FEUILLETON KULTURBETRIEBLICHES „Fiskus, Gemeinnutz und Gemeinwohl“

FEUILLETON KULTURBETRIEBLICHES

Fiskus, Gemeinnutz und Gemeinwohl

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„Fiskus, Gemeinnutz und Gemeinwohl“

 

Im Nordkurier gab es im April einen Artikel, in welchem drei Vereine über ihre Erfahrungen mit der Einstufung als gemeinnützig erzählten. Als gemeinnützig muss man anerkannt sein, wenn man für seine Tätigkeit keine Steuern zahlen möchte oder nur einen ermäßigten Steuersatz. Was aber Gemeinnutz ist, bestimmt die Abgabenordnung.

 

Bei den auch für juristische Laien möglichen Suchvorgängen mittels Internet taucht bezüglich der Gemeinnützigkeit als Quelle für die vollständige Auflistung von Gemeinnützigkeitsmermalen eine Publikation der Oberfinanzdirektion Niedersachsen vom April 2013 auf. Für etwaige Fehler haftet die Quelle. Demnach sind es die Paragraphen 51 bis 68 der Abgabenordnung, die Paragraphen 21 bis 79 des BGB bezüglich der Rechtsverhältnisse in Vereinen sowie das öffentliche Vereinsrecht. Die Gemeinnützigkeit ist demnach vorhanden, wenn einem Antragsteller nach Prüfung eine Steuerbegünstigung zugestanden wird. Geprüft wird die Satzung. Darin muss zur Erlangung der Steuerbegünstigung von Gemeinwohl, Mildtätigkeit oder kirchlicher Tätigkeit die Rede sein. Des Weiteren macht es sich gut, wenn in der Satzung von der Förderung von Wissenschaft und Forschung, von Bildung und Erziehung ausdrücklich als Vereinsziel die Rede ist. Der Verein „Freunde des Buches“ müsste demnach alle Voraussetzungen für eine Gemeinnützigkeit aufweisen. Das Finanzamt dachte anders. Wahrscheinlich müsste der Verein Herausgeber des Flugblattes werden und das Flugblatt redaktionell auf Friedenslehre ausgerichtet sein, dann wäre der die Gemeinnützigkeit unabweisbar. Der Nordkurier schrieb zwar auch noch über die Versuche von Vereinschefin Christine Büttner zur Anpassung der Satzung, aber irgendwas muss da schiefgelaufen sein, denn der Fiskus beharrte darauf, dass Geselligkeit nicht gemeinnützig sei. Die Geselligkeit ist bei Veranstaltungen nicht weg zu denken. Im Grunde hat das Finanzamt da sogar gute Argumente auf seiner Seite, wenn es das Geselligkeitsmerkmal nicht als Gemmeinnutzmerkmal anerkennt. Aber aus einem geselligen Beieinander sein kann sehr schnell ein Gemeinnutz entstehen. Gemeinnutz ist, wenn keiner von dem Nutzen des Vereinsziels ausgeschlossen wird. Dann ist aber ein Verein nur eine ordnende Konstruktion, mit der das Wohl und der Nutzen der Allgemeinheit organisiert wird. Warum soll eine Vereinsfinanzierung erst auf behördliche Genehmigung warten müssen? „Was gut ist, setzt sich durch“ – ist zwar neoliberal marktgläubig. Dann aber könnten kulturelle Gemeinnützigkeitsträger sich auch Jahr für Jahr wie zur Teilnahme an einer Messe beim Messeveranstalter Fiskus anmelden, wer nachgefragt wird, erreicht mehr Interessenten, im Gespräch bleibt jeder und mit plus minus null kann dann jeder leben. Warum soll man dann seine Lebensfähigkeit davon abhängig machen, dass man beim Staat um Steuerersparnis schnorrt, wenn das Gesamtaufkommen doch im Idealfall dem Zweck der Förderung von Kultur, Bildung und Wissen dient?

