Quergedachtes: Mord nach bestem Gewissen

Quergedachtes

Sonntag 28. Februar 2010

Autor: Hannes Nagel

Mord nach bestem Gewissen

Immer, wenn Militärtätige ihr Wissen in der Praxis anwenden, sterben Menschen. Meistens sind Unbeteiligte, die das Pech haben, sich auf einem Kriegsschauplatz aufzuhalten. Das tun sie nicht aus Bosheit, sondern aus Gewohnheit. Denn bevor Politiktätige und ihre militärtätigen Komplizen ein Stück Land zu einem Kriegsschauplatz zu machen, war das selbe Stück Land Heimat. Heimat ist Schauplatz von Leben, Liebe, kleinen Dramen, mal von Prosperität und mal von Notlagen, und immer sind die Akteure friedliche Menschen, die, ließe man sie, vieles gedeichselt bekämen und nur wenig Hilfe von außen benötigten. Hinterher, wenn durch die Arbeit der Militärtätigen friedliche Menschen getötet wurden, kommt die Frage auf, ob militärisches Töten irgendwie zulässig sein kann, wenn es anderen aus guten Gründen strikt verboten ist. Zur Beantwortung steht Ihnen an dieser Stelle ein Essay als PDF zur Verfügung.Mord nach bestem Gewissen

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Quergedachtes: Sprache-Sprachökonomie-Sprachlosigkeit

Quergedachtes

zum Internationalen Tag der Muttersprache

Montag, 22. Februar 2010

Autor: Hannes Nagel

Sprache – Sprachökonomie – Sprachlosigkeit

Kürzlich sann ich, weil mich einer frug, darüber nach, was mit der sprachlichen Vielfalt passiert, wenn alles ins Korsett von, zum Beispiel, der Wirtschaftssprache, des Juristendeutschs oder der Redeweise von der Polizei gezwängt wird. Die Redeweise der Polizei kennen sie bestimmt aus dem Boulevardfernsehen, wenn da einer von der Polizei erklärt, was bei einem Unfall, einem Stau oder im Kopfe eines Verhafteten vorgegangen ist, der von Nachbarn denunziert wurde. Ich kuck mir den Scheiss auch nur an, weil ich beruflich muss. Oder Sie lesen mal die so genannten Polizeiberichte in Lokalzeitungen. Kein Mensch erkennt den Sachverhalt wieder, wenn der so dargestellt wird wie im Polizeideutch, Juristendeutsch oder mit den Metaphern der Wirtschaftskrieger. Stellen Sie sich mal vor Sie wollen von Liebe reden oder Romantik, und haben nur die Ausdrucksmöglichkeiten von Paragraphenjüngern, Exekutivfacharbeitern Reichtumsmaximierern.

Sprache ist ein sehr abwechslungsreich gefüllter Kleiderschrank, aus dessen Fundus Sprecher die Bekleidung wählen, in die sie das zu Sagende, also ihre Meinung, kleiden. Wenn die Meinungen nun zwecks Erzielung von Übereinstimmung in deutscheFelduniformen, chinesische Wattejacken und russische Filzstiefel gesteckt werden, bleibt die Vielfalt des Sagbaren auf der Strecke. Die Liebe zum Beispiel will aber lieber ein luftiges Sommerkleidchen tragen und die Satire keinen Anzug von der Stange, sondern sich zum Beispiel schlipsfrei individuell in ihrem Sprachgewande kombinieren.

Der Trend zur Verengung der Sprache ist Ausdruck des alles umfassenden Trends zur Ökonomisierung. Sie gehen gerne zu Fuss, um den Weg zu gniessen? Völlig unverständlich. Fahren Sie doch mit Auto, sind sie schneller da. Das Sie das gerade nicht wollen – interessiert doch keinen. Wo die Sprache ökonomisiert ist, verringert sich die Meinungsvielfalt und das Denken sowie die Kunst. Dabei ist der Wortschatz unbegrenzt und verschwenderisch einsetzbarer. Leider wird er von wenigen Meinungsmachern und Meinungsführern reglementiert.

