Baron von Feder: Wenn die Verfassung eine Wohnung wäre

Baron von Feder

Wenn die Verfassung eine Wohnung wäre“

 WENN DIE VERFASSUNG EINE WOHNUNG WÄRE

Wenn sich in der Küche das benutzte Geschirr stapelt, und der Mülleimer ist voll, sogar auf den Fußböden klebt man fest und überhaupt müte mal gründlich aufgeräumt werden, dann würden die Mieter der Wohnung selbst die Ärmel hochkrempeln und in die Hände

spucken. Sogar die Fenster würden sie putzen. Sie würden den Müllzustand der Wohnung an das ideal eines gemütlichen Heims anpassen.

Wenn die Verfassungswirklichkeit eines Staates nicht mehr dem öffentlich erklärten Verfassungsanspruch übereinstimmt, wenn das Recht auf freie Berufswahl vom Unrecht der Arbeitslosigkeit ersetzt wird, wenn von den Bürgern eine Rechtstreue erwartet wird, die keiner mehr erfüllen kann, dann ist die Verfassungsrealität eine vermüllte Wohnung. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sollen sich daher auf ihre Kernkompetenzen besinnen: Handwerk, Handel, Journalismus, Versicherungen, Parlamente, Öffentlichkeitsarbeit, Polizeien, Telekommunikation und Kultur. Dann wird aus dem Haus des Souveräns wieder ein wohnliches Heim.

Veröffentlicht unter Baron von Feder | Kommentare deaktiviert für Baron von Feder: Wenn die Verfassung eine Wohnung wäre

Bewegungsmelder: Deutsche Verfassung – dem Souverän das Hausrecht

Initiative Verfassungskonvent

c/o Joachim Sikora, Larstr. 221, 53844 Troisdorf, Tel.: 02241/390397; Email: info@initiative-verfassungskonvent.de

 Berliner Perspektiven

 Die Teilnehmer der 3. Bundeskonferenz der INITIATIVE VERFASSUNGSKONVENT wenden sich mit der „Berliner Perspektive“ an jene Initiativen, und Organisationen, die sich in Deutschland für mehr Demokratie in Gemeinwohl und sozialer Gerechtigkeit engagieren.

Gemeinsam mit Ihnen wollen wir Demokratie weiterentwickeln als Grundlage für nachhaltige und zukunftsfähige gesellschaftliche Veränderungen.

Etwa ein Viertel der Bundesbürger sind ehrenamtlich engagiert, um einer humanen Zukunft Wege zu bereiten. Die demokratische Kompetenz der Zivilgesellschaft hat die bestehende Partei-Dominanz längst überholt und liefert in Konzepten und praktischen Projekten „Blaupausen humaner Gesellschaft“. Die gravierenden Entscheidungen und Veränderungen werden immer massiver von wirtschaftlichen und politischen Interessengruppen bewirkt, die sich nicht um das Gemeinwohl scheren. So werden schwer errungene soziale Leistungen und Standards preisgegeben und abgeschafft. Statt das gesellschaftliche Wirtschaften demokratisch zu entwickeln, streben Regierungen die „marktkonforme Demokratie“ an. Zur „Beruhigung der Märkte“ werden öffentliche Haushalte ausgezehrt und überschuldet, die Lasten heutigen und zukünftigen Bürgern übertragen.

Sicher geglaubte Regeln der Demokratie werden von Regierungen ausgehebelt, Souveränitätsrechte ohne Votum des Volkes aufgegeben. Zugleich erfahren wir als ein Handicap der zivilgesellschaftlichen Initiativen, das sie sich mehr und mehr auf einzelne, immer spezifischere Themenfelder fokussieren und dabei die systemische Gesamtsicht aus den Augen verlieren. Zwar wächst Empörung im Volk und findet Ausdruck in Großdemonstrationen, Blockaden als auch in Wahlenthaltungen, doch Empörung allein schafft keine politischen Reformen.

  • Es ist Zeit, Demokratie wieder neu zu fassen und zu verfassen.
  • Es ist Zeit, die Einflussmöglichkeiten des Volkes in die Politik neu zu gestalten.
  • Es ist Zeit, die demokratischen Regeln so zu fassen, dass das Volk selbst Politik macht für das Volk.

Die politische Bedeutungslosigkeit der StaatsbürgerInnen, welche nur in periodischen Abständen die Fortdauer eines überholten Systems durch Ankreuzen bestätigen oder bestenfalls ein Volksbegehren unterschreiben dürfen, muss beendet werden. Nicht mehr die persönliche Macht Einzelner darf für den politischen Einfluss ausschlaggebend sein, sondern der Wert der Ideen aus Sicht der Bevölkerung.

