Rezension: Mörder im Chat

Helene Musfedder

Rezension „Mörder im Chat“

Montag, 15. April 2013

Mimis kleine Bettlektüre“, Folge 8: „Opfer, Kult, Atztekenblut

Willst Du noch was lesen, Schatz?“, fragte mein Freund und kam mit einer Art Bauchladen voller Taschenbücher zu mir an meinen Leselümmelsessel. Irritiert und mit ganz leichtem Argwohn schaute ich zu ihm auf. Er lächelte mich an wie ein rechtschaffener Biber, der den ganz Tag über fleißig am Staudamm gebaut hat. Ich ließ meine Blicke über seinen Bauchladen schweifen. Zwei Greiffinger schwebten über der Auswahl wie ein Turmfalke beim Rütteln über einer Maus. Dann griffen die Finger blitzschnell zu. Sie hatten. „Mörder im Chat“ erwischt, einen Krimi von Frank Goyke aus der Hinstorff-Reihe „Ostseekrimi“. Die Finger legten das Buch auf meinem Schoß ab. „Danke, Hasi“, sagte ich zu meinem Freund. Er ergriff meine nun freie Hand und hauchte einen Kuss über den Rücken. Ich strahlte Hasi an. Hasi hoppelte aus dem Zimmer und ich war ungestört.

An Frank Goykes Krimi fiel mir zunächst zuerst ein für Krimis eher ungewöhnliches Spiel mit sprachlichen Bildern auf. Sie sind gekonnt an Situationen angepasst und hängen niemals schief im Textkorpus auf den Seiten. Das wird ganz stark deutlich an den Alkoholabstinenzassoziationen der Kommissarin, die im Roman schon 44 Tage trocken ist, aber ständig Durst hat, Wissensdurst und richtigen Durst. Außerdem hat Frank Goyke die bereits in „Mörder im Gespensterwald“ sowie „Mörder im Zug“ angelegte Tendenz zur Gesellschaftskritik ausgebaut, und zwar mit Geist und Witz und spitzer Sprache. („Früher musste man denken können, heute reichen Schwadronieren und Selbstdarstellung“) Diesmal hat man aber den Eindruck, dass die Charaktere der Personen auch noch begründet werden. Es ist, als würde man die Leute von der Pozilei kennen und aufgrund dessen nichts anderes erwarten, als Frank Goyke sie dann im Text tun lässt. Es geht um einen Fall, der von Oberleutnant Erni von Schweizer Polizei und seinem Kollgen nach Rostock angestupst wird. Der Kollege heißt aber nicht Bert. Goykes Kalauer wissen, wo die Linie zum Klamauk überschritten sein würde. Wussten Sie übrigens, dass die Stadtpolizei von Basel (Schweiz) STAPO heißt? Und die oberste Dienststelle Leitstelle? Das und vieles andere Wissenswerte erfährt man so einfach nebenbei aus dem Krimi. Die Schweiz kommt völlig logisch in die Handlung, nämlich übers Internet. Ein Schweizer beobachtet in einem Chat mit Videocamera quasi life eine Mordfall in Rostock. Daher müssen Frau Riedbiester und Herr Uplegger mal wieder in bewährter Weise ran – immer wieder gleich, immer wieder neu. Die Linie geht etwa so: Webcam – Mord mit Machete – Zeuge per Webcam. Selbst die Wahl der Waffe ist auf einmal logisch, denn sie hängt mit abgebrochenen Forschungen der Sektion Lateinamerikanistik der Universität Rostock zusammen. Der Abbruch wiederum hängt mit politisch motivierten Abwicklungen der Hochschullandschaften in Mecklenburg-Vorpommern nach der Wende zusammen. Es traf damals auch die Regionalwissenschaften in Greifswald, die sich mit Nordeuropa befassten. Insoweit ein präzis realistischer Krimi. Nur das eben nicht jeder gleich mit Macheten andern Leuten den Kopf abschlägt, nur weil das ein gängiges Opferritual bei den Azteken war.

