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Redaktionsmitteilungen: Probebereich Essays
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Baron von Feder: Hoch lebe die sprachliche Kreativität
Baron von Feder
„ Hoch lebe die sprachliche Kreativität“
Von besonders kreativen Beispielen sprachlicher Ausdrucksakrobatik war im Flugblatt schon mehrfach die Rede. Auch davon, dass unter den sprachlichen Überkleidern doch noch die miese Jämmerlichkeit des eigentlich Gesagten und Gemeinten durchschimmert. In der Glosse „Dunkel gefärbte Füße“ ging es damals um den Bundespräsidenten, der sein Handeln in mancherlei Hinsicht selbstkritisch als „nicht ganz geradlinig“ bezeichnet hatte. Daraufhin vermutete unter anderem eine Staatsanwaltschaft, dass dies auch „krumm“ heißen könne und versucht seitdem, die Angelegenheiten gerade zu rücken. Im September fiel eine sehr kluge Frau aus Berlin auf, die vor der Bundestagswahl ihre Arbeit als „relativ sensationell“ bezeichnete.
Zwischenzeitlich war grad relativ viel zu tun, so dass ich zum Teil absolut keine Zeit hatte, alle Sprachleistungen zu registrieren. Das gelang erst am 4. November wieder, als Angelus Märklheimer erklärte, warum seine Chefin erst gegen eine PKW-Maut ist, dann gegen Seehofers Ja-Nein-Doch-Strategie in Übereinstimmung mit dem Europarecht keine Alternative sah und sich für diese „Ausländer Maut“-Aktion auszuprechen. Jedenfalls solange, bis jemand Seehofer in den Schatten stellt, so dass die kluge Frau sich wieder neuorientieren muss. Märklheimer sagte: „Sie müssen dies im Lichte des Zusammenhangs bewerten“. Hah. Diesen Satz KANN er nur von seiner Chefin haben. Die wiederum kennt mit Sicherheit noch von früher, von der FDJ, den Satz: „Genossen, Sie müssen das dialektisch sehen“. Der Bezug auf die Dialektik des Marxismus dürfte heute wohl nicht gut ankommen bei den Herren des Kapitals, die sich aus ihrer Sicht hervorragend funktionierende Regierungen und Staatsapparate leisten, auch wenn die kluge Frau bescheiden meint, ihre Arbeit sei nur „relativ sensationell“ gewesen.
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–(Fremdwerbung): Denkstösse von Gruppe Artikel 20
Denkstösse
Kultur ist Widerstand gegen Entseelung durch Verschleiß und Profit.
Chronik ist Widerstand durch Dokumentation.
Geist ist Widerstand durch ausgewogene Reizaufnahme.
Widerstand ist Ablehnung von Bequemlichkeit.
Themen sind für den Geist wie Knochen für den Hund, damit er was hat, um darauf zu kauen und den Biss zu stärken. Einseitige Reizaufnahme führt zur Verkümmerung der andern Reize. Es reizt das Internet, es reizen Online-Spiele, es reizt Facebook, es reizt Twitter, es reizen die Unterhaltungsmedien – aber womit? Am Anfang des Internets hieß es „Virtuelle Realität“. Die fand oberflächlich technisch statt und in der Tiefe durch Reduktion der Reize und der Handlungsfähigkeiten. Es fehlt die Fähigkeit, Probleme selbst zu lösen, und es fehlt die Bereitschaft, mal zu sehen, welche Probleme man selbst lösen könnte. Widerstand ist Rückbesinnung auf die eigenen Fähigkeiten.
Zitat aus einem Büchlein: „Goethes Lebenszeit fällt in eine Epoche umwälzender geschichtlicher Ereignisse und gesellschaftlicher Turbulenzen“. Und ist nicht auch unsere Zeit „eine Epoche umwälzender geschichtlicher Ereignisse und gesellschaftlicher Turbulenzen?“
Was draus wird, hängt von der Aktivität und der gegenseitigen Anerkennung ab.
