Glosse: Zugriff auf Grundstücke

Apropos Zugriff auf Grundstücke

„Doch dem Vorhabensträger sei es nicht gelungen, den Zugriff auf sämtliche benötigte Grundstücke zu erlangen, sagte Bauamtsleiter X.“ (Aus einer OZ-Meldung über ein Bauvorhaben einer Gemeinde)

Samstag, 20. März 2010

Hannes Nagel

Manchmal gibt es Beispiele, dass es nicht nur Kommunalpolitik gibt, sondern auch Kommunalcourage. In einer Küstengemeinde wollte die kommunalpolitische Führung für die noch Reicheren mit ihren noch größeren Schiffen einen Hafen erweitern, damit noch mehr Touristen auf gleichbleibend großer Fläche Erholung suchen, aber vor lauter Gedrängel schwer finden. Zusätzlich zum Hafen sollten auch Geschäfte und Hotels und Restaurant entstehen. Aber das Land gehörte bereits einigen Leuten. Und einige weigerten sich standhaft, zu verkaufen. Um ehrlich zu sein: Bei der geplanten Goldgrube, wenn sie denn zustande gekommen wäre, hätte die Gemeinde gar nicht die Kohle gehabt, um einen angemessenen Preis zu zahlen. Da machte sie das, was in solchen Fällen seit je her geschieht: Sie bot ein paar Groschen für den Quadratmeter und nannte das angemessen. Und nun wurde auf öffentlicher Sitzung das Projekt abgesagt. Weil: „Dem Vorhabensträger (Gemeinde also) war es nicht gelungen, den Zugriff auf sämtliche benötigte Grundstücke zu erlangen“. Den Zugriff erlangen. Die lange Hand plante den Zugriff. Der Polizeieinsatzleiter befiehlt Zugriff. Die andere Analogie spare ich mir vorläufig noch auf. Aber irgendwann kommt sie noch, versprochen. Immerhin verrät die Wortwahl, was die kommunalpolitische Führung vorhatte. Einen Zugriff. Auf das geschützte Eigentum anderer Leute. Darum tut es gut, wenn es außer Kommunalpolitik auch Kommunalcourage gibt.

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Rezension: Die korrupte Republik

Rezension: Die korrupte Republik

Dienstag, 16. März 2010

Durch und durch verlogen

Autor: Hannes Nagel

Durch und durch verlogen

Hans Martin Tillack hat ein ein Buch das Ausmaß des Korruptionsbefalls von Staat und Wirtschaft in Deutschland geschrieben. Schaut man sich die Titelüberschriften im Literaturverzeichnis an, hat man das Gefühl, das im ICE ausliegende Faltblatt „Ihr Zugbegleiter“ zu lesen. Es zeigt, wohin die Reise geht und welche Trends dem vertrauenden Volk am Wegesrande blühen. Die Reise geht in raschem Tempo weg von Anstand und Rechtmäßigkeit der Behörden, weg von ehrlichem kaufmännischen Betragen, hin zu einem Zustand, der sonst mit Geringschätzung Entwicklungs-und Ostblockländern zugeschrieben wurde.

Korruption ist ein Alltagsphänomen. Ihre Merkmale reichen von Machtmissbrauch zu persönlichem Vorteil bis zu einer allgemeinen Kommerzialisierung aller Bereiche des Lebens, damit möglichst jeder in ein System von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten hinein gezogen ist. Sie verdirbt den Charakter oder lässt verdorbene Ansätze ungehemmt wuchern. Inzwischen können Politiker ungeniert zu weiterer Korruption aufrufen, oder wie ist der Ausspruch zu erklären: „Der linke Zeitgeist hält Geschäftemachen für fragwürdig. Die Gesellschaft muss sich dran gewöhnen, dass das künftig anders ist“ . Heißt das, vor dem Hintergrund des Buches von Hans Martin Tillack, dass die Gesellschaft sich an Korruption und Korrumpierbarkeit des gesamten Lebens gewöhnen muss? Eine grausliche Vorstellung. Wo sind „Die Unbestechlichen?“ Gibt es so etwas überhaupt noch? Wird die Weigerung zur Korruption Schritt für Schritt ausgemerzt? Durch „herrisches Auftreten des Staates gegenüber den Bürgern“? Das merkt man laut Tillack daran, dass auf die Forderung nach Transparenz sinngemäß kommt: Es herrscht genug Transparenz, wenn ein Beamter hinter verschlossenen Türen die Aktenvermerke eines anderen liest. (Die dann bestimmt – es würde nicht wundern – „nur für den Dienstgebrauch“ sind.

