Apropos: Ursulas Leyengabe

Vor vielen, vielen Jahren kam das Mobilfunkunternehmen Viag Intercom auf die Idee, sich umzubenennen in O 2 umzubenennen. Es versprach, dass sich bald niemand mehr daran erinnern könne, dass O 2 früher mal Viag Intercom hieß. Vor ziemlich wenigen Tagen, Mitte September 2010, wollte Ursula von der Leyen in ihrer Funktion als Arbeitsministerin die Stigmatisierungs-Markennamen „Hartz Vier“ in „Basisgeld“ umbenennen. Sie versprach sich und anderen, dass der Name Hartz Vier dann aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden würde.  Ihr Vorschlag ist  von verschiedenen Medien verbreitet worden, aber es scheint keine offizielle Quelle zu geben, wo sie gegenüber wem den Begriff benutzt hätte. Verschiedene Medien schrieben, es habe den Begriff „Basissicherungsgesetz“ gegeben. Sie Süddeutsche Zeitung schrieb, Frau von der Leyen habe in diversen Gesprächen immer nur von „Basisgeld“ gesprochen. Wörtlich zitiert hat niemand die Kernaussage der Arbeitsministerin. Statt dessen kam etwas hinter her. Zuerst kam ein Gemurre. Es besagte, Hartz Vier dürfe nicht Basisgeld heißen. Die Arbeitsagentur, die ihr Umbenennungsritual schon hinter sich hat, und auch die Bundesländer glauben, das alles sei praktisch nicht durchführbar. Das Kanzleramt zog die Mundwinkel deutlich runter und sagte „Nö“. Deshalb wurde noch schnell ein bisschen inhaltlich reformiert, als die beteiligte Politik die Öffentlichkeit noch mit dem Wort „Basisgeld“ beschäftigt wähnte. Das erinnert an Schäuble als Innenminister: Mit lautem Getöse einen Aufreger krachen lassen, und dann still und leise ganz andere aber vollendete Tatsachen zu schaffen.  Wirtschaftliche Markennamen lassen sich eben einfacher umbenennen als politische Markennamen. Ursula von der Leyen sagte „Na dann nicht“, aber seit dem 20. September ist „Basisgeld“ auch gar nicht mehr nötig, denn es fand inhaltlich  eine Neuordnung der Sozialgesetzbuchpraragraphen statt. Weil das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber angewiesen hatte, bei der Berechnung von Hartz Vier die Menschenwürde zu berücksichtigen,  will Ursula von der Leyen die Höhe des Geldes an die Entwicklung der Löhne und Preise koppeln. Wegen der sinkenden Löhne wird Hartz Vier dann gekürzt, und wegen der steigenden Preise erhöht. Unterm Strich bleibt dann alles, wie es ist. Fünf Millionen Erwachsene und 1,7 Millionen Kinder, also 6,7 Millionen Menschen. Hartz Vier gibt es seit 2005. Es ist 2010. Fünf Jahre und die Zahl der Hartz-Vier-Opfer  bleibt konstant. Land und Führung setzen vermutlich auf eine Sockelarmut, auf dem der zur Schau getragene repräsentative Wohlstand Deutschlands posiert.
Wahrscheinlich wäre es gerechter, die Höhe der Sozialleistungen an Manager-Prämien zu koppeln. Das wäre vielleicht eine erträgliche Bezugsgröße.

Veröffentlicht unter Baron von Feder, Feuilleton-Zeitgeist, Uncategorized | Kommentare deaktiviert für Apropos: Ursulas Leyengabe

Glosse: SarraSzenen auf Berliner Bühnen

Montag, 20. September 2010

Autor: Hannes Nagel

SarraSzenen auf Berliner Bühnen

Am Berliner Koalitionstheater wird das Trauerspiel „Die Wespe oder Das schwarz-gelbe Stechgespenst“ weiter gespielt. Buhrufe aus dem Publikum würden zwar gerne die Darsteller in Schimpf und Schande davon jagen, aber das geht nicht. Während einer Vorstellung ist es in Deutschland nämlich verboten, den Theatersaal zu verlassen. Um die Aufmerksamkeit wieder auf das Bühnengeschehen zurück zu lenken, ließ die Intendantin eine Szene zu, in der ein Muslimhasser vorkommt, der einen muselmanischen Namen trägt. Weiterhin kommt eine Frau vor, deren Namen an einen Fluss ohne Wasser, aber dafür mit Gestein, Geröll und Gestrüpp erinnert, Herr Sarrazin und Frau Steinbach sind auf der Probebühne des Koalitionstheaters die Testkristallationskerne, ob es Wähler für Parteien gibt, die noch viel rechter von CDU und CSU stehen, als das Publikum es sich überhaupt vorstellen kann.