Darauf wollte ich mal hinweisen, weil am Sonntag, 21.Februar, seitens UNESCO der Internationale Tag der Muttersprache begangen wurde. Es ist im Kleinen wie im Großen. Im Kleinen gehen. Die Ausdrucksmöglichkeiten und der Wortschatz zurück; im Großen stirbt alle 14 Tage eine Sprache vollständig aus, findet die UNESCO. Das kommt von Krieg, Migration und Sprachvermischung. Während bei Migration und Sprachvermischung neue bereichernde Ausdrücke entstehen, waißt, Aldä, verschlagen Kriege den Menschen die Sprache oder töten die Sprecher.

Also muss man den Mund aufmachen, solange noch Zeit dafür ist, wenn Sprache, Kultur und Menschlichkeit nicht auf eine geistlose Minimalkommunikation reduziert werden sollen.

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Apropos Schneeschippen

Satire: Apropos Schneeschippen

Sonntag, 21. Februar 2010

Hannes Nagel

Westerwelles Einladung zur Schneeballschlacht

Als ich gerade Kurt Tucholsky las, stieß ich auf einen mir eigentlich schon länger bekannten Satz. Den hatte Tucholsky über einen Menschen geäußert, den er nicht besonders tief ins Herz geschlossen hatte. „Den Mann gibt es gar nicht. Er ist bloß das Geräusch, das er macht“, hatte Tucholsky über einen Politiker geschrieben, der durch Geifer und Haßtiraden gegen 1 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Der Satz irritierte mich. Denn als ich kurz vom Buch aufschaute, um mir von N-TV den Nachrichtenticker reinzuziehen, da stand doch glatt da, dass ein Herr Westerwelle meint, Arbeitslose sollen Schnee schaufeln. Wenn sie das nicht tun, zum Beispiel, weil am 1. März der Frühling kommt und Veronika zum Lenz eilt, weil der Spargel sticht, dann streicht Westerwelle den Hartz-Vier-Opfern das Geld, weil sie eine Arbeit verweigern, die gar nicht mehr da ist.

Solange also noch Schnee liegt, sollte die weiße Pracht für eine Schneeballschlacht genutzt werden. In dieser soll der Guido eingeseift werden. So nannten wir es als Kinder, wenn man sich gegenseitig mit Schnee abrieb. Hinterher tummeln wir uns dann dekadent in der Badewanne, singen freche Lieder, vielleicht kommt Veronika auch, und der schwarz-gelbe Spuk schmilzt dahin wie der Schnee.

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Glosse: X mal minus eins ist gleich minus

Quergedachtes

Donnerstag, 18. Februar 2010

Hannes Nagel

X mal minus eins ergibt Minus

Kreativität ist etwas, was bewegt. Einen Karren im Dreck kann man mit etwas Bewegung wieder flott machen. Man kann ihn aber auch völlig im Sumpf versenken. Wohin die Bewegung geht, hängt vom Richtungssinn ab.

Kreativität hat auch das Buverfgericht von der Politik verlangt, als es ihr die Neuregelung der Hartz-Vier-Berechnung aufgab. Leider gab das Gericht den Politikern nicht den Richtungssinn vor. Also meinten die Politiker, Karlsruhe hätte ihrer kreativen Fantasie die Aufgabe gestellt: Wie verringert man die verfassungswidrig niedrige soziale Hilfe, ohne gegen die Vorgabe aus Karlsruhe zu verstoßen? Das geht, fanden die Politiker, ganz einfach: Man multipliziert den Regelsatz mit minus eins und legt etwas drauf. Dann wird formal der Regelsatz größer, aber durch den Wechsel des Vorzeichens wird hinten abgezogen. Verarschung geglückt. Es entsteht eine exponentiell fallende Kurve, wenn die Funktion der deutschen verantwortungsvollen Sozialpolitik grafisch dargestellt würde. Das andere Modell geht so, sagen die Sozialmathematiker: Man senkt den Regelsatz und erhöht den Zuverdienst. Das es den nicht gibt, ist eine irrelevante Annahme, die ausgeklammert wird. Da wäre es doch besser, die Sozialhilfe komplett abzuschaffen und durch einen menschenwürdigen Zuverdienst zu ersetzen. Früher nannte man das Vollbeschäftigung.

Aber dafür braucht man Kreativität.