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Rezension Goethe und Anna Amalia
Hannes Nagel
Rezension „Goethe und Anna Amalia“
„Tätiger Goethe, beglückte Amalia“
Diesmal gibt es ein besonderes Fundstück. Bei vielen Literaturwissenschaftlern drängt sich zuweilen der Eindruck auf, sie wüssten zuviel und wollten alles in einem Buch unterbringen, auch wenn die Zahl der Seiten begrenzt ist und die Geduld der Leser auch. Wolfgang Sorge ist kein Literaturwissenschaftler. Er war lange Zeit Lehrer in Orlamünde, wie man hört, war er für Physik zuständig. Das mag erklären, dass er schneller auf den Punkt kommt als es Literaturwissenschaftler könnten. Er hat es geschafft, dass man „Goethe und Anna Amalia“ in 90 Minuten lesen kann – das verlangt nicht mehr Geduld als ein Film im Fernsehen, wenn der ohne lästige Werbeunterbrechung gezeigt wird. Die Forschungsfrage lautet: „Hat er oder hat er nicht?“, und die 71 Seiten begründen, warum Wolfgang Sorge annimmt, dass Goethe und die Herzogin haben. Seine Indizien nimmt der Autor aus einem Gedicht von Goethe und einem Schauspiel. Das Gedicht heißt „Das Tagebuch“ und das Schauspiel „Torquato Tasso“.
Ob die beiden nun wirklich die Klassenschranken auf dem Diwan der Lust überwanden, ist im Grunde genommen keine Sensation für die Literaturgeschichte oder die Geistesgeschichte des Weimarer Musenhofes, eher eine erfreuliche Ermutigung für alle, die Angst vor ihren eigenen Wünschen haben. Was viele träumten – Goethe tat es, Was Frauen sich versagen – Die Herzogin nahms.
Der schönste Satz des Büchleins ist für mich folgender: „Goethes Lebenszeit fällt in eine Epoche umwälzender geschichtlicher Ereignisse und gesellschaftlicher Turbulenzen“. Gesellschaftliche Turbulenzen und umwälzende geschichtliche Ereignisse gibt es derzeit auch. Wenn es gut geht, ist dies ein Grund zur Hoffnung. Es hängt von uns ab.
Wolfgang Sorge, „Goethe und Anna Amalia“, Berlin 2013
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Rezension: Liebe, Lust und Leckereien
Hannes Nagel
Rezension „Liebe Lust und Leckereien“
„Alleine KOCHEN ist auch nicht schön“
In der Liebe und in der Küche kann man sich vieles nicht selbst ausdenken, sondern ist auf äußere Einwirkungen angewiesen. Das ist richtig gut, denn Reize, die von innen kommen, sind selten so schön wie die überraschenden Reize, die von außen kommen.
„Das Sehen, Schmecken und das Riechen
und dazu dann gepflegt parlieren,
nicht rasend schnell, nein, eher kriechen
Wird Eure Lust auf Ziel hin orientieren.”,
so schrieb es schon im 19. Jahrhundert Nikolaus von Lemberg-Kolovratsky. Ob die Autorin Ursula Winnigton den Kollegen von Lemberg-Kolovratsky dem Namen nach kennt, weiß ich nicht. Aber ich vermute es. Denn auch Ursula Winnington schreibt, dass die genannten Reizwahrnehmungen sowohl beim Essen als auch beim Lieben auftreten. Sie sollen es auch unbedingt, denn ein lustloses Mahl mit fadem Geschmack verdirbt jeden Appetit und befriedigt keinen Hunger. Die Analogie zur Liebe liegt auf der Hand. In ihrem Buch hat Ursula Winnington etwa 157 befeuernde Rezepte für die kulinarische Kulisse einer Liebesinszenierung gesammelt und samt Wirkungen und Nebenwirkungen beschrieben. Bei 365 Tagen im Jahr bedeutet das im Schnitt …. naja, Sie wissen schon. Freuen Sie sich drauf.
PS: Allein KOCHEN ist auch nicht schön.