DaS kam so: Der Kapitän von Thilo Sarrazins sozialdemokratischem Heimathafen, Siegmar Gabriel, befand, Sarrazin müßte von seinem Liegeplatz vertrieben werden, damit der Hafen nicht boykottiert werde und langsam veröde. Sofort spekulierten die medialen Freibeuter auf den Meeren der Information, ob sich ein Sarrazin damit abfinden werde oder ob es dann zu einem Hafenneubau kommt. Bei N-TV hieß es in einem Beitrag: „Parteigründung liegt in der Luft“. Und wenn man sich die potentiellen Anhänger so anschaue, ohne die die radikalste Partei nichts weiter ist als der schlechte Atem des Gründers, dann könne man vermuten, dass bis zu 20 Prozent der Wähler sich für „Die Sarrazinen“ entscheiden würden. („Sarazene“ ist übrigens ein alter Ausdruck für „Araber“ und „Muslim“. Ich weise nur mal eben darauf hin, falls einem schon die ganze Zeit eine Anmerkung auf der Zunge kitzelt). Laut N-TV meinte ein Meinungsforscher, die neue rechte Partei könnte von Friedrich Merz, Wolfgang Clement, Thilos Sarrazin, Roland Koch oder Joachim Gauck geleitet werden. Das bestätigt meine Theorie. Ich sag jetzt nicht, welche. Als der künstliche Theaterdonner um TS abklang, warf Erika Steinbach noch ein paar Knallerbsen ins Spiel. Sie verließ ihren Platz im CDU-Oben und schmollte, weil sie gegen Polen kein dummes Zeug schwätzen darf. Ihr traut allederdings nicht mal der Meinungsforscher eine führende Rolle in der Partei zu, die alle erwarten, stillschweigend ersehnen beziehungsweise nicht als Gefahr ansehen. Denn die Wähler, die sie repräsentieren könnte, sind ja schon längst alle da. Thilos S. begab ich zur Buchlesung. Es war der Tag, an dem Kurt Westergaard den Preis für Meinungsfreiheit bekam, und zwar aus den Händen von Angela Merkel, welche eine Frau ist, die in Berlin beruflich zu tun hat. Kurt Westergaard ist der Däne von der Zeitung Jyllands Posten, der Karikaturen von Prophet Mohammed veröffentlicht hatte. Deswegen wollen ihn aufgebrachte Islam-Anhänger umbringen, und das findet die Frau aus Berlin mutig, so dass sie ihm den Preis verleiht. Sarrazin dazu: Demnächst werde er den Preis für sein Buch kriegen, und falls die Merkel dann noch amtiere, ebenfalls aus ihrer Hand. Gesehen und gehört. (Im Fernsehen) Vor ein paar Jahren hörte ich Leute sagen: „In Deutschland ist weit und breit kein Führer in Sicht, aber seine willigen Vollstrecker stehen schon in den Startlöchern“. Sarrazin, will Er ein Tänzchen wagen? So mag er‘s sagen, wir tanzen ihn müde, Er rührt uns nicht an.