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Kurze Betrachtung über Bücher Lesen und Kultur

Feuilleton-Zeitgeist

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„Kurze Betrachtung über Bücher Lesen und Kultur“

Der Bücherspeicher Neustrelitz im Mai
Ein Raum ohne Bücher und ein Raum ohne Fenster und Türen sind unfreie Räume. Eine Gefängniszelle mit Büchern ist zwar auch noch kein freier Raum, aber er tröstet ein Stück weit über die Unfreiheit hinweg. Der Verein Freunde des Buches in Neustrelitz, welcher das Antiquariat im Speicher betreibt, sagt: Bücher sind Kultur, Kultur ist Leben. Bücher und Kultur, Leben und Freiheit gehören also zusammen. Damit alle vier Punkte erhalten bleiben, muss man mit
Verantwortung darauf achtgeben, dass niemand kulturlos mit Büchern umgeht und den Geist der Freiheit in Büchern verbietet und erst Bücher, dann Menschen verbrennt. Am zehnten Mai 1933 wurden in Deutschland Bücher verbrannt. In den Jahren danach brannten Millionen Menschen. Bücher können gespeicherten Geist weitergeben, wenn man sie öffnet. Ob und wie der Geist im Leser wirkt, ist nicht unbedingt vorhersagbar. Es kann auch sein, dass alte Gedanken überraschend neu wirken, zum Beispiel das Ideal der Bescheidenheit, der Arbeitsethik, der Menschlichkeit und der Nächstenliebe. Vieles davon klingt heute unmodern, sollte aber nicht in Vergessenheit geraten. Im Mai erwacht die zwischenmenschliche Liebe, und manchen sieht man, wie er vorm Bücherregal steht und den Büchern versonnen bis zärtlich den Rücken streichelt. Die Abteilung Erotik steht nicht undurchdacht gleich in der Nachbarschaft der Abteilung Kochen, Gesundheit und Kunstgeschichte. Die Kunstgeschichte knüpft ein zartes Band der Sinnlichkeit von der Gegenwart in die Vergangenheit. Aus ihr holt die Kunstgeschichte am Band der Sinnlichkeit das Immergleiche und Stetsverschiedene hervor. Wer vieles kennt, kann einiges Vergleichen. Und wo Bücher aus aller Welt versammelt sind, sind Weltoffenheit und Toleranz Herzenssache.

Gute Gründe zum Lesen.
Taschenbücher machen das Warten auf die Bahn erträglich. Oder die Fahrt selbst, wenn sie sich ein wenig in die Länge zieht und die Lektüre bereits die Vorfreude auf das Urlaubsziel anheizt. Bücher kann man lesen, wenn man nicht einschlafen kann. Es ist bloss schwierig zu erklären, ob der Lesezweck dann Kritik oder Kompliment am Schaffen des Autors ist. In manchen Familien war es Sitte, dass man auch im Sanitärraum Lesestoff hatte. Ob es heute noch üblich ist, Bücher auch in den gefliesten Salons mancher Wohnungen auf Vorrat zu lagern, weiß ich nicht. Als Kind hab ich dort immer Krimis gelesen. Der Ort hatte den Vorteil, dass man sich nicht vor Angst… – aber davon abgesehen: Es war auch unbequem. Zwischen Pott und Lesesessel bestehen eben himmelweite Unterschiede. Manche Bücher dienen auch der Bildung. Das sind dann entweder Lehrbücher oder Fachbücher. Im Antiquariat im Speicher repräsentieren Fachbücher den Stoff der Lehrlingsausbildung oder der Berufsausbildung der DDR. Das ist ein Schatz, wenn man sich für Wissen und Wissensdidaktik interessiert oder einfach noch mal im Lehrlingsstoff der eigenen Berufsausbildung liest. Eisenbahner, Drucker, Grafiker, Fernmeldetechniker – viele Berufe kommen zu Wort, Gehör oder Wiederbegegnung. Im Grunde genommen könnte man mit der gesammelten Literatur Leseabende zu schillernder Lektürevielfalt durchführen. Neulich gab es Einen im Antiquariat im Speicher in Neustrelitz, der konnte Ringelnatz lesen. Der Mann war Schauspieler und hatte eine wunderbare Stimme. Das fanden die meisten Gäste normal, wenn es doch sein Beruf ist. Ich fand das gar nicht so selbstverständlich. Till Schweiger ist schließlich auch Schauspieler.