Als Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung der Demokratie sehen wir:

  • die Schaffung einer regierungsunabhängigen Institution des Souverän;
  • die Weiterentwicklung der Gewaltenteilung unter Einbezug der Zivilgesellschaft und der Finanzinstitutionen;
  • die Definition eines neuen Verfassungsverständnisses zur transparenten Selbstregelung der Gesellschaft;
  • die Nutzung von Abstimmungsverfahren, die nicht auf die Macht der einfachen Mehrheit ausgerichtet sind, sondern auf den besten Vorschlag mit dem geringsten Widerstand;
  • die Festlegung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf das „Gemeinwohl“ und
  • die Einberufung eines zivilgesellschaftlich basierten „Verfassungs-Konvents“, der eine neue Verfassung erarbeitet, um sie gemäß Art.146 GG durch eine Volksabstimmung bestätigen zu lassen.

Das Volk als Souverän muss künftig:

  • eine Regierung abwählen können;
  • vom Parlament beschlossene Gesetze korrigieren können;
  • selber Gesetze zur Abstimmung bringen können;
  • einen „Verfassungskonvent“ einberufen und
  • die Verfassung per Volksabstimmung ändern können.
  • Es ist Zeit, dass die für echte Demokratie und Gemeinwohl engagierten zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen sich verständigen und die für die Veränderungen notwendige Gestaltungskraft entwickeln.

Dies halten wir für die vordringliche demokratische Aufgabe der nächsten Jahre. Dazu sollten im besten Fall alle Kräfte, die mehr Demokratie wollen, zusammenarbeiten. Gemeinsam gilt es ein innovatives und zeitgemäßes Demokratie-Konzept auszuarbeiten und in ein Bündnis einzubringen, das als Bürgerrechtsbewegung aktiv wird.

Wir wollen einen friedlich-evolutionären Übergang in eine neue Verfassungsordnung.

Berlin, im Mai 2013

 

Veröffentlicht unter Feuilleton-Zeitgeist | Kommentare deaktiviert für Bewegungsmelder: Deutsche Verfassung – dem Souverän das Hausrecht

Aproposia: Von Teekesseln und Bullenkesseln

APROPOSIA

 Vom Teekessel und dem Bullenkessel“

 Um die Zeit der Blockupy-Demonstration in Frankfurt an der Börse schrieben Medien die seltsame Geschichte eines Teekessels, dessen Design aussah wie das Gesicht von Adolf Hitler. Kluge Autoren warfen dann die Frage hoch: „Wieso sieht man überall Hitler?“ Als die Frage wieder runter kam, ging es nur noch um alle möglichen Gesichter, die man in allen möglichen Gebilden zu sehen scheint, aber Interesse für den Text konnte nur diese Überschrift wecken. Darum debattiert die Aproposia-Runde: „Wieso sieht man immer Faschismus in Einsätzen der Staatsmacht?“

 Moderatorin: „Guten Tag, erlauchte Runde, die heutige Frage ergibt sich aus der Frage von Dem Spiegel. Wieso sieht man überall Hitler, fragte er und bezog sich auf einen Teekessel, dessen Design wie Hitler aussieht: Der schwarze Nupps des Deckels entsprach der Rotzbremse, die Biegung und Farbgebung des Griffes dem Vulgärscheitel von Adolf Fritz von Trümmerfelden.

Der Unker: „Alles hat er in Trümmer geschlagen: Europa, Kultur, Gutgläubigkeit, Anstand, Vertrauen…“

Moderatorin: „Ja, Unker. Und viele Millionen menschliche Leben“

Zwischenrufer: „Aber der Zeitungsartikel hat weder den Charakter des Designers in Frage gestellt noch ging es im Text um Hitler, sondern um alle möglichen anderen Gesichter, die man zum Beispiel in Wolken sieht. Ich hab mal Karol Woytila…“

Moderatorin: „Ich nicht, dafür das Pony, welches ich als Kind…“

Erinnerer: „Mir fällt dazu ein, dass Teekessel auch der Tarnname für das Militärgefängnis der NVA in Schwedt war. Bei Männern, die in der NVA der DDR dienten, löst das Wort Teekessel immer noch Angst vor einer Bestrafung in der Strafanstalt aus.“

Alter Mann: „Und dann gibt es Männer, bei denen löst das Wort Kessel noch ganz andere Erinnerungen aus, obwohl die Wolga ein idyllischer Fluss sein kann.“

Mesiramis Drohne: „Solche Kessel kann man vermeiden, wenn man Drohnen hat.“

Friedrich Innengreif: „Man muss bloß wissen, wie man mit Kesseln umgeht. Meine Männer zum Beispiel kesseln im Innern, da dürfen Ihre ja nicht. Probatum est – es hat sich bewährt seit Berlin beim Besuch von Ronald Reagan am 13. Juni 1987.“

Mesiramis Drohne: Abwarten, Fritze, auch für Deine Männer werden sich Drohnen lohnen, wenn meine Männer ihre Erfahrungen haben.