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Quergedachtes: „Die von uns angestoßene Debatte“



Quergedachtes

Mittwoch, 17.Februar. 2010

Autor: Hannes Nagel

„Die von uns angestoßene Debatte“

1989 war es so in der DDR: Da hatte das Volk genug von der Einparteienkommunikation der SED unter Honecker und Genossen. Mit der Obrigkeit reden ging nicht sonderlich gut. Das Volk konnte den Herrschenden nicht klar machen, was es eigentlich wollte: Ein bisschen Reisefreiheit, ein bisschen Meinungsfreiheit und etwas mehr Gestaltungsspielraum als in den privaten Nischen. 1989 reichte es dem Volk. Es riss die Klappe auf. Erst wollten sie dem Volk das Maul stopfen, dann ging das nicht, und dann trat Honecker zurück. Statt seiner kam Krenz. Einer seiner ersten Sätze zur Lage des Landes und der Situation fing so an: „Der von uns eingeleitete Dialog….“. Aber der von der SED eingeleitete Dialog war nicht von Krenz und Genossen eingeleitet worden. Sondern vom Volk erzwungen. Es hatte dem Staat gesagt: „Du hörst jetzt mal zu“.

Im Februar 2010 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass Hartz Vier zum Teil verfassungswidrig ist. Hartz-Vier-Opfer hatten gegen zu niedrige Regelsätze geklagt. Siehe da: Sie sind verfassungswidrig niedrig. Das Gericht gab den Damen und Herren von der Gesetzgebung auf, die Regelungen zu überarbeiten. So weit ist das demokratisch und der gesellschaftlichen Verantwortung entsprechend. Bevor andere das Maul aufreißen konnten, geiferte Guido Westerwelle los. „Spätrömische Dekadenz“ in Tateinheit mit „geistigem Sozialismus“ bescheinigte er alle, die nicht so denken wie er. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht so viel Geld haben wie Leute, die arbeiten“. Das Echo war laut und das Wort „Esel“ fiel. Einlenken wollte Westerwelle aber auch nicht, genauso wenig wie Krenz. Und da rief Westerwelle zu einer „grundlegenden Hartz Vier Debatte“ auf. Er wusste nicht, dass es die Debatte ist, die die Opfer schon längst mit denen da oben führen wollten, wenn die bloß mal zuhören würden.

Der Bimmelbahnschaffner Westerwelle ist also auf einen Zug aufgesprungen, den Heizer, Monteure, Reinigungskräfte und Gleisarbeiter fahren lassen wollen, wobei sie von diversen Entscheidungsträgern gebremst werden. Man könnte sagen: „Wir schmeissen keinen aus dem Zug“ und könnte den Schaffner in Abteil zweite Klasse bitten, um mit ihm über Fahrpläne und Dienstleistungen zu reden, besonders über den Kaffee, der ist immer zu kalt und zu teuer. Er schmeckt auch oft nicht gut. Guido Westerwelle will eine Debatte über den Sozialstaat führen. Wir wollen mitmachen. Denn wir sind die, die als Opfer, Leidtragende oder Betroffene wissen, was Hartz Vier und keine Chance auf Einkommen bedeutet. Wir möchten ihn beim Wort nehmen.

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Gastbeitrag: Arbeitslosigkeit als Urlaubsparadies

Gastbeitrag von Holdger Platta

Arbeitslosigkeit als Urlaubsparadies

Zum Slogan „soziale Hängematte“/Analyse eines neoliberalen Propagandabegriffs * von Holdger Platta ©

Früher wurde es einmal „soziales Netz“ genannt, offenbar in Anlehnung an die Sicherheitsnetze, die für gewagt agierende Zirkus-Artisten unten in der Manege aufgespannt wurden: gemeint war das System der Gesellschaft, Menschen vor dem Absturz ins soziale Nichts, ins Elend, zu bewahren – im Falle der Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Und die Erarbeiter des Grundgesetzes haben noch gewußt, wieso sie den Sozialstaat derart zentral in unserer Verfassung abgesichert haben, vor allem in den Artikeln 1, 20 und 28 (wo es um Menschenwürde und Sozialstaat ganz unmittelbar geht), aber auch in den Artikeln 14 und 15 (wo die Sozialpflichtigkeit des Eigentums im Mittelpunkt steht). Sie, die sogenannten „Mütter“ und „Väter“ des Grundgesetzes erinnerten sich noch, dass die Weimarer Republik nicht zuletzt an diesem Mangel an sozialem Rechtsstaat zerbrochen war. Sie hatten begriffen – bis weit in die Reihen der CDU hinein, damals jedenfalls -, daß Menschen der Demokratie verloren gehen und die Demokratie den Menschen, wenn die Demokratie den Einzelnen vor dem völligen Absturz nicht mehr zu bewahren weiß, wenn sie nicht mehr imstande ist dem Ausschuss des kapitalistischen Arbeitsmarktes, ein zwar ärmliches, aber noch würdiges Leben oberhalb des Existenzminimums sicherzustellen. Eine Demokratie, die vor derartigem Elend die Menschen nicht mehr schützt, die schützt auf Dauer auch sich selber nicht mehr Aber der Schock von damals, der Zusammenbruch der Weimarer Republik ist lange her, und für die Neoliberalen heute, die quer durch die großen Volksparteien zunehmend die Politik bestimmen, scheint dies alles nur noch kalter Kaffee von gestern zu sein! Hier ein Beleg:

