Ihr Maitre de Lektür empfiehlt

Manchmal liest man ein Buch aus einer fremden Zeit und es bewegt einen, weil man in an seine eigene Zeit Fragen hat, die einem die fremde Zeit beantwortet. Es ist erstaunlich, wie manchmal ein Buch aus früheren Zeiten wie ein Ratgeber in der Orientierungslosigkeit der Gegenwart sein kann. Zum Beispiel Inflation, Arbeitslosigkeit und Armut. Wie soll man damit umgehen, wenn es richtig schlimm wird? Man könnte vorher Hans Fallada und Erich Maria Remarque lesen. „Wolf unter Wölfen“ und „Der schwarze Obelisk“ sind Lehrbücher über das Verhalten in Zeiten des Egoismus. Und wenn Ihnen in der Gegenwart auffällt, dass der Sprachgebrauch von Ämtern und Behörden gegenüber den Bürgern eher an Kasernenhof als an gebildete Kulturgesellschaft erinnert und sie fragen sich, wo kommt das her? Sie werden glauben, der Roman „Bauern, Bonzen, Bomben“ wäre unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Wirklichkeit von Hartz Vier geschrieben worden. Aber Falladas Buch erschien Anfang der 30er Jahre. „Lerne Lachen ohne zu Weinen“ ist ein Sammelband mit Texten von Kurt Tucholsky. Die Herrschaften von heute könnten irgendwie die Enkel der Herrschaften von damals sein. Was glauben Sie, was Tucholsky und Ossietzky in der „Weltbühne“ aus den Themenkomplexen Stuttgart und Castor gemacht hätten? Immer wieder gut ist auch Stefan Heym. Das Buch „Der König David Bericht“ ist die ideale Ergänzungslektüre zu den Geschichtssendungen im Fernsehen. 1985 – also vor 25 Jahren, einem viertel Jahrhundert, war mal ein Spruch auf eine ostberliner Kneipenklotür gekritzelt: „Mein Zweifel lässt sich schlecht verhehlen / ich seh so viele Parallelen / ich hab geprüft, gesucht und sah: / Es war alles schon mal da“. Den Eindruck hatte ich in den letzten 25 Jahren auch.

Gewaltfreier Widerstand ist aktuell wie nie. Nur beziehbar unter

info@scheunen-verlag.de


Flüchtlinge haben verschiedene Gründe, die Heimat zu verlassen. Vergleichen Sie mal Wirtschaftsflüchtlinge von heute mit politischen Flüchtlingen der 30er Jahre.

Autor: Erich Maria Remarque Titel: Die Nacht von Lissabon

Kiepenheuer & Witsch Preis: 8,95

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Wie kann einer sein Leben organisieren, wenn die Zeit von Inflation geprägt ist? Na, und wenn selbst das geht, wie einfach muss es sein, sich in der heutigen sozialen Kälte zu organisieren?

Autor: Erich Maria Remarque Titel: Der schwarze Obelisk

Neuauflage 1998 Kiepenheuer & WitschPreis: 9,95

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Autor: Hannes Nagel Titel: Übrigbleibende Wege

Verlag: BoD Preis:9,80 Euro

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Wer schreibt, der bleibt? Akten sind nie die ganze Wahrheit. Zu keiner Zeit. Auch heute nicht, da vielfach „nach Aktenlage“ entschieden wird.

Autor: Stefan Heym Titel: Der König David Bericht

Neuauflage von Fischer Taschenbuch Preis: 8,95

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Glosse: Beobachtungen zu einem angekündigten Ereignis