Ursula Winnington, „Liebe, Lust und Leckereien“, Klatschmohn-Verlag, Rostock 2012
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Baron von Feder: Tag des Nörgelns
Baron von Feder
„ Tag des Nörgelns“
Am 1 November wurde in der Kaufhalle der „Tag des Nörglers“ ausgerufen. Die Leute hatten gerade ihr neues Monatsgeld bekommen, mit dem sie jetzt vier Wochen auskommen mussten. Sie waren alle gleichzeitig auf die Idee gekommen, jetzt einmal schnell für den ganzen Monat ein zukaufen und dann Ruhe vor dem Gang zur Kaufhalle zu haben. Früher, als Menschen noch für Arbeit bezahlt wurden, wären wohl auch alle drei Kassen besetzt gewesen. Damals war es ja so, dass man sich zusätzliche Arbeitskräfte holte, wenn es viel zu tun gab. Heute macht man das eher so, dass man das Zuviel an Arbeit auf weniger Schultern verteilt. Ist billiger, belastet die Arbeitskräfte aber mehr. Aber welchen Entscheider interessiert das schon? Der Kassierer, der so viele Warenkörbe abkassieren musste, wie sonst drei Kassierer gemeinsam, hatte alle Hände voll zu tun und trotzdem den Mund voller netter Worte. Da liess einer im ersten Drittel der Schlange seinen Gefühlen freien Lauf. „Könnse mal klingeln, das hier ne zweite Kasse aufgemacht wird? Das sind ja keine Zustände hier.“ Nun ist ein Zustand eine Häufung von Merkmalen, die eine Situation beschreiben. Die Situation an der Kasse war also dadurch beschrieben, dass da viele Leute in einer Schlange standen. Der Mann hatte eine irgendwie gegenstandslose Bemerkung losgelassen. Im Hintern Dritttel der Schlange erörterten inzwischen zwei Damen Grundsätzliches – in einer für alle vernehmlichen Lautstärke. „Sie, ich steh hier schon ne halbe Stunde, da müssen Sie sich hinten anstellen“. Die andere schob die Beschwerdeführerin einfach weg. Dann wies sie nach: „Ich habe soebend beim Personal Bescheid gesagt, dass noch eine Kasse aufgemacht wird. Also lassen Sie mich durch, mir gebührt die erste Abfertigung an der zweiten Kasse.“ Sie wartete die Gewährung des geltend gemachten Rechtsanspruches nicht ab, sondern nahm ihn sich. Der Kassierer rief seiner Kollegin zu: „Mach hinne, es nörgelt hier schon“. Sie darauf: „Das ist normal, heute ist Tag des Nörgelns.“
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Baron von Feder: Ausländer Maut
Baron von Feder
„ Ausländer Maut“
Das Recht ist recht seltsam, besonders wenn es europäisches Recht ist, welches für alle Mitgliedssländer der europäischen Union gilt. Horst Seehofer ist zuweilen ein seltsamer Politiker, besonders wenn sein Handeln bayrischen Belangen gilt. Nun hat er per Rechtsgutachten Bescheid bekommen, dass eine PKW-Maut in Deutschland auch unter der Bedingung möglich ist, dass Deutsche Fahrer von der Entrichtung der Gebühr zum Wohle von – ja von wem eigentlich? – herangezogen werden. Eine Straßenbenutzungsgebühr soll theoretisch die Mittel einbringen, die für den Erhalt der Straßen durch Reparatur und Winterdienst nötig sind. Auf Autobahnen ist bisher nur für LKWs eine Maut vorgesehen. Weil aber immer neue Straßen gebaut werden, statt das vorhandene Straßen-und Wegenetz zu erhalten, reicht das Geld nicht. Seine Menge muss daher erhöht werden, weshalb man es von den Leuten holen muss. Wenn einige zahlen müssen und andre nicht, ist das keine Gleichbehnadlung. Um aus der Ungleichbehandlung eine Gleichbehandlung zu machen, ersann Bayern die Erhebung einer Maut für alle bei gleichzeitiger Verrechnung mit der in Deutschland gezahlten Kraftfahrzeugsteuer. „Denn geht es wieder“, beschied Verkehrskommissar Siim Kallas. Ein bisschen feilen müsse man noch, damit der Trick nicht sofort auffällt, aber dann, so meinen derzeit die meisten Verkehrsexperten, die sich in führenden Medien zu Wort gemeldet haben, wird die Maut kommen. So unausweichlich wie damals der Euro und so unausweichlich wie damals der Untergang von Vineta.