Zwischenrufer zu Mesiramis Drohne: „Aber dafür müssten Ihre Männer erst mal welche hochkriegen.“

Moderatorin: „Zwischenrufer, bei aller Meinungsfreiheit, die wir NOCH haben, machen Sie bitte keine Wortspiele mit hochkriegen.“

Mesiramis Drohne: (zieht sein Jacket aus) „Kann ich das hier mal irgendwo hinhängen?“

Moderatorin: „Ja draußen auf dem Flur ist ein Ständer.“

Zwischenrufer: (Lacht schallend.)

OB-Kandidat: „Ich hab ganz gegen meine Art bisher noch nichts gesagt, nun aber muss ich es doch tun, denn ich meine, wir haben uns vom Kesselthema weit entfernt. Friedrich Innengreif hat dankenswerter Weise schon gesagt und damit bestätigt, was ich – und damit meine ich ganz persönlich -…“

Moderatorin: „OB-Kandidat, demokratische Redeflüsse sollen nicht alles wegspülen oder runterspülen, sondern kleine Pflänzchen sorgsam wässern, damit sie wachsen.“

Erinnerer: „Das haben Sie schön gesagt.“

OB-Kandidat: Ich beuge mich Ihrer Ansicht und beende meinen Satz, dass ich persönlich Bullenkessel für Bürgerkriegstaktiken halte, die gegen Demonstranten niemals eingesetzt werden dürfen, auch nicht prophylaktisch. Und wenn eine Kriegstruppe in unsere schönen Städte marschiert, dann sind die Männer von Mesiramis Drohne besser geschult. So oder so, Herr Innengreif: Gegen unbewaffnete Demonstranten brauchen Ihre Männer nicht mit Waffen vorzugehen. Das sieht – ich hab hier mal ein Foto – aus, wie Chile 1973, als Pinochet das Volk folterte und Salvador Allende per Putsch ermorden ließ, wozu ihm Völkerrechtsexperte Henry Kissinger per Gutachten grünes Licht gab.“

Moderatorin: Und damit sind wir nun endlich beim Thema Teekessel und Bullenkessel – warum wir überall Hitler sehen. Ich möchte einen von Ihnen um ein schönes Schlusswort bitten – aber nicht Mesiramis Drohne und auch nicht Friedrich Innengreif. Darf ich Sie bitten, Erinnerer?“

Erinnerer: „Wenn sich im Duktus der Sprache und dem Auftreten der Polizeien zunehmend kriegerische Attitüden breit machen UND die parlamentarische Demokratie zunehmend den Eindruck erweckt, eine FORMALDEMOKRATIE zu sein, ist es kein Wunder, dass die Hitler-Fratze als imaginäres Firmenlogo und Behördenmarkenzeichen auf beobachtbaren gesellschaftlichen Erscheinungen klebt.“

Veröffentlicht unter Aproposia | Kommentare deaktiviert für Aproposia: Von Teekesseln und Bullenkesseln

Rezension: Alle meine Wünsche

Hannes Nagel

Rezension „Alle meine Wünsche“

 „Geld braucht man nur wenn es nötig ist

 Dies ist eines der schönsten Bücher, die bisher im Jahre 2013 in meiner Lektüreliste auftauchten. Ein Mann schreibt gekonnt als Ich -Erzähler aus der Sicht einer Frau. Die Frau im Buch führt ein Leben mit mal ein bisschen Glcük, oft fehlendem Glück, mit vielen Träumen, Enttäuschungen und Gewöhnungen. Das Seltsame daran ist: Ihr Mann. Irgendwie ist die ganze Beziehung trotz Alltag, Trott und Einerlei eine ganz spezielle Art von Liebe. Der Mann träumt auch, und zwar von materiellen Dingen sowie einer Stellung als Vorarbeiter, die er schon als die erste Stufe des mittleren Managements erträumt.

Mitten in dieser Situation gewinnt die Frau 18 Millionen Euro im Lotto. Sie will, dass alles bleibt wie es ist, weil das, was man verliert, wenn man es ändert, auch durch 18 Millionen Euro nicht zu ersetzen ist. Reichtum ist eine verlockende Option, die man aber nicht anwenden darf. Darum erzählt sie vorerst nichts vom Gewinn und versteckt den Scheck in der Wohnung. Irgendwann findet den der Mann, sieht „18 Millionen“ und haut mit dem Scheck ab, um sich ein paar Wünsche zu erfüllen. Das macht ihn auch nicht glücklich.

