BARON VON FEDER: Lebensweise und Lebensweisheit

BARON VON FEDER

„Lebensweise und Lebensweisheit“

Mit jedem endenden alten und anbrechenden neuen Jahr erwarten viele Menschen, dass sie viele Dummheiten des vergangenen Jahres nicht noch mal begehen werden. Dumm war es, abends noch Bratkartoffeln gegessen zu haben. Dumm war es, aus Angst vor der Rechnung im Dunkeln gefroren zu haben. Dumm war es, geschwiegen zu haben als man den Mund zu lautem Ruf hätte öffnen müssen. Hinterher ist man klüger – aber wodurch ist man hinterher klüger? Wenn alles Wissen aus der Erfahrung kommt, ist auch das bessere Wissen nach einem Fehler aus einer Erfahrung gekommen, und zwar aus einer Fehlererfahrung. Fehler sollten nicht als mangelnde Fähigkeit zur Lösung einer Aufgabe bewertet werden. Wer solches tut, macht grad einen. Wenn einer wegen Armut nicht das nötige Kulturgeld oder Essengeld hat, dann kann er nicht erfahren, wie sich die Selbstverständlichkeit eines Restaurantbesuches oder eines Theaterabends anfühlt. Man sieht es, ob einer in einer gesellschaftlichen Situation „zu Hause“ ist oder ein Fremdling von einem anderen Stern. (Das soll sogar Bertolt Brecht regelmäßig so gegangen sein, dass er sich in gehobener Gastronomie etwas linkisch benahm. Glaubt man Helmut Kohl und dessen Biograph Heribert Schwan, so hatte Angela Merkel zunächst auch proletarische Tischmanieren an der Tafel der Großkopfeten.) Nehmen wir einmal an, ein 1618 geborener Mensch sei 1648 gestorben. Er würde doch niemals eine Friedenserfahrung gemacht haben. Nehmen wir an, er hätte länger als bis 1648 gelebt und wäre in ein Land gekommen, welches wiederum vom dreißigjährigen Krieg nichts erfahren hätte, man würde ihn doch als einen sehr verwirrten Menschen empfunden haben. Das seine Erzählungen und sein Wissen auf Erfahrungen basieren könnten, würde sich doch niemand vorstellen können. Wenn heutzutage ein Student oder jemand mit einer normalen Berufsausbildung infolge einer Zeitschleife ins Mittelalter versetzt würde, würde er mit dem heute gelehrten Wissen nirgends einen Job als Schreiber finden, weil er weder mit Federkiel schreiben kann noch in der lage wäre, selber Tinte herzustellen. magister von heute würden im Mittelalter nicht einmal zum Schweinehirten taugen. Ihnen würden die mittelalterlichen Lebenserfahrungen fehlen, die sich auch nicht durch das neuzeitlich-heutige angelernte statt erfahrene Wissen ersetzen lassen. „Und sie wärn so gerne wichtig / und es wurd sie viel gelehrt / doch das Erlernte ist nicht richtig / denn das Denken blieb verwehrt / Darum laufen im Getrabe / von Entscheidern Absolventen rum / Ahmen Tonfall nach sowie Gehabe / Aber in der Sache sind sie dumm.“

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BEWEGUNGSMELDER: Zerstrittene Friedensstifter

BEWEGUNGSMELDER

Zerstrittene Friedensstifter

 Die Aktion Friedenswinter wollte im Dezember 2014 eine Mahnwache abhalten. Jutta Ditfurth  mahnte alle, die sich daran beteiligen wollen, vor dort ebenfalls teilnehmenden Kräften einer antisemitischen Querfront, ganz prominente Expolitiker warnten in einem Aufruf vor dem Krieg in der Ukraine, und Friedensforscher haben herausgefunden: Kriege wären vermeidbar, wenn die Politik rechtzeitig auf die Friedensforscher gehört hätte.