Immer häufiger wird in letzter Zeit in einem neoliberalen Sprachgebrauch, den man eigentlich als Propagandasprache bezeichnen muss, der alte Begriff des „sozialen Netzes“ durch den hämischen Begriff der „sozialen Hängematte“ ausgetauscht. Und die Neoliberalen wissen sehr genau, weshalb. Wir auch? – Nun, werfen wir doch einen genaueren Blick auf diese Propagandasprache! Es lohnt sich wie bei ähnlich manipulativen Begriffen auch hier, die suggestive und psychologische Wirkung dieses Slogans zu analysieren. Welche Spontan-Assoziationen tauchen also auf – noch bei jedem von uns, denke ich – wenn wir den Begriff „Hängematte“ vernehmen?

Erstens: Ich vermute, die erste Assoziation, die sich bei den meisten einstellt, die das Wort „Hängematte“ zu hören bekommen, dürfte das der entspannten Untätigkeit sein. Wer in der „Hängematte“ liegt, arbeitet nicht. Er faulenzt herum, ruht sich aus, schläft vielleicht

Sogar. Schließlich liegt er ja, leicht schaukelnd, und betrachtet den Himmel über sich. Kurz: eine durch und durch beneidenswerte Situation!

Zweitens: Zumeist ist diese Assoziation von behaglicher Freizeit und Untätigkeit aber noch mit einem weiteren Einfall verknüpft: „Hängematte“, das klingt doch irgendwie nach Ferien, nach Reisen. Fast zwangsläufig scheint in unseren Köpfen diese Hängematte aufgehängt zu sein zwischen zwei Palmen, irgendwie klingt „Hängematte“ nach Tropenurlaub, karibischem Strand – jedenfalls, die Assoziation paradisischer südlicher Länder drängt sich auf. Ist ja auch klar: Hängematten pflegt man nicht in seiner Wohnung zu installieren, zumindest in aller Regel nicht, sondern draußen. Und das lohnt sich nur, wenn es auch das Klima erlaubt. Nicht zuletzt aber: kam eine solche Hängematte nicht schon bei Robinson Crusoe auf seiner fernen Insel im Pazifik vor? Werben nicht Reiseprospekte, wenn es um Malediven oder Seychellen geht, gern und oft mit dieser Erholungsmetapher?

Womit drittens unvermeidbar bei diesem Begriff der „Hängematte“ sogar die Bedeutung der Fern- oder Weltreise mitschwingt – und damit sogar etwas wie Luxus. Wer in der Hängematte liegt, irgendwo weit weg, draußen in der Welt, dem geht es in jederlei Hinsicht gut, also auch in finanzieller. Es ist schon interessant, wo man landet, wenn man den Suggestionen dieses Begriffes folgt. Schon jetzt kann man sagen: beim genauen Gegenteil der in politischen Reden angesprochenen Wirklichkeit!

Denn es handelt sich ja bei den Menschen in der sogenannten „sozialen Hängematte“ um Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, die mittlerweile unter elendsten Bedingungen dahinvegetieren müssen, und keineswegs um Fernreisende und Nichtstuer aus der Jetset-Welt. Und in Verbindung mit dem Beiwort „sozial“ wird aus der elenden und tristen Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen geradezu ein asozial luxuriöser Tatbestand. Die „soziale Hängematte“ deutet die Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen in Faulenzerei um. Diese Propaganda soll einer schlecht informierten und unbetroffenen Bevölkerung vorgaukeln, den Ärmsten der Armen in der Bundesrepublik gehe es bestens. Und das heißt natürlich: viel zu gut!