Der Autor dieses Buches ist Franzose, heißt Gregoir Delacourt und zeigt mit seinem zweiten Roman, dass in der Literatur immer noch faszinierende Sprachstile möglich sind. Damit drückt Gregoir Delacourt wunderschöne kleine kluge Gedanken aus. Zum Beispiel: „Eine Frau braucht, dass man sie braucht“, „Wir brauchen Seele und keine prallen Eier“, „Kein Geld der Welt ist es wert, dies hier zu verlieren“, „Vertrauen ist der größte Reichtum, durch Vertrauen wird man reich“, „Das Notwendige im Leben sind die kleinen alltäglichen Träume, die uns tragen“. Zwischendurch macht die Frau mal Listen, was mit 18 Millionen passieren könnte. Erst hat sie 33 Wünsche, deren Anzahl verringert sich dann, übrig bleiben am Ende 10 Wünsche, ein leises Lächeln und eine stumme Traurigkeit.

 Gregoir Delacourt, „Alle meine Wünsche“, Hofmann und Campe, Hamburg, 2013, etwa 16,00 Euro

Veröffentlicht unter Feuilleton-Rezension | Kommentare deaktiviert für Rezension: Alle meine Wünsche

Redaktionsmitteilung: Das Flugblatt Nummer 68 vom 1. Juni ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser, zum Ersten Juni bekommen alle das Flugblatt Nummer 68. Darin geht es hauptsächlich um die Initiative Verfassungskonvent, die zum Souverän sagt:

„Willkommen, lieber Souverän, tritt ein in Dein Haus, denn die Tür ist offen.“

Der arme ausgesperrte Souverän hat sich in letzter Zeit von den Regierungen ganz schön ins Bockshorn agen lassen, nicht wahr? Der Souverän braucht bloß zu sagen, das es reicht, dass ihm seine Rechte weggenommen werden. Denn alle Staatsgewealt geht vom Volke aus und darf daher nicht gegen es gerichtet werden.

Sie finden das Flugblatt Nummer 68 mit dem Schwerpunkt Initiative Verfassungskonvent hier: Flugblatt Nummer 68Nr1 -01 06-2013

Veröffentlicht unter Redaktionsmitteilungen | Kommentare deaktiviert für Redaktionsmitteilung: Das Flugblatt Nummer 68 vom 1. Juni ist da

Bewegungsmelder: Initiative Verfassungskonvent

Querdenker und Aufbrecher

 Wenn „die da oben“ wüssten, wie leicht „die hier unten“ sie von ihrem hohen Ross herunter holen könnten, müssten sie vor Angst mit den Zähnen klappern. Aber „die hier unten“ wissen ja nicht, dass sie „die da oben“ mit Leichtigkeit schubsen könnten. Demokratie ist eine sehr komplexe Sache mit immer noch unbekannten Funktionen und Möglichkeiten. Mit dem Globalisierung der Wirtschaft haben sich Wirtschaftsinteressen über alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gelegt. Demokratie findet in der Herrschaft von Ökonomie nicht nicht mehr statt. Pro Forma nennen sich die Staaten von Amerika bis Europa alle noch Demokratien. Aber diese Demokratien finden ohne Demokraten statt, weil die Interessen der Wirtschaft die Bürgerwillen in den Staaten ignorieren. Die Bürger selbst kommen auf den Gedanken, die Demokratie erneuern zu müssen, aber ihnen fehlt das Wissen dazu. Außerdem sind die Bürger naiv genug zu glauben, man könne regierende Rechtsbrecher zur Einhaltung der Regeln bringen, indem man die Regeln als Argument zur Verhaltenskorrektur vorbringt.

