Rezension: Holdger Platta bespricht „Aufruf zur Revolte“

Holdger Platta bespricht „Aufruf zur Revolte“

Demokratie lebt von unten oder gar nicht“

Es reicht! Begehrt auf!

Die Liedermacher Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. veröffentlichen einen „Aufruf zur Revolte“ / Holdger Platta

Nein, kein Zufall: auch mit Blick auf die Landtagswahlen in Bayern und Hessen sowie auf die Bundestagswahlen veröffentlichen die beiden Liedermacher Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. am 15. September ihren „Aufruf zur Revolte“ als kostenloses E-Book im Internet. Doch Anlässe wie Intentionen dieser „Polemik“ (Untertitel der Kampfschrift) reichen weit über diese Termine hinaus. Es geht um Darstellung der Weltzustände insgesamt – und um die Frage, was dem entgegen zu setzen ist.

Es war im März dieses Jahres, dass sich die beiden Künstler nach einem gemeinsamen Konzert zu diesem Aufruf entschlossen. Noch beglückt vom Publikumsecho, gestanden sich die beiden Sänger „in einer denkwürdigen, coming-out-artigen Situation“, daß ihre „Intuition immer lauter Alarm“ zu schlagen beginnt. Die Autoren wörtlich:

„…wenn man alle Faktoren zusammenrechnet, die ökologische Situation, die wirtschaftliche Lage, den gigantischen, präventiv ausgebauten Repressionsapparat und auch, ja, leider, die zunehmende Verrohung und Entsolidarisierung der Menschen untereinander, dann muss einem Himmelangst werden.“

Hier nun also das Resultat: ein 40-seitiges Manifest gegen den Kapitalismus – und gegen unsere Mutlosigkeit. Es ist, natürlich, ein literarischer Text, kein kleinteilig, mithilfe marxistischer Kategorien, die Gegenwart durchanalysierender Text. Es ist aber, gleichwohl, ein Text, der mit dialektischer Akribie die Verhältnisse der Gegenwart durchleuchtet, ein Text, der die weltweiten Zusammenhänge der Krise anders, nämlich individuell wahrnehmungsnah, darzustellen vermag.

Typisch in dieser Hinsicht schon der Textbeginn: die Verfasser setzen an bei unserer Alltagserfahrung, bei dem, was der Erkenntnis der Zusammenhänge im Wege steht, den weltweit praktizierten Verdrängungsmechanismen, „Illusionsabfällen und Betäubungsmittel aller Art“, dem nächsten „Sportgroßereignis oder einer neuen Terrorwarnung“ etwa. Um dann vorzustoßen zu eben diesen verdrängten Problemen. Da werden dann zum Beispiel die Finanzkrise angesprochen und die Weltnaturkatastrophe, die Kriegstreibereien und der Überwachungsskandal, das Flüchtlingselend und die illegitime Macht der Weltkonzerne. Und dieses jeweils im Kontrast zur propagandistischen Verdrängungsschreiberei.

Zum Beispiel: über die Brutalität Erdogans gegen Occupy Gezi in Istanbul empöre man sich „unisono“, doch der „himmelschreiend brutale Polizeieinsatz gegen Blockupy in Frankfurt am Main (…) mit mehr als 400 Verletzten“ sei fast totgeschwiegen worden. Oder: man beklage immer noch die 139 Berliner Mauertoten – 28 Jahre danach -, aber wo läse man in gleicher Extensität von den rund 2000 Toten, die heutzutage an den europäischen Grenzen ums Leben kommen, jährlich – Flüchtlinge, gegen die eine Kriegsflotte der EU auf dem Mittelmeer ihre barbarische Arbeit verrichtet?

Der Aufruf zeigt: hier stimmen die Maßstäbe nicht. Er zeigt: hier funktioniert ungeheuer vieles im Dienste westlicher Profitinteressen. Und er zeigt: dem muß nicht nur Gesellschaftstheorie entgegengesetzt werden – da bleiben Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. eher vorsichtig -, sondern vor allem auch aufgeklärte Menschlichkeit. Für mich die große Kraft dieses Textes: hier wird nicht nur von Kopf zu Kopf gesprochen, sondern wieder und wieder, auf furiose Weise, von Herz zu Herz.

