BARON VON FEDER: Arsch der Welt ist auch eine Personenbezeichnung

BARON VON FEDER

„Arsch der Welt ist auch eine Personenbezeichnung“

Anus Mundi ist frivoles Latein für den Begriff „Arsch der Welt“. Diesen Beinamen tragen verlassene, aufgegebene, unbewohnbare oder trostlose Orte. Zuweilen passt er auch auf Personen, die es in der Geschichte zum Arsch gebracht haben. Neulich war an einer Hauswand der vom Wetter fast ausgeblichene Rest einer Huldigung zu sehen. Sie zeigte das Konterfei einer nicht auf Anhieb identifizierbaren männlichen Person, das Datum 17. August 1987 und die Parole „Mord verjährt nie“.

 

 

Ach du Scheiße, entfuhrs mir später beim Nachschauen in Büchern. Ich hatte nicht gewusst, dass die Parole kackbraun und das Konterfei einem am 17. August 1987 verstorbenen Gesäßantlitz aus der Nazizeit gehörte. Nazigeschmier an einer Hauswand sieht im Anblick einer Stadt aus wie eine umgestoßene Mülltonne, um deren Dreckbeseitigung sich keiner kümmert.

Ein paar Straßen weiter hatten Kinder die Dreckbeseitigung auf ihre Weise in die Hände genommen. Sie hatten ein Plakat zum sauber halten der Stadt gemalt.

 

 

Unter diese Aussage gehört das Bild von der Hauswand. Dann verbleicht der Rest im Licht der Menschlichkeit.

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GRUPPE 20: Die Rente

Die Rente

Es sprach der Michel sehr verwundert:
„Es bleibt nicht viel von jeweils hundert.“
Er fragt: „Ist der Prozenteschwund
für die Gesellschaft denn gesund?

Darauf sprach das Kapital:
„Ich erklärs Dir noch einmal.
Jeder Euro auf die Rente
schmälert unsere Dividente.

Du kannst statt Weines Wasser trinken.
Dann wird Dein Geldbedarf stark sinken.
Und dieses Geld, das Du nicht nutzt
wird dann von unsereins verputzt.

Michel, hör mir einmal zu:
Wir habens nötiger als Du.
Wir sind schließlich nicht gewohnt
dass man uns schlecht, teils nicht entlohnt.“

„Mir wächst der Wunsch, wenn ich Dich seh
dass ich flugs den Spieß umdreh“,
sprach Michel zu dem kolossalen
verstummten Herrn des Kapitalen.

„Den dreisten Raub tätst Du nicht wagen
würdst Du die Kosten selber tragen.
Steuern sind kein Kapital –
merke Du Dir das einmal.“

Und Michel sprach zu Michaela
„Schatz wir gehn, es war ein Fehla.
Man erkennt zu spät und ist verbiestert
wenn man zum Wohl der Rente riestert.

Die Menschen sein, so wärs integer
ab jetzt ihr eigner Rententräger.“

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FEUILLETON-REZENSION: Mörderisches Schwerin