Sponsoring-Korruption. Drittmitteleinwerbung. Gelder werden oft nicht eingeworben, sondern erpresst. Behörden treten vor aller Augen strafrechtlich in Erscheinung und können nicht belangt werden. Das liegt vermutlich an dem Sprichwort mit den Krähen.

Nach der Lektüre des Buches hält man Politik als den höchsten Organisationsgrad krimineller Energien und Handlungen.

Ergänzung: Gut, das Bücher über solche und andere Zustände erscheinen dürfen, während diese Zustände noch andauern. Spätere Veröffentlichungen wirken oft so lasch.

Hans Martin Tillack, „Die korrupte Republik. Über die einträgliche Kungelei von Politik, Bürokratie und Wirtschaft“, Hofmann und Campe ( www.hoca.de ) , Hamburg 2009, 19,95 Euro

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Glosse: Gschaftlhubers Zeitgeist

Apropos Gschaftlhubers Zeitgeist

„Der linke Zeitgeist hält Geschäftemachen für fragwürdig. Die Gesellschaft muss sich dran gewöhnen, dass das künftig anders ist“ (Guido Westerwelle)

Sonntag, 14. März 2010

Hannes Nagel

Man muss ihm nur ein paar Jahre Zeit geben, dann wird man die Gesellschaft nicht mehr wieder erkennen können. Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte. Das Gschaftelhubern wird zur einzigen Daseinsberechtigung werden. Denn das Leben muss ja keinen Spaß machen. Herrn W. macht es ja auch keinen Spaß. Herr W. erhält nämlich keinen Dank für sein Tun. Darum sagt er sowas. In der Beowulf-Sage kommt auch so ein Duktus auf. Eine Gestalt darin konnte es nicht verknusen, dass es Lachen gab. Fröhliche Menschen waren dem Sagenwesen Grendel ein Greuel. (Der Vergleich mit Beowulf ist übrigens gut. So kann keiner auf die Idee kommen, einen Hitler-Vergleich in den Text zu interpretieren.)

Westerwelle drohte der Gesellschaft über die Zeitung „Wirtschaftswoche“ und über Agenturen. „Der linke Zeitgeist hält Geschäftemachen für fragwürdig. Die Gesellschaft muss sich daran gewöhnen, dass das künftig anders ist“. Dann herrscht hier ein anderer Ton, verstehste?

In diesem Land muss tatsächlich einiges anders werden, aber nicht in Richtung Kälte, sondern in Richtung Herzlichkeit. Etwa so (Vorschlag): „Den Spaß betreibt mit Ernst, den Ernst lacht fort“.

Dann klappt es auch wieder mit dem Zeit-Geist in dieser politisch geistlosen Zeit.

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Glosse: Kampfziel Urlauber

Apropos Kampfziel Urlauber

„Das Kampfziel für dieses Jahr muss lauten: Die Übernachtungszahlen von 2009 halten“ (Landestourismusverband auf Internationaler Tourismusbörse)

Donnerstag, 11. März 2010

Hannes Nagel

Wer einen Urlaub plant, glaubt im Allgemeinen, der Sinn von Urlaub sei Erholung. Entspannung. Abschalten. Leib und Seele wieder frisch zu machen. Für den Alltag. Bei der Arbeit. Für die tägliche Reaktion auf Stress und Sorgen und Belastungen. Und darum fährt ein Urlauber im Urlaub in einen Urlaubsort. Auf der Tourismusbörse zeigt die Tourismusindustrie dann, was sie hat. Betten. Hotels. Nervenkitzelmöglichkeiten. Geldausgebungsmöglichkeiten.

Glaubt man der Ostseezeitung, hat auf dieser Messe eine Person vom Landestourismusverband, die etwas zu sagen hat im Verband, für seine Region mit eher martialischen Tönen geworben statt mit den Möglichkeiten zu Entspannung und Erholung und so weiter siehe oben. „Das Kampfziel für dieses Jahr lautet: Die Übernachtungszahlen von 2009 halten“. Man mag sich gar nicht vorstellen, mit welchen Kampfmitteln das Kampfziel erreicht werden soll.

