FEUILLETON-REZENSION: Jahrbuch der rechten Gewalt

Rezension „Jahrbuch rechte Gewalt“

„Rechtsstaat oder Staat der Rechten?“

Manchmal benutzt man für die Beschreibung von einfachen Leuten die Phrase „Leute wie Du und ich“. Einfache Leute sind welche, die Sorgen haben oder ihre Arbeit verloren, die vorne und hinten mit ihrem Einkommen nicht auskommen, auch Menschen, deren Blütenträume verwelkt sind wie Illusionen über ein schönes Leben mit Urlaub, Haus und Auto. Einfache Leute suchen einfache Antworten. Einfache Antworten sind einfach zu verstehen. Was man einfach versteht, kann auch zu einfachem Handeln führen. Karl Marx hatte sich nicht daran gehalten. Darum hatten die meisten einfachen Leute, die es anging, „Das Kapital“ auch nie verstanden und die einfache Handlungsanleitung „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“ konnte nicht greifen. Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts griffen daher andere Vereinfacherparolen in Deutschland und hatten Antworten, die die Mehrheit der einfachen Leute merkwürdigerweise sofort verstand. Die Antworten hießen „Deutschland den Deutschen, die Juden sind an allem Schuld und Schluss mit dem Schmachfrieden von Versaille.“ Diejenigen, die sich damals das Denken bewahrten, schüttelten die Köpfe, aber auch sie standen vor dem Problem, dass man braunem Geifer nicht mit Argumenten beikommen konnte. Sie erlebten ebenfalls, dass Klugheit und Geist sich nicht gegen nackte Brutalität von Spracheinsatz, Körpereinsatz und Waffeneinsatz behaupten konnten. 71 Jahre nach dem Ende der braunen Phase Deutschlands erschien im Münchner Verlag Knaur Taschenbuch eine chronologische und analytische Beschreibung rechter Gewalt im Jahre 2016. Das „Jahrbuch rechter Gewalt“ trägt den Untertitel „Hintergründe, Analysen und die Ereignisse 2016“. Zusammengefasst wird die belegte Gewalt von Neonazis, Afd und Pegiden als Chronik des Hasses. Von Oktober 2015 bis Oktober 2016 listen die Autorin Andrea Röpke und ihre Mitarbeiter die Vorfälle auf, die sich aus Zeitungsartikeln, der Kriminalstatistik und Gerichtsberichten nachweisen ließen. Die Fälle reichen von plötzlichen Faustschlägen auf nichtsahnende Passanten über Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, Überfälle auf Versammlungen oder Feiern von normalen Menschen bis hin zu Beleidigungen und Diskriminierungen, die auch vor kleinen Kindern nicht halt macht, und eine solche Feigheit müsste der Gesellschaft die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen, besonders wenn sie nichts tut. Die geballte Ladung der Vorkommnisse eines Jahres, jeweils verdichtet in einem Monat, zeigen im Grunde eine Alltagshäufigkeit von Nazigewalt in Deutschland, die beinahe an eine permanente „Reichskristallnacht“ erinnert. Nazigewalt fand in dem betrachteten Zeitraum beinahe täglich und beinahe flächendeckend im ganzen Gebiet der BRD statt. Die Vorfallshäufigkeiten sind nur ein Teil des Schreckens, den das Jahrbuch veröffentlicht. Es enthält zusätzlich noch Hintergründe und Analysen im Anschluss an die Monatschronologien, in denen Fälle so brutal detailliert beschrieben werden, als würde man beim Lesen Augenzeuge der Vorkommnisse. Einen breiten, aber ohnmächtigen Anteil an den Analysen haben die Untersuchungen über die Ursachen des Erfolgs der nationalsozialistischen Wiederauferstehung in Deutschland. Wie kann es zum Beispiel sein, dass rechtsradikale Gegröhlemacher im Gegensatz zu poetisch-menschlichen Liedermachern wie Reinhard Mey oder Hannes Wader ohne Gefühl für Sprache, Reim und Metrik und dennoch mit plumpen besoffenheitsgrammatikalischen Texten insbesondere junge Menschen mit sich reißen? „Mit sich“ ist, wie die jungen Menschen eventuell noch nicht wissen können, eine Bewegung „ins Verderben hinein“. Im Grunde parodieren die Rechten auf verzerrende