Rezension „Mörderisches Schwerin“

„Üppig wächst die Fantasie auf engem Raum“

Mit Erstaunen kann man zur Kenntnis nehmen, dass die Reihe Ostseekrimi aus dem Hinstorff-Verlag nichts unversucht lässt, um immer wieder frische Darstellungsformen von Krimis hervorzubringen. Die Anprobe verschiedener Darstellungskleider bekommt der literarischen Garderobe der Reihe ausgesprochen gut.
Jetzt im März 2017 hat Diana Salow den Krimi „Mörderisches Schwerin“ vorgelegt. Ähnlich wie die englische Autorin Dorothy Sayers mehrere Kriminalerzählungen um ihren Ermittler Lord Peter herum aufgebaut hatte, lässt Diana Salow die mörderische Fantasie Schwerins um die Person ihres Ermittlers Kommissar Thomas Berger kreisen. Thomas Berger muss im mörderischen Schwerin vier Fälle lösen. Deshalb heißen die Fälle mit Obertitel „Bergers erster Fall“, „Bergers zweiter Fall!“, „Bergers dritter Fall“ und „Bergers vierter Fall“. Zu besseren Unterscheidung bekommen sie noch einen Untertitel.
Der Berger wird im ersten Fall wie ein beinahe normaler Krimi-Ermittler mit Macken und Schrullen dargestellt. Er hat eine Assistentin, die um ein fehlendes h im Familiennamen fast genauso heißt wie eine Fernsehmoderatorin: Ellen Arnold. Mit der hat der Komissar etwas zu laufen. Die Menschen im Fall sind leicht ein spießig, die Sprache Standard und die Autorin scheint hier sozusagen sprachlich die Scheu vorm Formulieren abzuschreiben.
Des Bergers zweiter Fall ist dann schon der Übergang der Sprache vom zaghaften Formulierungstest zur üppigen Pracht der Elemente, die Krimis zu Krimis machen. Aber es vertieft sich auch der Eindruck, dass Diana Salow die Position des „allwissenden Erzählers“ bevorzugt. Wenn die Erzählung ein Witz gewesen wäre, so käme dies einer Erläuterung der Pointe noch vor ihrer Zündung gleich.
Dem Berger schlägt es im dritten Fall fast den Boden unter den Füßen weg. Er glaubt, ihn durch Alkohol zurück gewinnen zu können. Daher gibt es beklemmende Suff-Szenen und Einblicke in die gnadenlose Unumstößlichkeit der alkoholischen Fremdbestimmung. Der dritte Fall wirkt wie eine Fratze im Fieberwahn.
Den Berger kriegt das Schicksal dann doch nicht unter, sondern er im vierten Fall die Kurve. Diana Salow steigert sich von Fall zu Fall und wagt sich an immer handfestere Sachverhalte heran. Ihre vier Fälle sind Episoden eines von Mordtaten gefüllten Zeitraums. Die verbindende Linie zwischen den Fällen bekommt Diana Salow durch die außerordentlich stark hervorgehobene Beziehungsebene von Ermittler und Personen in seinem persönlichen Umfeld. Die Idee ist gut, könnte aber sprachlich verfeinert werden. Insgesamt sind Idee, Umsetzung und Originalität stellenweise hervorragend und ab und zu eine vielversprechende Fingerübung.

(Diana Salow, Mörderisches Schwerin, Hinstorff-Verlag, Rostock 2017)

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FEUILLETON-REZENSION: Seebrücke in Flammen

Rezension „Seebrücke in Flammen“

„Wenn Totgeglaubte Mörder suchen“

 Die Insel Usedom scheint die kriminelle Fantasie von Buchautoren und Filmmachern gleichermaßen anzuregen. Aber die die bisher fünf auf Usedom handelnden Ostseekrimis von Elke Pupke haben nicht mit der bisher dreiepisodigen Reihe Usedomkrimi des Fernsehens zu tun. Ähnlichkeiten wären rein zufällig und nicht beabsichtigt, sagt der Hinstorff-Verlag. Einer von Elke Pupkes Krimis heißt namlich „Das Mörderhaus am Wald“ und einer der Filme vom Fernsehen heißt „Das Mörderhus“. Die Verlockung, eventuell die erste Verfilmung eines Buches der Ostseekrimi-Reihe zu sehen weicht vor der Glotze dann aber schnell der Erkenntnis darüber, dass Film und Buch inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Es muss wohl an der Gegend liegen, dass sie kriminelle Ideen weckt, und an den kreativen Umsetzerköpfen, die spinnengleich ihre Handlungsfäden auspacken, um Leser oder Zuschauer darin zu fangen.