Veröffentlicht unter Baron von Feder, Feuilleton-Zeitgeist | Kommentare deaktiviert für Glosse: SarraSzenen auf Berliner Bühnen

Genosse Politkomissar vom Verfassungsschutz

Donnerstag, 16. September 2010

Autor: Hannes Nagel

Genosse Politkomissar vom Verfassungsschutz

Und wenn ich mal groß bin, damit ihr es wisst, dann werde ich auch so ein Volkspolizist“, sangen die lieben Kleinen im DDR-Kindergarten und dann auch noch mal als junge Pioniere in der Schule. Sie taten das immer dann, wenn die Genossen von der Patenbrigade aus den Kampfgruppen der revolutionären Arbeiterklasse in die Schulen kamen, um vom Schutz der sozialistischen Heimat zu erzählen und vom BBKF. (Bitter böser Klassenfeind). Inzwischen will ja manchen verschämten Darstellungen zufolge die Bundeswehr in den Schulen Nachwuchs werben. Der Sozialismus nähert sich unaufhaltsam. Und wenn es stimmt, sollen jetzt Leute vom Verfassungsschutz Demokratie unterrichten. Leute! Vom Verfassungsschutz! Schrieb jedenfalls das Magazin Telepolis. ( www.telepolis.de ) („Verfassungsschützer als Demokratielehrer an Grundschulen“) Die Politkomissare vom Verfassungsschutz sollen als Demokratielehrer vor der „extremistischen Indoktrination“ warnen und aus den lieben Kleinen aufrechte Demokraten machen. Dabei wären die besten Demokraten Leute, die mindestens schon mal ein Praktikum in der Diktatur erlebt haben, denn die wissen, was sie tun und wofür sie eintreten. Aber es paßt zu diesem Land, in welchem zielsicher Personen mit der geringsten Kompetenz mit der Lösung von Aufgaben betraut werden, für die tatsächlich sehr kluge Leute gebraucht würden: Renten, Sozialversicherung, Arbeitsmarkt, Absicherung bei Arbeitslosigkeit und Gesundheit. In diesem Sinne: Gute Besserung, Deutschland.

Veröffentlicht unter Baron von Feder | Kommentare deaktiviert für Genosse Politkomissar vom Verfassungsschutz

Apropos Basisgeld

Donnerstag, 16. September 2010

Autor: Hannes Nagel

Apropos Basisgeld

Die geforderten Verbesserungen von Hartz Vier betreffen lediglich den Namen des Unrechts. Es soll nun Basisgeld heißen. Mittelschichtensprecherin Uschi Freifrau von Hohnepiepel aus Waltersdorf-Ulbrichtshagen kommentiert: „Richtig so“. Dagegen fordert Prekariatssprecherin Ida L. aus M. am A. : „Die Medien sollten durch ihre Wortwahl die Verharmlosungsversuche der Sozialverbrecher konterkarieren“.

Was meinen Sie, liebe Leser? Hat Uschi von Hohnepiepel recht oder Ida L.?

Veröffentlicht unter Baron von Feder | Kommentare deaktiviert für Apropos Basisgeld

„Das Flugblatt Nummer 7“ ist da

Flugblatt Nummer 7

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentare deaktiviert für „Das Flugblatt Nummer 7“ ist da

Eine Gesellschaft hat Kachelmania

Montag, 13. September 2010

Autor: Hannes Nagel

Kachelmania statt Menschenwürde

Deutschlands Gesellschaft ist von partieller Kachelmania befallen. Befangene Richter befinden, dass sie nicht befangen sind und erteilen sich die Erlaubnis, den Prozess gegen Jörg Kachelmann weiter zu führen. Sein Verteidiger hält den Staatsanwalt für einen Jagdhund, der besessen ist, seine Fänge in die Beute zu schlagen, aber er drückte es juristischer aus. Juristisch kann ich mich nicht ausdrücken, aber es ist das gleiche gemeint und insofern vom Artikel Fünf Grundgesetz gedeckt. Am Anfang hieß es, dass die Anklage Vergewaltigung heißt, aber das scheint inzwischen nebensächlich zu sein. Es geht nur noch um den größtmöglichen Schaden, den man einem Prominenten zufügen kann. Der Gerichtssaal wird zur Bühne, auf der ein Casting für den besten Nachwuchsregisseur abläuft. Sie alle wollen zeigen, wer die beste Dramaturgie für seine Inszenierung der Wahrheit hat. Das es um Menschen geht, ist nebensächlich.