Weise die Dissidentenkultur kritischer ostdeutscher Liedermacher gegen Mfs und SED. Andrea Röpke schreibt in dem Jahrbuch auch, dass die Rechten sich tatsächlich in der Rolle von kritischen Regimegegnern und Dissidenten sehen. Man könne dies daran sehen, dass die Pegiden und die AfDler „Wir sind das Volk“ rufen und damit behaupten, sie seien eine neue Bürgerbewegung, die den Grund für ihre Aktivitäten mit der Gesellschaftskritik in der Endphase der DDR gleichsetzt. Gründe für eine notwendige Gesellschaftskritik, die zugleich auch eine „Besorgnis“ über die weitere Entwicklung der Europäischen Union, der neoliberalen Globalisierung und dem Sozialabbau in Deutschland ist, gibt es tatsächlich. Aber man muss zu sagen haben, was bedrückend ist, und kompetent sein für einen Aufschrei oder ein weithin vernehmbares Verbesserungsangebot. Die pegiden Nazis sind aber nicht kompetent noch haben sie etwas zu sagen. Wenn man kritisieren will, so möge man dies konstruktiv tun und nicht gegen Flüchtlinge hetzen. Den Schwächsten der Gesellschaft die Schuld zuzuweisen ist dumm und kann auch gefährlich werden, indem solche Schuldzuweisungen zur Gewalt anstacheln. Insofern wäre Integration Friedenssicherung. Ähnlich hat sich ja auch schon der Königsberger Philosoph Immanuel Kant in der Schrift „Vom ewigen Frieden“ geäußert. Ein jeder möge nach seinem Wunsch fremde Länder betreten dürfen, um sich dort zunächst als Gast aufzuhalten und dann der dortigen Gesellschaft als Mitwirkender am großen Ziel Gemeinwohl anzubieten. Dann kann sie ihn entweder aufnehmen oder ablehnen. Leider drückte sich Kant etwas schachtelsätzig aus, so dass der Gedanke im Originalzitat schwer zu verstehen ist. Was aber die Nazis mit den Gästen und potentiellen Gemeinwohlmitwirkenden machen, ist die zunehmende Bereitschaft zu „Knüppel-auf-den-Kopf“ und „Stiefel-in-den-Bauch“. In dem Jahrbuch der rechten Gewalt wird festgestellt, dass jahrelang Medien und in ihnen diverse Politiker ein politisches Desinteresse der Gesellschaft beklagten. Nun ist ein stark verzerrtes politisches Interesse da, nämlich bei den Nazis, und es ist nicht das gewünschte konstruktive Interesse, sondern die teuflische Profilseite des Gesellschaftsgesichts, welches in der Gewalt und der Unsicherheit eine Art politischen Tätigseins sieht. Angesichts dessen stellen die Autoren im letzten Drittel der Einleitung die Frage: „Wie steht es mit der Widerstandskraft einer engagierten Zivilgesellschaft“ und resümieren: schlecht. Denn die Nazis proklamieren Begriffe für sich und geben ihnen braune Inhalte, so daß anständige Menschen kaum noch harmlos von „Heimat“ sprechen können, ohne in Nazi-Nähe gerückt zu werden. Das gilt nicht für den Begriff „Heimat.“ Das Gefühl von „Besorgnis“ wird ebenso mißbraucht. Am Ende führt das dahin, das man höllisch aufpassen muss, um mit berechtigten Ausdrücken nicht versehentlich Naziparolen nachzuplappern. Diie Folgen könnten Sprachlosigkeit oder Gestammel sein. Und wer am Ende nicht klar Nein sagen kann oder einen konstruktiven Vorschlag ausformulieren kann, der hat die Sprachentwicklung den Nazis preisgegeben, wie damals, als sie daraus die Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches, machten. Sprache dient der Verständigung und nicht der Deutungshoheit über Politik, Gesellschaft und Geschichte. Ich glaube, es gibt ein einfaches Mittel, um herauszufinden, ob mit einer Formulierung gerade Nazis eine braunpolitische Umdeutung von Begriffen und Werten im Kampf gegen Schwache zu benutzen. Wenn der Kontext der Begriffe noch mit dem hohen Gut der bürgerlich-humanistischen Zivilcourage übereinstimmt, dann kann man getrost zustimmen. Sobald sich die Sprache aber gegen Würde und Rechte der Menschen richtet, sie gefährdet oder gar beeinträchtigt, gehört den Nazis die Lautstärke gedrosselt.