Deswegen ist dieser Aufruf auch beides: ein aufwühlender Text und klug! Deswegen schürt das Manifest mit seinem Doppelcharakter nicht nur die Hoffnung, sondern er spart auch die Gefahr unseres Scheiterns nicht aus. Deswegen begegnen wir hier immenser Empathie und Realismus. Zum Beispiel:

Nüchtern betrachtet sind die Risiken der Revolte weitaus geringer als die mit mathematischer Sicherheit katastrophalen Ergebnisse eines weiteren tatenlosen Zuschauens uns Mitlaufens. Und wenn wir endlich auch in Deutschland den Mut zur Revolte fassen (…), dann werden wir eine andere Intensität des Lebens erfahren dürfen (…): den Zauber wirklicher Freiheit.“

Dabei versteht sich von selbst: die Autoren setzen nicht nur auf Wahlen – der Zeitpunkt dieser Veröffentlichung stellte insofern ein Missverständnis dar -, sondern vor allem auf eine neue große außerparlamentarische Bewegung. Und sie setzen auf die Inspiration und Intelligenz der vielen Einzelnen in dieser Bewegung, nicht aber auf sogenannt-charismatische Führerfiguren. Ein humaner Anarchismus ist kennzeichnend für diesen Aufruf, Orientierung an Graswurzelarbeit, ohne sich in Kontraposition zu bringen auch – auch! – zu parlamentarischer Tätigkeit. Hier geht es nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein im besten Sinne hellwaches Sowohl-Als auch. Bei allem Blick auf das Große und Ganze schreiben Wecker und Prinz Chaos II. nicht über das Kleine und Kaputte hinweg, aber bei allem Ernstnehmen der Alltagserfahrungen ganz unten wird auch das Treiben derer da oben analysiert. Das ist Gesellschaftskritik ohne das gewohnte Wissenschaftsvokabular und dennoch wissenschaftlich hochinformiert (Beispiel: die Analyse der Situation im vor-revolutionären Frankreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts). Hier werden Geschichte und Politik auf allen Ebenen zur Sprache gebracht, und auf allen Ebenen sollten wir uns dem verkehrten Gang der Dinge in den Weg stellen – für mich die Kernaussage, um die es bei diesem Aufruf zur Revolte geht. Im Interesse einer Welt ohne Freiheitsberaubungen und Menschenschinderei, ohne Herrschaft des Geldes und abgehobener Cliquen, ohne Elend und Angst.

Zweifellos: ein packendes und aufklärendes Manifest. Und ich füge hinzu: ein Glücksfall, daß es noch solche politisch-engagierten Künstler gibt. Mögen viele Menschen diesem Beispiel folgen.

Demokratie lebt von unten her oder gar nicht.

 

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Rezension: Die Toten von Bansin

cover rezi die toten von bansinHelene Musfedder

Rezension „Die Toten von Bansin“

 „Jeden Monat eine Leiche“

 Bücher, in denen ein Fischer Paul Plötz heißt, können nicht auf Schock und Angsterzeugung geschrieben worden sei. Darum kann man „Die Toten von Bansin“ angstfrei Lesen. Das ist bei Krimis wichtig, auch wenn da Leute sterben. In diesem Ostseekrimi von Elke Pupke aus der gleichnamigen Hinstorffreihe sind es gleich drei Tote. Jeden Monat eine Leiche. Die erste Leiche stirbt auf einem Bahnübergang in seinem Auto infolge eines herannahenden Zuges. 19. September 2012. Der zweite Tote ist ein Radfahrer. Den fegt ein Auto aus dem Sattel in den Tod auf einsamer Landstraße. 17. Oktober. Der Dritte stirbt durch Absturz von der Steilküste. 11. November 2012. Die vierte Leiche überlebt den Mordanschlag, der am 13. Dezember stattfindet. Der 13. Dezember ist der Tag, an dem in Skandinavien Lucia kommt und Licht in die dunklen Stuben bringt. Lucia bringt das Licht ins Haus und der Krimi die Erleuchtung, wie die drei Toten mit ihren Todesfällen zusammenhängen. Angesichts der Zahl drei kommt die Stammtischrunde einer Fischerkneipe dahinter, dass die Toten eine Serie sind und der Täter folglich ein Serienmörder. Die Polizei tappt weiterhin im Dunkel, denn der Täter liess es immer wie einen Unfall aussehen. Am Ende lassen sich die zuständigen Organe den Fall von der Stammtischrunde erklären und resümmieren sinngemäß: „Es war die Oma, und die rächt sich, und alle, alle sind verdächtig“.