Am 02. Dezember 2014 gab es in der Zeitung „Junge Welt“ den Beitrag „Nein sagen wie Liebknecht“. Karl Liebknecht war derjenige Reichstagsabgeordnete, der 1914 NEIN zur Bewilligung von Krediten zwecks Führung eines Krieges sagte. Der Erste Weltkrieg fand trotzdem statt und 100 Jahre später ist der Taumel der Kriegsbegeisterung in den Medien fast so widerlich wie die Begeisterung der Soldaten damals, die wie Hammel zur Schlachtbank nach Frankreich fuhren. Die Begeisterung der Medien ist vergleichsweise verschleiert. Sie tun so, als würde es nicht um den Dritten Weltkrieg gehen, der aus dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine entstehen kann, sonder einzig darum, dass Tante Germania und Onkel Sam dem unartigen Neffen Wladimir einen pädagogischen Klaps auf den Popo geben wollen. Weil der Neffe in Moskau ist, müssen Onkel und Tante dahin, und sie planen ihre Reise mit dem Reisebüro NATO-TOURS. Das war so ungefähr das Thema des Beitrags. Die Redaktion der Webseite „Hinter den Schlagzeilen“ übernahm des Artikel und erzielte prompt zwei Kommentare. Einer der Kommentare wies per Link auf eine Aktion „Friedenswinter 2014/15“ hin.  Es handelt sich um einen Aufruf zur „Friedenslogik statt Kriegsrhetorik“. – Die Fähigkeit, durch den Gebrauch der Sprache Streitfälle zu beschwichtigen, scheint also als Idee auch immer mehr Anhänger zu finden. Vielleicht wird es ja doch eines Tages möglich werden, dass Fausthiebe zu Streicheleinheiten werden. Der Aufruf stammt von der „Kooperation für den Frieden“.  Darin steht:

„Nach der Friedensdekade der Kirchen soll ein erster Höhepunkt eine Aktionswoche vom 8.12. bis 13.12.2014 sein, mit regionalen Kundgebungen u.a. in München, Hamburg, Leipzig, Heidelberg und dem Rhein-Ruhr-Gebiet. Einen zweiten Anlass für größere Aktivitäten wird die Münchner Sicherheitskonferenz vom 6.-8. Februar 2015 geben. Und nach den Ostermärschen wird dann auch der 9. Mai 2015, der 70. Jahrestag der Befreiung von Krieg und Faschismus, einen wichtigen Termin im kommenden Jahr darstellen.“

Irgendwo in dem Aufruf muss aber ein Hinweis auf
Antisemitismus versteckt sein, sonst hätte ihn die Pazifistin Jutta Ditfurth nicht finden können. Hat sie aber. Sie hat auch ihrerseits einen Aufruf verfasst, in welchem sie mahnt, an der Mahnwache der Kooperation nicht teilzunehmen, weil da Antisemiten mitmachen, die sie namentlich als führende Köpfe der Partei „Die Linke“ benennt.
Genauer gesagt: eine „antisemitische Querfront“. Es ist mir nicht klar geworden, ob die antisemitische Querfront als Ergebnis einer Analyse existiert oder doch eher einer von Vorurteilen bestochenen Betrachtung entspringt. Dann kam noch ein Aufruf von prominenten Expolitikern, und richtigen Schauspielern. „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen“ heißt der. Darin steht unter anderem:

„Niemand will Krieg. Aber Nordamerika, die Europäische Union und Russland treiben unausweichlich auf ihn zu, wenn sie der unheilvollen Spirale aus Drohung und Gegendrohung nicht endlich Einhalt gebieten. Alle Europäer, Russland eingeschlossen, tragen gemeinsam die Verantwortung für Frieden und Sicherheit. Nur wer dieses Ziel nicht aus den Augen verliert, vermeidet Irrwege.“

Was soll nun eine Regierung machen, wenn drei Stimmen Gegensätzliches von ihr fordern? Soll sie dann auf die Vierte Stimme im Meinungskonzert hören? Auf die Stimme der Friedensforschung? Die kam gerade zu dem Forschungsergebnis: „Kriege sind vermeidbar.“ Da wäre nur eine klitzekleine Betriebsbedingung zu erfüllen: Die Politik müsste RECHTZEITIG auf die Friedensforschung hören.