Frank Goyke, „Mörder im Chat“, Hinstorff-Verlag, Rostock, 2013

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Redaktionsmitteilung: Das Flugblatt Nummer 65 vom 15. April ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser, vo dem Ersten Mai gönnt Ihnen „Das Flugblatt“ von ganzem Herzen eine kleine Verschnaufpause, ohne banal zu werden. Die Gesprächsrunde der Rubrik „Aproposia“ diskutiert über Bewegung in der Gesellschaft, und wenn ich noch eine sinnvolle Verknüpfung gefunden hätte, hätte ich hier noch einen Romanisch-Herzöglichen Ruck eingebaut, falls sich an den noch jemand erinnert, ansonsten wäre das gut, sich zu erinnern. In der Rezension ist diesmal wieder ein Ostseekrimi aus dem Hinstorfff-Verlag dran, und Flugblatt-Rezensentin Helene Musfedder war schon tief bedrückt über all den andern Schiet, wo sie sich doch immer auf die Gesellschaftskritik in Krimiform freut, die Frank Goyke zustande bringt. „Der Mann ist Spitze“, sagte Frau Musfedder. „Ja“, sagte der Verlag, „seine Krimis aber auch“. Ich musste in dieser Ausgabe leider wieder über Drohnen schreiben, weil de maizerablen Äußerungen  aus der Politik beunruhigend sind.

Das ganze Flugblatt finden Sie hier: Flugblatt Nummer 65Nr 2-15- 04-2013

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Bewegungsmelder: Gefährliche Gier nach Drohnen

BEWEGUNSMELDER

Gefährliche Gier nach Drohnen“

 Die Tradition der Ostermärsche wäre beinahe vergessen worden. Jedenfalls ist es beschämend, Ostern an alles Mögliche gedacht zu haben, nicht aber an den Frieden und die Abrüstung und die öffentliche Bekundung dieser Sehnsucht. Schließlich ist in Syrien vor der europäischen Haustür Bürgerkrieg und die Bundeswehr weilt zu einem militärischen Arbeitsbesuch in der Türkei. Ihr Arbeitsgerät heißt „Patriot“ und ihr Oberbefehlshaber drängt danach, seinen Arbeitern bewaffnete Drohnen in die nicht wirklich reinen Hände zu geben. Die Tendenz wird stärker, wenn der Blick Richtung Mali und Niger gelenkt wird, wo weitgehend abgeschirmt vor der Öffentlichkeit ein amerikanischer Drohnenparkplatz zur Terrorbekämpfung entstehen soll. Das alles ist gefährlich, weil es nicht kalkulierbar ist. Es wird also schwer, es zu verhindern. Von Drohnen geht genau wie von allen Waffen eine Gefahr für den Frieden aus. Die Politik meint ja, sie müsse sich auf einen eventuellen Krieg vorbereiten, um ihn dann abwehren zu können. Im Westen heißt es immer, Krieg sei das letzte Mittel der Politik. Aber warum wird das letzte Mittel als erstes geprobt? Das ist so verlogen, wie die scheinheilige Fürsorglichkeit eines Gläubigers, seinem Schuldner Gespräche und Beratungen zur gemeinsamen Lösung des Problems anbietet und sich insgeheim schon mal den Mobilmachungsbefehl für das Inkassokommandos besorgt.

 (Denken Sie ruhig an Zypern und Griechenland. Schließen Sie Spanien, Portugal und Italien nicht aus. Denken Sie überhaupt ruhig mal nach, wie man dem Treiben Einhalt gebieten könnte. Menschen können theoretisch fliehen, Staaten nicht.)

Angriffslust und Abwehrbereitschaft erzeugen sich gegenseitig, und dann weiß keiner mehr, wer welchen Part in dem dreckigen Spiel der Rüstungsindustrie spielt. Siehe Nordkorea gegen Südkorea und Südkorea mit dem Rest der Welt gegen Nordkorea. Es gibt einfach keinen gerechten Krieg, so einfach ist das. Die alten Ostermärsche waren zumindest für ihre Zeit nicht umsonst. Zwischen Kaltem Krieg und Globalisierung schienen sie bewiesen zu haben, dass man NACH OBEN Bescheid durchgeben kann, wenn man VON UNTEN beharrlich anklopft.