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Satire: Mein kleiner gelber Duktus

Mein kleiner gelber Duktus

Keiner redet klarer

als ich es täglich tu

Ich bin der Staatsbewahrer

steh mit der Welt auf Du.

Ich bin ein großer Denker

im Feld der Politik

Auf mich hör’n Staatenlenker

aber ich nicht auf Kritk


Ich habe einen Duktus

der einzig ist und wahr

da machste Dir kein‘ Reim drauf

ich find das wunderbar

Ich sprüh vor Geist und Du vor Gift

da nehm ich meinen Duktus

und der frifft – trifft – trifft


Ich schütz‘, wer Freude spendet

vor Sozi – Al – Ismus

Dafür bin ich behändet

Und mit dem Faul- Pack mach ich Schluss

Was mühsam wir geklaut ha’m

Wollt Ihr für Saus und Braus?

Solch dekadenter Schweinkram

muss aus dem Volke raus


Ich habe einen Duktus

der einzig ist und wahr

da macht Ihr Euch kein‘ Reim drauf

ich find das wunderbar

Ich sprüh vor Wut auf Euch mein Gift

mich tröstet nur mein Duktus

denn der trifft – trifft – trifft

Sozialfrigider Schreihals

Dein Duktus ist schon alt

Magst Du den Klang des Beifalls

Verschwinde, aber bald

Und willst Du überwintern

am Fleischtopf Deiner Macht

tritt jemand Dir in’n Hintern

so kräftig, dass es kracht

Behüte Deinen Duktus

gib acht, wohin der schlägt

sonst spürst Du Volkes Duktus

weils dich nicht mehr erträgt

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Rezension: Deutschland Dritter Klasse

Rezension: Deutschland dritter Klasse

Freitag, 05. März 2010

Vom Absturz des Klassenprimus in die Drittklassigkeit

Autor: Hannes Nagel

Vom Absturz des Klassenprimus in die Drittklassigkeit

Eigentlich hatten Karl Marx und andere die Existenz einer klassenlosen Gesellschaft angenommen. „Klassen sind….“ Pscht, jetze keine Definition aus PolÖk. Über die Zugehörigkeit zu einer Klasse entscheidet der Anteil am Wohlstand, der Existenzsicherung, der Annehmlichkeiten. Fast ist man geneigt, auch den Grad der Dekadenz als Klassenzugehörigkeitsmerkmal zu nennen, weil Guido WeWe diesen Stachel in den gesenkten Nacken der abgabengeplagten und belohnungsentwöhnten Gesellschaft gepiekst hat. Die klassische Klassengesellschaft war eine Gesellschaft, wo es eine Arbeiterklasse gab – man nannte sie Proletariat, was heute fast ein Schimpfwort ist, Du Proll, Du, verstehste, – und eine Ausbeuterklasse. Dazwischen gab es Bauern und kleine Krauter, wie ein heute ebenfalls verächtlicher Ausdruck sie nannte. Das waren Schichten, also nicht Fleisch noch Fisch. Das mit den Schichten ist wichtig, da kommt nach was nach.

Bei der Eisenbahn gab es seit der ersten regulären Personenbeförderungsverbindung ebenfalls Klassen. In der ersten Klasse saßen die Reisenden auf rotem Samt, das Abteil war gereinigt und der Schaffner riss sich den Arsch auf, um klassengerecht Kaffee, Baguette, Croissants, J.P.Chenet blanc und L.Mi.Do.A.A. zu servieren. Die zweite Klasse sass auf grünem Leder, wo man im Sommer mit dem Arsch auf der Bank festklebte, wegen der Hitze, und wenn man Lust auf Kaffee und so weiter hatte, riss man den Arsch von der Bank und ging zum Speisewagen. (Lange Schlange, viele Pöbeleien, Kaffee lauwarm und zu teuer: „Fahren Sie doch Erster Klasse, wenn et Sie nich passt“) Ganz zu Anfang gab es auch noch die Klasse, die mit Hühnern, Schweinen, Ziegen im Holzwagon reiste, das war die Dritte Klasse. Die konnten nicht mal bis zum Speisewagen gehen, um Wasser zu bekommen.