Von Elke Pupkes fünftem Ostseekrimi ist man durch die Furcht gefangen, dass sich die Handlungsfäden verheddern könnten und Elke Pupke sich hoffnungsvoll im eigenen Gespinst verstrickt. Aber das geschieht nicht. Elke Pupke erzählt, was passiert, wenn Totgeglaubte Mörder suchen und Rollstuhlfahrer laufen können. Wenn man den Krimi durchgelesen hat und sich drei Wochen lang nicht mit der Lektüre befasst, hat man das Gefühl, einen Krimi ohne Polizei gelesen zu haben. Das ist zum Teil eine große Überraschung und zum Teil der Punkt, an dem sowohl Lob als auch Kritik ansetzen können. Lob, weil es ziemlich wenig Krimis ohne Polizei gibt. Im echten Leben bekommt man ja möglicherweise mit, dass in der Gegend Straftaten stattfanden, aber Interna aus der Polizeiarbeit naturgemäß nie. Das ein Fall trotzdem so erzählt werden kann, dass seine Lösung logisch ist, wäre das Lob an dem Krimi. Zu kritisieren ist daran, dass man dann einen  unglaubwürdigen Zufall braucht, um die fehlenden Polizeiinformationen zu ersetzen. Man merkt dem Krimi mit Hochachtung die Mühen dieses Spagats an. Wen Kenner von Pupke-Krimis womöglich vermissen, ist die Dame mit dem Talent der kreativen Vermischung von Sprichwörtern. Sie taucht nur einmal auf. Da versucht sie sich in der Anwendung des Sprichwortes von der Relation der Intelligenz von Landarbeitern zur Größe einer von Friedrich dem Großen flächen deckend zum Zwecke der Volksernährung zum Anbau verordneten Feldfrucht. „Die dümmsten Bauern“, sagt die Dame, „haben die dicksten Eier.“ In Heringsdorf mag das so sein.

(Elke Pupke, „Seebrücke in Flammen“, Hinstorff-Verlag, Rostock 2017)

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FEUILLETON-REZENSION: Der tote Reformator

Rezension „Der tote Reformator“

„Druckerschwärze und Lettern helfen dem Frieden“

 Frank Schlößer hat mit dem Hinstorff-Verlag den Ostseekrimi „Der tote Reformator“ veröffentlicht. Nach den zwei Greifswaldkrimis „Der Teufel vom Ryck“ und „Aufruhr am Ryck“ von Emma Wittenstein ist dies der dritte Mittelalterkrimi und der fünfte historische Krimi insgesamt nach Frank Pergandes „Inselkrähe von Mirow“ und Frank Goykes „Doppelmord: Reuters erster Fall“. Frank Schößers Krimi ist eine erzählung in einer erzählung. Ein Bettler erzählt einem Unbekannten, der in jedem Fall der jeweilige Leser des Krimis ist, die Hintergründe eines Mordfalls, so wie der Bettler die Dinge erlebt hat. Also quasi eine Zeugenaussage. Es geht um einen einen protestantischen Prediger in Rostock, den jemand ermordet hat, sowie tatverdächtige Bürgermeister, Professoren und Kirchenleute, und ein für die Herstellung der Rechtszufriedenheit vorgesehenes Justizopfer. Einige Namen sind historisch verbürgt, die Handlungen der Namensträger entspringen der Fantasie des Autors. Es ist ein solide erzählter Mittelalterkrimi mit einer bemerkenswerten Zentralstelle auf Seite 140 und kurz danach noch. Dort wird ein Treffen des Druckers Ludwig Dietz mit dem Zeugen der Geschichte erzählt. Wenn man alles weg – und nur die Worte von Druckermeister Ludwig Dietz übrig lässt, erhält man ein hochaktuelles Credo für den Frieden und die friedensstiftende und erhaltende Wirkung der Meinungsvielfalt. Ludwig Dietz spricht im Krimi darüber, warum er konkurrierende einander bekämpfende Texte veröffentlicht und damit jedem der Lesen kann zur Verfügung stellen will:

„Wenn zwei mit Worten streiten, dann müssen sie einander verstehen wollen. Deshalb ist es mir wichtig, heute die Anklage und morgen die Verteidigung zu drucken. Das verhindert Scheiterhaufen. Die meisten Scheiterhaufen in Deutschland brennen, wenn nicht mehr gedruckt und geschrieben wird. Diese Druckerschwärze, diese Lettern, helfen dem Frieden. Schon weil einer Lesen lernen muss, wenn er schreiben will.“ (Seite 140 ff)

Wenn aber also Meinungen andere Meinungen widerlegen sollen oder zu Tode überzeugen, dann werden für dieses Ziel notfalls auch Kriege geführt. Das scheint eine so langzeitgültige Wahrheit zu sein mit einer Grundbedingung für den Frieden: Wenn man verschiedene Meinungen gelten lässt, kann man die sonst anfallende Bekämpfungsenergie für gesellschaftliche und kulturelle Zwecke einsetzen. Das ist ein verlockendes Ziel.

