BARON VON FEDER
„Lebensweise und Lebensweisheit“
Mit jedem endenden alten und anbrechenden neuen Jahr erwarten viele Menschen, dass sie viele Dummheiten des vergangenen Jahres nicht noch mal begehen werden. Dumm war es, abends noch Bratkartoffeln gegessen zu haben. Dumm war es, aus Angst vor der Rechnung im Dunkeln gefroren zu haben. Dumm war es, geschwiegen zu haben als man den Mund zu lautem Ruf hätte öffnen müssen. Hinterher ist man klüger – aber wodurch ist man hinterher klüger? Wenn alles Wissen aus der Erfahrung kommt, ist auch das bessere Wissen nach einem Fehler aus einer Erfahrung gekommen, und zwar aus einer Fehlererfahrung. Fehler sollten nicht als mangelnde Fähigkeit zur Lösung einer Aufgabe bewertet werden. Wer solches tut, macht grad einen. Wenn einer wegen Armut nicht das nötige Kulturgeld oder Essengeld hat, dann kann er nicht erfahren, wie sich die Selbstverständlichkeit eines Restaurantbesuches oder eines Theaterabends anfühlt. Man sieht es, ob einer in einer gesellschaftlichen Situation „zu Hause“ ist oder ein Fremdling von einem anderen Stern. (Das soll sogar Bertolt Brecht regelmäßig so gegangen sein, dass er sich in gehobener Gastronomie etwas linkisch benahm. Glaubt man Helmut Kohl und dessen Biograph Heribert Schwan, so hatte Angela Merkel zunächst auch proletarische Tischmanieren an der Tafel der Großkopfeten.) Nehmen wir einmal an, ein 1618 geborener Mensch sei 1648 gestorben. Er würde doch niemals eine Friedenserfahrung gemacht haben. Nehmen wir an, er hätte länger als bis 1648 gelebt und wäre in ein Land gekommen, welches wiederum vom dreißigjährigen Krieg nichts erfahren hätte, man würde ihn doch als einen sehr verwirrten Menschen empfunden haben. Das seine Erzählungen und sein Wissen auf Erfahrungen basieren könnten, würde sich doch niemand vorstellen können. Wenn heutzutage ein Student oder jemand mit einer normalen Berufsausbildung infolge einer Zeitschleife ins Mittelalter versetzt würde, würde er mit dem heute gelehrten Wissen nirgends einen Job als Schreiber finden, weil er weder mit Federkiel schreiben kann noch in der lage wäre, selber Tinte herzustellen. magister von heute würden im Mittelalter nicht einmal zum Schweinehirten taugen. Ihnen würden die mittelalterlichen Lebenserfahrungen fehlen, die sich auch nicht durch das neuzeitlich-heutige angelernte statt erfahrene Wissen ersetzen lassen. „Und sie wärn so gerne wichtig / und es wurd sie viel gelehrt / doch das Erlernte ist nicht richtig / denn das Denken blieb verwehrt / Darum laufen im Getrabe / von Entscheidern Absolventen rum / Ahmen Tonfall nach sowie Gehabe / Aber in der Sache sind sie dumm.“