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Aproposia: Von billigem Strom und teuren Gebühren
APROPOSIA
„Von billigem Strom und hohen Gebühren“
Strom wird teurer. Anlagen zur Selbstversorgung mit Elektrizität werden durch verwaltungsrechtliche Hürden künstlich verteuert. Warum muss in einer Gesellschaft immer der bezahlen, der das kleinste Portemonnaie hat?
Moderatorin: „Guten Abend, erlauchte Runde. Heute geht es um Strom und um die Kosten für die Ökostrom-Umlage. Warum gibt es sie, und warum wird der Strom dadurch teurer?“
Stromkassierer: „Die Gebühren für den Strom sind doch nur eine kleine Aufwandsentschädigung für uns, weil wir uns die Arbeit machen, bei Ihnen Licht in der Wohnung zu ermöglichen. Im Grunde ist der Strom bereits jetzt schon kostenlos für Sie, weil die Gebühren direkt wieder in die Erzeugung von Strom investiert werden.“
Moderatorin: „Das möchte ich gerne genauer wissen. Sie erzeugen also Energie…“
Physiker: „Moment bitte, das ist etwas ungenau. Energie kann nämlich nicht erzeugt werden, denn sie ist schon da. Energie kann lediglich umgewandelt werden.“
Unker: „Und wo genau treten dann die Kosten auf, wenn die Energie schon da ist?“
Kassierer: „Im Handel. Wenn ich Kohle, Öl und Gas zum Zwecke der Energieumwandlung kaufen muss, habe ich Kosten. Diese Kosten haben Sie nicht, weil Sie nur die in Licht und Wärme umgewandelte Form der Energieträger kennen. Darum denken Sie ja auch, Strom könne billig und kostenlos sein.“
Moderatorin: „Lieber Kassierer, wäre es dann nicht sinnvoll, Strom aus solchen Energieträgern heraus umzuwandeln, die nichts kosten?“
Kassierer: „Was soll das sein? Alles kostet Geld.“
Moderatorin: „Die Sonne kostet kein Geld.“
Kassierer: „Aber um Ihnen eine Solarplatte aufs Dach zu bauen, sind Investitionen nötig, und Investitionen muss man refinanzieren. Sonst könnten wir Ihnen ja für unser Geld Solaranlagen bauen und den erzeugten Strom verschenken.“
Sehr kluge Frau: „Es gibt nichts zu verschenken. Geschenke ruinieren den Wohlstand.“
Dr. Liberalitas: „Realitätsferne Dummheit.“
Moderatorin: „Worauf bezieht sich diese Einschätzung, Dr. Liberalitas?“
Dr. Liberalitas: „Auf nichts. Die Information war lediglich ein Gedankenschnitt.“
Moderatorin: „Was ist das denn, ein Gedankenschnitt?“
Zwischenrufer: „Dr. Liberalitas wollte vermutlich sagen, das zwischen dem, was er hörte und dem was er sagte bereits eine gedankliche Entfernung liegt, die er als erster übersprungen hat.“
Dr. Liberalitas: „Im Übrigen gehört das auch zum Recht auf Freiheit.“
Moderatorin: „Dann haben wir das geklärt und komen auf den Strom zurück.“
Marktbeobachter: „Vor zwei Jahren konnten 312.000 einkommenschwache Haushalte den Strom nicht mehr bezahlen und mussten daher im dunklen frieren.“
Moderatorin: „Und wer sind die Preistreiber?“
Marktbeobachter: „Ökosteuer, also die verflixte Umlage, und die Mehrwertsteuer. Dann kommt die Gewinnmarge der Netzbetreiber, die sie selbst festgelegt haben. Das sind pro Kilowattstunde 14,13 Cent.“