Elke Pupke, „Die Toten von Bansin“, Hinstorff-Verlag, 2013

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Rezension: Der Mond ist kalt und dunkel

Helene Musfedder

Rezension „Der Mond ist kalt und dunkel“

Hinterhältige Wiedergänger“

 Wenn es draußen regnet, liest es sich drinnen am besten. Bei Sonnenschein zu lesen – drinnen – macht immer so ein schlechtes Gewissen. Gar nicht lesen aber auch, weil man dann mit der Lektüre nicht fertig wird, und dann wird die Rezension nicht rechtzeitig fertig. Das heutige Buch ist der Ostseekrimi „Der Mond ist kalt und dunkel“ aus dem Hinstorff-Verlag. Das Buch ist hinterhältig. Der erste Hinterhalt lauert im Titel. Wieso merkt man erst mitten drin beim Lesen, dass der helle Mond dunkel ist? Es heißt doch schließlich: „Dunkel wars, der Mond schien helle“.

cover rezi der mond ist kalt und dunkel

Der zweite Hinterhalt ist eine Falle. Sie schnappt auf Seite 27 zu, und bis dahin glaubt man, man könne die Lektüre einfach so wegstecken. Aber ab Seite 27 kann man nicht mehr loslassen, denn es entwickelt sich zunehmend und erwartungsgemäß ein hochinteressantes Spiel zwischen dem Gespenstischen und dem Rationalen. Obwohl man schon längst als aufgeklärte Krimitante weiß, was Käuzchenrufe, Nacht, versagender Automotor, ein Reh auf der Straße bedeuten – wo ist eigentlich der Nebel? Ach, auf dem Meer, ist klart, es ist ja Oktober, da ziehen die Nebelschwaden vom Meer aufs Land. Und hatte ich Käuzchen schon? Lustvoll fabuliert Pola Kayser über Wiedergänger, zwei reiche Frauen, die nicht arbeiten müssen – die eine weil sie geerbt, drei mal, jeweils von ihren Ehemännern, der letzte war übrigens Geldeintreiber, aber ich will da nichts sagen, was nicht auch im Buch steht. Die andere hat das Geld, weil sie vorteilhaft geschieden ist. Der Esel zahlt. Der Grund für die Anreise der Damen ist eine Erbschaft – klar, die eine kann ja offenbar nur Erben, erst ihre drei Männer und nun noch eine entfernte Verwandte, eine Großtante oder so. Es kann einem aber auch gut gehen zwischen Hamburg und Rügen. Zwischen den gruseligen Geschichten von Wiedergängern passieren ein paar Morde, am Anfang zwei, später noch einer. Und alles hat mit dem Hotel zu tun, in dem die beiden Damen aus Hamburg abgestiegen sind. Es kommt auch ein Gärtner vor, irgendwer schreit nachts im Hotel, und dann laufen alle Gäste im Nachtzeug über die Flure und zeigen sich von ihrer schönsten Seite, wie in den einschlägigen Filmen.

Der dritte Hinterhalt ist die Endlosigkeit der Handlung. Man liest und liest und blättert die Seiten um, und am Ende ist man doch wieder oder noch in der Mitte des Buches. Das ist doch wirklich ziemlich gespenstisch, oder? Und dann werden die Leser in den Spuk auch noch mit hineingezogen – ob das aufhört, wenn man über die verhexte Mitte hinaus kommt? Es MUSS ja eine rationale logische Erklärung geben, denn Tote, die als Wiedergänger zurück kommen sowie schwarze Magie mit Voodoobeschwörung – so etwas gibt es ja gar nicht.