(Andrea Röpke u. a. , „Jahrbuch der rechten Gewalt“, Knauer, München 2017)

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt von Januar 2017 ist fertig

Das erste Flugblatt für 2017 ist zugleich das Flugblatt Nummer 111 seit seiner Erstausgabe. Ich möchte solange weitermachen, bis mich ein Erfolg bestätigt.

Hier ist das vollständige Flugblatt: Das Flugblatt 111-01-01-2017 neues Layout

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GRUPPE 20: Soll ich….?

Soll ich….?

Soll ich in mein Tagebuch notieren
„Ich würde gerne Lieder komponieren,
mit frechem Geist und höhren Unterhaltungswerten
als die Uni-Reden von Gelehrten?“

Ich würd sie gerne derart schreiben
dass sie im Gedächtnis bleiben
der Leserschaft vom Feuilleton,
ob mit, ob ohne Staatspension.

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BARON VON FEDER: Kriegsgeheul gehört nicht zur Meinungsvielfalt

ZUEIGNUNG FÜR 2017
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„Kriegsgeheul gehört nicht zur Meinungsvielfalt“

Liebe Leserinnen, liebe Leser, im Alltag ist regional nichts von den Kriegen in der Welt zu spüren. Ab und zu erinnern Kondensstreifen von Militärflugzeugen und die damit verbundene Lärmkulisse an Syrien, Krieg, Flucht, Manöver, Terrorismus und elendes Sterben in erbärmlicher Not. Ansonsten aber spannen sich in Europa bildlich gesprochen immer noch Seidenhemden über Wohlstandsbäuchen. Anders als zwischen Spanischem Bürgerkrieg 1936 bis 39 und dem Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 45 gibt es durch Internetkommunikationsdienste Informationsmöglichkeiten für jeden, die damals bestenfalls von Wochenschauen, Fronturlaubern und Augenzeugen bedient werden konnten. Oder von Lokalspionagekräften. Die Quellen von damals und die von heute haben miteinander gemein, dass sie schwer überprüfbar sind. Durchaus interessante Interviews auf Youtube kann man nicht bewerten, wenn und weil man über die Personen nichts erfährt, die dort argumentieren. Auf Youtube vorgetragene Meinungen mögen ja interessant argumentiert sein, aber man sollte auch wissen, wer der Mensch ist, damit man den Einfluss von dessen Lebenserfahrung auf seine Bewertung der Dinge beurteilen kann. Das gehört zusammen. Sonst passieren solche Dinge wie eine versehentliche Veröffentlichung eines Artikels in einer rechtslastigen Zeitung. Es können ganz komische Missverständnisse auftreten, wenn man zum Beispiel campact mit compact verwechselt. Campact ist eine politische Gruppierung, die per Unterschriftensammlung online versucht, Volksentscheide herbei zu führen, und compact gilt als Zeitung, wo hoch gebildete Geisteswissenschaftler trotz aller Bildung rechtsbräunliche Gedanken publizieren. Dabei müsste es doch ganz einfach sein: Man misst an einem Text, welchen Wert die Menschlichkeit darin hat, und beurteilt dann das Gesagte. „Die Wahrheit muss man akzeptieren, egal aus welcher Quelle sie kommt“, meinte der Philosoph Maimonides. Dann aber muss sie auch jeder äußern dürfen ohne gleich bekämpft zu werden. Denn eine Bekämpfung von Meinungen kann niemals dem Ideal einer Meinungsvielfalt in der Gesellschaft dienen. Zur Zeit meinen sogenannte Sachverständige auf dem Gebiet des Herrschaftswissens, dass Minilöhne und Sozialabbau unvermeidlich sind und das Aufrüstung nötig ist, um den Wohlstand zu erhalten. Welchen und wessen Wohlstand? Nützliche
Idioten von etwas verdeckt Herankommendem verkünden inzwischen lautstark, dass Asylanten an dem von Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Wolfgang Clement, Peter Hartz, Ulla Schmidt und den aus neoliberalen Wettbewerbsadepten der FDP bestehenden Wegbereitern der AfD verursachten Sozialabbau und Schaffung dauerhafter Armut Schuld seien. Man kann solcher Meinung sein – aber man sollte sie in gemäßigter Lautstärke äußern. Manchmal kann es auch eine Gnade sein, wenn die Dummheit, die man spricht, nicht von allzu vielen Menschen gehört wird. Wer meint, Kriegsgeheul wäre das richtige Lied zur Zeit, soll es sagen dürfen, aber nur, damit man ihn unter seiner Maske erkennen kann. Aufrufe zu Fremdenhaß und Kriegsverbrechen sind keine Meinungen im Sinne der Meinungsvielfalt, sondern Straftaten wie Mord, Vergewaltigung und Wohnungseinbruch. Wenn einer meint, dies tun zu dürfen, so irrt er. Wenn welche meinen, sie dürften ein Verbrechen begehen, so ist dieser Irrtum keine Meinung und gehört nicht zur Meinungsvielfalt. Weiterhin meine ich, dass eine weltbürgerliche kosmopolitische Integration unterm Herzschlag von Menschlichkeit und Nächstenliebe ein unerhört irrationales und daher erfolgversprechendes Mittel zum Frieden ist, auf dass auch rational-emotionslose Kriegstreiber hören. Sie sollen ja nicht zur Vernunft kommen, sondern zur Menschlichkeit. Stattdessen: Haben Sie schon gehört, dass unter der Leitung von Regierungssprecher Angelus Merkelsheimer alias Steffen Seibert ein „Desinformationsabwehrzentrum“ entsteht? Heiliger Thomas de Maiziere, der Du mit einem Blick durch Deine kluge Brille die Terrorgefahr im Stadium ihres Entstehens erkennst: Wirf doch mal einen Blick auf die hierdurch möglicherweise entstehende Gefahrenlage für den Artikel 5 des Grundgesetzes, in welchem geschrieben stehet: Zensur findet nicht statt.