Zwischenrufer: „Sie haben die Großkundenausnahmeregeln vergessen. Die treiben nämlich die Anteile der Privathaushalte um genau die Summe nach oben, die den Großkunden erlassen wird.“
Unker: „Oh Gott, ist das wirklich so? Warum kann es denn pro Haus oder Wohneinheit keine Gemeinschaftsstromversorgung geben? Wenn man keine flächendeckenden Netze braucht, braucht man auch keine Netzgebühren zu zahlen.“
Sozi: „Der Mehrwertsteueranteil am Strompreis macht derzeiut 4,55 Cent pro Kilowattstunde aus. Wenn der Steuersatz gesenkt wird, sinkt auch deren Preisanteil.“
Zwischenrufer: „Noch vor 6 Jahren gab es den Begriff Sozialtarife. Die waren gedacht, um auch den Armen im Winter Licht, Strom und Wärme zu geben. Aber die Idee ist ja, wie alles, was vorne mit sozial anfängt, stillschweigend abgebaut worden.“
Unker: „Gegen die Auswüchse des Wettbewerbs hilft also eine Grundversorgung mit Licht, warmen Wasser, Waschmaschinenbetrieb und Betrieb von Unterhaltungselektronik samt Haushaltselektronik. Das klingt gut, wenn man sich die Solaranlage aufm Balkon denkt wie einen Schrebergarten zur Gemüseversorgung der armen Bevölkerung. Könnte funktionieren.“
Dr. Liberalitas: „Dazu muss man das Undenkbare denken und das Unfassbare begreifen“.
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Bewegungsmelder: Denksport für Wahldemokraten
BEWEGUNSMELDER
„Denksport für Wahldemokraten“
Demokratie ist, wenn Wahlen stattfinden. Dieselben sind ein Verfassungsgrundrecht, welches in allen demokratischen Staaten den Wahlberechtigten zusteht. Bei den Bundestagswahlen hat jeder Wahlberechtigte in Deutschland zwei Stimmen. Mit der einen Stimme kreuzt man auf einer List mit den zur Wahl stehenden Parteien an, welche man gerne im Parlament sehen würde, und mit der zweiten Stimme kreuzt man einen Namen an. Das Kreuz mit dem Namen nennt man die Wahl eines Direktkandidaten. Der ist direkt im Parlament drin, wenn erstens er den Wahlkreis mit Mehrheit gewonnen hat und zweitens seine Partei über die Wahl von der Liste mindestens 5 Prozent der abgegebenen und gültigen Wählerstimmen erreicht. Das klingt logisch, weil sonst die FDP zwar an der 5-Prozent-Hürde gescheitert wäre, aber Ralf-Torsten Mullesieken drin wäre, weil er in seinem Wahlkreis die Mehrheit hätte. Der Fall ist aber bei der Bundestagswahl 2013 nicht aufgetreten, also ist die hier getroffene Beschreibung der Wahlbeobachtung richtig. Wahlbeobachter haben bei der Bundestagswahl 2013 festgestellt, dass etwa 15,8 Prozent der abgegeben Stimmen sich auf drei bis vier Parteien verteilten, die jede für sich nicht über die 5 Prozent Hürde kamen. Wo aber blieben die Stimmen? Wurden sie die so genannten Ausgleichsmandate? Wenn nämlich eine Partei durch die Zweitstimmen mehr Sitze bekommt, als ihr prozentual nach der Stimmabgabve zustehen, dann müssen die anderen Parteien sozusagen angemessen entschädigt werden, wodurch die Größe des Parlamentes wachsen kann, was dann nach der Prozentrechnung zu Mehrheitsmöglichkeiten führt, die nach der einfachen Mehrheitswahl nicht möglich gewesen wären.