Maiveranstaltungen im Antiquanti
Vom 13 bis 16. Mai gibt es im Antiquariat eine weltoffene Lesewoche. Am 13 Mai, einem Freitag, findet die Vernissage „Kunsthaus und Freude“ statt. Am 14. Mai liest die Puppenspielerin Ute Kotte aus Andersens Märchen vom häßlichen Entlein, es gibt Vokalmusi aus Israel, Äthiopien Armenien Russland Japan und anderen Ländern, der Falladaklub liest Falladawerke und das Gesamtprogramm finden Sie hier:

Bücher sind Kultur und Kultur ist Leben
Für Weltoffenheit und Toleranz

13.-16. Mai 2016 _ Antiquariate im Speicher Neustrelitz

Fr 13. Mai
14 – 19 Uhr offenes Antiquariat
19 Uhr Vernissage „Kunsthaus und Freunde“

Sa 14.Mai
14 –22 Uhr offenes Antiquariat und offene Ausstellung
„Kunsthaus und Freunde“
15 Uhr Puppenspielerin Ute Kotte liest Andersen
„Das hässliche Entlein“
anschließend Kunsthaus für Kinder „Taschentheater“
19 Uhr Vokalensemble CHORona
Vokalmusik aus Israel, Afrika, Armenien, Spanien, Russland, Japan, Amerika

So 15.Mai
14 –22 Uhr offenes Antiquariat und offene Ausstellung
„Kunsthaus und Freunde“
15 Uhr Pastor Feldkamp liest für Kinder:
„Was feiern wir zu Pfingsten?“
anschließend Kunsthaus für Kinder „Pfingstrosen aus Papier“
19 Uhr Hans-Fallada-Klub Neustrelitz
„Am Anfang war das Wort …“
Eine literarische Auswahl von Geschichten über die Schöpfung über die Auseinandersetzung mit der Welt
Rebekah Rota singt Lieder aus den USA

Mo 16. Mai
14 –19 Uhr offenes Antiquariat und offene Ausstellung
„Kunsthaus und Freunde“
15 Uhr Hans-Fallada-Klub Neustrelitz liest Fallada
„Geschichten aus der Murkelei – Die Geschichte vom unheimlichen Besuch“
anschließend Kunsthaus für Kinder „Geheimbuch“
18 Uhr Finissage Ausstellung
„Kunsthaus und Freunde“

Für Getränke und Imbiss ist gesorgt.

Eine Gemeinschaftsveranstaltung von:
Ev-Luth. Kirchengemeinde Strelitzer Land
Kunsthaus Neustrelitz
Freunde des Buches e.V.
Hans-Fallada-Klub Neustrelitz

Gefördert durch die Ehrenamtsstiftung MV

 

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BARON VON FEDER: „Auslegungsware“

Baron von Feder

Auslegungsware

Heute geht es um das Phänomen, einem Satz die gegenteilige Bedeutung seiner gesamtsyntaktischen Erscheinung anzudichten. Der Satz war in exakt folgender Form auf der Webseite des Gesundheitsministeriums zu lesen:

„Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für Fahrten, wenn sie im Zusammenhang mit einer Leistung der Krankenkasse aus medizinischer Sicht zwingend notwendig sind.“