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FEUILLETON-ZEITGEIST: 6000 Füße nach Aleppo

Feuilleton-Zeitgeist

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„6000 Füße nach Aleppo“

Einen Tag nach der Raserei eines Sattelschleppers in einen bunt bevölkerten Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin mitToten und Schwerverletzten am 21. Dezember 2016 gab es in den Nachrichten des Senders N-TV eine bis dato unerhörte Meldung: Am zweiten Weihachtsfeiertag sollen 3000 Pilger zu Fuß von Berlin-Tempelhof nach Aleppo in Syrien aufbrechen.

http://www.n-tv.de/panorama/Zu-Fuss-von-Berlin-nach-Aleppo-article19377986.html

Drei Monate haben die Organisatoren eingeplant. Ihr Leiter ist eine polnische Journalistin, heißt es in der Meldung weiter. Niemand hatte den Plan zuvor publik gemacht. Die Planungen verliefen also im Stillen. Fast ein Jahr lang konnten 130 Personen planen und organisieren – von der Pilgerroute über die medizinische Versorgung bis zu den lästigen Formalitäten an Grenzübergängen und bei Konflikten mit Gesetzen in den jeweiligen Ländern. NTV schreibt, dass die Route über Tschechien, Österreich, Slowenien, Serbien, Mazedonien, Griechenland, Türkei nach Syrien gehen soll. Syrien ist nur einer von mehr etwa zehn Kriegen und einer großen Zahl gewaltätig ausgetragener regionaler Konflikte. Einer endete 2016 mit einem Friedensabkommen, und zwar ein innerere Krieg in Kolumbien. Zu befürchten ist möglicherweise dass der Krieg in Jemen so in den Blickpunkt rücken wird wie derzeit Syrien. Darauf deutet eine Zunahme der Medienberichte über Jemen hin. Wo Berichte zunehmen, sind Dinge im Gange. Ohne Dinge im Gange gäbe es nichts zu berichten. Die Zunahme der Berichte wirkt wie ein Frühwarnsensor. Da mag man sich vorstellen, dass der Pilgerzug nach Aleppo zum Frieden stiften auch friedensstiftende Pilgerzüge in alle anderen derzeitigen Kriegsgebiete nach sich zieht. Die unerhörte Begebenheit von 2016 erinnert an eine ebenfalls unerhörte Begebenheit von 1219. Damals ging der Mönch Franziskus von Assisi ebenfalls in den Nahen Osten und predigte vor dem tausendmann starken Heer des Sultans Melek el Kamil in Fariskar, dass niemand töten soll und das es keinen gerechten Krieg gibt. Der Sultan war beeindruckt, aber die Friedensstiftung blieb symbolisch. 797 Jahre später versucht eine ähnliche Aktion das gleiche Ziel zu erreichen.