Übertreibe ich? Halten die hier wiedergegebenen Assoziationen zum Begriff der „sozialen Hängematte“ einer empirischen Überprüfung Stand? Faulenzertum, Luxus – ist das, im Zusammenhang mit Arbeitslosen und „sozialer Hängematte“, nicht arg weit hergeholt?

Nun, sehen wir einmal von einer besonders merkwürdigen Äußerung ab, von der Formu-lierung des Ex-Kanzlers Helmut Schmidt, der einmal sogar von „gut gepolsterten“ Hängematten“ sprach, so werden wir auch anderwärts – und ohne diese Sprachidiotie – fündig:

Dirk Niebel zum Beispiel, FDP-Generalsekretär, begründete seine Ablehnung der „sozialen Hängematte“ unter anderem damit (vergessen wir nicht: es geht um das soziale Sicherungs-system der Bundesrepublik, das mittlerweile den betroffenen Menschen nicht einmal mehr das Existenzminimum und Restformen eines menschenwürdigen Lebens zu garantieren vermag!) indem er fordert: „Der Fleißige darf nicht dem Faulen helfen!“: deshalb Abschaffung der „sozialen Hängematte“! Da finden wir, aufs klarste ausgesprochen, das angebliche Faulenzertum von arbeitslosen Menschen und Sozialhilfebeziehern und Bezieherinnen auf den Punkt gebracht! Der Rauswurf aus der Arbeitswelt, der Absturz ins soziale Nichts, wird umgedeutet zur Faulheit, zum Charaktermangel der betroffenen Menschen, die in Wahrheit die willkürlichen Opfer kapitalistischer Arbeitsmarktstrukturen sind. Und die richtige Konsequenz aus diesem Charaktermangel Faulheit ist, so Niebel, daß diesen Ärmsten der Armen keinerlei finanzielle Unterszützung mehr zusteht, weil es damit doch an die Geldbörsen der „Fleißigen“ geht. Dies also zu Humanität und Sozialstaatsverständnis der FDP! Und was ist mit der von mir angesprochenen Luxus-Suggestion, die mit der Idee der „Hängematte“ verknüpft ist?

Nun, werfen wir doch einen Blick auf die Publikationen des Springer-Konzerns! Haben wir da nicht alle noch, aus der „Bild-Zeitung“, „Florida-Rolf“ in Erinnerung, der als Fernurlauber bei Miami sowie Sozialhilfeempfänger, aufs genaueste dem geschilderten Bild des Gesellschaftsausbeuters von unten zu entsprechen schien? Doch schauen wir auch in den Online-Dienst der Springer-Zeitung „Die Welt“ hinein. Da faselt der anonyme Verfasser tatsächlich davon, daß die Sozialhilfe in der Bundesrepublik „allzu üppig“ bemessen sei. „Üppig“, „allzu üppig“? – Da haben wir durchaus die Luxus-Unterstellung. Und wenn der betreffende „Welt“-Deuter hinzufügt, dadurch, durch eben diese „allzu üppige Sozialhilfe“, würden die betreffenden Menschen „immobilisiert“, „der Arbeit entwöhnt“, und diese Hilfe ließe diese Menschen „erschlaffen“, dann bedient auch dieser Online-Dienst eines angeblich seriöseren Blattes aus dem Springer-Konzern aufs genaueste das Klischee vom Sozialhilfeempfänger als Faulpelz und Parasit – und selbstverständlich wird auch hier so getan, als ob dieser Zwangsuntätige ganz freiwillig oder sogar durch eigene Schuld arbeitslos geworden wäre.

Wieso all diese Schmähungen? Wieso dieses Verdrehen von Wirklichkeit: Beim „Welt“-Journalisten zum Beispiel die Äußerung, daß es die angeblich „allzu üppige Sozialhilfe“ sei, welche die betroffenen Menschen „der Arbeit entwöhne“, „erschlaffen“ lasse, nicht aber das brutale Faktum, dass diese Menschen ohne eigenes Zutun, höchst unfreiwillig, ihren Arbeitsplatz verloren haben und dadurch nicht nur finanziell in eine schwere Existenzkrise geraten sind.