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Aproposia: Von Aufwallungen eines Zeitabschnitts

APROPOSIA

 Von Aufwallungen eines Zeitabschnittes“

 Das Flugblatt Nummer 65 schaut heute den Schlagzeilen von Telepolis, Tagesspiegel, Spiegel Online, Süddeutsche Online und FAZ online sowie N-TV. Stern Online auf die Sprache. Es geht um die Zeit zwischen 15. März und 07. April 2013

 Moderatorin: Heute spielen wir mal Schlagzeilencollage. Na, was haben wir denn für bewegende Schlagzeilen gefunden? Aber Bevor wir anfangen: Der Zwischenrufer kommt heute nicht, er ist krank und lässt schön grüßen.

Alle zusammen: Gute Besserung, lieber Zwischenrufer.

Telepolis: Apropos Gesundheit: „Wenn Gesundheit zum Luxus wird“ – Immer mehr Menschen in Spanien können keine Medikamente mehr bezahlen. Sttand bei uns.

FAZ: Apropos Zahlungsnot: „UNO warnt vor sozialen Unruhen in Europa“

Der Unker: Die Unruhen sind schon da. Gefahr oder Chance hängt von der Bewegungsrichtung ab.

Spiegel Online: „FAZ, die Informationen haben Sie aber von uns.“

FAZ: Ja, Spiegel, das steht auch in unserem Text so. Wir machen ja keine journalistischen Schavanereien.

Telepolis: Übrigens, Unker, lesen Sie mal „Silent Control“. Wir haben es getan und schrieben darauf: „Das totalitäre Potential ist enorm.“

Unker: Guter Tipp. Ich geb dem Zwischenrufer über unsere Kanäle mal Bescheid.

Telepolis: Ja, tun Sie das.

FAZ: Noch mal zum Thema Arbeit: „Viele Minijobber werden um ihren Urlaub gebracht.“

N-TV: „Krise treibt Menschen in den Tod.“ Dazu passend: „Minijobs nur noch bis 100 Euro – Grüne wollen neue Regelung.“

Süddeutsche: „Wirtschaftsweiser warnt vor gesetzlichem Mindestlohn“ – 8 fuffzich sei entschieden zu hoch.

Unker: Na prima. 8 fuffzich für die Armen ist zu hoch, aber die Diäten für Abgeordnete sollen rauf. Wenn das der Zwischenrufer wüsste.

Moderatorin: Was wär denn dann? Kommt er dann mit dem Heiligen Enterbeil wie Störtebeker und zerschlägt die Schatullen der Reichen?

Unker: Weiß nicht. Gewalt ist ja nicht so sein Ding. Eher Geist.

Abgeordneter aus dem Publikum: Und ICH hab mich schon auf Pfingsten gefreut.

Moderatorin: Also was ist nun los in Europa?

Alle: Im Westen noch nichts Neues, aber es brodelt schon mal.