Einen Monat nach der Bundestagswahl sagte Parlamentspräsident Nobert Lammert, dass sich die Parteien schon nach der Walrechtsreform von 2012 darauf verständigt hätten, die Überhangsmandate lieber nicht abzuschaffen, sondern sie besser durch Ausgleichsmandate zu kompensieren. „Kompensieren“ heißt „Ausgleichen“. Insofern gab es für Lammert wohl eine politische Priorität, die den Vorrang hatte. Vorrang vor dem Wählerwillen hat es, wenn wegen einiger Überhangmandate noch ein paar Stühle ins Parlament gestellt werden müssen, um noch ein paar zusätzliche Gesäße zu platzieren.
Ich finde, das ist ein vielversprechendes Prinzip. Es ist die Urform einer Basisdemokratie, die die Elitärparlamentarier gerade dadurch herbeiführen, dass sie kleinere Parteien ausschließen wollen. Der Beleg für diesen Gedanken steht in N-Tv vom 27. Oktober unter dem Psalm: „Jeder will möglichst viele Posten. Regierung könnte mehr Minister bekommen“. CDU und SPD rangeln um möglichst viele Posten und sinnen daher auf Möglichkeiten, die Regierung um die benöigten Ressorts zu vergrößern, statt die vorhandenen zu verteilen. Da könnte man doch gleich die 5 Prozent Hürde abschaffen, jede Partei formt ihr eigenes Schattenkabinett, Sonstige bekommen Mitwirkungsrecht an den Kabinetten, und die Initiative Verfassungskonvent stellt fest: „Dies ist ja ein völlig neokratischer Zustand von Basisdemokratie“. Verstehen wird sie keiner, außer vielleicht die Schweiz.
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Verschlagwortet mit Ausgleichsmandate, Basisdemokratie, Neokratie, Überhangsmandate
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Baron von Feder: Als Michel mal einen hellen Moment hatte
Baron von Feder
„ Als Michel mal einen hellen Moment hatte“
Der deutsche Michel hatte 1989 seinen letzten hellen Moment. Michel und Michaela fassten einander nämlich bei den Händen und sprachen: „Wir sind das Volk“. Erstaunt über diese Erkenntnis teilten sie es den zuständigen Organen mit. Die zuständigen Organe sagten: „Und wir sind die zuständigen Organe“. Sie fühlten sich zuständig, Michel und Michaela zu sagen, dass das Volk den Weisungen der zuständigen Organe Folge zu leisten hätte. Aber Michel und Michaela fühlt sehr viel Kraft aus der Erkennntis, dass sie DAS VOLK waren. Gegen diese Kraft kamen die zuständigen Organe nicht an. Schließlich sagten sie: „Na gut, dann regiert Euch mal schön selbst.“ Im Geheimen (sie konnten nicht anders als im Geheimen) dachten sie: Die werden schon sehen, was sie davon haben.
2013 hatten Michel und Michaela keinen hellen Moment mehr. Es war eher finster um sie, besonders in Bezug auf die Aussichten: Mal hatten sie keine Arbeit, mal hatten sie zeitweise Arbeit. Sie hatten Reisefreiheit, aber keine Reisemittel. Sie waren nicht mehr eingesperrt, aber ausgegrenzt, nämlich ausgegrenzt von sozialen Kontakten und kulturellem Leben. Sie wussten noch, dass sie das Volk waren, aber im Hinterkopf dachte es in ihnen: Wir wollen nicht zurück zur Herrschaft der zuständigen Organe. Darum verlor der Ruf „Wir sind das Volk“ jeden Reiz für Michel und Michaela. Denn „Wir sind das Volk“ wird ja von der Sehr klugen Frau und dem Dr. Liberalitas auch gar nicht bestritten. Lediglich das Kapital sagt: „Richtig. Ihr seid DAS VOLK. Das Volk dient dem Wohlstand. Ist ja nicht unsere Schuld, wenn das Volk unter Wohlstand SEINEN Wohlstand versteht. Es hat da wohl was falsch verstanden, verstehnse?“
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