 

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DAS FOTO: Bald Vollbeschäftigung

Bald Vollbeschäftigung

Das Arbeitsbeschaffungsprogramm aus dem Weißbuch Bundeswehr wird planmäßig umgesetzt. Zuerst muss hinten alles stimmen, bevor es vorne losgeht.

Das unterste Foto war einmal an einem Laternenpfahl angeklebt worden. Ich weiß weiß nicht wo ich weiß nicht wann.

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt vom 1. Dezember 2016 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, im Alltag ist regional nichts von den Kriegen in der Welt zu spüren. Ab und zu erinnern Kondensstreifen von Militärflugzeugen und die damit verbundene Lärmkulisse an Syrien, Krieg, Flucht, Manöver, Terrorismus und elendes Sterben in erbärmlicher Not. Ansonsten aber spannen sich in Europa bildlich gesprochen immer noch Seidenhemden über Wohlstandsbäuchen. Anders als zwischen Spanischem Bürgerkrieg 1936 bis 39 und dem Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 45 gibt es durch Internetkommunikationsdienste Informationsmöglichkeiten für jeden, die damals bestenfalls von Wochenschauen, Fronturlaubern und Augenzeugen bedient werden konnten. Oder von Lokalspionagekräften. Die Quellen von damals und die von heute haben miteinander gemein, dass sie schwer überprüfbar sind. Durchaus interessante Interviews auf Youtube kann man nicht bewerten, wenn und weil man über die Personen nichts erfährt, die dort argumentieren. Auf Youtube vorgetragene Meinungen mögen ja interessant argumentiert sein, aber man sollte auch wissen, wer der Mensch ist, damit man den Einfluss von dessen Lebenserfahrung auf seine Bewertung der Dinge beurteilen kann. Das gehört zusammen. Sonst passieren solche Dinge wie eine versehentliche Veröffentlichung eines Artikels in einer rechtslastigen Zeitung. Es können ganz komische Missverständnisse auftreten, wenn man zum Beispiel campact mit compact verwechselt. Campact ist eine politische Gruppierung, die per Unterschriftensammlung online versucht, Volksentscheide herbei zu führen, und compact gilt als Zeitung, wo hoch gebildete Geisteswissenschaftler trotz aller Bildung rechtsbräunliche Gedanken publizieren. Dabei müsste es doch ganz einfach sein: Man misst an einem Text, welchen Wert die Menschlichkeit darin hat, und beurteilt dann das Gesagte. „Die Wahrheit muss man akzeptieren, egal aus welcher Quelle sie kommt“, meinte der Philosoph Maimonides. Dann aber muss sie auch jeder äußern dürfen ohne gleich bekämpft zu werden. Denn eine Bekämpfung von Meinungen kann niemals dem Ideal einer Meinungsvielfalt in der Gesellschaft dienen.

„Das Flugblatt“ für Dezember 2016 enthält folgende Beiträge:

das-flugblatt-110-01-12-2016-neues-layout

 

Aproposia: „Friedliches für die weite Welt“

Feuilleton-Rezension: „Schmutzige Demokratie“

Feuilleton-Rezension: „Das getäuschte Gedächtnis“

Feuilleton-Zeitgeist: „Bundeswehr fängt Kanonenfutter mit Youtube“

Feuilleton-Kulturbetriebliches: „Quatsch mit mir“

Baron von Feder: „Wenn Geschichten auf der Straße liegen“

 