Veröffentlicht unter Feuilleton-Zeitgeist | Kommentare deaktiviert für Eine Gesellschaft hat Kachelmania

Quergedachtes: Kachelmann und das Schwarze Treiben

Montag, 06. September 2010

Autor: Hannes Nagel

Kachelmann und das Schwarze Treiben

Der von Alice Schwarze bereits schuldig gesprochene Jörg Kachelmann steht seit heute in Mannheim vor Gericht. Alice Schwarzer ernannte sich zur Chefkommentatorin, damit gewährleistet ist, dass die Welt die Wahrheit über Unhold Kachelmann erfährt. Aber Who The Fuck is Alice, das sie sich selbst als Chefbeobachterin einsetzen darf? Der „Stern“ zitierte den Anwalt von Kachelmann. Der äußerte über Madame: „“Frau Schwarzer weiß also schon jetzt, wie die deutschen Medien über den Fall Kachelmann berichten werden, nämlich zu seinen Gunsten. Sie beweist damit seherische Qualitäten und rechtfertigt mit ihrer Unterstellung kurzerhand ihre eigene voreingenommene Berichterstattung über künftige Ereignisse“.

Was ist eigentlich, wenn ein Mensch vor Gericht das Recht auf ein faires Verfahren hat, ihm dies aber nicht gewährt werden kann, weil es durch öffentliche Vorentscheidungen überhaupt nicht mehr fair durchgeführt werden kann? Muss es dann fairerweise nicht eingestellt werden?

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentare deaktiviert für Quergedachtes: Kachelmann und das Schwarze Treiben

Apropos Sarrazin sein Kampf

Mittwoch, 01. September 2010

Autor: Hannes Nagel

Sarrazin sein Kampf

Thilo Sarrazin hat ein Buch vorgestellt, welches niemand wirklich lesen will, aber jeder hält die Thesen darin für genauso schrill, krank und gefährlich wie die Thesen, die ein anderer in einem anderen Buch dargelegt hat. Das Buch von dem anderen hieß „Mein Kampf“, und die erste Rezension dazu soll in der Vossischen Zeitung unter gestanden haben. Sie trug wohl den Namen „Mein Kampf – mit der Deutschen Sprache“. Seins heißt „Deutschland schafft sich ab“. Ich werde es nicht rezensieren. Ich werde es schon deshalb nicht tun, weil sich dieses Buch beharrlich jedem Integrationsversuch in meinen Bücherschrank verweigert. Dabei passen viele unterschiedliche Bücher in meinen Bücherschrank. Einträchtig steht die Bibel neben dem Kamasutra. Neben einer Biographie von Kurt Tucholsky stehen die Memoiren von Henry Kissinger. Das instinktive Ordnungsprinzip heißt „Lachen und Weinen“. Über Sarrazin zu lachen fällt schwer. Versuchen wir es trotzdem. „Intelligenz und Leistung vererben sich“, sagt Reichsrassenwart Sarrazin. Sie, Sarrazin: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Das ist – kennen Sie den? – von Goethe. Und was man nicht erworben hat, kann man auch nicht weiter vererben. Insofern zuckt Sarrazins Intelligenz mangels Potential noch ein bisschen, vererbt sich aber nicht. Das ist, weil Klassik erben und genetisch erben völlig unterschiedliche Dinge sind. Hätten Sie aber selbst drauf kommen können, Sarrazin. Oder nicht? Nein? Dann kucken Sie sich noch noch mal die Fernsehbilder an, die das Volk draußen demonstrieren zeigte, als Sie drinnen Ihr geistiges Spitzenprodukt anpriesen. Da stand auf einem Plakat „Halts Maul“. Herr Sarrazin, Sie wissen, was zu tun ist.