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Rezension: Wellers Zorn

Helene Musfedder

Rezension „Wellers Zorn“

Dienstag, 02. April 2013

Mimis kleine Bettlektüre, Folge 7: Zum Verrat geschliddert

Etwas war anders, als ich heute morgen in die Redaktion kam. Ich kam nicht sofort darauf, was es war, aber dann hatte ich es. Es war die Begrüßung. Die Jungs grüßten mich das erste mal seit Januar mit „Hallo, Lenchen“. In den letzten Wochen hatten sie „Zombie“ zu mir gesagt. Sehr witzig. Bloß weil der Chefredakteur beim Verlag gequengelt hatte. „Kollegin Musfedder braucht was zum Lesen“, sagte er ins Telefon, „Die läuft hier rum wie ein Zombie mit flackerndem Blick und spricht kein Wort“. Für die Jungs war das ein gefundenes Fressen. Jeden morgen, wenn die Post kam, fragten sie: „Na, Zombie, immer noch kein Buch da?“ Heute schaute ich eigentlich nur zum Redaktionstisch, ob da vielleicht noch ein Osterkörbchen für mich stehen würde. Fast sofort erkannte ich ein Buchpäckchen. Ich drückte es fest an mich. „Zeig mal“, sagte der Volontär. Mit zusammengepressten Lippen schüttelte ich meinen Kopf. „Nun lass Helene mal arbeiten“, sprach der Chefredakteur zum Volontär, „sind die Leserbriefe schon fertig?“ Mit hochrotem Kopf zog der Voli ab. Ich nahm das Buch aus dem Umschlag. Welche eine Wohltat, einen neuen Ostseekrimi aus dem Hinstorff-Verlag in den Händen zu halten. „Wellers Zorn“ heißt der Krimi von Birgit Lohmeyer und fällt durch drei Merkmale auf: Erstens ist der Krimi in Ich-Form geschrieben. Zweitens ist das literarische Ich ein Mann, beschrieben von einer Frau. Das macht sie gut, mir scheint, sie kennt sich aus. Wenn eine Frau Details aus der Rolle eines Mannes erzählen kann, kennt sie Männer. Das ein Mann aus der Sicht einer Frau erzählen kann, ist für mich unvorstellbar. Drittens hat Frau Lohmeyer in der literarischen Rolle als Bewährungshelfer Uwe Weller die so genannte „allwissende Erzählperspektive“ gewählt. Diese Perspektive funktioniert eigentlich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr, passt hier aber hervorragend und zeigt: Es kommt alles mal wieder, es ist nie alles vorbei. Weil also die Erzählperspektive allwissend ist, kann der Ich-Autor Weller alles erzählen, ohne eine Handlung entwickeln zu müssen. Sie ist ja bereits gelaufen. Für den Bewährungshelfer ist auch etwas gelaufen, nämlich seine berufliche moralische Integrität. Die geht flöten, als die Distanz verschwindet. Denn jemand dringt in die Intimsphäre von Weller und seiner Frau ein. Und weil ein Mord passiert, hat Weller Angst um seine Frau. Wenn Männer lieben, sind die mutigsten Helden erbärmliche Feiglinge. Die Ideale von der Menschenwürde, mit der Bewährungshelfer Ex-Gefangenen resozialisieren soll, schmeißt Weller in dem Moment über den Haufen, als er seinen eigenen Mandanten verdächtigt, treibende Kraft in einem Fall von Voyeurismus mit Fotoapparat, Verletzung der Intimsphäre anderer Menschen und einem Mordanschlag mit Säure zu stecken. Aus Angst um sich und seine Frau will Weller nun seinen eigenen Mandanten lieber wieder hinter Gittern sehen und nutzt den kleinsten Bagatellverstoss gegen Bewährungsauflagen, um ihn wieder in den Knast zu bringen. Wellers blankgelegte Nerven steigern das Tempo des Misstrauens wie eine steuerungslose Rutschfahrt auf einer Schlidderbahn. Am Ende wars gar nicht der Ex-Gefangene, den der Bewährungshelfer wegen nichts um seine Resozialisierungschance gebracht hat, sondern der Gärtner. (Gärtner ist eine Platzhalterklischeevariable für einen unerwartet anderen Täter). Irgendwie erinnerte mich das Buch an einen anderen Krimi, den ich mal gelesen hatte, aber ich kam nicht drauf. Abends fragte ich meinen Freund: „Sag mal, kennst Du einen Krimi, wo einer in Ich-Form rückwirkend einen Fall erzählt, wo der für unschuldig gehaltene Vater der Freundin des Erzählers der Täter ist und am Ende sogar noch seine Tochter tötet, wenngleich versehentlich?“. „Ja klar“, sagte mein Freund, „Fred Unger, „Das verbotene Zimmer“.