Auf alles das ist Josef Joffe nicht gekommen, als er vom Tagesspiegel gefragt wurde: „Was macht die Welt?“

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REZENSION: Special Forces Unconventional warfare

REZENSION

Rezension „Special forces unconventional war“

„Amerika im Weltkrieg (Teil 2)“

Nach der Rezension von Wolfgang Bittners Buch „Die Eroberung Europas durch die USA“ kam mir nun ein Dokument vom November 2010 unter, welches nachträglich alles erklärt, was der Natur der Menschen nicht entspricht. Warum, so fragt man sich oft, greifen Menschen zur Gewalt, warum werfen sie erst Schaufenster ein und zünden Autos an, bis am Ende ein neues Regierungssystem das eigene Volk genauso verachtet wie es das abgelöste Regime tat. Ebenso fragt man sich, warum gut ausgebildete Journalisten – darunter Leute, die Politik, Wirtschaft, Geschichte und teilweise auch Philosophie, Landeskunde und Internationale Beziehungen studiert haben oder eine ins gründliche gehende Militärausbildung haben, so etwas dann als Volksaufstand oder Revolution bezeichnen. Das Dokument ist ein Ausbildungs-oder Unterrichtskonzept vom Zentrum für Spezielle Kriegsführung („Special Warfare Centre“ ) aus dem Hauptquartier der amerikanischen Armee. Das Dokument ist ein Ausbildungskonzept („Training Circular Nummer 18-01“). Es richtet sich an Militärbeobachter, Geheimdienstmitarbeiter und ähnliche Spezialisten in anderen Ländern, besonders in Krisengebieten oder Gefahrenregionen, die es in der Wahrnehmung der amerikanischen Außen,- Sicherheits –und Verteidigungspolitik gibt. Meist hängt die Gefährdungswahrnehmung mit wirtschaftsstrategischen Interessen zusammen. Das sind diejenigen Interessen, bei denen es um Energie, Rohstoffe und – fast schon wieder harmlos – Absatzmärkte geht. Das Konzept beschreibt ausführlich, wie man in einem fremden Land eine Widerstandsbewegung aufbaut, damit diese dann eine Regimewechsel fordert. Erst müssen dazu für die Öffentlichkeit Bilder produziert werden, die die Rechtmäßigkeit des Umsturzes glaubhaft machen, dann muss die internationale Gemeinschaft des freien Westens und seiner Werte sich gegenseitig zur Unterstützung aufrufen, so dass dann auch Linke oder Grüne Waffenlieferungen an die Revolutioäre in der Ukraine fordern – den Rest macht dann die Politik, aber davon gibts dann wieder keine Bilder für die Öffentlichkeit.

Man könnte nun den Austausch des Ägypters Mubarak, des Libyers Gaddafi und der Umgruppierung der ukrainischen Einfluss-und Politikpersonen mal aus der Sicht des amerikanischen Umsturzdrehbuchs betrachten. Dann würde man im Fall von der Ukraine auch verstehen, warum Putin jetzt der große Stördenfrieden sein soll. Dann entsteht nämlich der Eindruck, dass es um die Ukraine gar nicht geht, sondern von vorn herein um Russland. Wenn dann Amerika und die NATO gegen Russland gehen sollten – Herr, bitte nicht – dann war die Ukraine nur der nützliche Idiot, der wie alle nützlichen Idioten in der Geschichte per Fußtritt fallen gelassen wird.

 

 

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für den Ersten Dezember ist fertig

Liebe Leserinnen liebe Leser, „Das Flugblatt“ für den Ersten Dezember ist mit zwei Wochen zeitlichem Vorsprung fertig geworden. Ich erlaube mir, es jetzt schon zu veröffentlichen. Sie brauchen es ja noch nicht zu lesen. Sie können sich ja bis zum Ersten Dezember  das Lesevergügen aufsparen. Stellen Sie sich vor, „Das Flugblatt“ für den Dezember sei ein Andventskalender. Es ist keiner, aber stellen Sie sich das mal vor. Einen Adventskalender dürften Sie auch schon jetzt aufhängen. Sie müssten ihm dann aber bis zum Ersten Dezember sehnsuchtsvoll auf die Türchen schauen. Wenn aber der Erste Dezember da ist, dürfen Sie das ganze Flugblatt in einer Lesung sofort voll ständig erleben.