Veröffentlicht unter Baron von Feder, Feuilleton-Zeitgeist | Kommentare deaktiviert für Apropos Sarrazin sein Kampf

Kultur: Schachkonstrukte aus Apolda

 

Kultur

Donnerstag 26. August 2010

Schachkonstrukte aus Apolda

Autor: Hannes Nagel

Schachkonstrukte aus Apolda

Es ist August. In Apolda wird Schach gespielt. Schach ist ein altes Spiel und Apolda eine Stadt in ihren besten Jahren. Apolda ist wie eine reife attraktive Frau, die mit Pflege und Kosmetik immer noch Herzklopfen bewirken kann. Frauen und Städte sind sozusagen das, was sie aus sich machen. Apolda wurde, wie Apolda ist, durch das lebhafte Gewerbe, welches hier seit dem 14. Jahrhundert betrieben wurde. Die Tendenz ist zur Zeit leider abflauend. Stat dessen gibt es in Apolda aber lebhaftes Schachspiel. Schach wird seit 1992 gespielt. „Open Schach“ heißt die Veranstaltung, seit es sie gibt, und ebenso lange hat Lutz-Dieter Gruber mit dem Open Schach von Apolda zu tun.

Lutz-Dieter Gruber ist einer von den Schachspielern, die sich am Ende eines Spieles mit den Möglichkeiten befassen, wie das Spiel auch hätte ausgehen können. Eine Schachfigur hat mehrere Optionen, aber der Spieler kann sich nur für eine einzige entscheiden. Schach ist die Reduzierung der Möglichkeitsvielfalt auf eine einzige EntscheidungDas kann zum Sieg führen oder auch nicht, und dann kommen Lutz-Dieter Gruber und die Schachfreunde von der Disziplin Schachstudien-Entwicklung zusammen und denken die nicht genutzten Möglichkeiten durch. Das Militär würde dazu „Manöverkritk“ sagen. Vielleicht sind deshalb so viele Politiker, Staatsmänner, Wirtschaftsführer und Machtinhaber vom Schachspiel fasziniert. Die „Deutsche Schach Zeitschrift“ befragte einmal berühmte Schachspieler nach den typischen Charaktereigenschaften von Spielern. Manchen Spielern bescheinigten die Befragten „einen Hang zum Zynismus, der Abschrecken kann“. Andere hatten in der Schachszene „viele freundliche, offene und beeindruckende Menschen kennengelernt“. Es konnte auch beobachtet werden, dass „die meisten Spieler recht intelligent sind, aber nicht alle von ihnen nutzen diese Fähigkeiten auf sozialem Gebiet“. Das müssen vermutlich die Politiker und Staatsmänner unter den Schachspielern gewesen sein. Wenn einmal die Schachfiguren selber Spieler wären, dann wären sie bestimmt aus ihrer Erfahrung heraus daran interessiert, die andere Seite zu erreichen, ohne die jeweils andersfarbigen Figuren vom Brett zu schlagen. Lutz -Dieter Gruber meinte, eine solche Spielweise sei nur dann möglich, wenn die Regeln zuvor geändert würden. „Es liegt an den Bauern. Alles hängt von den Bauern ab. Und immer werden sie geopfert“, sagt er. Das ist wie im wahren Leben. Wenn man einmal im Reglement zuließe, dass die Bauern auch dann schräge Züge machen dürften, um den Andersfarbigen aus dem Weg zu gehen oder um sie herum, und das Ziel des Spieles nicht wie im kriegerischen Sinne im Sieg bestünde, sondern im humanistischen Sinne darin, dass Weiß Scharz besucht und Schwarz Weiß, dann könnte man so spielen. Aber das wäre ein anderes Spiel. Und wenn Weiß nicht will, braucht Schwarz es gar nicht erst zu versuchen, Regeln und Ziele ändern. Das ist beinahe schon revolutionär.

Veröffentlicht unter Feuilleton-Zeitgeist | Kommentare deaktiviert für Kultur: Schachkonstrukte aus Apolda