Birgit Lohmeyer, „Wellers Zorn“, Hinstorff-Verlag, Rostock, 2013

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Baron von Feder: Eine Kleinstadt wird franziskanisch

„Eine Kleinstadt wird franziskanisch“

Die Kleinstadt Barth am Barther Bodden hat zur Lösung ihrer Haushaltslage die Einführung der franziskanischen Wirtschaftsordnung beschlossen. Der Grundgedanke steht in der Broschüre „Omelett oder Rührei – eine Art franziskanische Wirtschaftsordnung“ von Anatol Fabulirowitsch Poet, dessen richtigen Namen keiner kennt. Als erstes sichtbares Zeichen beginnt die Stadt mit Beginn der Pflanzzeit die Einführung von Pflanzenbeeten innerhalb der Stadt. Für den Marktplatz ist vorgesehen, den Brunnen mit  Pflanzkästen zu umkleiden, in denen Mohrrüben, Radieschen, Kohlrabis und Zwiebeln gedeihen sollen. Da es sich um einen Brunnen handelt, ist für die Wässerung der Pflanzen gesorgt. Die Früchte sind zur allgemeinen Ernte vorgesehen.
Die Stadtvertreter beschlossen weiterhin, auf der ganzen Länge der Langen Straße und der Umgehungsstraße Kohlrabatten anzulegen. Dies setzten die Vertreter der CDU zu Ehren ihres ehemaligen Großen Vorsitzenden durch, dessen Wort von den Blühenden Landschaften auf diese Weise im Brechtschen Sinne verwirklicht wird: „Sie ehrten ihn, indem sie sich nützten“. (Aus dem Gedicht: Die Teppichweber von Kujan-Bulak, als sie überlegten, wie sie Lenin ehren sollten)
Das Pilotprojekt zur Einführung der franziskanischen Wirtschaftsordnung soll zunächst auf ein Jahr befristet werden. Wenn sich die gesunde Lebensmittelversorgung durch den städtischen Gemüseanbau als möglich erweist, wollen die Stadtwerke nachziehen und die Einführung der Stromautarkie für Kundenhaushalte prüfen. Die Stadtvertreter beschlossen, den  Ersten April in jedem Jahr als Rechenschaftstag für die franziskanische Wirtschaftsordnung zu begehen.

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Redaktionsmitteilung: Das Flugblatt vom 1. April ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser, in der Aprilausgabe vom Flugblatt befindet sich ein Foto, welches den Fotografen Klaus Ender bei der Arbeit zeigt. Es befindet sich in Flugblatt, um auf die Fotoausstellung „Akt & Landschaft“ hinzuweisen, welche Klaus Ender konzipierte. Seit 1975 findet sie in regelmäßigen Abständen statt, und am 5. Mai 2013 ist das Pommersche Landesmuseum Greifswald Ort der Ausstellung. Weiterhin musste im Flugblatt mal wieder das Thema Hartz Vier bzw. Agenda 2010 aufgegriffen werden, weil sie für ihre Nutznießer als voller Erfolg bejubelt wird, für die Opfer aber ein Grund sich zu wehren ist. Das ganze Flugblatt finden Sie hinter folgendem Link: Flugblatt Nummer 64Nr 2-01- 04-2013

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Bewegungsmelder: Überall regt sich Bildung und Streben

BEWEGUNSMELDER

 Überall regt sich Bildung und Streben“

 Vor Kurzem wunderte sich in einem Zeitungsartikel ein Sozialhistoriker über den geringen Widerstand der Gesellschaft gegen Hartz Vier, Sozialabbau, Agenda 2010 und die Politik von Angela Merkel, die alternativlos ist, weil sie derzeit eine historische Mission erfüllt. Der Mann hat Recht: es regt sich zu wenig Widerstand. Aber er irrt auch: Denn der Widerstand ist in den letzten 5 Jahren beträchtlich gewachsen. Auch WIR hatten unsern 5-Jahr-Plan.