Berauscchtes Lesen wünscht

Hannes NagelDas Flugblatt Nummer 86 01-Dezember2014

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BARON VON FEDER: Neues von der Tagelöhnerei Teil 7

„Neues von der Tagelöhnerei“ Teil 7

Teil 7

Die Zeit ist reif, über das Wort Erwerbsunfähigkeit nachzudenken. Wann ist ein Mensch erwerbsunfähig? Wenn er aus gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr Arbeiten kann? Oder auch schon dann, wenn die Arbeiten, die einer noch verrichten kann, nicht bezahlt werden? Dann muss das Wort Erwerbsauszahlungsunfähigkeit heißen. Es gibt dann Erwerbslose aufgrund fehlender bezahlter Arbeitsplätze und Erwerbslose aufgrund fehlender Verwendungsmöglichkeiten der verbliebenen Fähigkeiten. Das Sozialsystem macht es sich sehr einfach, wenn es Erwerbsunfähige frühverrentet. Wenn die Antragsteller lange genug eingezahlt haben und die Bearbeitungsstelle gute Laune hat, ist die Rente kein Problem für das Sozialsystem. Nur für die Empfänger, wenn die Rente nämlich nicht reicht. Wenn man aber zum Beispiel zwölf Monate zu wenig eingezahlt hat, darf man die Differenz nicht einmal nachzahlen, um so das Recht auf sofortige, das heißt unverzügliche, Erwerbsunfähigkeitsrente formal wieder herzustellen. Wenn man zu 70 Prozent schwerbehindert ist und 50 Jahre alt ist, darf man sich von der Rentenversicherung per beruflicher REHA in einen passenden Beruf umschulen lassen. Dann hat man zumindest zwei Jahre lang trügerische soziale Sicherheit. Wenn einem auch hierfür Beitragszeiten fehlen, so darf man sie nachzahlen. 85 Euro pro Monat mal 16 Monate Fehlezeit ergeben 1360 Euro. Aber um diese nachzahlen zu können, braucht man eine schriftliche Vereinbarung, einen Verwendungszweck und eine Bankverbindung. Sonst gilt die Zusage zur REHA nicht.

„Noch Fragen, Kienzle?“

„Nein, Hauser.“

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REZENSION: Die Eroberung Europas durch die USA

REZENSION

Rezension „Die Eroberung Europas durch die USA“

„Amerika im Weltkrieg“

06-11-2014 cover rezi Die eroberung europas

Manche nennen die Zeit der us-geführten Kriege nach dem Ende des Sozialismus in Europa den „Vierten Weltkrieg“. Das bedeutet ganz logisch, dass der Kalte Krieg von 1945 bis 1990 mit all seinen Blockmachtgeführten Stellvertreterkriegen der Dritte Weltkrieg war. Zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs feiert der von Kapitalinteressen geführte Teil der Welt das Grauen von 1914 bis 1918 mit der Vorbereitung eines neuen großen Krieges. Neu heißt in diesem Fall „noch ein“ und „neuartig“. In den letzten drei bis vier Jahren – also seit der Zunahme von Wirtschaftskrise, Sozialabbau und Beschränkung der Freiheitsrechte – tauchte zunehmend auch die Frage auf, wie man all diese unlogischen Vorgänge verstehen solle. Als einige versuchten, die Vorgänge als Krieg oder Kriegsvorbereitung zu deuten, wurde vieles erklärbar: neoliberale Arbeitsformen, Sozialfaschismus und Sklaverei, Konkurrenz im Gesundheitswesen, welche die medizinische Betreuung und Versorgung nebensächlich macht, Fracking, Freihandel, Folter, Missachtung des Völkerrechts, der Umwelt, der Schöpfung, Migrantenjagd von Frontex-Leuten auf Menschen aus Nordafrika, Afghanistan, Pakistan, dem Nahen Osten sogar selbst aus den Randstaaten Europas, Stacheldraht an den Grenzen der Europäischen Union, so dass keiner mehr weiß: Ist dies ein Schutzwall gegen Feinde des Wohlstands oder Lagerumzäunung für arbeitsfähige Insassen des Profitlagers EU? – alles das wurde deutlich als eine Maßnahme des Kapitals, seine Ressourcen in Stellung zu bringen für einen neuen großen Krieg, und zwar des Kapitals unter seinesgleichen, weil das Kapital in einer von Profitgier zerstören Umwelt nicht einmal mehr seinesgleichen Überlebenschancen gönnen will.