Rezension Der Kampf um die Tiefsee

Baumlose Wälder, wasserlose Meere, volle Konten

Gerade erst verstummt der Skandal um die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, da bringt der Verlag Hofmann und Campe in zweiter Ankündigung das Buch „Der Kampf um die Tiefsee“ heraus. Untertitel: Wettlauf um die Rohstoffe der Erde. Vefrfasserin: Saraqh Zierul. Ohne die Erdölschweinerei von BP („Deepwater Horizont“) könnten politikverdrossene Menschen und solche mit einer „Was geht mich das an“-Einstellung sagen, das Buch sei mal wieder so ein Unkenruf. Aber die Tatsachen beginnen das Buch zu überschwemmen. Sein Erscheinen war damit zwingend notig. Gefahr im Verzug. Eiliger Handlungsbedarf. Die Meere sind die letzte Schatzkammer der Schöpfung, weil der Mensch sich lieber auf dem Mond und unter der Vegetation der Regenwälder wie auch im Ewigen Eis herumtrieb als im Meer. Eine letzte Scheu hielt ihn ab, seine Begehrlichkeiten frei zu lassen. Jetzt sind sie alle soweit, technologisch betrachtet und und hinsichtlich der kriminellen Energie, die jetzt weitaus größer als als die letzten Hemmnungen von Skrupel, Moral, Ethik, Verantwortung. Die Rohstoffe an Land sind alle schon verteilt. Um die Rohstoffe im Meer ist der Startschuss zum Wettlauf gerade erst gefallen. An Land gibt es keine Fläche, die niemandem gehört, im Meer gibt es noch Exterritorialität. Das macht es so einfach und verlockend: Einfach hin und an sich reißen. Niemanden fragen zu müssen. Aber das kann und wird zu politischen Konflikten führen. Bei der Eroberung der festen Welt führte auch fast jeder Gebietsanspruch mitsamt dem dazugehörigen Rohstoffanspruch zu Krieg und zu Zerstörung von Lebensraum. Es gibt zwar auch Tiefseeforscher mit hehren Ansprüchen und hohen Idealen – Forschung, Humboldt, Wissen, Verstehen – aber auch für die Tiefsee gilt, dass es keine freie Forschung gibt. Krebsezähler am Meeresboden dürfen das nur dann unbeeinflusst tun, wenn sie nebenbei dem Ausrüstungssponsor ein paar Pröbchen von Manganknollen, Ölfeldern und ein bisschen noch von dies und das mitbringen. Die Forscher müssen nach Ansicht der Geldgeber gar nicht so genau wissen, wozu ihre Erfgebnisse dienen. Es sollte nicht immer nach den Ansichten der Geldgeber gehen. Die Ansichten der Autorin über die Kriegspotentiale aus dem Tiefseeraubbau sind etwas sehr verstreut und versteckt. Aber eine Karte liest sich wie eine Zusammenfassung: Wenn alle darin eingezeichneten untermeerischen Rohstofflagerstätten zu nicht-staatlichen militärischen Konflikten führen (umgangssprachlich auch „Krieg“ genannt), dann sind die Artenvielfalt der Meere und die Freiheit der friedlichen Schifffahrt und das globale Klima extrem gefährdet.

Das bestätigen aber auch andere Medienberichte.

Zeigt der Kompass bald nach Süden?“, hieß ein Beitrag auf der Webseite von n-tv. am 30. 6.2010 – zwei Tage, nachdem Sarah Zieruls Buch fertig war. Immerhin lässt sich nicht ausschließen, das metallische Erze und Magnetismus zusammenhängen und ein Abbau der Erze im Meer die Kompasse nervös macht. Oder Spiegel Online, 11. Juni 2010: „Forscher finden große Mengen Manganknollen“, und zwar irgendwo südlich von Los Angeles. Es waren dieselben Forscher, denen Sarah Zierul bei der Arbeit über die Schulter geschaut hatte, um ihre Reportage über den Tiefseeraubbau zu schreiben. Es drängt sich der Eindruck auf, das sich der Mensch in Bergbaukonzessionsinhaber und Umweltbearbeiter einteilen lässt. Die Umweltbearbeiter sind die, die für eine handvoll wertlosen Geldes mit einem Bagger oben auf einem Hügel stehen, unter sich alles wegbaggern und sich dann wundern, wenn der Bagger kippt und im Modder versackt. Früher, als es noch Bäume gab, sagte man: Der Mensch sägt den Ast ab, auf dem er sitzt. Genützt hat ihm schon das nicht.

Sarah Zierul

Der Kampf um die Tiefsee“

Hoffmann und Campe, Hamburg 2010

ISBN: 978-3-455-50169-8, 22,00 Euro

Veröffentlicht unter Feuilleton-Rezension | Kommentare deaktiviert für Rezension Der Kampf um die Tiefsee