Deutschlehrer, Journalisten und Sprachwissenschaftler kämen vermutlich nicht auf die Idee, dieser Satz könnte etwas anderes bedeuten als die verbindliche Erklärung, dass die Krankenkasse die Kosten einer vom Hausarzt verordneten Fahrt zu einem Facharzt übernimmt, auch wenn diese Kosten im Normalfall 50 Euro für ein Taxi betragen. Die Absage der Krankenkasse an ihre Zahlungspflicht ist nicht ohne weiteres logisch nachvollziehbar. Im Idealfall kreuzt man dann zum erhellenden Gespräch bei der Krankenkasse auf. Optimistisch betritt man das Büro – kopfschüttelnd kommt man wieder heraus. Denn die Sachbearbeiterin hatte den Nachfragern den Begriff der juristischen Auslegungsware erklärt.

„Wenn im ersten Satz steht, dass eine Leistung bezahlt wird, so ist es keine Umkehrung, wenn im zweiten exemplarisch ein paar Ausnahmen aufgezählt werden. Schon gar nicht ist von einer Aufhebung des ersten Satzes zu sprechen.“

Das ist richtig, insofern man davon ausgeht, das der erste Satz niemals gegolten hat, auch wenn er da steht. Und dann muss da auch kein Gesetzestext stehen. Dann würde es zu richtigen Gültigkeit auch reichen, wenn ein Minister im Edmund-Stoiber-Hauptbahnhof –Modus oder sein Sachbearbeiter eigentlich nur sagen wollen: Egal was da steht, es gilt unsere Auslegung. Um diese aber kümmert sich die Gesetzgebung und die besagt jedenfalls für die Auffindungsfähigkeit juristischer Laien Folgendes:

Fahrten zu einer stationären Behandlung „müssen sich Patienten nicht genehmigen lassen“. Besser hieße es: „… sind von der Genehmigungspraxis ausgenommen und haben bezahlt zu werden.“ Dann wird die Auslegungsware auch rutschfest. Dann endlich kommt einmal ein Paragraph, nämlich der Paragraph 115 b vom Sozialgesetzbuch 5:

„Die Kosten übernimmt die Krankenkasse, wenn durch den ambulanten Eingriff ein stationärer Aufenthalt unnötig wird.“ – im Allgemeinen dürfte das für fast jede Fahrt zum Krankenhaus zutreffen, für die der überweisende Arzt einen Bedarf sieht – und dies dürfte ein Arzt wohl kompetenter entscheiden können als ein aufs Geld schauender „Krankenkassierer“. Das liegt auf der Hand, wird aber von den Krakenkassen anders gesehen, denn „die Tatsachen sind nicht immer klar abzugrenzen“, und da fragt man natürlich nicht zurück, sondern entscheidet nach Kassenlage.

Eine trittsichere Rechtsgrundlage setzt eine rutschfeste Auslegungsware voraus. Dann dürfen ärztliche Verordnungen von den Kassen nicht mehr in Frage gestellt werden. Das Leben könnte so einfach und schön sein wenn Ja und Aber gemeinsame Lösungen finden.

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REZENSION: „Das geklaute Pferdegeschirr“ / „Endschnitt“