Für eine solche menschenverachtende Propaganda, die den Menschen in ihrem Elend auch noch Schuld gibt an ihrem Elend, sehe ich vor allem drei Motive am Werk:

Es liegt zum einen im ökonomischen Interesse dieser neoliberalen Sprücheklopfer, ihrer Lobby und sich selbst den Sozialstaat vom Halse zu schaffen. So oder so: Sozialstaat kostet Geld und aus neoliberaler Sicht ist das unnütze Geldverschwendung.

Es dient zum zweiten der moralischen Selbstentlastung. Wenn Fehler in Persönlichkeit und Charakter bei den Armen und Arbeitslosen Schuld sind an deren Schicksal, können es ja nicht mehr Fehler der eigenen Wirtschafts- und Politik-Eliten sein, die dafür verantwortlich zu machen wären. Und wenn es sich im Klartext um asoziale Strolche handelt, bei diesen Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen, dann haben die auch keinen moralischen Anspruch auf Hilfe mehr. Bestens kann man mit diesen Propaganda-Suggestionen also eigenes Versagen verschleiern und gleichzeitig das Ziel der Kostenminimierung moralisch überzeugend rechtfertigen.

Und zum dritten soll mit diesem suggestiven Propagandasprache von der „sozialen Hängematte“ nicht zuletzt die arbeitende Bevölkerung aufgehetzt werden gegen dieses angeblich unverschämt parasitär faulenzende Arbeitslosenheer. Wobei nicht zu übersehen ist: je schlechter es die arbeitenden Menschen haben, desto größer die Chance, daß bei ihnen diese Propaganda auch verfängt. Wem es an seinem Arbeitsplatz nicht gut geht, glaubt leicht, daß es der Arbeitslose in Wahrheit doch viel besser habe. Schnell wird da aus dem „sozialen Netz“ gerade in den Köpfen der Menschen, die sich für das Existenzminimum bis zum Zusammenbruch abrackern müssen, die besonnte Hängematte der Sozialhilfeempfänger am tropischen Badestrand, eine Vorstellung, die verständlicherweise Wut und Verachtung wecken kann.

Fazit mithin: die Metaphorik der „sozialen Hängematte“ macht unterschwellig aus der Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen so etwas wie einen ewigen Urlaub, aus ihrem Elend ein Neid erregendes Luxusleben. Und auf die Menschen, die sich an ihrem Arbeitsplatz oft bei spärlichster Bezahlung und unter menschenunwürdigsten Bedingungen krumm legen müssen, wirkt diese so suggerierte unverschämte Ungerechtigkeit als Provokation: Statt Solidarität unter den gemeinsamen Opfern einer neoliberalen Politik werden hier Zwietracht und Hass zwischen den betroffenen Gruppen gesät. Aus dieser Perspektive betrachtet scheinen die Ärmsten der Armen in unserer Gesellschaft sogar die wahren Ausbeuter zu sein. Geschickt wird der Blick abgelenkt von den wahren Nutznießern der Einsparungen am sozialen Netz, den sogenannten Eliten in Wirtschaft und Politik, bei denen Einkommen und Privatvermögen schamlos unverhältnismäßig steigen.

Verkehrte Welt! Psychotricks! In der Tat, denn so funktionieren die Slogans. Und: so sollen sie funktionieren!

Das bedeutet aber:

Man bleibt wehrlos, wenn man in dieser Hinsicht ahnungslos bleibt. Man muß nicht nur bei öffentlichen Debatten auch diese untergründigen Psychotricks durch Analyse aufdecken. Der Kampf um das Bewusstsein der Menschen ist nicht gewinnen, wenn man permanent den Kampf um deren Unterbewußtsein verliert. Wir benötigen deshalb dringend eine aufklärerische Psychologie, die sich solchem am Beispiel gezeigten manipulativen und tiefgreifend wirksamen Missbrauch im politischen Sprachgebrauch beharrlich und konsequent entgegenstellt.