Ich wünsche Ihnen allen einen friedlichen Advent und ein kreatives 2017

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BARON VON FEDER: Das Netz

BARON VON FEDER

Das Netz
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Ein Netz ist etwas zum Fangen und Tragen oder ein Bündnis von Knoten. In der Zoologie sind Spinnen als Netzbenutzer bekannt. Sie nutzen Netze zum festhalten lebender Mitglieder der Schöpfung. Die eingenetzten Wesen werden verspeist. Wenn Menschen mittels Netzen Mitglieder der Schöpfung festhalten, so dient das entweder der Ernährung oder der Forschung. Wenn Menschennetze Fische fangen, so dient dies der Ernährung. Wenn Menschennetze Vögel fangen, so dient dies der Forschung. Die Vögel werden kontrolliert, ob sie einen Ring am Fuß haben. Wenn sie einen haben, werden die Merkmale Körpergröße, Gewicht, Ringnummer und auffallende Besonderheiten erkennungsdienstlich behandelt. Manchmal stellen die Menschen fest, dass eine aufgefundene Ringnummer schon einmal im Netz war. Dann vergleichen sie Ort und Datum beider Netzfesthaltungen miteinander. In solchen Momenten nennen Menschen ihr Tun Netzwerk. Dabei ist ein Netz nur eine Verbindung mehrerer Knoten miteinander. Knoten auf nur einer Schnur sind noch kein Netz. Aus einer Schnur wird erst dann ein Netz, wenn sie eine Fläche wird. Aber nicht jedes Netz ist flächendeckend groß. Zwischen vier verbundenen Knoten einer Fläche ist ein Freiraum. Der Freiraum heißt auch Masche. Im Idealfall kann man durch sie aus dem Netz entkommen. Wenn man eine Masche gefunden hat, mit der man einem Netz entgehen kann, ist man bisweilen nur in einem anderen Netz gelandet. Netze sind Konkurrenten, die einander das Fanggut streitig machen. Auf solche Ideen können auch nur Menschen kommen. Nie würden Spinnen Spinnen fangen. Menschen können aber auch merken, dass sie sich in ihren Netzen verheddern. Dann sinnen sie auf Abhilfe. Die Hilfe ist naheliegend. Das Fanggut muss sich nur zu einem Bündnis verknoten.

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FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: „Quatsch mit mir“

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES

„Quatsch mit mir“

11-11-2016-ausstellung-julia-kilian

Julia Kilian scheint von sich selber überrascht zu sein. Jedenfalls liest sich die Ankündigung einer Ausstellungseröffnung im „Atelier Tageswerk“ in Neustrelitz so, als ob sie von der morgendlichen Zeitungslektüre beim Frühstück gerade erst erfahren hat, dass sie, Julia Kilian, am 5. November 2016, Farben auf Stoff und Leinwand in der Begleitung von Musik von Phillip Nespital vorführt und wirken lässt. Tatsächlich ist die Neustrelitzer Vernissage im Moment noch kein Auftakt zu einer Ausstellungsreihe, sagt Kunsttherapeutin Julia Kilian. Sie habe zwar weitere Ausstellungen im Visier, denn Kunst will wahrgenommen werden, aber noch sei die Zukunft relativ vage. Julia Kilian arbeitet hauptberuflich in einem Berliner Krankenhaus. Als Kunsttherapeutin ist es ihre Berufung, mit Patienten zu arbeiten, denen es aufgrund ihrer Erkrankung leichter fällt, ihre Gefühle über die Kunst auszudrücken. „Wo Worte fehlen, sprechen Bilder“, bringt es Julia Kilian auf den Punkt. Auf ihrer Webseite „colorima.de“ macht sie unmißverständlich klar, wie wichtig ihr der Kontakt zu Menschen über die Kunst ist – sowohl für sich selber wie auch für die Menschen, die sich über die Kunsttherapie öffnen können. „Colorima“ ist übrigens ein zusammengesetztes Kunstwort aus Colorit (für Farbumfeld) und Imagination (für Vorstellung und Fantasie.) Und wenn die Fantasie angeregt ist, kommt irgendwie auch Kommunikation zustande. Denn ein bisschen was geht immer.