Der ICE Deutschland ist ein ICE mit erster, zweiter und dritter Klasse, und damit die Reisenden der Ersten Klasse es erfahren und die Reisenden der Zweiten Klasse sich nicht zu sicher führen, gibt es ein Buch: „Deutschland Dritter Klasse. Leben in der Unterschicht“ heißt es. Es erschien im Verlag Hofmann und Campe ( www.hoca.de ), Hamburg 2009. Verfasser: Julia Friedrichs, Eva Müller und Boris Baumholt.

Im Vorwort erklärt Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung, dass der abgestürzte Klassenprimus nicht verspottet werden darf, denn jahrelang konnte er sich an der Spitze halten. Das er abgestürzt ist, ist traurig, besonders für die Leidtragenden, aber es liegt nicht unbedingt nur am Klassenprimus selbst. Manchmal liegt es auch an den Lehrern, die den Primus fallen gelassen haben. Menschen in Deutschland führen ein Leben dritter Klasse. Es stimmt nicht, wenn behauptet wird, niemand müsse in diesem Land hungern. Hunger ist für viele monatliche Begleiterscheinung. Es berichten Betroffene. Wer den Lebensalltag von H4 kennt, weiß, dass kein Bericht über Hunger, Zahlungsunfähigkeit und barfuß im kalten Regen stehen übertrieben sind. Das ist Klassenalltag. In Deutschland. Einem Land, dessen Sozialsystem mal als Klassenprimus galt. Nur die Skandinavier waren ihm ebenbürtig.

Vielleicht ist es gut, dass die Autoren des Buches keine Empfehlung für Auswege abgeben. Denn dann kann das freie Denken von Vorurteilen frei zur Rückkehr der Menschenwürde führen.

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Zeitgeist: Steilvorlagen und Missverständnisse

Freitag, 05. März. 2010

Autor: Hannes Nagel

Der Steilvorlagenlieferant und das Missvertständnis

Michael Lerchenberg ist widerfahren, was Kabarettisten zuweilen passiert: Das Publikum verwechselt die satirische Überspitzung mit der ihr zugrunde liegenden Steilvorlage, ohne die die Überspitzung nicht zustande gekommen wäre. Das Publikum, darunter teils auch prominente Personen, beanstandete folgende Spitze mit Bezug zu WW: „Alle Hartz-Vier-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Stacheldraht – hamma scho moi ghabt. Dann gibt’s a Wassersuppen und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang steht in eisernen Lettern „Leistung muss sich wieder lohnen“. (zitiert nach Sueddeutsche.de)

Die getroffenen Hunde bellten nicht, weil der Grundgedanke der Satire stimmt, sondern weil die Satire eine Verunglimpfung der Opfer ist. Der damaligen Opfer, als ma ois scho gehabt ham. Gleichartige Täter darf man zwar vergleichen, aber Opfer nicht gleichsetzen. Das hat aber eigentlich auch keiner getan. Nur: Die fatale Ähnlichkeit der Haßtiraden gegen die Armen mit den fatalen Haßtiraden gegen die Juden ist nun einmal da. Wissend, dass es ein Tabu ist, Opfer zu verunglimpfen, benutzen die Täter heute die Opfer von damals als Schutzschild gegen die Opfer von heute. Haben Sie schon mal die Ähnlichkeit der Formulare zur Vermögenserfassung der Hartz Vierer mit den nationalsozialistischen Formularen zur Erfassung jüdischen Vermögens gesehen? Gehnse mal nach Berlin- Lichterfelde, da ist ein Archiv, nette Leute übrigens dort, wenn Se da mal inne Akten kieken, wern se sehen, dat dat stümmt, was Se hier lesen.