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Satire: Apropos geistiger -ismus

Satire: Apropos geistiger -ismus

Freitag, 12. Februar 2010

Hannes Nagel

Apropos geistiger -ismus

Deutschland hat einen Minister, der von seinem Gebiet soviel versteht, wie ein interessierter Arbeiter. Der Arbeiter – nehmen wir an, er ist Schuster – denkt aber nicht im Traum daran, aus seinem Interesse gleich einen Amtsanspruch abzuleiten. Er bleibt bei seinem Leisten. Was den Minister für den Posten des Kapitäns auf großer Fahrt qualifiziert, ist seine Beobachtungsgabe: Er hat zugesehen, wie Fischerboote entladen wurden. Da hat er gesagt, das kann ich auch und werde Kapitän. Oder wenigstens zweiter Offizier.

Dementsprechend schlingert das Schiff im Sturm, und die Passagiere stehen an der Reling und kotzen.

Dann meinte er, es gehöre zu seinem Dienst, sich auch um die Passagiere im Unterdeck zu kümmern. Er fand, sie quälen sich so sehr, und da ersann er einen Plan, wie man sie loswerden könnte und sich dabei auf Menschlichkeit berufen könne. Er nannte ihr Recht auf Leben einen geistigen Sozialismus, der das Schiff bedroht. „Über Bord mit ihnen, zu den Haien, wer es bei ihnen schafftt, schafft es überall. Denn Leistung muss sich wieder lohnen“.

Da darf man doch mal fragen, was für einen geistigen -ismus der Minister pflegt.

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Kommentar: Richtiges Urteil mit falscher Begründung

Quergedachtes

Mittwoch 10. Februar 2010

Hannes Nagel

Hartz Vier Krimi: Richtiges Urteil mit falscher Begründung

Eigentlich hätte es keines Urteils von Verfassungsrichtern bedürft, um zu erkennen, dass die Drangsalierung von Menschen durch Hartz Vier gegen die Menschenwürde verstößt. Die Aussage, dass die Berechnung der Regelsätze verfassungswidrig ist, ist bittere Wahrheit, aber nur ein winziger Aspekt . Viel Schlimmer als das Berechnungsprinzip „Friss oder stirb“ ist der systematische Ausschluss von Hartz-Vier-Opfern aus Kultur, Wissen, Bildung, Reisen, Freundschaften, Lebensfreude und Gesundheit. Die logische Schlussfolgerung aus dem Urteil muss heißen: bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Sofort. Unverzüglich.

Die von der Leyensche Umbenennung – vielleicht gar in „Verfassungskonforme Sozialstaatsverantwortung“ – ändert nichts. Aber noch ist Zeit bis Ende 2010. Dann muss der Verfassungsbruch geheilt sein. Ob es was wird? Oder ob sie wieder Lücken finden, um die Armut diesmal ganz gesetzestreu zu verankern?

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Satire: Apropos „Nationale Streusalzreserve“

Satire

Freitag, 05.Februar 2010

Hannes Nagel

Apropos Nationale Streusalzreserve

Wenn nun mal endlich ein Kabarettist kommt und die Wortschöpfung „Nationale Streusalzreserve“ aufgreift, müsste es, dem Duktus des Wortes angemessen, jemand sein, der den Text in leicht grollendem Tonfall vorträgt, wie damals der österreichische Einwanderer. Der Begriff kam aber von einem Mann aus einer Partei, die sich im Namen einen Bezug zu dem Wort Freiheit gibt, aber was sind schon Worte, nicht wahr – wieviel schöne Worte kamen aus der Politik schon oft, und wieviel hässliche Taten folgten. Ich wundere mich eigentlich nur, dass die Steilvorlage von Patrick Döring, eines Landes-Verkehrsministers, von keinem Torkünstler verwandelt wird. Schlafen Sie, Herr Priol? Oder habe ich Ihren Schuss nicht mitgekriegt? Ich habe heute ein Päckchen zur Post gebracht, an den FDP-Parteivorstand. Drin ist Salz, kein weißes Pulver, sondern Salz. Und dazu ein Schreiben: „Dies ist eine Spende für das NSSW (Nationales Salz Sammel Werk)“

Merke: Verstörend ist in diesem Fall nur der Begriff, in den Herr Döring seinen Vorschlag hat gewandet

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Rezension: Allmähliche Revolution