 Die Demokratie ist am Ende, aber man kann sie erneuern

 Demokratie ist nichts für Ungeduldige. Für Gernredner ist sie der ideale Lebensraum. Gernredner sind solche, die ihre eigenen Redebeiträge mit einer Zusammenfassung und Danksagung an alle Vorredner einleiten. Daher fangen demokratische Veranstaltungen zügig an und dünnen ihren Gedankeninhalt zum Ende hin immer mehr aus. Vorne sind die Ideen ein reißender Fluss, und hinten tröpfelts nur. Den Anfang des Gedankenstromes lieferte Heinz Kruse von der Hannoveranischen Bürgerinitiative „Initiative Gemeinwohl“. Kruse stelle sich als jemand vor, der in höheren Ämtern für die Entwicklung der Wirtschaft und von Machtstrukturen zuständig war – dieses auf Ministeriumsebene. Er sass also lange Zeit auf der anderen Seite des Schreibtisches, dort also, wo der Kaffee serviert wird, und nicht unten, wo es Wasser und trockene Kekse gibt. Seine Kernaussage: Politik im Großen und Verwaltung auf allen untergeordneten Ebenen des Staatsapparates geben dem Willen der Bürger systematisch contra. Sie macht es unter anderem mit dem Sprachgebrauch. Die Verwaltung benutzt Willkürbegriffe, die in keinem Gesetz stehen, und handelt danach, als wären sie das Gesetz. Sie legt damit Gesetze so aus, wie sie es möchte. Im Grunde sind alle Hartz-Vier-Bescheide über Ablehnungen von Wünschen und zur Begründung von Strafen gegen die Hartz-Vier-Opfer reine Willkürbegriffe. Parteien können gar nicht anders handeln, erklärte Kruse, weil sie lediglich Großorganisationen zur Erhaltung von Macht sind. Ein Staat mit seinen Behörden auf der Grundlage von Parteien ist ein Parteienstaat, der untauglich geworden ist. Es geht offenbar nur noch um Machterhalt, aber die Macht lässt sich nur durch ständigen Rechtsbruch erhalten. Daher lautet Kruses Lösungsvorschlag: Bürgerliche Selbstverwaltung, Übergang vom Protest zur Aktion und Erprobung neuer Formen der sozialen Absicherung. Selbstverwaltung geht sofort. Es braucht nur jeder vor seiner eigenen Haustür zu kehren – vorausgesetzt,, er hat eine. Wer eine durch Arbeit lösbare Aufgabe sieht, möge sie durchführen und sich seine Mitarbeiter besorgen. Das hat Kruse zwar nicht gesagt, aber er wurde so verstanden. Nur zu den neuen Formen der sozialen Absicherung fehlen der Initiative Verfassungskonvent nach wie vor konkrete Ideen. Oder sie kamen einfach nicht zur Sprache. Denn es wurde viel geredet. Da geht manches unter.

 Szenarien einer künftigen Demokratie

 Vor dem Übergang vom Protest zur Aktion muss jedoch irgendwie ein Handlungsplan her. Den stellte Erich Visotschnig vor, indem er einen utopischen Entwurf namens „Das Lexikum“ vorstellte. Lexikum ist abgeleitet vom lateinischen Wort für Gesetz, und daher muss man viel zu lange überlegen und viel zu viele Erklärungen aufnehmen, um das Wesen des Lexikums zu begreifen. Es ist eine Computerwolke, in die jeder seine politischen, gesellschaftlichen oder sozialen Wehwehchen eingeben kann. Die Wolke sortiert die Wehwehchen, stellt dann vorgeschlagene Lösungen daneben und läßt jedem Computernutzer die Möglichkeit, über die Vorschläge abzustimmen. Das Abstimmungsverfahren soll aber nicht nach dem Prinzip der Stimmenmehrheit geschehen, weil dann alle anderen klugen Gedanken vernachlässigt werden. Das Abstimmungsverfahren hat bereits einen (Marken)Namen und ist als „systemisches Konsensieren“ bekannt – ein Wort, welches dringend einer Vereinfachung bedarf, damit wirklich jeder auf Anhieb weiß, wie es geht. Es muss ein Alltagswort und eine Alltagsmethode werden. Wenn es mehr als zwei unterschiedliche Vorschläge zur Lösung einer Aufgabe gibt, kann man entweder einen Mehrheitsbeschluss fassen und der Wille der Mehrheit darf sich dann über die Interessen der anderen hinwegsetzen, zum Beispiel darf man dann Landebahnen für Flugzeuge bauen und hierfür unnütze Apfelplantagen roden. Mit systemischer Konsensierung hätten alle beteiligten den Lösungsvorschlägen sogenannte Widerstandspunkte vergeben können. Zehn Punkte hieße: absolut dagegen, Null Punkte hieße: macht was ihr wollt, ist mir egal. Einer der Punkte hätte im Idealfall den geringsten Widerstand aller Abstimmer bekommen und wäre dann laut Beschluss die anzuwendende Lösung des Problems. Die Methode könnte in lokalen Entscheidungsprozessen benutzt werden, wo Bürgerwille und Wirtschaftswille miteinander in Konflikt geraten. Das Konsensieren – von Konsens, „Die Übereinstimmung“, abgeleitetes Verb mit der Bedeutung „eine Übereinstimmung herbei führen“halten die erfinder für einge gute Alternative zur Mehrheitsdemokratie.

 Verfassungsänderung oder Verhaltensänderung?