Also nun mal ohne satirische Übertreibung ein paar tatsächlich gefallene Äusserungen:

„Anstrengungsloser Wohlstand“„Wer arbeitet, soll mehr zum Leben haben, als wer nicht arbeitet“ „Leistung muss sich wieder lohnen“„Arbeitslose sollen Schnee schaufeln“„Wenn man in Deutschland schon dafür angegriffen wird, dass derjenige, der arbeitet, mehr haben muss als derjenige, der nicht arbeitet, dann ist das geistiger Sozialismus.““Es scheint in Deutschland nur noch Bezieher von Steuergeld zu geben, aber niemanden, der das alles erarbeitet. Empfänger sind in aller Munde, doch die, die alles bezahlen, finden kaum Beachtung.“ Und nu noch ein bisschen Sarrazin: „Weg mit den Geldleistungen, vor allem in der Unterschicht“„Wie kann man es schaffen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die damit fertig werden?“„Hartz Vierer sind erstens mehr zu Hause, zweitens haben sie es gerne warm und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster“

Soweit teils sinngemäße, teils wörtliche Zitate. Von WW und von Sarrazin. Alles Steilvorlagen, und nur zum Teil verwandelt. Machs noch mal, Herr Lerchenberg.

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Kultur: Das Lachen blieb im Halse stecken – beim Derblecken

Kultur

Donnerstag, 04.März 2010

Autor: Hannes Nagel

Das Lachen blieb im Halse stecken – beim derblecken

Gestern Fernsehen. Nockherberg. Sie wissen schon. Lachen kam lange nicht so richtig auf, un einmal blieb es richtig im Halse stecken, beim derblecken. Da ging es an einer Stelle um den unvermeidlichen Guido. Kennen Sie Guido? Na, also um den ging es einmal. Der Bruder Barnabas – das ist der, der vom Leder zieht – der watschte die Fdp-Bengels ab. Als er Dirk Niebel vom selbst abgeschafften Entwicklungshilfeministerium als „Afrikakorpsminister“ bezeichnete, sank die Temperatur wie im Saale, so auch vorm Bildschirm, um ein paar scharfe Grade runter. Als es dann so richtig frostig war, kam das, was eigentlich befreiend hätte sein sollen, aber das Publikum – ach, das Publikum, es konnte doch nicht wissen, was es bewirkte, als es FDP wählte. Aber Bruder Barnabas hat es ihnen gesagt: Die Arbeitslosen, hinter Stacheldraht, bei Wasser und Brot, und am Lagertor steht „Leistung muss sich wieder lohnen“.

Am Lagertor steht „Leistung muss sich wieder lohnen“. Buchenwald. Dachau. Lagertore. Leistung muss sich wieder lohnen. Mehr sog i net.

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Rezension: Schachfiguren contra Schachspieler

Rezension: Aufstand der Unterschicht


Mittwoch, 03. März 2010

Schachfiguren contra Schachspieler

Autor: Hannes Nagel

Schachfiguren contra Schachspieler

Trends sind wie viele Kräfte, die auf einen Körper wirken. Am Ende reagiert der Körper auf die so genannte resultierende Kraft, die das Ergebnis in Richtung und Größe aller Einzelkräfte und deren jeweilige Richtungen und Größen ist. Der resultierende Trend aller derzeitigen sozialen, ökonomischen und rechtlichen Trends, denen die Gesellschaft ausgesetzt ist, ahnt man dunkel. Die Hartz-Vier-Gesellschaft ist ein Simulationsmodell der zu erwartenden Kraftwirkungen.

Die meisten Trends sind unbehaglich, und unbehaglich ist auch das Buch „Der Aufstand der Unterschicht“ von Inge Kloepfer. Düstere Szenarien lassen ahnen, dass eine weitere Verschärfung von H4 keine rhetorische Kraftmeierei eines einzelnen jungen Mannes aus Berlin ist, dessen Beruf es zu sein scheint, kraftmeiernd auf sich aufmerksam zu machen, weil man ihn sonst übersehen würde, was vielleicht nicht das Schlechteste wäre. H4 kann und wird schlimmer werden, schlimmer und totaler, als man es sich bis jetzt überhaupt vorstellen kann. Falls es nicht zu einem Stopp der zerstörerischen Trends kommt. „Aufstand der Unterschicht“, steht auf der Titelseite von Inge Kloepfers Buch, aber es wird keine Revolution, Rebellion oder Reformation geplant oder konzipiert. Es wird auch nicht zu den Waffen gerufen, weil das Vaterland, das teure, in Gefahr ist, nämlich in Gefahr von Innen.