Mittwoch, 17. November 2010

Autor: Hannes Nagel

Beobachtungen zu einem angekündigten Ereignis

Am Mittwoch war es, und der Tag war trüb, weil im Drehbuch stand, es ist der 17. November, da hat ein Novembertag grau und trüb zu sein, und das Novemberwetter spielte seine Rolle genauso brav wie Innenminister Thomas de Maiziere. De Maiziere gab bekannt, dass gegen Ende November Terroranschläge gegen Deutschland stattfinden würden, falls man ihnen nicht zuvor kommen würde.
Die Taten sind noch nicht begangen, da stehen die Schuldigen schon fest: Islamisten werden es sein. Hoffentlich werden sie nicht auch bereits mit regulären Truppen auf deutsche Weihnachtsmärkte schießen. Da gab der Innenminister fürsorglich bekannt, dass nun Maßnahmen ergriffen würden, die man teils wahrnehmen könne, teils aber auch nicht.
Beinahe sieht es so aus, als passe alles viel zu gut zueinander. Die Innenminister beraten auf der Innenministerkonferenz, was man machen soll. Als sie überlegen, wie sie die Vorratsdatendatenspeicherung wieder erlaubt bekommen können, schickt jemand einen Koffer mit einer Batterie und zwei Drähten, und alle Sicherheitsbehörden rufen zuerst „Huch“ und dann „Sehen Sie“. Gleich darauf erklärt die Brigade Sicherheit und Innere Ordnung, das die Bevölkerung erstens genau so weiter leben soll wie bisher und zweitens verdächtige Beobachtungen melden soll. Dieses „Ignorieren der Gefahr“ und „Beobachten der Gefahr“ gilt auch für die Polizei, hieß es in fast allen Zeitungen. Man könnte sagen, Presse und Politik wetteifern gerdade um die größere sprachliche Kreativität. Jetzt auf einmal sollen alle Telefondaten mit „Schockfrostung“ behandelt werden. Gemeint ist: Alles Speichern und bei Bedarf lesen. Der zweite kreative Begriff heißt „Realtestkoffer“. Macht sich einer verdächtig, wenn er zum Händler geht und einen Koffer kaufen möchte? Muss der Händler anschließend zum Telefon greifen, und die Nummer 030 186810 wählen? Dort sitzt das Innenmninisterium, bei dem die Meldungen der mithelfenden aufmerksamen Bevölkerung zusammen geführt werden. Besondere Aufmerksamkeit soll der Sprache gelten: Sprechen plötzlich Leute arabisch oder sonst eine Fremdsprache, „die wir nicht kennen“, meinte Berlins Innensenatror Körting, dann soll man „gucken, dass man die Behörden unterrichtet, was da los ist“. Die Politik nennt es verstärkte Wachsamkeit, das Internet.Magazin „Telepolis“ nennt es „Aufruf zum Misstrauen gegebüber den Mitbürgern“.
Andere Quellen wissen schon, dass es der 22. November sein wird. Da soll der „Onkel aus Pakistan“ mit 6 Mann in Detuschland einreisen. Die Aufgabe soll ein sogenannter „Sturmangriff“ auf den Reichstag sein. Ob sie nun im November stürmen oder doch erst im Februar oder März steht noch nicht fest. Wahrscheinlich sind sich die Geheimdienste noch nicht einig. Oder die Fahne fehlt noch, die üblicherweise nach Erstürmung des Reichstages oben auf dem Dach gehisst wird. Ein Sturmamgriff mit 6 Mann. Stalin bruchte damals ein paar Leute mehr.
Womit wir bei dem ernsten Aspekt der lächerlichen Terroralberei angekommen sind. Am 22. November will die Bundeswehr im Raum Bad Sülze-Warbelow-Gnoien irgendwas üben. Egal was, irgendwas mit Krieg. Kriege begannen immer aus Manöverlagen heraus, aber nicht jedes Manöver führt zum Krieg. Wer mit der Terrorabwehr zündelt und einen großen Krieg entfacht gehört vorsorglich von der Macht entfernt. Vielleicht kommt ja das politische Kabarett auf ein paar gute Antiterrorwitze, wenn das politische Kabinett schon auf nichts Sinnvolles kommt, um die angebliche Gefahr zu bannen.
Da kein Krieg gerecht ist, darf gehofft und gewünscht werden, dass die Herrschaften keinen solchen dadurch hevorrufen, dass sie sich zeigen müssen, wer den längeren hat. Denn was auch immer die Führenden da oben anordnen, entscheiden oder befehlen, die Folgen davon tragen wir hier unten.
Oder Fernsehen und Radio graben Heinz Rühmann aus. Dann tönt es laut durch Volk und Land:
„Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern. Keine Angst, keine Angst, Rosmarie“

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Rezension: „Gandhi und der kleine Prinz“

Dienstag, 23.11.2010

Mittwoch, 17.11.2010

Rezension „Gandhi. Erinnerungen an einen Visionär“

Hannes Nagel

Gandhi und der kleine Prinz

Der eine war Rechtsanwalt und predigte gewaltfreien Widerstand. Der andere ging mit grossen Augen durch die Welt und beschämte erwachsene Dösköppe mit dem Wunsch: „Male mir ein Schaf“. Beide stehen für den Wunsch, die Welt mit kindlicher Naivität zu einem schöneren Ort zu machen.