„Der tote Reformator“ wirkt auf an dieser Stelle wie eine Mahnung der Vergangenheit an die Gegenwart, die von „Kampf gegen islamistischen Terror“, „Kampf gegen Populisten“ und „Verteidigung der Demokratie“ geprägt ist statt eine gemeinschaftliche Vielfalt mit muslimischen Kulturen, Nischen für Populisten und der Abkehr der Demokratie vom Dogma der Verteidigungsfähigkeit zum Gebot der Friedensfähigkeit zu gestalten.

(Frank Schlößer, „Der tote Reformator“, Hinstorff-Verlag, Rostock 2017)

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für April 2017 ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser, das neue Flugblatt ist fertig:

Das Flugblatt 114-01-04-2017 neues Layout

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BARON VON FEDER: Schichtwechsel im Bundesgarten

ZUEIGNUNG
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„Schichtwechsel im Bundesgarten“

Am 19. März verließ Joachim Gauck die Präsidialkanzel im Bundespräsidentenamt Bellevue. Rechtzeitig zum Frühlingsanfang beginnt die Saison Steinmeier. Frank Walter Steinmeier will als 12. Präsident nach Theodor Heuss, Heinrich Lübcke, Gustav Heinemann, Walter Scheel, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, Johannes Rau, Horst Köhler, Christian Wulff und Joachim Gauck den Garten Deutschland im Glanze seines Glücksfalls blühen lassen. Die Kleingartenanlage „Sellerie und Rosen“ schickte daher dem neuen Saisongärtner folgenden Brief:
„Lieber Saisongärtner, Du und Dein Garten habt Vorbildfunktion. Ihr müsst Ort und Meister sein, damit alles Wachsende gedeihen kann. Wo Pflanzen verkümmern, musst Du Meister mit kluger Hand und grünem Daumen eingreifen. Gib allen Pflanzen die Chance, Früchte zu tragen, damit der Erntedank zum Volksfest werden kann. Bedenke bitte: Wucherkräuter und Ranken bahnen sich oft vom Zaun her ihren Weg Richtung Mitte. Heckenrosen und Liguster können sie ein wenig bremsen. Jeder gute Gärtner aber weiß: Kleinhalten geht. Beseitigen nicht. Versteh uns richtig: Es geht nicht gegen exotische Kräuter, die die Vielfalt bereichern, sondern um den Umgang mit stürmisch Wachsendem, welches bereits innerhalb unseres Gartens ist und aus und auf unserem Boden wächst. Und ist nicht der Begriff vom Unkraut wertend und mißachtend, niemals aber objektiv? Wildwuchs ist bei allen Pflanzen möglich. Da braucht man
einen Gärtner, der das gesamte floristische Wohl für die Erschaffung eines Gartens Eden vor Augen hat. Sehr geehrter Saisongärtner: Können Pflanzen sich gegenseitig als Konkurrenten betrachten und vernichten? Kann man nicht sogar Disteln, Giersch und Brennnessel zum gärtnerischen Gemeinwohl einsetzen? Und im nächsten Ratgeber geht es um den Unterschied zwischen Haufen und Kompost.“

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Lesermitteilungen: Mein Michel was willst Du noch mehr

`Diese Lieder hinter folgenden Links kamen gerade in der Redaktion an. Sie gehören gehört-

"Mein Michel, was willst du noch mehr"
   https://www.youtube.com/watch?v=4_yuQeQE5rY

"Die neoliberale Litanei"
   https://www.youtube.com/watch?v=X7mIx4MwA3M
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FEUILLETON-ZEITGEIST: Wie gehts Euch, Hartz-Schöpfer?

