FEUILLETON-REZENSION
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Die Macht des Willens
„Schwester Nietzsche“
Friedrich Nietzsche hatte eine Schwester. Über diese Schwester schrieb Kurt Tucholsky, dass es ein Jammer für die Forschung sei, Lissy Förster die Entscheidung über
den unveröffentlichten Nachlass des Philosophen anzuvertrauen. Elisabeth Foerster-Nietzsche hatte in Weimar das Nietzsche-Archiv gegründet „und gab umstrittene Ausgaben der Werke Nietzsches heraus“. So
heißt es in einem Sammelband mit Werken von Kurt Tucholsky im Anhang der Herausgeber, weil mittendrin in „Lerne Lachen ohne zu Weinen“auf Seite 303 eine kleine Bissigkeit von Tucholsky steht. Tucholsky beißt:
„Man stelle sich vor, Friedrich Nietzsche wäre gestorben, ohne Angehörige zu hinterlassen. Und man stelle sich vor, Freunde hätten sein Werk on Obhut
genommen. Und es käme nun eine Frau gegangen, die sagte : „Ich möchte das Nietzsche-Archiv verwalten. Und die Einleitung zu seinen Werken will ich auch schreiben.“ Was hätten sie gesagt? Nichts hätten
sie gesagt. Man hätte die Achseln gezuckt und geschwiegen: eine arme Person“
(Tucholsky, „Lerne lachen ohne zu Weinen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1978)
Schade, dass Tucholsky da nicht weiter gemacht hatte. So wie Tucholksy über B.Traven schrieb, hätte er auch gut über Lissy Förster schreiben können. Gott
sei Dank gibt es nach all den Jahren mit dem kurzen Appetithappen seit Ende Januar 2019 das Buch „Die Macht des Willens. Elisabeth Förster-Nietzsche und ihre Welt“von Ulrich Sieg. und man erfährt den
Rest, den Kurt Tucholsky aufgrund anderer Aufgaben nicht geschrieben hat. Nämlich zunächst, dass Frau Förster eine ziemlich bizarre Person gewesen sein muss, um die die Forschung herum ging wie um eine bekannte
Metapher, die meistens auf der Straße liegt. Das mag daran liegen, dass Frau Förster „nach der Katastrophe des Nationalsozialismus als Sündenbock der Philosophiegeschichte“
galt. (Seite 10) Sie soll einen Drang nach Anerkennung gehat haben, der sie unüberlegt dazu brachte, sich auch im Dunstkreis Adolf Hitlers fotografisch abbilden zu lassen. Ulrich Sieg benutzt
in seinem Buch den Begriff „Damnatio memoria“, also „Verdammung der Erinnerung“. Nicht gedacht sollt ihrer werden. Das tut man nicht. Das ist so, als wenn die gleichen Leute, die Knut Hamsun bejubelt
hatten, sich im Prozess gegen den norwegischen Schriftsteller nach dem ZWeiten Weltkrieg als moralisch reinwestige Ankläger hervorgetan hätten. Der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun hatte ein völlig unerklärliches
Faible für Hitler. Gleichzeitig war er ein literarisches Idol der Norweger wegen Büchern wie „Hunger“. Da will einer seinem Elend entfliehen, in dem er Bücher schreibt, aber weil er nichts zu Esssen
hat, fällt ihm nichts ein. Daher bringt er seine Weste zum Pfandleiher,kauft sich ein Brötchen, und hat prompt den schönsten literarischen Einfall. Er will ihn aufschreiben, doch der Bleistift ist in der Westentasche
und die beim Pfandleiher. So haut das Schicksal unbarmherzig einer im Aufbau befindlichen Existenz Knüppel gegen die Kniee. Wer Hartz Vier kennt und das schier aussichtslose Bemühen, aus der unverschuldeten Lage
wieder heraus zu kommen, kann den Roman „Hunger“ ausgesprochen gut verstehen. Nachdem Krieg wandten sie sich allesamt von ihrem umjubelten Idol ab. In Deutschland flogen Hitlerbilder aus den Fenstern oder in die
Öfen, und Schwester Nietzsches „Verdienst“ um das Werk ihres Bruders bewirkte, dass sowohl Bruder und Schwester für die genannte lange Zeit „aus der Erinnerung verbannt“ wurden.
Werkverfälschung ist ein schwerer Vorwurf und ein zum Teil schwer nachweisbare Tat, wenn einem die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Manche erheben diesen Vorwurf auch an
Bibelüberlieferungen, aber auf der profanen Ebene bleibt doch stehen: Wer ein geistiges Werk verfasst, welches auch vo der Nachwelt noch gelesen werden soll, muss sich irgendwie darauf verlassen können, dass die
Deutungshoheit beim „Nachlassgeber“ bleibt. Wenn dazu Verwalter nötig sind, müssen das Leute sein, die das Werk kennen, keine Eigeninteressen haben und das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können.
Die Vorstellung eines Geistersarbeiters, dass die Früchte der Arbeit, die noch nicht erkennbar in den Schutzmantel eines Buches gehüllt sind, mangels Erkennntis des Wertes als Altpapier entsorgt werden und dann vergebich
als Antwort auf Forschungsanfragen gesucht werden, kann diesen Personenkreis rasend machen. Das ist verständlich. Bei Bertolt Brecht muss es anders gewesen sein: Dessen Erben kann man eine gewisse Werkskompetenz wahrlich
nicht abstreiten.
Die Kehrseite der Kompetenzmedaille zeigt Ulrich Sieg auf Seite 13: Was immer Schwester Nietzsche über Bruder Friedrich schrieb: Es genoss hohe Wertschätzung. Warum? Weil
man es so lesen wollte? Weil die Schwester den Nerv der Zeit traf?
„Elisabeths ausgedehnte Korrespondenz demonstriert nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern zeigt auch ihren hohen Vernetzungsgrad in künstlerisch
und intellektuell bestimmenden Kreisen.“ (Seite 13)
Einer davon war Harry Graf Kessler, der sie vom Vorwurf der philosophischen Ahnungslosigkeit frei spricht. Mit andern Worten: Gänzlich doof war Schwester Nietzsche nicht. Und
wer nicht völlig doof ist, den muss man auch intellektuell ernst nehmen. Ulrich Sieg schreibt aber, dass der Intelligenz von Elisabeth-Förster Nietzsche am Ende immer doch die Tiefe fehlte. Sie blieb daher ein wenig
schnatterhaft in der Werkseinschätzung. Das scheint mir doch das Bild nachhaltig in seiner Aussage zu verändern, welches Kurt Tucholskys eingangs zitierte bissige Bemerkung von Schwester Nietzsche zeichnete. Einen
sehr breiten Raum nimmt die Beschreibung von Bekanntschaft, Ehe und Verhältnis Elissabeth Nietzsches zu dem Antisemiten Bernhard Förster ein, der sie scheinbar völlig untergbuttert hatte. Oder sie ließ
sich aus Gründen der Familienräson bereitwillig und gerne unterbuttern. Vielleicht aber blieb ihr denken auch wieder bloss oberflächlich. Jedenfalls kann Tucholsky den Antisemitismus des Gatten und die Teilung
des Antisemitismus durch die Holde als Merkmal für die von Tucholsky beanstandete latente Doofheit in Sachen der Philosophie bei Elisbeth Förster-Nietzsche gemeint haben.
(Ulrich Sieg, „Die Macht des Willens. Elisabeth Förster-Nietzsches Welt“, Carl-Hanser-Verlag, München 2019)