Genau in dieser zeit erschien Wolfgang Bittners Broschüre „Die Eroberung Europas durch die USA“. Der Untertitel heißt: Zur Krise in der Ukraine. Das ist ein sehr straff gespannter Bogen. Ein Pfeil von diesem Bogen abgeschossen, besäße eine enorme Durchschlagskraft. Das ist wohl auch der Grund, weshalb der Verlag VAT mitteilte, dass die Startauflage bereits ausverkauft ist. Nie zuvor hat ein Buchtitel zwei Aussagen von solcher Tragweite bereits im Titel gemacht: Erstens: Amerika ist dabei, Europa zu erobern. Zweitens: Die Eroberung Europas erkennt man am Beispiel der Ukraine. An der medialen Kriegsberichtserstattung über die Ukraine und Russland erkennt man zwar nicht die Wahrheit, aber bemerkt die Lügen in der politischen Säbelrasselrhetorik. Die Broschüre hat nur 146 Seiten. Die Lektüre ist also nicht besonders zeitaufwendig.

 Wolfgang Bittner, „Die Eroberung Europas durch die USA“, Verlag VAT, Mainz 2014

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BARON VON FEDER: Heisst Gedankenfreiheit Freiheit vom oder zum?

BARON VON FEDER

„Gedankenfreiheit“

Sehr geehrte Damen und Herren, Bürgerinnen und Bürger, liebe Gäste und Einheimische, kürzlich verlangte beim Lesen eines älteren literarischen Stoffes jemand von einem, den er „Sire“ nannte, er solle ihm Gedankenfreiheit geben. „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, sagte der Mann. Ich weiß nich, ob er sich genug Gedanken darüber gemacht hat, was er da für einen Gedanken aussprach. Er hätte, falls es ein heißer Sommer war, sagen können: „Sire, geben Sie hitzefrei.“ Heißt die Forderung nach „Gedankenfreiheit“: „Sire, befreien Sie uns von dem Zwang zu denken?“ – Ein Sire, der solch ein Kapitulationsangebot des Volkes hört, muss sich doch im Olymp der Herrschaftsfähigkeit wähnen, und wenn Sire sozusagen eine Sire-ne ist, dann gilt die Aussage entsprechend. Was würde geschehen, wenn „Sire“ sie von ihren Gedanken befreien würde? Würden Sie über Hartz Vier, Sozialabbau, Ebola, Flüchtlingsmigration, Kriegsgefahr, prekäre Jobs, Miete, Strom, Krankenkasse und Inkasso nachdenken – von Maut, Benzinpreis, Unterhaltungskosten und immer neuen und unerwarteten Rechtspflichten noch nachdenken? Wären Sie, wenn „Sire“ Sie Ihrem Wunsch gemäß vom Denken befreite, wirklich freier? Sind Sie frei, wenn Sie Schotter-TV glotzen, Bild „lesen“ und ansonsten Ihre Lektüre auf die bunten Angebots-Beilagen bei Netto, Lidl, Aldi und so beschränkten? Würde Sie dann keiner mehr zum gläsernen Bürger machen, Ihre Kommunikation ausspähen? Würden Be-En-Dä, En-Es-Ä und El-Em-Ä-Ä Sie dann in Ruhe lassen? Bekommen Sie von der Befreiung vom Denken Nischenfreiheit?

Oder ist die Frage falsch? Sollten wir „Gedankenfreiheit“ als Freiheit ZUM Denken verstehen, statt als Freiheit VOM Denken?

Ich wünsche uns allen, beim Thema Gedanken-Freiheit von Frei-Denkern zu lernen. Ich denk mal, das schützt vor politischer Gedankenlosigkeit.