Rezension „Das geklaute Pferdegeschirr“ und „Endschnitt“

„Erzähltes muss nicht große Kunst sein“

 Bücher werden von Menschen geschrieben und Menschen zuweilen von Büchern geformt. Menschen und Büchern ist auch gemein, dass sie einander manchmal vorgestellt werden müssen, um sich kennen zu lernen. Für die Maiausgabe des Flugblattes haben zwei Leser jeweils ein Buch empfohlen, das folgenden Kriterien entspricht: Einfach erzählt, kein Anspruch auf literarische Weltgeltung und vielen Lesern ganz sicher aus der Seele gesprochen. Gerhard Knicks Büchlein aus dem Jahre 2000 heißt „Das geklaute Pferdegeschirr“: Darin sind Anekdötchen versammelt. Sie scheinen wahr und geflunkert zu sein, wie die Dinge, die im kollektiven Gedächtnis eines Dorfes nie ganz in Vergessenheit geraten und auch in der Enkelgeneration zumindest noch als „Da war doch mal was“ bekannt sind. Es sind Erinnerungen an „Watt all gifft“ oder mal gab. Damit sind solche Geschichtchen viel Lebensnaher als die die ganz große formvollendete Geschichte. Im Übrigen scheint es schon einmal ganz schön mutig, den Russen 1946 ein Pferdegeschirr zu klauen, weil das eigene so oft geflickt ist, dass es ständig reißt, wenn man ein Pferdchen vor dem Wägelchen hat. Wenn in einer Kneipe Fremde einer Stammtischrunde beim Klönen zuhören, verstehen sie nur Bahnhof und wundern sich, wie sich die Eingeweihten überhaupt noch in den semantischen Beziehungen zwischen den Äußerungen zurecht finden. Das Schönste daran ist, dass die Stammtischrunden noch drei Wochen später mit erstaunlichem Feingefühl für grammatikalische Zeitformen die Äußerungen von vor drei Wochen in indirekter Rede wiedergeben können. Da soll noch einer sagen, erzählen wäre nur etwas für Erzähler. Stammtischerzähler weisen oft einen erstaunlichen Umfang erzählerischer Übung auf – sie machen nur nicht so ein Gedöns darum wie manche Profis.

(Gerhard Knick, „Das geklaute Pferdegeschirr“, Druckerei Steffen, Friedland 2000)

 In Regine Raderschalls Büchlein „Endschnitt“ sind die Geschichten fiktiv. Weil sie aber alltäglich sind, könnte man sie auch mit dem Attribut „anekdotisch“ bezeichnen. Es sind Geschichtchen, die 13 mal mit der Hand aus dem Wörtersee geschöpft und aufs Papier dekoriert wurden. Und bleiben dabei so bescheiden wie Mitteilungen übern Gartenzaun. Möge man daran erkennen, dass der Unterschied zwischen Edelfedern und Kritzelbleistiften gar nicht so besonders groß ist. Oder wenn Sie es drastisch mögen: Am Ende des Stoffwechsels ist auch nicht mehr zu erkennen, ob einer Sekt oder Selters trank. Es dauert ein paar Geschichten, bevor das unvorhersehbare Ende in jeder Raderschall-Geschichte das durchgehende Prinzip sind, nach dem die Erzählungen des Bändchens zusammengestellt sind, und klar wird es in der Erzählung „Ein Sonntag mit Mutti“. Das Leben ist selbst im Kleinsten etwas Verblüffendes, welches man mit einem angelernten Erzählstil nicht ausdrücken kann. Beinahe tröstet es, dass sich die Seele eines Textes nicht durch einen Algorithmus ersetzen lässt.

(Regina Raderschall, „Endschnitt“, Federchen-Verlag, Neubrandenburg 2011)

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FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: Ein Kenner, welcher ringelnatzt