 23 Millionen Menschen sollen in Deutschland in unterschiedlichen Bürgerinitativen engagiert sein, sagte der Pädagoge Josef Hülkenberg. Hülkenberg ist Verfasser von Büchern zum Thema „Abseits vom betreuten Denken“. Betreutes Denken ist ein Begriff aus dem Kabarett und also ein Volltreffer. Schließlich will man ja auch mal quer denken, ungewöhnlich denken oder überhaupt denken. Beim Denken stört ein Vormund nur. Niemand weiß, wie viel Bürgerinitiativen und Bürgerbewegungen es gibt. Sie thematisch zu sortieren ist fast ebenfalls unmöglich. Die einzige sichere Aussage über den Stand der Bürgerinitiativen in Deutschland ist die Behauptung, dass sie einen unschätzbar reichen Pott mit vielfältigen Meinungen bilden. In diesem Pott tummeln sich Kaninchenzüchter, Autobahngegner, Atomdemonstranten, Befürworter von Bauprojekten und Gegner davon, und es tummeln sich Nichtregierungsorganisationen, die versuchen, auf politischer Ebene zu wirken. Bei allen taucht der Gedanke auf, dass es Volksentscheide geben sollte. Bei vielen taucht dert Gedanke auf, dass dazu in Deutschland das Grundgesetz nach Artikel 146 durch eine Verfassung ersetzt werden muss, die dann ausdrücklich das Recht auf Volksentscheide als Verfassungsgrundrecht enthalten sollte. Und an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Die Initiative Verfassungskonvent wählte das Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin als Treffpunkt der Beratung. Sie hatte alle Nichtregierungsorganisationen eingeladen, die im selben Haus ein Büro betreiben. Keiner kam. Also waren es die Initiative Verfassungskonvent, die Initiative Regionaler Aufbruch, die Initiative Gemeinwohl Hannover und Occupy Money sowie mehrere Einzelpersonen, die klären wollten, wie denn das Grundgesetz der BRD auf der Basis seines Artikel 146 zur Verfassung erhoben werden kann UND wie gleichzeitig Strukturen jenseits von Parlamenten entstehen, die den Bürgern UNMITTELBAR die Möglichkeit geben, zu bewegenden Themen einen Bürgerwillen auszudrücken. Binnen einer Woche will die Initiative Verfassungskonvent hierzu eine Erklärung abgeben, die in bekannter Traditionen politischer Verlautbarungen den Namen „Berliner Erklärung“ bekommen soll. Was meinen Sie wohl, was das für ein Tanz war, bis 35 Demokraten sich auf einen solchen banalen Begriff einigen konnten.

Veröffentlicht unter Feuilleton-Zeitgeist | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Bewegungsmelder: Initiative Verfassungskonvent

Aproposia: Vom ausgesperrten Souverän

APROPOSIA

 Vom ausgesperrten Souverän“

 Wussten Sie eigentlich, wie wenig nötig ist, um das Grundgesetz vom Papier in die Herzen der Gesellschaftsmitglieder zu bringen und ohne Revolution den Juristenstaat wieder zum Rechtsstaat, die Würde der Menschen wieder unanstastbar, die Lobbyisten soo klein mit Hut und die Parteien vom Hohen Ross absolutistsicher Anmaßungen runter zu holen? Näheres unter www.initiative-verfassungskonvent.de, 23. 5.2013 bis 25.5.2013m Berlin, Haus der Demokratie und Menschenrechte

 Moderatorin: Guten Abend, die oberen Europäer kochen Süppchen für die unteren Europäer und die unteren schauen ohnmächtig zu, wie Hilfsköche und Küchenjungs die Kochlöffel schwingen, aber weder Rezept noch Gefühl für ein gutes Mahl haben. Un d immer sollen die Unteren die Suppe der Oberen löffeln“

Souverän: „Und der eigentliche Koch steht draußen vor der Tür, weil ihn der Lehrling nicht in die Küche lässt.“

Moderatorin: „Ja, Souverän. Ich sehe, wie dringend Du in die Küche willst und musst. Darum soll Deine Ungeduld beendet sein und die Küchenmetapher auch. Kommen wir bitte zum Plan, wie der Souverän seinen Arbeitsplatz in der Gesellschaft wieder einnehmen kann.“ (runzelt die Stirn, murmelt fragend: „Wieder? Wieso wieder?“

Zwischenrufer:(grinst anerkennend)

Abtrünniger Amtmann: „Erstmal müssen beide Seiten miteinander reden, was schwer ist, weil die untere Seite Begriffe aus dem Gesetz ernst nimmt und sie ihrem Sinn nach gebraucht und die obere Seite Willkürbegriffe benutzt, für die es in keinem Lexikon Erklärungen gibt. Sie brechen Recht, und zwar permanent.“