Vormittags bekam ich vom Scheunenverlag aus Kückenshagen das Buch „Ghandi – Erinnerungen an einen Visionär“ zum Rezensieren. Erst zog ich mir das Buch und das Thema rein. Am späten Abend dann zog ich mir die aktuelle Folge von „Neues aus der Anstalt“ rein. Neues aus der Anstalt ist die Kabarettsendung des ZDF. Diesmal hatten die Mitwirkenden um Urban Priol und Erwin Pelzig die Meinungsäusserungs-und Widerstandsversuche der Gesellschaft gegen die sie verursachenden Verhältnisse als Thema: Stuttgart 21, Castor, Afghanistan, Rösler auf der Weide, „und der Wind pfeift durch die Hose: Arbeitslose, Arbeitslose“ (Tucholsky). Es kam der Bezug auf den Artikel 20, Absatz 4 des Grundgesetzes: Das Widerstandsrecht. „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“. Regelmässige Leser des „Flugblattes“ wissen, dass eine Gruppe dieses Namens Anzeigen schaltet, damit der Artikel 20 der mündigen Gesellschaft so geläufig wird wie die fatale Reduzierung der Rolle des Individuums auf den braven Konsumenten durch die Werbung. Wie der Widerstand aussehen darf, damit es den herrschenden Tätern der Beseitigung dieser Ordnung gefällt, sagt der Artikel nicht. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass „Näheres“ ein „Bundesgesetz“ regelt. Aber es gibt Erinnerungen an Gandhi, und Buchautor Kai Horstmann schreibt: „Gemessen an seinen Zitaten ist Gandhi aktueller denn je. Vielmehr wage ich zu sagen, die Welt braucht wieder so einen wie ihn“. Ich weiss nicht, ob Urban Priol die 70 Seiten von Kai Horstmann gelesen hat, aber ich habe gehört, wie er Gandhi zitiert hat: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

Der kleine Prinz hatte trotz Schmähungen ein unerschütterliches Vertrauen in das Gute. Wie ein kleines Lamm oder Fohlen, das die Mutter sucht und von ganzem Herzen glaubt: Wenn man jemanden fragt, bekommt man auch eine helfende Antwort. Und wenn man weg gestoßen wird, als Störung empfunden wird, getreten und gebissen wird, dann sind das Ausnahmen. Auch wenn man erlebt, dass sie eigentlich alle so sind. Lämmchen oder Fohlen wird die Mutter schon finden, und die Mutter wird auch gar nicht schimpfen und sich so auf die Seite der Stosser, Treter und Beisser stellt. So etwas tut ja nur die böse Stiefmutter im Märchen. Sie ignorierten ihn, sie lachten über ihn, sie bekämpften ihn und am Ende beschämte er sie durch seine Güte. Der kleine Prinz hatte sie von ihrem Irrtum durch Geduld und Sympathie abgebracht. Das ist ganz Gandhi.

Es macht, verstehen Sie das bitte, vollkommen die beiden erst noch der Dritte: Franziskus von Assisi. Mit Gandhi, Franziskus und dem kleinen Prinzen sind die letzten Tage sozialer Ungerechtigkeit und herzloser Justizbürokratie gekommen.

Kai Horstmann, „Gandhi. Erinnerungen an einen Visionär“, Scheunenverlag, Kückenshagen 2009, bestellbar unter info@scheunen-verlag.de

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Glosse: Sah man grad ein Rösler stehn

Glosse

Freitag, 12.November. 2010

Autor: Ida L.aus M.a.A

Sah ein Volk ein Rösler stehn

Sah man grad ein Rösler stehn

Rösler vor dem Volke

hört ihn an der Schraube drehn

spürt die Eiseskälte

Rösler sprach: „Die Medizin

geht nach Wert und nach Ansehn.