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Bundeswehr fängt Kanonenfutter mit Youtube

Feuilleton-Zeitgeist

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„Bundeswehr fängt Kanonenfutter mit Youtube“

 Die Wegzeichen der Zeit werden auf Krieg umgestellt. Manöver finden statt, beim Katastrophenschutz schleicht sich die Bezeichnung Zivilverteidigung ein, die damals in der DDR üblich war, in Syrien werden die ungeahnten Möglichkeiten des hybriden Krieges für Mord und Profit ausprobiert, und das Verteidigungsministerium teilte im Oktober mit, dass die Bekämpfung von Computern mit Computern nun auch in die Ausbildungsphase der „Cyberkrieger“ übergehen könne. Cyberwar bedeutet, dass militärische Einheiten eines Landes mit sonst üblichen Ganovenmethoden von Hackern in Computersysteme eines andern Staates eindringen. Wenn man sich unerkannt in fremden Netzen tummelt, kann man zum Beispiel ferngesteuert die gesamte vernetzte Technik eines Krankenhauses übernehmen – von der Telefonanlage über die Aufzüge bis hin Aufnahme von Daten und Patienten in der Notaufnahme, der Intensivstation oder in Operationsraum. Man kann aber auch den gesamten Straßenverkehr lahmlegen, in dem man die Steuerung von Ampelanlagen übernimmt oder dasselbe im Schienenverkehr tut, indem man die Fahrpläne und Signale völlig durcheinander bringt. Das alles ist Cyberwar, der noch eine Steigerung kennt: Wenn nämlich die Störung der elektronischen Infrastruktur der vernetzten Computer keine Aussicht auf den Endsieg bietet, nimmt man noch eben die eigenen herkömmlichen Waffensysteme oder auch Drohnen und „schlägt mit der Faust auf den Tisch“. Wenn sich die Cyberkrieger behackern, wird man nicht viel mitbekommen, solange die eigenen Strukturen unangetastet bleiben. Vielleicht lässt man sie unangetastet, damit keiner etwas merkt. Das kann sehr wahrscheinlich sein. In jedem Fall braucht die Bundeswehr Leute, die derlei Aufgaben erledigen können. Das ist schwierig in einer Zeit, in der längst nicht so viele junge Leute wie vom Staat gewünscht trotz Lehrstellenmangels „zum Bund gehen“, um dort ein „attraktives Bildungsangebot“ zu bekommen. „Lerne Deine Grenzen kennen“, heißt ein Programm, ein anderes schlicht „Ja. Dienen“ – und am erste November starteted eine Videoserie der Bundeswehr auf der Internet-Videoplattform „Youtub“ mit dem Titel „Die Rekruten“. Acht Millionen Euro sollen eine Handvoll Filme über 12 Leute kosten, die in die Marineschule Parow bei zwischen Stralsund und Barhöft eine militärische Grundausbildung in der Länge von 12 Wochen absolvieren. Acht Millionen Euro, von denen der gebührenfinanzierte Sender ARD auf seiner Webseite fragte, ob das keine Geldverschwendung sei. An den bishewr gezeigten Folgen gab es im Grunde nichts auszusetzen – wenn man die Gattung Propagandafilm als eigenständiges Merkmal anerkennt. Die Kameraführung ist genau so chaotisch wie die Reihenfolge der einezlnen Folgen, bei denen keine Überleitung zur nächsten Folge erkennbar ist. Propagandafilme der DDR waren zwar auch keine lobenswerten dokumentaristischen Leistungen, aber immerhin konnte man Wissenswertes aus dem gezeigten Bildmaterial ableiten. Diese Sendung hier scheint bislang einfach nur Unsinn zu sein. Sie ist so unsinnig, dass man ihr nicht einmal vorwerfen kann, sie habe ihr Ziel verfehlt, weil sie ihr Ziel gar nicht nennt. Was die Webserie zeigt, hat mit der wahrnehmbaren Realität nichts zu tun. (Siehe Einleitung). Weil sie alles weglässt, was an Wissen und Zusammenhänge denken lässt, scheint sie sich an Menschen zu richten, deren Lebenserfahrung noch keine kritischen Vergleiche erlaubt. Die Serie wendet sich also hauptsächlich an Kinder, deren Berufsorientierung kräftig manipuliert werden soll. Nimmt man dies als Zielsetzung an, erscheint der ganze filmische Unsinn plötzlich logisch. Nämlich Ideo-Logisch.

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