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APROPOSIA: Von Säbelrasslern und Friedenspfeifern

APROPOSIA

 Von Säbelrasslern und Friedenspfeifern

Moderatorin: „Guten Abend, Erlauchte Runde. Nicht nur Spinner spinnen, auch auf alle anderen ist kein Verlass mehr. Was sagen Sie dazu?“

Experte: „Sie waren schon mal besser. Was ist denn das für eine Frage?“

Moderatorin: „Warum sind diejenigen so stark, die den neuen Krieg wollen, und warum hat die Friedensbewegung Angst, man könne ihr Verantwortungslosigkeit vorwerfen?“

Experte: „Na bitte, es geht doch.“

Linker Anwalt: „Eigentlich ist alles wie immer: Die einen machen, was sie wollen, und die anderen richten nichts dagegen aus.“

Unker: „Und die Einschläge kommen immer dichter.“

Dr. Liberrasslitas: „Und das Vokabular der Pazifisten wird immer bellizistischer.“

Moderatorin: „Wenn aber die Einschläge dichter kommen, muss man ja wohl mal fragen dürfen, wann sie hier sind.“

U.v.D: (schweigt pikiert)

Zwischenrufer: „Wer hat den bisher unentdeckten U-Boot-Fahrer eigentlich in Schwedens Schären fahren lassen?“

Publikum: (prustend) „Prrrpp. Das war bestimmt der letzte Streich von Fogh Rasmussen.“

U.v.D: (still für sich denkend): „Wenn ich das hier überstanden habe, dann löse ich die Sehr kluge Frau ab. Klug genug bin ich selbst, und verdient hat sies. Das hattse dann davon.“

Unker: (pfeift eine Melodie von Hannes Wader. Alle außer U.v.D., Mesiramis Drohne und Dr. Liberalitas erkennen den Text: „Weit in der Champagne, im Mittsommergrün / wo über den Grabkreuzen Mohnblumen blühn / da rauschen die Gräder und wiegen sich leicht / in dem Wind der über das Gräberfeld streicht. / Auf Deinem Grab finde ich, toter Soldat / Deinen Namen nicht, nur Ziffern, und jemand hat / Die Zahl 19 Hundert und 16 gemalt / und du warst nicht einmal / 19 jahre alt / Ja auch dich haben sie schon / genauso belogen, / so wie sie es mit uns / heute immer noch tun / und du hast ihnen alles gegeben / Deine Kraft, Deine Jugend, Dein Leben.“

Moderatorin: „Können die Friedenspfeifer denn überhaupt die Säbelrassler besänftigen?“

Experte: „Nein, denn der Pazifismus ist gescheitert. Denn selbst bei den Linken wenden sich jetzt viele vom kategorischen Pazifismus ab.“

Zwischenrufer: „Und dennoch gibt es ihn. Er steht noch da mit einem Häufchen Getreuer.“

Unker: „Außerdem kann der Pazifismus gar nicht scheitern, weil ihn die Aktualität immer neu hervor bringt.“

Dr. Liberalitas: „Man kann Säbelrassler nicht mit Pazifisten besänftigen, weil gegen Säbelrassler nur Krieg hilft. Krieg! Vergleiche hierzu meine Rede in…

Unker: „Jetzt nicht das schon wieder, bitte.“

Moderatorin: „Was meinen Sie, Herr Experte, denn mit kategorischem Pazifismus?“

Experte: „Entweder NIE WIEDER KRIEG – dann aber auch kein bisschen – oder von Zeit zu Zeit – dann aber mit voller Konsequenz.“

Zwischenrufer: „Dann doch lieber kategorisch.“

Unker: „Pazifismus muss kategorisch sein, bevor die Welt am Krieg zu Grunde geht.“

Dr. Liberalitas: „Können Sie das irgendwie beweisen?“

Zwischenrufer: „Die Wahrheit bedarf keines Beweises, weil sie die Wahrheit ist.“

Dr. Liberalitas: (vor sich hin murmelnd): „Hab ich das nicht irgendwo im Grundstudium gelernt?“

Moderatorin: „Pazifismus ist der nicht-messbare Nutzen eines Friedens, während man die Schäden eines Krieges hinterher ziemlich genau beziffern kann in Toten, Ruinen, Krankheiten, geistiger, sittlicher und kultureller Verrohung…“

Sehr kluge Frau: „ich sag dazu nix, denn ich bin sehr klug.“

Experte: „Regime vom Zerstörungsformat des Nationalsozialismus können vom Pazifismus nicht gestoppt werden.“

Unker: „Aber verhindert, und darum gilt es, den offenen Gewaltausbruch des neoliberalen Faschismus zu bremsen, solange er noch nicht abspritzt. Bellum interruptus sozusagen.“

Dr. Liberalitas: „War das jetzt richtiges latein?“

Unker: „Scheissegal. Hauptsache Frieden. Fiat Pax.