Armenärzte sind nicht drin

erst wir, und ihr müßt anstehn“

„Rösler“, sprach das Volk zu dem,

„sollst dich grün und fleckig schäm.

Können wir dich zur Vernunft nicht bringen

dann, Rösler, Götz von Berlichingen“

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Glosse: Altstoffsammlung für den Frieden

Donnerstag, 11. November 2010

Autor: Hannes Nagel

Altstoffsammlung für den Frieden

Früher, im Osten, waren Rohstoffe knapp und es mussten Dinge gehen, die gar nicht gehen konnten. Um sie gangbar zu machen, gab es das Prinzip des Improvisierens. Und so wurden viele erstaunliche Ideen geboren, auf die man im Traum nicht kommen würde, wenn man nicht ein akutes Mangelchen überwinden müsste. Aber niemand kam auf die Idee, das Militär zum Diebstahl fremder Rohstoffe einzusetzen.

Herr zu Guttenberg schon. Das ist der Verteidigungsminister, den sie den Baron nennen. Der hat gerade bestätigt, dass die Bundeswehr dazu da ist, Rohstoffe zu sichern und den Weg zu ihnen und den Transport der Rohstoffe heim in traute Deutschland. Man kann sich schon denken, dass es umso mehr Kriege, kriegsähliche Zustände und umgangssprachliche Kriege geben wird, je mehr Rohstoffe gebraucht werden, die ein anderer hat.

Im Osten damals wurden Altstoffe gesammelt, weil das Rohstoffe waren, die waren noch noch gut, die gingen doch noch, die konnte man noch mal benutzen (außer Klopapier).

Vorhin musste ich eine Batterie in einer Taschenlampe wechseln. Und da kam mir die Erleuchtung: Rohstoffsammlung gegen den Krieg. Wenn wir Guttenbergs Truppe säckeweise alte Batterien vor die Türe stellen, brauchen die Rohstoffsammler in fremden Ländern keinen Krieg zu führen. Rohstoffsammlung für den Frieden. Denn, mal so gesehen: Es gibt keinen gerechten Krieg.

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Apropos Resistance: Neues aus der Lauten Republik Deutschland

Mittwoch, 10. November 2010

Autor: Hannes Nagel

Laute Republik Deutschland

Es tut sich was im Land des Schweigens und Ertragens. Stuttgart, Gorleben, Grundeinkommen – ein Volk hielt lange genug die Klappe. Jetzt lässt es sich hoffentlich den Mund nicht mehr verbieten, sondern macht auf alles aufmerksam, was behördlich, amtlich, dienstlich oder medial unerwähnt bleiben soll. Heute teilte die ökologische Linke (www.oekologische-linke.de) der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt an der Börse mit, sie habe für eine Sitzung am 11. November beantragt, dass sich das frankfurter Stadtparlament für eine Verurteilung der polizeilichen Gewaltorgie in Gorleben einsetzt und dies auch im Land und im Bund zu erreichen versuchen soll.

Die Fraktion der Ökolinken berichtet, durch sadistische Polizeigewalt seien massenhaft Verletzungen der Augen durch Wasserwerfer und in mindestens einem Fall eine zertrümmerte Schulter durch den Einsatz eines Polizeikriegspferdes vorgekommen. Drei Menschen seien durch sadistischen Einsatz von Pfefferspray getötet worden.

Die Fraktion verzichtete bei íhrem Antrag auf eine Begründung, weil sich die Notwendigkeit des Antrages von selbst versstehe. „Unser Antrag begründet sich von selbst, wer ihn nicht versteht, dem ist nicht zu helfen“, schreiben die Initiatoren.