FEUILLETON KULTURBETRIEBLICHES

Ein Kenner, welcher ringelnatzt

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Wertgeschätzte Kunst lässt es zu, dass Stehgreifdichter wie Bahnhofsspatzen mang den Gästen einer Kneipe auftreten und mit situationsgegebenen Versen amüsierte Gäste spendabel machen. Im Idealfall gibt es für den Künstler Bierchen und Bulette. Ein Herr Ringelnatz aus Wurzen, der sich mit konstanter Bosheit weigerte, auf Wurzen irgendwelche Reime zu machen, hat sich seinerzeit auch als Kneipenstehgreifdichter betätigt. Er tat dieses in der von Kathi Kobus betriebenen münchner Künstlerkneipe Simplizissimus. Ringelnatzverse kann man noch heute bestaunen, wenn man Bücher aufschlägt, zwischen deren Deckeln sie gebunden sind. Oder der Schaupieler Dietmar Lahaine begibt sich mang das Publikum im Antiquariat im Speicher in Neustrelitz, macht sich äußerlich mit Halstuch und Pullover ringelnatzähnlich und rezitiert Gedichte. Einige hat er selbst vertont. Er trug zur Gitarre einen zeitlos schönen Blues aus dem Ringelnatzgedicht vom Bumerang vor – herrlich. Da vermischen sich alte und neue zeiten und lassen das jeweils nervige weg. Und Nerviges hatten die 20er und 30er Jahre genau wie die Gegenwart mit ihren Sorgen und Ängsten. Wenigstens brauchte Ringelnatz, als er 1934 die letzte Kneipentür hinter sich schloß, nicht mehr das Grauen von 1939 bis 45 zu erleben. Dietmar Lahaine erwies sich als ein Ringelnatzkenner, der so gut ringelnatzen kann, das man leicht vergisst, dass Ringelnatz und Lahaine nicht dieselben Personen sind.

06-04-2016 Schauspieler beim ringelnatzen

Übrigens kamen so viele Menschen in den Speicher, dass sie nicht alle reinpassten. Einige mussten draußen bleiben, wurden aber von Horst Conradt von der Kachelofenfabrik und auch von Dietmar Lahaine vertröstet, denn schon im Juni wird der Ringelnatzabend in der Kachelofenfabrik wiederholt.

 

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Jagdverband will Bündnis mit Wölfen

Baron von Feder

„Jagdverband will Bündnis mit Wölfen“

Schwerin/Neustrelitz. Die Jäger in Mecklenburg-Vorpommern haben sich Ostern bei einem Waldspaziergang in Lübtheen auf ein Bündnis mit den Wölfen in ihrem Bundesland verständigt. Demnach sollen die Wölfe nicht bejagd werden, sondern in die natürlichen Vorgänge der Hege und Pflege des Waldes einbezogen werden. Landwirtschaftsminister Till Backhaus begrüßte diesen Schritt. „So zeigt sich einmal mehr, dass der nordisch kühle Kopf ein probates Konfliktlösungsmittel ist“, sagte der Minister den Teilnehmern des Waldspaziergangs bei einem Jägerumtrunk. Wie Dr. Friedhelm Stölting vom Kreisjagdverband Mecklenburg-Strelitz sagte, haben Papst Franziskus und Bundespräsidalpastor Gauck bereits Gespräche mit den Wölfen aufgenommen. Das Oberhaupt der Katholischen Kirche betonte dabei das Wirken des heiligen Franziskus von Assisi, der den für Mensch und Tier gefährlichen Wolf von Gubbio mittels Predigt zähmte. Die Bauern indessen taten mürrischen Unmut kund. Aus ihrer Sicht könne es nicht angehen, Wölfe als Hegegehilfe in Wald und Forst einzusetzen und ihnen als Entlohnung das Reißen von Schafen zu erlauben. „Das muss nachverhandelt werden“, sagte Rainer Tietböhl vom geschäftsführenden Vorstand. Landwirtschaftsminister Backhaus war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt April 2016 ist fertig

Und hier kommt es auch schon: Das Flugblatt 102-01-04-2016 neues Layout

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REZENSION: Hass und Hoffnung

Rezension „Hass und Hoffnung“

„Wenn der Boden der Demokratie nur noch Schwemmsand ist“

 Markus Metz und Georg Seeßlen haben das Buch „Haß und Hoffnung: Deutschland, Europa und die Flüchtlinge“ im Zorn geschrieben. Das Buch macht gleich am Anfang den Eindruck, dass die Autoren den Schnittpunkt der Meinungsvielfalt getroffen haben. Der Schnittpunkt der Meinungsvielfalt ist der Punkt, an dem sich die Anhänger unterschiedlicher Meinungen gemeinsam angesprochen fühlen. Das reicht von der Fremdenangst über die unbehagliche Empfindung des Zerfalls der Demokratie bis zur Angst vor den daraus frei werdenden Gewalttendenzen. Metz und Seeßler schreiben daher:

„Wir behaupten nicht weniger als dass die demokratische, aufgeklärte, liberale Zivilgesellschaft in Europa – oder was von ihr noch übrig ist – in höchster Gefahr ist. Und das sie nicht anders zu retten ist als dadurch, dass man diese Gefahr erkennt.“

Die Autoren gehen im Vergleich zu anderen nicht so weit, von einem neuen Faschismus zu sprechen. Aber sie warnen davor. Für sie ist Europa zunächst noch ein „postdemokratisches, neoliberales Kuddelmuddel nationaler und oligopolitistischen Interessen.“ Das Volk im Sinne von „die Gesellschaft“ hat zunächst mal keine nationalen Interessen. Wenn aber doch, so beschränkt sich ihre Nationalität auf Heim, Konto, Arbeit, Urlaub und ein bisschen was für ein behagliches Leben sowie eine Altersabsicherung. Dies ist vorbei, und darum scheint es Menschen aus unterschiedlichen oder allen Arbeitswelten, Lebenswelten und Bildungswelten so, als mache Europa eine Entwicklung durch, welche selbst nicht weiß, wohin sie will, aber bereits angsteinflößend ist. Dem Buch fehlt auch kein Hinweis darauf, dass ja irgendwem dieses Spielen mit den diffusen Ängsten nützen muss. Daher nennen sie das Angstgefühl einen „inszenierten Notstand“. Das heißt: Es gib gar kein Problem. Warum also werden welche gemacht? Und dies derzeit in Bezug auf Asylsuchende, die nicht das Problem sind, sondern ein drastischer Ausdruck für die Folgen von Waffenhandel, Rohstoffausbeutung, Umweltzerstörung, Bürgerkriegen, Stammeskriegen und sogenannten Antiterrorkriegen. Von Notstand zu reden ist nicht falsch, aber es ist verlogen, wenn es die politischen und behördlichen Akteure tun, die diesen Notstand durch Untätigkeit oder ungeeignetes Tätigwerden erst willentlich herbeigeführt haben. Schade ist bloß, dass die Autoren bisweilen dem wissenschaftlichen Stil des Namennennens verfallen, wenn es um Wissenschaftler geht, mit deren Texte man üblicherweise nur dann Berührung hat, wenn man selbst ein paar Jahre studiert. Da könnte das Buch womöglich ein paar Leser ausgrenzen, für die es eigentlich geschrieben sein sollte.

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Kleines Beispiel für große Herzlichkeit

Feuilleton-Zeitgeist

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 „Kleines Beispiel für große Herzlichkeit“

Berliner Krankenschwester nahm geflüchtete irakische Familie in ihre private Wohnung auf.  Erster Erfolg: Es entstand eine muntere WG

 „Vor zirka drei Monaten kamen Maasome, zu der Zeit noch hochschwanger, ihr Mann Fazel und Hamid, dessen Bruder, alle Kurden, aus dem Irak über die jetzt geschlossene Route nach Deutschland. Dabei hat sich Maasome wohl eine Herzklappenentzündung zugezogen, die die Aortenklappe so stark verändert hat, dass sie in absehbarer Zeit operiert werden muss. Ich habe sie und ihren Mann als Patientin auf der Arbeit kennen gelernt und sofort gemerkt, dass die Chemie stimmt. Das Kind wurde per Kaiserschnitt entbunden. Sie waren in einem riesigen Flüchtlingscamp in Spandau untergebracht. Ich habe eine Nacht nachgedacht und festgestellt, dass ich weniger überlegt habe, ob ich es mache, sondern wie.  Am nächsten Tag hab ich die Sozialarbeiterin vom Herzzentrum angerufen und ihr meinen Vorschlag unterbreitet. Zehn Tage später sind sie bei mir eingezogen. Ich hab mein Schlafzimmer geräumt und mit Tischchen und Stuhl wohnlich gemacht. Das alles ist mit der Lageso abgesprochen und genehmigt.