REZENSION: „Allmähliche Revolution“

Mittwoch, 03. Februar 2010

Von Marx und Hegel zu Hartz mit Menschenwürde

Vielleicht nützt es Herrn Koch oder Frau von der Leyen, Rainer Thiels Buch „Allmähliche Revolution“ zu lesen, bevor die eine von Arbeitsmarktreform spricht und der andere von Zwangsarbeit für Hartz-Vier-Opfer. Denn das Buch hat Tiefgang und ist dennoch in einen unterhaltsamen Stil gewandet. (www.thiel-dialektik.de) Rainer Thiel denkt quer zum angelernten gesellschaftlichen Schubladen-Wissen. Darum gelangt er am Ende seines Denkprozesses auf bislang unbeschrittenem Weg von Marx und Hegel zu Hartz Vier mit Menschenwürde (zur Zeit Utopie). Marx hatte das Ende der Arbeit voraus gesehen, was eigentlich gar nicht so schwer war. Mit dem Verschwinden der Arbeit ist aber auch die Menschenwürde verschwunden. Da fehlte wohl dem Kapitalismus die Folgenabschätzung, die er bis heute nicht gelernt hat: Erderwärmung, Abholzung von Wäldern, noch mehr Straßen und aller Orten wabert das Trugbild Wachstum, Wachstum, Wachstum. Wenn also keine Arbeitsplätze entstehen können, muss das Ziel politischer und auch gesellschaftlicher Tätigkeit in der Rückkehr der Menschenwürde bestehen. Genial. Lasst uns mal innehalten.

Der Querdenker Thiel geht von zwei Punkten los: von der philosophischen Vorstellung, dass aus Quantität eine neue Qualität entsteht. Mit eigenen Worten ausgedrückt ist diese Vorstellung in dem Vorgang der Entstehung von Braunkohle enthalten. Es bedarf einer ausreichenden Menge abgestorbener Pflanzenteile (Quantität), hohen Druck und zigtausende Jahre Zeit (Prozess) und dann auf einmal ist Braunkohle da. Hat einen viel höheren Heizwert als im Walde gesammelte Hölzgen (neue Qualität). Und dann nähert sich Thiel seinem Thema aus der Sicht des Sprachgebrauches und der Kommunikation. Verschiedene Gruppen von Menschen meinen mit ein und demselben Wort verschiedene Bedeutungen. Das ist die Grundlage von Meinungsvielfalt. Angehörige verschiedener Gruppen, zum Beispiel Bürger und Behördenvertreter, können zwar den gleichen Begriff benutzen, aber etwas völlig verschiedenes meinen. Fragen Sie mal ein Hartz-Vier-Opfer, was es unter Menschenwürde versteht, und dann einen Vertreter des Staates, am besten einen Juristen, denn das Land hat den Qualitätssprung vom Rechtsstaat zum Juristenstaat schon geschafft. Im Idealfall führt vielseitige Sprache dann auch zu vielfältigen Meinungen, diese zu Kommunikation und was hätten wir, wenn die Menschen sich verständigen würden, statt übereinander zu reden oder aneinander vorbei? Bildung, Kultur, „gelöste“ soziale Probleme – bis dann das nächste kommt, aber das ist normal. Nicht normal aber ist es, dass sich die Wirtschaft wissentlich neu verschuldet, Menschen gegen ihren Willen verschuldet werden, dass Armut zunimmt und die Mitglieder der Gesellschaft zu Pflichtabonnenten der Werbewirtschaft degradiert werden. Es ist nicht normal, wenn Menschen, die sich dieser Mühle entziehen wollen, dem Staat suspekt sind. Man kann nicht einerseits versuchen, sein Leben ohne Abhängigkeit von Transferleistungen des Staates zu gestalten und dann gezwungen werden, soziale Leistungen zu beanspruchen, um dann vom Staat drangsaliert und beschimpft zu werden, weil man Leistungsempfänger ist. Nun wissen Sie auch, wieso hier im Blog fast durchgehend von Hartz-Vier-Opfern die Rede ist. Unnormal ist es, wenn die Beteiligten alle so weitermachen wie bisher.

Obwohl: Eines Tages schlägt das um. Dann erreicht die Gesellschaft eine neue Qualität. Möge sie etwas geistreicher sein als derzeit.

Bis dahin lasset uns lachen. Über Koch und Co. und alle die.

Titel: Allmähliche Revolution Autor: Rainer Thiel www.thiel-dialektik.de ISBN: 978-3-897006-657-1 Preis: 22,00 Euro

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