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„Das Flugblatt“ Nummer 10 ist da

Hannes Nagel

Das Flugblatt Nummer 10 ist da. Themen diesmal: Eine Weimarer Personalie, eine Anhörung zum bedingungslosen Grundeinkommen, eine Rezension und mal wieder eine Glosse

LinkFlugblatt Nummer 10

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Parallelen: Ein Gedicht und eine Petition

Dienstag 08. November 2010

Vom Anhören und vom Zuhören

Autor: Hannes Nagel

1844 und davor war Armut in Deutschland riesig, und niemand erbarmte sich der Leidenden. Da kam der Dichter Georg Weerth auf die Idee, der König könne sich ja gar nicht erbarmen, weil er vom Elend vielleicht nichts wisse, und da schrieb er ein Gedicht, das sollte der König sich mal anhören:

Verehrter Herr König,/kennst Du die Geschicht?/ Am Montag aßen wir wenig/und am Dienstag aßen wir nicht/Und am Mittwoch mußten wir darben/und am Donnerstag litten wirNot/und ach, am Freitag starben/wir fast den Hungertod/Drum laß uns am Samstag backen/das Brot, fein säuberlich/sonst werden wir Sonntag packen/und fressen, Oh König, Dich“

Der König hörte nicht zu. Das hing auch damit zusammen, dass die Nachricht nicht gedruckt wurde und also publizistisch verpuffte. Etwas mehr Glück hatte Dichterkollege Heinrich Heine, der derselben Thematik ein Gedicht über die schlesischen Weber widmete:

Im düstern Auge keine Träne, sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne, Deutschland, wir weben Dein Leichentuch, wir weben, wir weben“.

Das Gedicht stand in voller Länge im „Vorwärts“, der Zeitung der Sozialdemokratie, die niemals zurück blickte.

2010 ist die Lage der Hartz-Vier-Opfer in Deutschland existenziell nicht ganz so schlimm wie 1844, aber ebenso menschenmißachtend. Schon in der Frühzeit der Hartz-Vier-Phase des ersten deutschen Staates, der der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet ist, kamen besonnene Leute auf den Gedanken, Sozialausgaben dadurch wieder erschwinglich zu machen, dass man ein bedingungsloses Grundeinkommen einführt, welches jeden Bürger befähigt, Miete, Krankenkasse, Bildung und Kultur aus eigner Kraft zu tragen und dann, noch was dazu zu verdienen, „für ein bisschen was extra“. Das wollten die Herrschenden wiede mal nicht hören. Bis eine Frau aus Mecklenburg-Vorpommern erst die Schnauze voll hatte und sie dann ganz weit öffnete. Nämlich für eine Petition an den Bundestag zu trommeln.

Im Wortlaut: Unser Finanz- und Steuersystem ist sehr unübersichtlich geworden. Auch die Arbeitslosenquote scheint eine feste Größe geworden sein. Um nun allen Bürgern ein würdevolles Leben zu gewährleisten, erscheint mir die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens als guter Lösungsweg. Ca. 1500€ für jeden Erwachsenen und 1000€ für jedes Kind. Alle bestehenden Transferleistungen, Subventionen und Steuern einstellen und als einzige(!) Steuer eine hohe Konsumsteuer einführen. Eine deutliche Vereinfachung unseres komplizierten Finanzsystems erscheint mir zwingend erforderlich. Auch ginge mit dieser Veränderung ein deutlicher Bürokratieabbau, und damit eine Verwaltungskostenreduzierung, einher.

Was Weerth und Heine nicht gelang, gelang Susanne Wiest. Am 8. November hörte sich der Petitionsausschuss des Bundestages an, was das Volk der Regierung mal zu sagen hat. Aber ach, nur eine Zeitung berichtete. Es war die Ostseezeitung, die der regionalen Chronistenpflicht nachkam, über Vorgänge aus dem Land zu berichten. Und sogar ganzseitig. Donnerwetter.

Das übrige Schweigen und die Reaktionen der Parteien lehren, dass es allem politischen Fatalismus zum Trotz doch möglich ist, die Regierung zum Anhören von Wünschen, Forderungen und Anliegen zu bewegen. Es zeigt aber auch, dass der Weg vom Anhören zum Zuhören weit ist und der Weg vom Zuhören zum Verstehen und Handeln auch. Aber jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

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Weimarer Klassik: Eine rein politische Personalie

Einer macht Politik mit Kultur und der andere macht Politik mit den Schachfiguren seiner Partei. Das eine nennt man Kulturpolitik, und Kulturpolitik dient der Bewahrung von Kultur.  Das andere ist eine Mischung aus Parteipolitik und Personalpolitik. In Weimar zeigt sich gerade, was passiert, wenn die Politik die Kultur auf die Hörner nimmt.