Pola Kayser, „Der Mond ist kalt und dunkel“, Hinstorff-Verlag, Rostock 2013

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Bewegungsmelder: Verführung zur Leselust

BEWEGUNSMELDER

Ahrenshooper Literaturtage

Verführung zur Leselust“

 Neulich war es stürmisch. Die See ging hoch, Regen sprühte wie Gischt durchs geöffnete Fenster, und ich fand, dies sei das schönste Wetter zum Lesen. Keine Sonne stört, kein schlechtes Gewissen sagt vorwurfsvoll „Du Stubenhocker“, bloss weil man bei Sommersonnenwetter nicht pflichtgemäß sportlich, gärtnerisch oder sonstwie draußen in der Natur tätig wird. Stürmisch, regnerisch, kalt, ungemütlich wird es jetzt wohl in den nächsten Monaten wieder öfter mal werden. Herrliche Lesemonate stehen bevor. Man muss sie nur nutzen, genau so, wie jede Lust sich auf die Suche macht, ihren Entfaltungsbereich zu finden. Für die Verführung zur Leselust braucht man nur Lesestoff und einen Ort, um die erwählte Lektüre zu genießen. Lesestoff liefern Verlage. 20 Verlage mit opulenten Lesehappen servieren vom 3. bis 6. Oktober am Lesebuffett der Ahrenshooper Literaturtage Vorspeisen, Hauptspeisen, Desserts und dekoratives Beiwerk. 13 Lesungen finden statt. Sie beginnen mit der Entdeckung einer Landschaft, die jeder kennt und vielen fremd ist. Die Landschaft heißt Fischland-Darß-Zingst. Musikalisch gibt es dazu Tango, Musette und Klezmer. Am 4. Oktober geht die Lesekulinarik richtig los. Handlungsort ist wie immer die Ahrenshooper Strandhalle. Um 10 Uhr öffnen die Pforten und um 18 Uhr versinkt die Sonne im Meer und der Wind legt sich – und dieses passiert so am 4., 5. und 6. Oktober.

Programm 12. Ahrenshooper Literaturtage 2013

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Redaktionsmitteilungen: Essay – Ganz Laute Denkzettel

Dieter Eckhardt macht politische Collagen. Die sind zum Teil so gut, dass Sie unbedingt auf ihn neugierig werden müssen. Ich biete Ihnen dazu den Essay „Ganz laute Denkezttel“ an. Hier können Sei nur die ersten Seiten sehen, weil ich bei WordPress nur 8 MB hochladen kann, der Essay wiegt aber 11 MB, das liegt an dem geistigen Gehalt. Wenn Sie alles wollen, können Sie den Essay bei mir per E-mail hannes.nagel (at) das-flugblatt.de bestellen, dann zahlen Sie drei Euro plus Versandporto und schon  haben Sie den Text. (gedruckt und gebunden)

10-09-2013 Essay Ganz laute Denkzettel

Ganz laute Denkzettel kurz

 

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Rezension: „Revolution für Europa“

Roland Rottenfußer

 Rezension „Revolution für Europa“

 „Es muss dies Wort doch Wirkung haben“

Dem Auftreten der Linken in Europa fehlt es bisher an Wirkungskraft, um dem schleichenden Staatsstreich der Neoliberalen Paroli zu bieten. Zu wenig radikal in den Zielvorstellungen, zu wenig geschickt in der Wahl der Mittel, zu wenig international vernetzt, zu wenig begleitet durch eine authentische Protestkultur – so könnte man die Gründe dafür benennen, dass die Erfolge der Linken nicht mit der Notwendigkeit ihrer Konzepte Schritt halten. Sehr erfreulich ist daher diese Anthologie, die neben Politikern der europäischen Linken wie Gregor Gysi, Oskar Lafontaine, Alexis Tsipras, Giuliano Pisapia, Pierre Laurent und Sahra Wagenknecht auch Künstler wie Konstantin Wecker und Mikis Theodorakis zu Wort kommen lässt. (Roland Rottenfußer)

Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ Dieses erschreckende Zitat von Jean-Claude Juncker, ehemaliger Chef der Euro-Gruppe, zeigt sehr deutlich auf, wo unser Problem liegt: Eine „postdemokratische“ Eurokraten-Riege hat sich den Kontinent unter den Nagel gerissen und ist dabei, ihn den neuen Feudalherren der Banken- und Konzernwelt zur Verwertung auszuliefern. Eine Lösung zu finden, erscheint schwieriger. Dieses Buch vereint einen hochrangigen internationalen „Thinktank“ aus Politik und Kultur, der wohl geeignet ist, wirksame Gegenstrategien aufzuzeigen.

Diether Dehm, Bundestagsabgeordneter der Linken und zeitweise als Liedermacher und Texter tätig, scheint prädestiniert dafür, die so unterschiedlichen Stimmen zu einem Chor zu vereinen. Die Problemlage beschreibt Dehm so: „Ein am Neoliberalismus orientierter ‚Reform-Automatismus’ soll für alle EU-Mitgliedstaaten installiert werden, damit die EU als geschlossener Block besonders die aufstrebenden Regionen der Welt nieder-konkurrieren kann. Die EU will den Wachstumsschub vom Imperialismus-Junior in die Senior-League.“ Daraus ergibt sich die Agenda dieser Streitschrift: „Umso dringlicher ist es also, dass diese Schrift versucht, Gegenöffentlichkeit zur politisch und medial herrschenden Interpretation und Handhabung der Krise herzustellen.“

Im Rahmen dieses Projekts „Gegenöffentlichkeit“ zeigen Oscar Lafontaine und Gregor Gysi auf, wofür die deutsche Linke mit ihrem Programm steht. Sahra Wagenknecht widmet sich in einem eigenen Aufsatz ganz realen Untoten, den „Zombiebanken“. Gerade auch kurz vor den Wahlen im Bayern und im Bund lesenswerte Denkanstöße. Der Chef der bei den Wählern erfolgreichen griechischen Linken, Alexis Tsipras, erklärt, „Wie aus einer alternativen Vision ein Programm der Würde und der sozialen Rettung wird“. Und die spanischen Oppositionspolitiker Willy Meyer und Maite Mola berichten von der Bewegung der „Indignados“ und vom „Spanischen Aufstand“.

Mikis Theodorakis, der legendäre Komponist der „Sorbas“-Filmmusik und Veteran im Kampf gegen den griechischen Faschismus, verfasste mit seinem Kampfgefährten Manolis Glezos einen „Gemeinsamern Appell für die Rettung der Völker Europas.“ Wichtig ist dabei, dass die links und human denkenden Kräfte aus den zum Ausverkauf preisgegebenen Staaten des Südens und den (noch) vergleichsweise wohlhabenden Ländern wie Deutschland miteinander solidarisch sind. Merkels Austeritätsregime bedroht auch die Arbeitenden in den Nationen der „Wettbewerbsgewinner“, denn die Gegenwart Griechenlands kann unsere Zukunft werden. „’Die Märkte sind das Maß aller Dinge’ ist das Motto, das unsere politische Führung bereitwillig unterstützt, in einer Allianz mit dem Teufel des Geldes, gerade so wie Faust dies tat“, heißt es im erschütternden Appell von Theodorakis und Glezos. „Eine Handvoll internationaler Banken, Rating-Agenturen, Investmentfonds – eine globale Konzentration des Finanzkapitals ohne historischen Vergleich – möchte in Europa und der Welt die Macht an sich reißen, indem es die Waffe der Schulden nutzt, um die Völker Europas zu versklaven und anstelle der unvollständigen Demokratie, in der wir leben, eine Diktatur des Geldes und der Banken zu errichten …“