Überall regt sich Bildung, regt sich Streben. (Goethe, Osterspaziergang). Menschen, die vor Jahren noch fatalistisch sagten: „Wir können nichts ändern“ beginnen, Fragen zu stellen. Unter der Deck regt sich das Denken. Wo sich das Denken regt, regt sich das Streben. Das Streben ist die Besinnung darauf, dass Menschen Fähigkeiten haben. Das Prinzip „Fordern und Fördern“ der Hartz-Vier-Politik sollte diese Regung eigentlich unterdrücken und nie mehr aufkommen lassen. Aber die Forderungen wurden höher und die Förderungen kleiner. Da ersannen die Menschen aus eigener Kraft Mittel, um sich zu fördern. Sie begannen, unterschiedliche Fähigkeiten miteinander zu tauschen. Seit die Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Haare schneiden, Nähen, Behördenschreibkram erledigen oder notwendige Fahrten wie Amtsbesuche und wichtige Fahrten wie Urlaub einander gegenseitig zur Nutzung angeboten werden, muss weniger vom Hartz-Vier-Almosen dafür aufgewendet werden. Wenn dieses Gemeinnützigkeitshandeln umfassend genug ist, werden die ARGEN auf Kernkompetenzen zurück gestuft, nämlich Wohngeld zu zahlen und Krankenkassenbeiträge zu übernehmen. Sie wollen es ja, sonst würden sie sich nicht schon jetzt um das Fördern drücken. Die Kosten für Krankenkasse und Wohnen bleiben wohl aber trotz allen Denkens noch auf lange Sicht eine hohe Barriere vor dem Ziel sozialer Gerechtigkeit.

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Rezension: Gesundgevögelt

REZENSION

 von Emanuel Weinlaub

Die Untervögelungskrise“

 Sex ist ein Gesprächsthema. Die Größe eines Themas wird durch das Gefälle zwischen Bedarf und Erfüllung bestimmt. Ob im Zug, im Bus, auf Arbeit oder in der Stadt: Fast alle sind übersexed und untervögelt. Man sieht es ihnen auch an. Die dramatische Untervögelung breiter Teile der Gesellschaft hat Susanne Wendel zum Thema ihres Buches „Gesundgevögelt“ gemacht.

 cover rezi gesundgevögeltDie dramatische Untervögelung der Menschheit ist für normale Menschen das, was für Heuschrecken, Investoren, Spekulanten und Geldgeile aller Art die Banken-bzw. Wirtschaftskrise ist. Ähnlich wie die Banken-und Wirtschaftskrise Freiheiten und Möglichkeiten beschränkt sowie lustfeindliche Regelungen der Arbeitswelt und Vermögensverhältnisse hervorruft, hat die moderne Gesellschaft systematisch jegliche sinnliche Ausbildung in Sexualität unterbunden. Dabei wäre es ein Studienfach wie Kunstgeschichte, Klassische Erotik und praktische Dienstleistung. Und jeder würde es verstehen. Wo, außer auf dem Gebiet der Liebe, würden Hochschule und Allgemeinbildung ohne es zu bemerken besser zusammen passen? Wenn es denn Liebeslehrer und Liebeslehrerinnen gäbe und eine Gesellschaft, in der die Sinnlichkeit zum Idol der menschlichen Entwicklung gehörte. In antiken Gesellschaften gab es so etwas schon einmal. Seitdem ist viel Doppelmoral auf die Liebe geladen worden, aus der sie sich befreien muss. Yoga, Fitness, Jogging, Schwimmen: Alles nur Ersatz. Viel besser und schöner ist Ficken. So einfach soll es sein, so normal. Besonders Politiker sollten mit einem ausgeglichenen Liebesleben privilegiert sein, denn dann würde es weniger Kriege geben.

Soweit ist alles richtig in dem Buch, aber dann wird es falsch. Es passt nicht zusammen, dass das Buch kein Ratgeber sein soll, dann aber ständig ratgebende Anweisungen und Vorschriften macht, nur um am Ende zu sagen: Jeder muss selbst heraus finden, was gefällt. Die besten Kapitel sind die Interviews und Erfahrungsberichte. Im Allgemeinen hat man von Swingerclubs gehört, wüsste aber nicht, wie man sich dort angemessen benimmt. Der Buchbericht jedoch macht neugierig und Lust auf einen Besuch. Mir hat mal ein Freund einen Witz erzählt, der in einem Bordell handelte. Die Pointe funktionierte nicht, weil der Freund nie in einem Bordell war. Abläufe beschrieb er völlig falsch (Zahlungsablauf, Zulässigkeiten, Betriebsorganisation). So ähnlich muss es wohl sein, wenn Leute ohne Fantasie bewerten sollen, was sexuell erlaubt ist. Schön ist, dass man beim Lesen das Gefühl hat, es gibt einen Ausweg aus der Untervögelungskrise: Es kann die Befreiung der Liebenden nur das Werk der Liebe selbst sein. Liebe ist Service für den Partner. Das heißt für Frauen: Spaß haben. Das heißt für Männer: Spaß bereiten. Im Alter bereut man vermutlich die Sünden, die man NICHT begangen hat, rein sexuell-erotisch-oder beziehungsweise betrachtet. Die Befreiung der Liebe von ihren Hinderungsfesseln beginnt mit den Worten. Also weg mit der Bettdecke, Licht an, Balkontür auf und lasset die Liebesposaune erschallen.