Feuilleton-Zeitgeist

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Wie gehts Euch, Hartz-Schöpfer?

 Des Würgers ruhige Hand an der Kehle.

Ohne Sakko, mit weißem Hemd, stellte Gerhard Schröder sich am 14. März 2003 ans Rednerpult im Bundestag und verkündete eine Politik der Ruhigen Hand. So ruhig sollte die Hand sein, dass kein Hals den sozialen Würgegriff spüren würde, der sich gerade für die ersten Fingerübungen zur Erdrosselung von Arbeiterrechten, zum Ende der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und zur Unplanbarkeit des Lebens durch geringfügige Löhne auch für verantwortungsvolle Arbeiten bereit machte. Seitdem stehen Arbeiter vor einer rechten Gesetzkonstruktion. Der Lohn ist fort, geblieben ist die Zahlung im Krankheitsfall. Im Gesundheitswesen herrscht ein für die Patienten zum Teil mörderischer Wettbewerbsdruck. Operieren unter dem Druck von Zeit, Kosten und Wettbewerb ist unsozial. Kein anderer gesellschaftlicher Bereich hat soviel Subvention verdient wie das Gesundheitswesen.

Die Komplizen des Würgers
Der Rechtsanwalt Schröder hätte diese sozialpolitische Morgengabe für die Wirtschaft nie ohne seine Komplizen hinbekommen. Sie hatten die Aufgabe, die Verarmung der Arbeitslosen zu ersinnen und zugleich „Reform des Arbeitsmnarktes“ zu nennen. Den Betroffenen und der Öffentlichkeit sagten sie, diese Maßnahmen würden unter anderem auch eine Verringerung der Arbeitslosigkeit bedeuten. Nicht so deutlich sagten sie, dass die Anzahl der wieder Beschäftigten Menschen auch dadurch steigen kann, dass man sie in Niedriglohnbranchen steckt und in zeitlich befristete Arbeitsverhältnisse. Einen Nutzen von der Reform hatte nur die Wirtschaft, welche sich mehr Freiheiten im Umgang mit den Beschäftigten wünschte. Die arbeitsrechtlichen Errungenschaften mehrerer Jahrzehnte wurden von der Sozialdemokratie auf dem Altar des Kapitals geopfert.

Der Begriff Hartz-Vier-Opfer für die Menschen, denen Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zusammengelegt, in der Höhe aber nicht addiert, sondern gedrittelt werden sollten, ist schon im ersten Jahr von Hartz-Vier geprägt worden. Das war 2005. Der Name Hartz Vier ist untrennbar mit dem VW-Manager Peter Hartz verbunden, der fand, 345 Euro im Monat für die Gescheiterten am Arbeitsmarkt würden als Monatstaschengeld reichen. Peter Hartz braucht sich vermutlich niemals Sorgen machen zu müssen, als Pate einer Verarmungsgesetzgebung belangt zu werden. Mit den Gesetzen und ihrer Anwendung durch die Arbeitsgemeinschaften der Arbeitsagenturen und Sozialämter (Arge) müssen lediglich die Hartz-Vier-Opfer leben.

Bisher hat noch niemand richtig verstanden, und kein Politiker hat begründen können, wie man ausgerechnet auf diesen Betrag gekommen war. „Wegen der Huren“, hatte Volkes Zorn geschimpft, als Mitte 2005 offenbar wurde, dass Schmiergelder unter anderem zur Finanzierung kostspieliger Prostituierter verwendet wurden. Volkes Zorn ist nicht kausal, aber eindrucksvoll. Das mit den Huren hat jeder verstanden, die wirtschaftspolitischen Schmiergeldzahlungen sollen nun vor Gericht zur Sprache kommen.