Eine wirksame Gegenöffentlichkeit braucht eine Gegenkultur, die aufklärt, aufwiegelt und die Herzen bewegt. Diether Dehm fordert deshalb eine „europäische Kulturbrücke“. Was die großen kritischen Liedermacher des einen Landes geschrieben haben, soll übersetzt und in den anderen Ländern gesungen werden. So entsteht ein gemeinsames geistiges Feld in Europa, eine Rebellion der Verse und Töne gegen die verordnete Unkultur der kommerziellen Gleichmacherei – anknüpfend an die begeisternden Werke eines Pablo Neruda oder Francois Villon, eines Heinrich Böll oder Jean-Paul Sartre, eines Victor Jara, Fabricio De André, Jacques Brel oder Franz Josef Degenhardt. Konstantin Wecker hat mit seiner mehrsprachigen Version von „Empört euch“ (nach dem Buch von Stéphane Hessel) einen neuen Prototyp des europäischen Revolutionsliedes geschaffen.

In Wirklichkeit gedeiht jede Kunst nur multinational“, schreibt Wecker in seinem Beitrag – so sehr auch die ganz unchauvinistische Liebe zur Erde, zum Meer, zu den Speisen, den Landschaften, zu den Menschen und zur Sprache der eigenen Heimat das „Aroma“ der jeweiligen Kunstschöpfungen geprägt hat. „Dieser unser Kampf für europäische Kulturen (noch lange nicht für eine europäische Gesamtkultur!), der sich respektvoll und in einem gewissen Sinne ‚ökologisch sensitiv’ gegen das Ausrotten und Unterpflügen durch die Unterhaltungsmultis wehren muss, braucht Protagonisten, braucht Köpfe und Gesichter, die für diesen gemeinsamen demokratischen Streit und die große Kraftaufwendung, die nötig ist, stehen und dieses auch intellektuell und emotional befördern.“ Jean Ziegler, der große und tapfere Sachbuchautor und Kämpfer gegen den neuen globalen Feudalismus, ist für Wecker einer dieser „Köpfe“. So wie es Wecker selbst ist und die anderen Autoren dieses erstaunlichen Kompendiums.

Diether Dehm (Hrsg.), „Revolution für Europa”, Verlag Das Neue Berlin, 2013

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Lesermitteilungen: Konstantin Wecker und der Aufruf zur Revolte

Lesermitteilung Aufruf zur Revolte

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— (Fremdwerbung) — Rizinus

— FREMDWERBUNG —

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Rizinusöl

Die meisten kennen Riszinus nur als Abführmittel. Die Samenkapseln des Rizinus sind darüber hinaus aber auch ein sehr starkes pflanzliches Gift. Rizinus Communis ist ein Strauch aus der Gattung der Wolfsmilchgewächse. Die Pflanze wird ein bis zwei Meter groß. Wegen ihrer gefingerten Blätter tragt Rizinus Communis neben anderen Vulgärnamen die Bezeichnung „Christushand“. Dieser Name ergab sich aus der Form der Blätter. Sie sehen tatsächlich aus wie eine Hand. In Mitteleuropa ist ihr eine einjährige Lebensdauer beschieden; in ihrer tropischen Ursprungsheimat ist sie eine zweijährige Pflanze. Ihre Blütezeit währt von Juli bis September. Die Samen entwickeln sich in einer stacheligen Kapsel.

Die Pflanze kann Heilen und Töten

So schön Rizinus mit seine roten Blüten als Zierstrauch in Parks und Gärten wächst, so tödlich giftig sind des Strauches Samenkapseln. Die giftige Wirkung hängt vom Zerkauen der Kapsel ab. Das Öl einer ausgepressten Kapsel kann hingegen als Heilmittel genutzt werden, da die giftigen Alkaloide im Pressrückstand verbleiben und nicht über das Öl in den Körper gelangen können. Das Öl aus den Samenkapseln der Rizinuspflanze kann zum Heilen von Hautkrankheiten eingesetzt werden. Warzen, Schuppenflechten, Ekzeme und Pickel sind mit äußerlicher Anwendung von Riszinusöl heilbar. Die Anwendung sollte dennoch nur nach ärztlicher Verordnung erfolgen. Schwangere und Kinder sollten von einer Behandlung mit Rizinusöl ausgenommen werden. Dem widersdpricht jedoch die Empfehlung, Rizinusöl zur Einleitung der Wehen anzuwenden.