Zwichenrufer: „Wie redet man mit einem, der nicht mit sich reden lassen will?“

Utopist: „Indem man NICHT mit ihm redet, sondern die bestehenden Rechte einfach einhält. Um existierende Rechte in Anspruch zu nehmen, braucht man keine Erlaubnis“

Abtrünniger Amtmann: „Zumal derjenige, die die Erlaubnis theoretisch erteilen würde, genau derjenige ist, der das beanspruchte Recht permanent bricht.“

Motivator: „Da hilft nur eins: Systemische Konsensierung. Chaka.“

Abtrünniger Amtmann: „Bürgerliche Selbstverwaltung: WIR sind das Amt, Konstruktive Kritik am Staat: Vom Protest zur Aktion, und vor allem: Neue Formen der sozialen Absicherung. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die Menschen kreativer machen.“

Utopist: „Kooperation ist besser als Konflikt und Konkurrenz. Es geht gar nicht um Mehrheiten durch Überstimmung der Minderheiten – das wäre ein Machtinstrument, welches unverantwortlich ist“

Moderatorin: „Demokratie ist also sowohl Lebensform, als auch Herrschaftsform, als auch Kommunikationsform?“

Alle: „Ja.“

Zwischenrufer: „Dann gehört auch Witz zur Demokratie. Ohne Witz macht Demokratie keinen Spaß.“

Souverän: „Und wer öffnet mir jetzt die Tür?“

Zwischenrufer: „Die Tür ist doch schon offen. Tritt einfach ein. Willkommen zu Hause, lieber Souverän.“

Veröffentlicht unter Aproposia | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Aproposia: Vom ausgesperrten Souverän

Redaktionsmitteilung: Das Flugblatt Nummer 67 vom 15. Mai ist da

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Die natürliche Geschwindigkeit von Elektronen ist unvorstellbar hoch, Wie die des Lichtes. Die ist auch unvorstellbar hoch. Wenn sie ausgebremst werden, können zum Beispiel Computer nur verlangsamt herunter gefahren, also ausgeschaltet werden. Dann rödelt die Kiste noch, wenn der Blitz schon am Einschlagen ist, und dann rödelt er nicht mehr, sondern verstummt. Fast könnte man sich fragen, ob jemand vielleicht die natürliche Geschwindigkeit in den Leitungen gedrosselt hat, so dass der Blitz in seinem schändlich Treiben vorrang hatte vor der Produktion des Flugblattes. Aber wer sollte denn sowas machen? Jemand, der auf die Idee käme, Leitungsgeschwindigkeiten künstlich zu drosseln, müsste doch ziemlich doof sein. Oder? kriminell. Oder eine seelische Erkrankung aufweisen, die ihn pervers, abartig, psychotisch oder gestört erscheinen lässt. Aber wie sollte so jemand an die Schaltstellen kommen, wo es technisch immerhin möglich wäre, den Strom zu drosseln?Nein, so etwa gibt es nicht. Bei allen Vorwürfen, die man erheben kann: DAS gibt es nicht.

Die musische Direktorin genehmigte eine Entschudligung für die Notausgabe des Flugblattes, ein neckisch schönes Foto mit einer Ameise, eine Bemerkung zum 10. Mai 1933, anstelle  einer Rezension, und eine Bemerkung zum 8. Mai 1945.

Das ganze Flugblatt finden Sie hier: Flugblatt Nummer 67Nr2 -15 05-2013

Veröffentlicht unter Redaktionsmitteilungen | Kommentare deaktiviert für Redaktionsmitteilung: Das Flugblatt Nummer 67 vom 15. Mai ist da