Peter Hartz kriegt seinen Ruf nicht wieder rein und die Opfer trotz allem Fleiße keinen Fuß mehr auf den Boden. Hartz war der Einzige, der überhaupt aus der Sozialarbeitertruppe vor  Gericht stand, und zwar vor dem Landgericht Braunschweig. Aber nicht wegen Hartz Vier. Sondern weil die Sexausgabe nicht abgesprochen war und somit als Veruntreuung galt. Über Hartz Vier hat er selbst mal gesagt: „Dieses den Menschen verhasste Gesetz ist untrennbar mit meiner Person verbunden.“

Franz Münterfering und Wolfgang Clement bewiesen hingegen gar kein Unrechtsbewusstsein. Müntefering sprach von Sockelarbeitslosigkeit und meinte mit Sockel vermutlich die Schultern der Armen, die den Wohlstand von ihm und seinesgleichen zustande gebracht haben. Falls man Wohlstand überhaupt zustande bringen kann. Zustande bringen im Sinne von Herstellung oder Produktion oder Gemüseanbau jedenfalls nicht. Aber an diese Frage müssten klügere Leute als ich heran. Einmal als er Hedgefonds mit Heuschrecken verglich, da klang er flott wie weiland August Bebel. Aber am Sozialverrat durch Hartz Vier war er auch beteiligt. Schließlich war er Minister für Arbeit und Soziales. Die Früchte von Schröders ruhiger Hand brachte er als Morgengabe in das erste Kabinett Merkel ein.
Gegen Wolfgang Clement haben sich Strafanzeigen, aber keine Ermittlungen gerichtet. Der Fan der „Initative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die „sozial“ durch „neoliberal“ ersetzt und damit den Arbeitsmarkt als Selektionsfeld der zwischen Starken und Schwachen, Leistungsträgern und Schmarotzern, Lebensfähigen und Verlierern geöffnet hat, hält offenbar die Reformen für notwendig, richtig und erfolgreich bezüglich der eingetretenen Ergebnisse.

Wenn DAS das geplante Ziel war, dann: „Gute Arbeit, Genossen. Wie gehts Euch, Hartz-Schöpfer? “ Und pfui Deibel auf Euch.

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FEUILLETON-REZENSION: Das gespaltene Land

FEUILLETON-REZENSION
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Rezension „Das gespaltene Land“

„Statt Arbeit Job, statt Betrieb Geschäftsmodell“

Ungeordnete Wahrnehmungen.
Früher gab es Arbeitsplätze, heute gibt es Jobs. Früher gab es Betriebe, heute gibt es Geschäftsmodelle. Die Art zu arbeiten und die Art, seinen Lebensunterhalt zu sichern, haben sich zum Wohle Weniger auf Kosten Vieler geändert. Früher ging man arbeiten, um für sich und die Familie zu sorgen. Am Ende grüßte verheißungsvoll eine Rente für den Lebensabend. Heute geht man arbeiten, um überhaupt auch nur sozialversichert zu sein. Und selbst die Sozialversicherungspflicht wird durch Ausnahmen ausgehöhlt, die die Arbeitgeber per Niedrigstlohnsektor von der Pflicht zur Zahlung von Sozialabgaben „befreien“. Die Befreiung der Arbeitgeber von den Sozialabgaben für die Beschäftigten ist zugleich auch die Versklavung derjenigen, die durch abgabenbefreite Löhne nicht mehr in die Rentenkasse einzahlen und daher am Ende auch mit leerer Schüssel am Rententopf stehen.
Minijobber, Gelegenheitsjobber, Arbeitslose, Abgeschriebene, Hartz-Vier-Opfer, Armutsrentner und Bildungsbetrogene bringen die Erscheinungsformen der Spaltung der Gesellschaft genauso umfassend zusammen wie die gelehrten Analysten der gesellschaftlichen Unordnung. Die Wahrnehmungen der Armen und die Darstellung der Wahrnehmung durch die Gelehrten unterscheiden sich nur durch die Zusammenhänge, die beide zwischen den Wahrnehmungen herstellen. Migration zum Beispiel hat nichts mit Hartz Vier zu tun, aber Neoliberalismus mit Krieg, Flucht und Vertreibung. Solch ein weites Feld müsste beackert werden, wenn man einigermaßen sauber hergeleitete ursächliche Zusammenhänge zeigen möchte. Und selbst diese würden unvollständig bleiben. Denn Armut gibt es nicht erst seit dem neoliberalen Sozialfaschismus, der mit der Globalisierung zunehmend in die Arbeitswelten und das Sozialgefüge jeder Gesellschaft eingedrungen ist.
Die Verknüpfung von Armutswahrnehmungen mit Erklärungsversuchen ist bislang trotz zunehmender Menge an Fachliteratur zum Thema Armut chaotisch und nicht immer kausal hergeleitet. Das trifft nach meinem Eindruck auch auf Alexander Hagelükens Buch „Das gespaltene Land“ zu; erschienen im Verlag Knaur Taschenbuch, München 2017, zu.