Weil sie auch tödlich auf kleine Nagetiere wirkt, wird Rizinus wie auch andre Wolfmilchgewächse zum Vergraulen von Maulwürfen und Fernhalten von Mäusen in Gärten gepflanzt. Ansonsten aber ist sie in mitteleuropäischen Bretien eine beliebte Zierpflanze, da sie schnell wächst und recht langlebig ist.

Der Bestandteil Rizin und seine Wirkung

Rizin ist eine toxisches Eiweiß, welches in den Schalen der Samenkpaseln des Rizinusstrauches enthalten ist. Ein Mensch, der auch nur eine Samenkapsel aufgenommen hat, stirbt binnen zweier Tage an Kreislaufversagen und Verklumpung der roten Blutkörperchen. Eine Rizinusvergriftung erkennt man an einem brenndenden Gefühl im Rachen, Überlekeit, Erbrechen, blutigem Durchfall und an Nierenversagen. Allem Vernehmen nach – selbst aus Apothekerkreisen – gibt es kein Gegenmittel. Handlungsunfähig lebt man seinem eigenen Tod entgegen. Gefährlich werden Rizinuskapseln auch Pferden, Schafen, Katzen, Rindern, Schweinen, Ziegen und Hunden sowie Nagetieren wie Mäusen, Maulwürfen und Ratten.

Anbau, Ernte, Produktion

China und Indien sind die Hauptanbaugebiete von Riszinuspflanzen zum Zwecke der wirtschaftlichen Ausnutzung. Kaum ist im September die Blüte der Rizinuspflanzen beendet, beginnt die ernte der Samenkapseln. Sie dauert in der Regel bis November. Das durch Kaltpressung gewonnene Öl wird für Öllämpchen, Heilsalben bei Hautverletzungen oder Hautkrankheiten, für Glühmotoren, als Weichmacher in der Kunststoffherstellung und als Schmiermittel verwendet. Auch für Farben und Lacke findet Rizinusöl Verwendung.

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Baron von Feder: Michael Wolffsohn und der totale Staat der Roten

Baron von Feder

Michael Wolffsohn und der totale Staat der Roten“

 Am Ende der Weimarer Republik stand die Machtergreifung der Nazis. Die übelste bisherige deutsche Diktatur begann. Das war vor 80 Jahren. 2003 plante die rot-grüne Koalition von Gerhard Schröder Hartz-Vier. Die Verarmung von Millionen Bürgern Deutschlands begann. Alle, die etwas zu sagen hatten, meinten, man könne die Krise der Gegenwart nicht mit den Verhältnissen der Weimarer Republik vergleichen, weil man es nicht dürfe. Seit dem 14. August kann man es besser wissen. Denn der Historiker Michael Wolffsohn schrieb einen Beitrag für Focus Online. Darin warnt er eindringlich vor einer rot-rot-grünen Machtergreifung. Sie würde einen totalen Staat bedeuten. Er wäre nur nicht diktatorisch totalitär, würde jedoch die Bürger total erfassen. Ein totaler Staat neuen Typus, könnte man sagen, eine Diktatur der persönlichen Daten.