Autor: Hannes Nagel

Der fünfte November ist ein verregneter Tag in Weimar. Der Kiesweg um das Schloß herum, in welchem die Klassik Stiftung Weimarer Klassik residiert, ist durch vielerlei Pfützen ziemlich matschy, ein Omen für das, was zur gleichen Zeit in Erfurt passiert. Dort läßt Thüringens Kultusminister Christoph Matschie den Vorstand der Stiftung über die Personalentscheidung betreffs des Stiftungspräsidenten Hellmut Seemann abstimmen. Die Sitzung selbst ist ein ordentlicher Vorgang; ihr Zustandekommen ist für viele ein schmutziger Vorgang, wie der Schmutz an den Schuhen, wenn man von dem Matsch hinterm Schloß etwas abkriegt.
Der Kultusminister ist Stiftungsvorstand und kann daher Sitzungen einberufen, die sich mit der Verlängerung oder Nichtverlängerung des Arbeitsvertrages des Stiftungspräsidenten befassen soll.
Hellmut Seemann wurde 2001 Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, zu der Schlösser, Museen, Parkanlagen, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, das Haus von Goethes Schwiegertochter Ottilie von Goethe, geborene Pogwisch gehören. Die Aufgabe des Präsidenten ist es, das gesamte klassische Erbe im Blick zu haben und es gut zu verwalten, damit er als Erbschaftsverwalter der Erbengemeinschaft: Stadt Weimar, Land Thüringen und Gäste aus der Umgebung sowie aus Wissenschaft, Forschung und Bildung das Erbe erhält, bewahrt und seine Nutzung fördert.
Der Präsident hat für die Erfüllung seiner Aufgaben einen Plan. Einen „Masterplan“. Der Plan hat einen Namen: Kosmos Weimar. In diesem Plan ist bis 2018 aufgelistet, was zur Bewahrung des Klassikererbes noch getan werden soll: Im Dezember soll das Haus von Franz Liszt renoviert werden (von außen), ab Januar 2011 soll der Musiker, der gerne Gast auf Schloß Ettersburg war, ein ganzes Jahr geehrt werden. 2011 wird das Liszt-Jahr. Ab Januar 2012 soll das Stadschloss restauriert werden, 2013 beginnt das Wielandjahr, denn Christoph Martin Wieland war Lehrer der Söhne von Herzogin Anna Amalia. Einer davon war der nachmalige Herzog Carl August, der immer wieder Goethes Arbeitsverhältnisse verlängerte. Für 2015 sieht der Masterplan den Abschluss der Orangerie im Schloss Belvedere vor. Dann wird noch das Wittums-Palais (auch verbunden mit Anna Amalia) zum Kulturthema erkoren und die Neubeschaffnung verbrannter Bücher als die Anna-Amalia-Bibliothek 2004 in furchtbar hohen Flammen loderte. Das Bauhaus-Museum bekommt ein Domzil, welches auch für die 10.000 Exponate im Depot Platz bietet. Wenn es Querelen zwischen Matschie und Seemann gibt, weiß niemand genau, wie diese eigentlich entstanden sind. Nach dem sich Matschie am Freitag durchgesetzt hatte, lautete die Parole, dass ab jetzt wieder alles seinen rechtlichen Gang gehen soll. Im März wird Seemanns Stelle neu ausgeschrieben, er darf sich sogar selbst noch mal bewerben. Somit scheint alles geklärt. Wenn es da nicht noch ein paar Unwägbarkeiten gäbe, die den Lauf des Geschehens beeinflussen. Am 24. Oktober formierte sich eine Inititative „Pro Seemann“, die den Kapitän auf der Brücke halten will.

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Rezension: Im Spiegel der Sprache

Sonntag, 24.10.2010

Vom prallen Kleiderschrank der Sprache

Hannes Nagel

Sonntag, 24.10.2010

Rezension Im Spiegel der Sprache

Hannes Nagel

Auf das Buch „Im Spiegel der Sprache“ von Guy Deutscher wurde ich durch ein Interview in der FAZ vom 26. September aufmerksam. ( www.faz.de )Der Untertitel lautet nämlich: „Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht“. Das wollte ich schon immer mal wissen.