Susanne Wendel, „Gesundgevögelt“, Horizonverlag 2012

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Aproposia: Vom Treffer, der ein Eigentor war

APROPOSIA

 Vom Treffer, der ein Eigentor war“

 Beinahe hätte keiner mit bekommen, dass die Erfinder von Hartz Vier und Agenda 2010 sich immer noch für ihren genialen Verarmungscoup feiern. Aber sie mussten ja unbedingt mit Stolz verkünden, dass die Agenda 2010 von Gerhard Schröder et.al. ein voller Erfolg war, der Minijobs für die Mehrheit der Arbeitslosen zu einer attraktiven Alternative machte.

 Moderatorin: „Heute begrüße ich alle, die etwas zu sagen haben, hier oben im Podium zum Thema Agenda 2010 und grüße ganz herzlich unsere Gäste im Publikum.“

Zwischenrufer: „Guten Tag, liebe Moderatorin, liebe Politiker, Expolitiker, Staatschefs, Historiker und Sozialwissenschaftler, das Publikum begrüßt Sie ebenfalls und hofft, Sie nicht ohne den bleibenden Klang unserer Worte im Ohr ziehen zu lassen.“

Ehemaliger Regierungschef: „Wer ist das?“

Moderatorin: „Das ist der Zwischenrufer, Erlebniskenner der Agendapolitischen Auswirkungen.“

Ehemaliger Regierungschef: „Ha-ha-ha.“

Ex-Minister: „Die Agenda war eine mutige Reform, die Deutschland gerechter gemacht hat.“

Sehr kluge Frau aus Berlin: „Ich möchte meinem Amtsvorgänger ganz persönlich danken, dass er mit der Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen hat“.

Der Zwischenrufer: „Hört Ihr, Gefährten, sie meint einen Fußtritt gegen die Tür, wie das SEK früh um 4.00.“

Der Unker: „Wie heißt das Sprichwort? Dem Verderben Tür und Tor geöffnet?“

Regierungsvertreter: „Die Zahl der Arbeitslosen wird bis 2017 auf 2,8 Millionen sinken.“

Ex-Minister: „Eh, Sie Zwischenrufer, hörnse das? Das ist Sockelarbeitslosigkeit, die wird gebraucht, ohne Sockel kein Fundament und ohne Fundament kein…“

Zwischenrufer: „Gefährten, sie bauen den Sockel auf falschen Zahlen. Lasst Euch nicht täuschen, ein falsch berechnetes Fundament trägt keinen Überbau.“

Ex-Minister: „Durch Fördern und Fordern ist der Anreiz zur Aufnahme von Minijobs größer geworden“

Publikum im Chor: „Nichts anderes war im Angebot“

Armutsforscher: „Man wollte Sie nur fordern, um nicht zu sagen, überfordern.“

Sozialrichter: „Warum die Agenda ein Erfolg ist, ist mir ein Rätsel“

Sozialhistoriker: „Mir ist unverständlich, dass sich so wenig Widerstand regt“

Aktiver Staatschef vom Ausland: „Diese Konflikte in Europa können sich gefährlich zuspitzen. Wer glaubt, dass sich die Frage von Krieg und Frieden nicht mehr stellt, könnte sich gewaltig irren. Ich schließe nicht aus, dass wir Gefahr laufen, eine soziale Revolution zu erleben.“

Zwischenrufer: „Gefährten, hört Ihr? Man nimmt uns ernst.“

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