Nun führen wir ein munteres WG-Leben und ich kann die Integration so gestalten, wie ich sie für wesentlich effektiver halte. Das ist zwar anstrengend, macht aber Freude und erfüllt mich mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit.“

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REZENSION: „Schwarzer Falter“

Rezension „Schwarzer Falter“

von Helene Musfedder

„Der Krimi endet und das Verbrechen bleibt“

 Irgendwas wollte mein Freund mir sagen, aber meine Augen flackerten wegen noch eines Ostseekrimis. Da winkte mein Freund resigniert ab. „Freund“, sagte ich besorgt, „was ist Dir?“ Er druckste. „Immer wenn Du Krimi hast, bin ich Luft für Dich. Dabei könnte ich Dir auch was zum Thema Krimi erzählen.“ „Was denn?“ „Na das man zum Beispiel gedruckten Krimis viel leichter aus dem Weg gehen kann als Verfilmten im Fernsehen. Die Verfilmten im Fernsehen dominieren das Programm. In öffentlichen Bücherregalen muss man etwas länger suchen, bis man die Abteilung Krimi findet. Es gibt Krimis an sich und Krimis, die Mitglieder einer Krimi-Reihe sind. Bei gedruckten Krimis fallen mir die Reihen Delikte-Indizien-Ermittlungen, kurz DIE, ein und angesichts von Dir und Deiner Arbeit die Reihe Ostseekrimi. Krimi-Reihen im Fernsehen heißen zum Beispiel Polizeiruf 110. Fernsehen geht leichter in den Kopf als Lesen, aber nur die Bilder bleiben lange. Lesen ist hingegen ein Aufwand an geistigen Ressourcen. Wenn ein Polizeiruf in Halle handelt und die zwei vom ermittlerduo beide Herbert heißen, dann sieht amn auf dem bleibenden Bild einen korpulenten gut gekleideten Herrn, der in kulturellen Termini parliert und gerne gut kocht. Da tun der Mann und sein Drehbuchautor gut an: Man soll schließlich nur wegen eines guten Krimis kein gutes Mahl verschmähen.“ Beschämt schwieg ich. Hatte mein bester Freund sich doch so sehr darauf gefreut, uns heute ein wunderbares abendliches Mahl zu bereiten. „Und Lesen kannste ja nachher auch noch“, bot er mir an. Na gut, beschloss ich und ging ihm zur Hand, einen trockenen Rotwein zu öffnen. Er hingegen stellte Unbeschreibliches auf den Tisch, und deswegen müssen Sie sich jetzt alleine eine Vorstellung des Mahles und eine Beschreibung desselben machen. Denn was Unbeschreiblich ist, kann ich nicht beschreiben. Mit unserer kulinarischen Grundlage machte ich mich dann an die Lektüre von marc Kaysers Ostseekrimi „Schwarzer Falter“. Der Krimi ist weit genug entfernt von allen denkbaren Verbrechen. Auf diese Weise bleibt beim Lesen genug Distanz. In dem Krimi ist von hormoneller Geschlechtsumwandlung die Rede und demzufolge von dem Konfliktpotential, welches sich aus einer unklaren sexuellen Identität ergeben kann. Alles andere schmeckt wie trockener Rotwein zu geröstetem Weißbrot mit Lauch, Tomaten und Rucolasalat. Man bekommt beim Lesen, was man beim Lesen eines Krimis begehrt, und es gibt keine unangenehmen Nebenwirkungen. „Schwarzer Falter“ ist solides kriminalliterarisches Handwerk mit einem Schuss Originalität.

(Marc Kayser, „Schwarzer Falter“, Hinstorff-Verlag, Rostock 2016)

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