Außerdem wollte ich wissen, ob sich für das große Thema „Sprachgebrauch“ kühne Thesen aufstellen lassen. Zum Beispiel diese: „Formulierungsvielfalt alleine ist noch keine Meinungsvielfalt. Im parlamentarischen Sprachgebrauch wird meist nur gegen Formulierungen diskutiert, aber nicht gegen Meinungen“. Darüber hinaus wollte ich die Ausführungen des Verfassers finden, auf die sich die Interviewerin bezieht, zum Beispiel, dass die Farbwahrnehmung von der Muttersprache abhängt und das es die Sprache ist, die Weltsicht und Denken bestimmt. Womit der Bogen zur Politik gespannt sein könnte. Ungerechtigkeit als Missverständnis. Gerechtigkeit durch Verstehen. Mit diesen hohen Erwartungen beginne ich die Lektüre…

… und schon nachdem ich mich durch zehn Seiten Text gewühlt habe, finde ich die erste Perle des Buches. Sie könnte ein Witz sein, den eine Salondame einer Gruppe edler Herren erzählt. „Meine Herren, wissen Sie, wie sie den Unterschied zwischen einem Engländer, einem Franzosen und einem Deutschen herausfinden können? Aber nein, meine Herren, nicht den Unterschied, an den Sie gerade denken. Sie müssen die drei Sprösslinge von Vaterland und Muttersprache nur auffordern, den Begriff Kultur zu erläutern“.

Was Guy Deutscher daraus schlussfolgert, bestätigt schon einmal eine der kühnen Thesen: Der Franzose, der Deutsche und der Engländer sprechen zwar alle von Kultur, kleiden aber das Wort in drei unterschiedliche Formulierungen. Wenn man so will, in einen eleganten Anzug, in schlabbrige Trainingshosen mit grünem Wollpullover und in eine unästhetische Militäruniform. Wenn Menschen sich unterhalten, zeigen sie sich nur die Kleider, in die sie ihre Aussagen gesteckt haben. In einem Streit zum Beispiel reden beide Seiten von derselben Sache. Der Uniformträger will bloß den Anzugträger zwingen, ebenfalls Uniform zu tragen. Der Streit geht nicht um Meinungen, sondern um die Wortwahl der vorgetragenen Meinung. Deshalb kommen Verhandlungen nicht auf den Punkt und keiner lässt den Anderen ausreden, weil er aus drei Worten eines Satzes schon den Rest der Aussage ableiten zu können meint – die juristische Engstirnigkeit der Sprache ist ein Paradebeispiel dafür.

Wo aber kommt der Sprachgebrauch, kommen die Sprachgebrauchsmöglichkeiten her? Der Autor konfrontiert die Leser mit der atemberaubenden These, dass diese Entwicklung begann, als Menschen entdeckten, durch die Art zu Formulieren auch den Umgang miteinander und die Einstellung zu den Dingen zu beeinflussen. Sein Musterbeispiel ist das Verhältnis von Sprache und Farbe. Um zu erklären, warum Menschen den Himmel blau sehen und seit wann, bedient sich Guy Deutscher der hierüber aufgestellten Theorien eines Herrn Gladstone aus England, der seine Erkenntnisse wiederum aus der Lektüre von Homer hat. Deutscher weist gleich darauf hin, dass der Einfluss der Sprache auf das Denken und das Wahrnehmen schwer nachweisbar ist. Es scheint aber doch zu stimmen, Autosuggestion und Neurolinguistisches Programmieren arbeiten ja auch mit dem Phänomen, dass die Seele die Welt gar nicht mehr so trübe wahrnimmt, wenn sie für das verdammte Sauwetter und dem ständigen Misslingen der Arbeit fröhliche Worte hat.

Wenn einer reden kann, heißt das noch lange nicht, dass er sich mit Sprache beschäftigt hat. Es ist auch unmöglich, alle Thesen darzustellen, die Guy Deutschers Buch parat hält. Die wichtigste scheint mir zu sein, dass die Sprache selbst noch ein unvollkommenes Werkzeug ist, um sich zu verständigen. Sprache müsste sein, als ob Lippen knutschen. Denn nichts ist verständiger als ein verständnisvoller Kuss.

Guy Deutscher, „Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht“, Beck-Verlag, München 2010

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