, nimmt zu. Vielleicht verwirbeln hier auch bloß Werte wie kalte und nasse mit heißen trockenen Luftmassen, so dass sich sich da ein gesellschaftlicher Tornado zusammen braut.

Es fehlt auch an der Konfliktlösungskompetenz. Jahrelang haben Anwälte und Rechtsschutzversicherungen dafür geworben, jedem sein Recht zu holen, der dafür in die Versicherung einzahlt, und nun wird bei jedem Scheiß der Anwalt gebeten zu klagen. Alles bloss weil keiner mehr kann, was unter gebildeten und kultivierten Leuten üblich ist. Dazu gehört auch Kommunikation. Universitäten bieten ständig Studiengänge in Kommunikation an, aber keiner redet mehr miteinander. Nur übereinander. Die Folge: Konflikt. Die Lösung: Der Anwalt. Die Folge: Gewalt. Hoch und höher schraubt sich die Spirale.

Im Prinzip, so scheint der Text zu sagen, muss man bloß mal ein paar Dinge selber in die Hand nehmen, die Klugheit benutzen, vorausschauend denken, miteinander reden, Prinzipien zur Seite legen und den Konfliktgegner als Partner bei der Lösungssuche betrachten. Wo gemeinsam weise entschieden wird, kriegt die Gewalt keinen Fuß in die Tür.

PS: Man kann sich unterschiedliche Individualinteressen auch als Blütenblätter vorstellen, die ALLE um denselben Kelch angeordnet sind. Und wenn Sonnenblumen harmonisch aussehen können, wird eine Gesellschaft ja wohl ebenfalls ein blühendes Harmoniebild abgeben können.

Jörg Schindler, „Die Rüpel-Republik. Warum sind wir so unsozial?“, Scherz-Verlag, Frankfurt am Main, 2012

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Baron von Feder: Vibratoreinsatz für Mama Erdes Po

Mittwoch, 22. August 2012

Baron von Feder 

Vibratoreinsatz für Mama Erdes Po

 Noch bis voraussichtlich Samstag, den 25. August macht die polnische Firma „Geofisyka Torun“ seismische Untersuchungen auf den Feldern zwischen Barth und Stralsund. Das sind Felder, die an den Boddengewässern liegen. „Geofisyka Torun“ und die Bramstedter Firma „Seismik-und Industrieservice Jens Musfeldt“ sind Auftragnehmer von Central European Petroleum GmbH mit Sitz in Berlin. Die Untersuchungen werden mit schweren großen Fahrzeugen vorgenommen. Der Vorgang sieht wie die operative Übung einer schwer motorisierten Militäreinheit aus. Eine Kolonne von vier Fahrzeugen positioniert sich auf exakt festgelegten Koordinaten. Unter den Fahrzeugen befindet sich zwischen den Achsen je eine Rüttelplatte, die entlang der Messlinie alle 75 Meter hydraulisch auf die Erde gedrückt wird und dabei Vibrationssignale in den Boden bringt. Durch die vier vibrierenden Stempel entstehen Wellen, die sich durch Mama Erdes Sedimentschichten ausbreiten. Stark vereinfacht passiert folgendes: An harten Schichten bricht sich so eine Welle, durch weiche Schichten geht sie hindurch wie ein Finger durch eine Dose Hautcreme. (wenn die geöffnet ist). Die Fahrzeuge werden offiziell tatsächlich Vibratorwagen genannt. „Ein Schelm, der Arges dabei denkt“, sagt die Pressestelle von CEP.

Der Firma geht es aber nicht um das therapeutische Wohlbefinden der Erde durch Vibratoren und Massagen, sondern um ihren Schichtenaufbau. Ein biischen ist es wie eine Gefäßsonographie bei Thrombosepatienten. Mit der Seismik kann man Strukturen erkennen, in denen sich Kohlenwasserstoffe gefangen haben KÖNNTEN. Zum Beispiel Öl. Öl treibt die Wirtschaft seit etw 100 Jahren an. Die Hälfte allen Ölsa wird als Treibstoff verbrannt, der Rest ist für Plaste, Verbundwerkstoffe, Medikamente vorgesehen. Öl als Treibstoffbasis ist derzeit in der Weltwirtschaft ein Begriff, bei dem jeglicher Verstand aussetzt. Man sieht es am Benzinpreis. Und wenn man Öl hat, welches man nicht auf dem Markt kaufen muss oder von seinem Militär rauben lassen muss, dann hat man was, was den Frieden erhalten kann. Jedenfalls theoretisch. Und deshalb wird überall fieberhaft nach den letzten Rohstoffreserven gesucht. „Im Untergrund des Erkundungsgebietes sind Erdölvorkommen seit 50 Jahre4n bekannt und werden seit 47 Jahren ununterbrochen gefördert. Wir suchen nach nicht gefundenen Erdöllagerstätten“. CEP will „diese Vorkommen erkunden, um einen Teil des Erdölbedarfs auch zukünftig aus heimischen Rohstoffen zu decken“. Das Öl da ist, ist seit Jahrzehnten bestens dokumentiert. Und wenn sich die Ergiebigkeit des erforschten Gebietes für CEP lohnt, fördert die Firma Mama Erde das Öl aus den Sedimenten. Erst steigt das Öl unter eigenem Druck von unten an die Oberfläche, und dort wird es dann abgepumpt.

 

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Das Flugblatt Nummer 50 ist da

Hannes Nagel

Das Flugblatt Nummer 50 befasst sich mit der Bundesverfassungsgericht-Erlaubnis zum Inneneinsatz der Bundeswehr, geht dann tröstend auf ein Buch über Kraniche ein, stellt Skulpturenkultur in einer Endmoränen-Landschaft vor, sinniert über Social Media und mokiert sich über Platzhirsche im Feuilleton, die vergessen haben, dass das Feuilleton den Lesern und den Feuilletonisten die Welt durch das Feuilleton erklären soll.

Und hier ist der Link: Flugblatt Nummer 50Nr 3- 20-aug-2012

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