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FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: „Literaritäten“

FEUILLETON KULTURBETRIEBLICHES

„Literaritäten“

Bücher haben ein zweites Leben verdient. Die „Süddeutsche Zeitung“ enthielt am 22. Oktober 2014 ein verbreitungswürdiges Interview mit dem Gebrauchtbuchhändler Bernd Detsch.

 In einer Gesellschaft, die Käufer von Waren geringschätzig als Verbraucher bezeichnet, hat auch das Wort Ramsch keinen schönen Klang mehr. Ramsch klang einmal nach stöbern, suchen und finden. Manchmal konnte man einen kleinen literarischen Schatz heben.

In einer Gesellschaft, in der massenhaft literarische Neuerscheinungen dorthin geworfen werden, wo sie keiner würdigt, können Gebrauchtbuchhändler Leser treffen statt Literaturverbraucher und ihnen genau den Titel beschaffen, den die Leser gerne hätten.

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ beschrieb der Gebrauchtbuchhändler Bernd Detsch, was ein modernes Antiquariat, Amazon, die Buchpreisbindung, die Neuerscheinungsflut und ganz persönliche Literaritäten miteinander zu tun haben. Gute Bücher sind bisweilen rar. Von Amazon fühlen sich derzeit Autoren und Verlage ziemlich bedroht. Amazon mag etwas von Online-Handel verstehen, aber nichts von der Seele eines Buches. Die Heuschrecke Amazon grast oben den Buchmarkt ab. Unten aber wächst nachhaltige Literatur nach. Das ist wie im Journalismus: Oben grast der Mainstream-Journalismus mit seinem Hang zum Meinungsführertum und unten gibt es nachwachsenden nachhaltigen Blog-Journalismus.

Es ist ja nicht alles schlecht, was bei Amazon im Angebot ist, aber eben auch nicht alles gut. Früher bei der Zeitung Internet World nannten wir Amazon redaktionsintern „Ramschladen.“ Vielleicht kommt ja daher auch der Ausdruck „Ramscher“ für Gebrauchtbuchhändler als eine Art ironische Umdrehung von Stöberware und seelenlosem Handel mit allem, was Geld bringt. Ramschladen durften auch die Volontäre sagen. Nur die Tante von der PR-Abteilung, die durften wir niemals als Presse-Amazone bezeichnen. Später hatte zumindest ich auch keinen Bock mehr drauf.

„Modernes Antiquariat“ hört sich eigentlich naheliegend an. Bücher sind ja keine Tageszeitungen, die man nach einer Woche nicht mehr versteht, weil das Vergessen voran schritt oder eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Bücher sind zeitlos. Werden Bücher erst einmal geschreddert, gibt es kaum noch Belege für ihre Existenz. Außerdem gibt es dann bald niemanden mehr, der die Inhalte kennt oder verstanden hätte. „Modernes Antiquariat“ heißt Bewahrung des Bewahrenswerten, des Zeitlosen, Dokumentarischen, des Chronistischen, des Zeitgeistigen – hach, wenn es geschickt gemacht wird, kann ein Modernes Antiquariat so etwas werden wie dem Rufe nach die berühmte ptolemäische Bibliothek von Alexandria.

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BARON VON FEDER: Lotsenpflicht für U-Boote

Der Admiral von Schweden spricht
„Befahre meine Schären nicht.
Kommst Du mit Lotsen nicht und Karten
scher Dich aus meinem Schärengarten.“

Der letzte, der im Garten war,
war ein Russe, das war klar,
weil er bei überstürzter Flucht
seine Mütze nicht gesucht

hatte, die vom Schärengrunde
gab von dem Besucher Kunde.
und der jahrzehnte alte Witz
wiederholte sich nun also itz.

Auch ohne Mütz ist allen klar
dass es erneut ein Russe war
Beweise hat nur der, dems nützt
das Wladimir kein Hut mehr sitzt.

Und im Geschichtsbuch steht geschrieben
„Nix gelernt und dumm geblieben“
Ferner lehrt uns die Geschicht:
„Für U-Boot-Fahrer Lotsenpflicht“

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