Bewegungsmelder: Zum 8.Mai 1945

Bewegungsmelder: Zum 8.Mai 1945

1985 hielt Richard von Weizsäcker eine Rede zum Datum 08. Mai 1945. Im Grunde war damit alles gesagt. Der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende war, markierte in der zwischen Ost und West geteilten Welt die trügerische Hoffnung, dass es zumindest im westlichen Teil der Welt weder Krieg noch politische Überwachung, politische Willkür und Einschränkungen der Bürgerrechte geben würde. Die Welt ist nicht mehr politisch in Ost und West geteilt. Sie ist nur noch in arm und reich geteilt. Durch die Globalisierung finden wirtschaftliche Überwachung, wirtschaftliche Willkür und wirtschaftliche Beschränkungen statt. Am 8. Mai 1945 befreiten die westlichen Alliierten mit ihrem  starekn östlichen Partner das Volk, welches die Personen und taten hervorbrachte, von denen es sich befreien musste. Heute scheint es zuweilen, dass die Allierten von damals, besonders die Amerikaner, aus der politischen, juristischen, wirtschaftlichen und administrativen Insolvenzmasse des Braunen Reiches Bauteile und Bruchstücke heraus sammelten. Sie ließen dafür die ihnen bekannte Demokratie hier. Zu Hause analysierten sie dann die Bauteile. Um sie zu verstehen, bauten sie sie nach. Zunächst mal nur für Labortests, so wie gefährliche Viren im Labor gebastelt werden, um zu verstehen, wie man sich vor ihnen schützen  kann. Lange hatte die Politik bedenken, die Forschungsergebnisse anzuwenden. Die Wirtschaft aber sprach: Das geht. Das ist effizient. Niedriglöhne, Minijobs, Disziplinierungsmittel, Kontrolle – das ist ideal für  die Wirtschaft. So komfortabel war Profit noch nie. Hoch lebe die Globalisierung.

Hoch lebe die Globalisierung? Hoch lebe der Abbau der Demokratie? 1945 gelang es den Alliierten, die Völker Europas vom Braunen Joch zu befreien. Wer, wenn nicht wir alle, sind eigentlich die potentiellen Alliierten, um uns von der existenzbedrohenden Macht der Globalisierung zu befreien? Die Alliierten brauchen eine Weile, sich zu formieren. Schaffen wir es, uns zum 8. Mai 2015 von der Globalisierung zu befreien? Und dann, Gefährten, lasst uns zu Menschlichkeit, Frieden und sozialer Sicherheit zurück kehren.

Veröffentlicht unter Feuilleton-Zeitgeist | Kommentare deaktiviert für Bewegungsmelder: Zum 8.Mai 1945

Rezension: Rügen – Flair einer Insel

Rezension: Rügen – Flair einer Insel

Der Fotograf Klaus Ender hat im Mai 2013 den dritten Bildband mit Fotografien der Insel Rügen heraus gebracht. Diesmal zeichnet die Bilder eine durchgängig einheitliche Fotografiertechnik aus. Klaus Ender hat die Landschaft im Schwarz-Weiß-Modus fotografiert und als Höhepunkt einen Infrarotfilter benutzt. Die Wirkung ist überwältigend. Konturen und Oberflächen sind gestochen scharf. Das gefilterte Infrarot bringt ein Weiß zustand, welches an die Negativumkehrung der ursprünglichen Fotografie mit schwarz-weiß-Filmen erinnert. Die Bilder in querformatigem DIN A 5 kommen mit wenig Begleittext aus. Die Begleittexte informieren darüber, was der Fotograf zeigt und was daran wissenswert ist. Präzise ist das wie ein Lexikon. Dabei hat und hätte Klaus Ender viel mehr zu erzählen, aber dies steht in einem anderen Buch mit dem Titel „Die nackten Tatsachen des Klaus Ender“. (WEVOS-Verlag, 2005). Der Fotograf kommt mit seinen Texten exakt auf den Punkt. Das ist kein Wunder, denn er schreibt ja auch Aphorismen. „Der Aphorismus ist die kleine Schwester des Essays“, pflegt er zu sagen.

Am 11. Mai präsentiert Klaus Ender den Bildband „Rügen – Flair einer Insel“ im Romantik Hotel Hermerschmidt in Bergen auf Rügen. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr. Neben dem Bildband gibt es auch zwei neue Aphorismenbüchlein. Sie heißen „Gnadenlos“ und „Gegen den Strom“.  Von Art Photo Archiv Ender gibt es außerdem  „Jenseits der Hast“, „Mit allen Sinnen“, „Rügen – Poesie eienr Insel“, „Ein Samenkorn mit Zuversicht“, „Herzklopfen – Facetten der Liebe“, „Loslassen – Trauer und Abschied“, „Das kleine Glück“, „Von Zeit zu Zeit“ und „Meine schönsten Enthüllungen“. Das sind Bildbände, Gedichtsammlungen und Aphorismensammlungen. Das gesamte Schaffen aus 50 Jahren Fotografie ist schier unüberschaubar. Bei Klaus Ender gehen Fotografie, Aphorismus und Poesie sachte ineinander über. Er nennt den schwebenden Übergang  „poesievolle Heiterkeit“.

Klaus Ender, „Rügen – Flair einer Insel“, Art Photo Archiv Ender, Mai 2013, Bergen (Rügen). Preis etwa 12,50 Euro, ISBN: 978-3-00-041047-5

Veröffentlicht unter Feuilleton-Rezension | Kommentare deaktiviert für Rezension: Rügen – Flair einer Insel