Während die sehr präzise Analyse der Trends: – Demographie, Bildung, Leistungsdenken, Kriminalität, Entwicklungsbedingungen von Persönlichkeiten – etwa 273 Seiten umfasst, kommen die Ideenanregungen mit vergleichsweise dünnen 20 Seiten aus. Das könnte ein Missverhältnis sein. Die schiefe Bahn der gesellschaftlichen Entwicklung wird durch die schiefe Bahn des Verhältnisses von Problem und Lösungsvorschlag abgebildet. Die Abbildung entspricht dem Vorbild. Das zeigt, dass sie Beobachtungen richtig sind. Wo aber, wie aber und wann denn findet der Aufstand statt, der die Machenschaften der Sozialstaatstäter ins leere laufen lässt? Abtropfen lässt von der schon zu Lebzeiten gegerbten Haut der Sozialstaatsopfer? Schmerz vergeht, Arsch besteht, sagt ein Sprichwort. Es sagt, auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland angewendet, dass „die da oben“ noch so lange auf „uns hier unten“ prügeln können, am Ende triumphieren die Schachfiguren über die Schachspieler. Und wenn die Schachspieler begreifen, dass die kleinen Schritte der Bauern auch mal den Schachspieler in den Hintern treten können, dann hat das Buch „Aufstand der Unterschichten“ sein Ziel erreicht. Ich wünsche es ihm.

nge Kloepfer, „Aufstand der Unterschicht. Was auf uns zukommt“, Hofmann und Campe, ( www.hoca.de ) Hamburg 2008, ISBN: 978-3-455-50052-3

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Apropos: Sarrazynischer Warmduscher

Apropos: Sarrazynischer Warmduscher

Montag, 01. März 2010

Hannes Nagel

Es gibt einen Hass der Politiktäter auf die Politikopfer. Hartz Vier zum Beispiel war von Anfang an so angelegt, dass keiner aus eigener Anstrengung aus dieser Falle heraus kommt und wieder Menschenwürde genießen kann. Entschuldigung, was sagten Sie gerade? Provokation? Gut, ich nehme Ihre Empfindung zur Kenntnis und komme sozusagen von hinten auf Ihre Meinung zu. Gestatten Sie es mir, bitte.

Kennen Sie Sarrazin, Thilo Sarrazin? Den mit dem Vopo-Gesicht? Der hatte mal gesagt, Hartz Vierer sollten sich, wenn es kalt ist, zwei Pullover anziehen, dann brauchen sie auch nicht zu heizen und dem Staat die Kosten dafür zu überlassen. Gerüpelt hat er schon immer, na scheiß drauf, vielleicht kann er nicht anders, vielleicht ist ihm die emotionale Intelligenz eingefroren, hoffen wir mal auf den Frühling. Jetzt hat Sarrazin wieder einen losgelassen: Kalt duschen. Hartz Vierer brauchen kein warmes Wasser, sie könnten auch kalt duschen, das härtet ab und macht wahrscheinlich auch fit für den Arbeitsmarkt, wo man sich viel weniger mit der Konkurrenz arrangieren muss als sich mit mit solchen Marktzugangsbehinderungsbütteln wie Sarrazin zu befassen. Das ist wie im Märschen vom König Drosselbart. Da wird eben das Geschirr zerdeppert, dessen Verkaufserlös ein bescheidenes Einkommen aus Arbeit darstellen sollte. Davon hätte es dann zum Abend ein Schälchen Milch mit Semmeln gegeben, miau – während Leute wie Sarrazin alle Tage Gesottenes und Gebratenes kriegen. (Der Ausflug in die Märchenwelt musste mal sein, weil in den Märchen das Wünschen noch geholfen hat)

Die Bestimmungen, wie Hartz Vierer sich in der von ihnen nicht verschuldeten Situation zu verhalten haben, geben Leute aus der Politik vor. Mit ihren Bestimmungen schlagen sie den nach Auswegen Suchenden mit konstanter Bosheit alle Türen vor der Nase zu, durch die sie wieder ans Licht, zur Sonne, zur Freiheit zu gelangen versuchen. Ich will kein Provokateur sein. Aber ich will Texte schreiben, durch die die Haßtiraden der Politik gegen ihre Opfer wie spitze Akkupunkturnadeln dort Heilung verschaffen, wo die Politiker es am Nötigsten haben: An ihren steinernen Herzen.

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