Vielleicht droht dieses Szenario wirklich, wenn es nach der Bundestagswahl am 22. September eine rot-rot-grüne Dikatatur gibt. Aber he, mal Hand aufs Herz: Droht diese Form der Diktatur nicht von allen Seiten? Ob schwarz, ob gelb, schwarz-gelb oder rot-grün? Michael Wolffsohn fragt: „Wollt Ihr den totalen Staat?“ und antwortet: „Ich nicht“. Das find ich gut, ich will auch keinen totalen Staat, sondern endlich wieder einen mit Freiheit. Für Wolffsohn heißt die Wahlalternative „Freiheit“ oder „Sozialismus“. Beides hat, wie ein alter DDR-Kalauer im Staatsbürgerkundeunterricht erklärte, nichts miteinander zu tun. Und von zwei Dingen, die nichts miteinander zu tun haben, kann eins nicht die Alternative zum anderen sein. Wolffsohn sagt: „Wenn man unter Sozialismus das gigantisch, krakenhafte Anwachsen staatlicher Zuständigkeiten, also behördlicher verordneter Fremdbestimmung auf Kosten individueller Selbstbestimmung versteht, Umverteilung und Schröpfen von Leistungsträgern, dann droht uns unter Rot-Rot-Grün tatsächlich Sozialismus.“ Aber wer versteht Sozialismus schon auf diese Weise? Höchstens noch Herr Westerwelle, der sich mal ähnlich geäußert hat. Wenn der so verstandene Sozialismus eine Drohung ist, möchte man wissen, für wen. Wolffsohn sagt: Für uns. Dieses WIR sind Leistungsträger, also die, deren Leistung im Tragen der Reichtumslast besteht. „Wir Leistungsträger“sind bedroht, wenn die unwürdige Verelendung der Arbeitslosen, Minijobber und Rentner durch das System Hartz Vier beendet wird? Da mag was dran sein. Wenn aber Hartz Vier beendet wird, dann ist das nur eine winzige Linderung der sozialen Ungerechtigkeit in Deutschland, die weder für Hartz-Vier-Opfer noch für elitäre Leistungsträger spürbar wird.

Noch gilt das Grundgesetz. Nach dessen Worten ist kein Wähler den gewählten Parteien hilflos ausgesetzt. Der Souverän muss sich nur auf sein Hausrecht besinnen. Und dann heißt die Wahlalternative: Menschlichkeit oder Sozialfaschismus?

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Rezension: Die Gunst der blauen Stunde

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Rezension Die Gunst der blauen Stunde

 „Von der Stärke der Alltagskomik

Die Gunst der blauen Stunde“ ist der Titel des vierten Buches von Bertina Henrichs und nach „Ein Garten am Meer“ ihr zweites Buch, welches im „Flugblatt“ rezensiert wird. Für Gerneleser und Vielleser liegt im literarischen Stil von Bertina Henrichs bereits der Trend zu einer Literaturentdeckung. Der durchgängige Erzählstil von ganz verschiedenen Geschichten macht bereits dann schon Lust auf das nächste Buch, wenn man „Die Gunst der blauen Stunde“ erst bis Seite 170 gelesen hat. 38 Seiten fehlen dann noch. Der schönste Abschnitt des Buches steht auf Seite 147: „Wir sterben entweder zu jung oder gedemütigt von den Lastendes Alterns. Mit dieser Gewissheit bewundere ich alle Menschen, die lachen und andere zum Lachen bringen. Tiefsinnige Sätze über all das Inakzeptable, Unlösbare und Erniedrigende im Leben kann jeder von sich geben, das ist ein Kinderspiel. Aber das unendlich Komische in den meisten Situationen zu erkennen, das Detail, das alles absurd werden lässt, und diese Entdeckung mit anderen zu teilen, das ist eine Form des Widerstands.“

In dem Roman geht es um eine verheiratete 39jährige Innenarchitektin, die ein Haus erbt und seit zwei Jahren vergeblich versucht, schwanger zu werden. Ihr Mann ist damit nicht ganz unzufrieden. Sie findet das Haus schön, er nicht, weil er, um dort zu wohnen, seinen Job an der Uni Paris aufgeben müsste, und da trennt er sich eben von ihr. Vorher sagt er aber noch „Eine skeptische Einschätzung jeder Situation ist der Beginn der Weisheit“. Sie darauf: „Schwachsinn“. An Situationen, die bei längerer Betrachtung leicht lächerlich oder absurd sind, mangelt es nicht, nur das Erkennen dauert eine Weile. Der nette Tierarzt von nebenan entpuppt sich als Anhänger von Jean Marie Le Peng, der Fremdenführer als enttäuschter Laienhistoriker und der Buchhändler als idealer Freund und Liebhaber, der den in Paris gebliebenen Gatten locker ersetzen kann. Von dem Buchhändler stammt übrigens auch die Kernaussage des Buches von Seite 147.

Bertina Henrichs, „Die Gunst der blauen Stunde“, Hofmann und Campe, Hamburg 2013,

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