Risse durch die Gesellschaft
Reiche haben liquide Mittel, um Kosten zu überstehen, welche Armen das Genick brechen würden. Arme können deshalb nicht in dem Maße für die Bildung ihrer Kinder sorgen, wie es Wohlhabende können. Dadurch sinken die Chancen der Kinder, im späteren Leben aus der Armut heraus zu kommen. Aus dem Riss wird ein Graben, aus dem Graben eine unüberwindbare Kluft, und am Ende bilden Arm und Reich „zwei Nationen innerhalb einer Gesellschaft, zwischen denen keinerlei Kommunikation mehr möglich ist“ (Benjamin Disraeli, „Sybil Or The Two Nations“, erstmals erschienen in London 1845) Reiche können sich bessere Gesundheit und eine längere Lebenserwartung als Arme leisten. Den deutlichsten Riss durch die Gesellschaft markieren jedoch Versuche, Wohnviertel von Armen und Reichen durch Grenzzäune und Wachdienste baulich sichtbar voneinander zu trennen.

Schwierigkeiten bei der Verlaufsbestimmung
Bildlich gesprochen sind Klassenerhalt und Klassenaufstieg kaum noch möglich. Aber der Sturz in die Hartz-Vier-Gosse infolge prekärer Arbeitsverhältnisse schwebt heute sogar über Sachbearbeitern der Arge, die ganz genau wissen: Schon morgen können sie auf der Bittstellerseite des Schreibtisches sitzen. Es wäre gehässig zu sagen: „Dann sehen die mal, wie das ist“. Denn es kommt nicht auf die Erfahrung des Leids an, sondern darauf, dieses Leid nicht mehr zur lebensbestimmenden Größe werden zu lassen.

Was hat Neoliberalismus mit Armut zu tun?
Eng mit der Erörterung von Neoliberalismus verbunden ist der Meinungsaustausch zum Freihandelsabkommen TTIP. Für manche ist das Abkommen der neoliberale Teufel, der der globalen Wirtschaft erlaubt, sich über demokratische Anständigkeiten in den internationalen Beziehungen hinwegzusetzen. Andere sehen gerade im Freihandel Chancen für die Wirtschaft in schwierigen Zeiten Für Buchautor Hagelüken ist es so:
„Der Kurs der Globalisierung, der deutschen Firmen eine sagenhafte Expansion erlaubte, ist längst gefährdet. Linke und rechte Politiker in Europa und den USA wollen ausländische Waren an der Grenze aufhalten und neue Freihandelsverträge wie TTIP stoppen.“ (Seite 136)
Da hat sich doch der Teufel im Gewand des Engels dem Autor ins Vertrauen geschlichen.
(Alexander Hagelüken, „Das gespaltene Land“, Knaur München 2017)
Bibliographie weiterer Bücher über den Neoliberalismus (NL)
Kristina Weiland, „Die verratenen Mütter“
Inge Kloepfer, „Aufstand der Unterschicht“
Julia Friedrichs u.a., „Deutschland dritter Klasse“
Ulrike Herrmann, „Hurra, wir dürfen zahlen“
Markus Breitscheidel, Günter Walraff: „Abgezockt und totgepflegt“
Werner Rügemer. Elmar Wienandt, „Die Fertigmacher“
Anna K. „Total bedient“

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