ZUEIGNUNG FÜR 2017
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„Kriegsgeheul gehört nicht zur Meinungsvielfalt“
Liebe Leserinnen, liebe Leser, im Alltag ist regional nichts von den Kriegen in der Welt zu spüren. Ab und zu erinnern Kondensstreifen von Militärflugzeugen und die damit verbundene Lärmkulisse an Syrien, Krieg, Flucht, Manöver, Terrorismus und elendes Sterben in erbärmlicher Not. Ansonsten aber spannen sich in Europa bildlich gesprochen immer noch Seidenhemden über Wohlstandsbäuchen. Anders als zwischen Spanischem Bürgerkrieg 1936 bis 39 und dem Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 45 gibt es durch Internetkommunikationsdienste Informationsmöglichkeiten für jeden, die damals bestenfalls von Wochenschauen, Fronturlaubern und Augenzeugen bedient werden konnten. Oder von Lokalspionagekräften. Die Quellen von damals und die von heute haben miteinander gemein, dass sie schwer überprüfbar sind. Durchaus interessante Interviews auf Youtube kann man nicht bewerten, wenn und weil man über die Personen nichts erfährt, die dort argumentieren. Auf Youtube vorgetragene Meinungen mögen ja interessant argumentiert sein, aber man sollte auch wissen, wer der Mensch ist, damit man den Einfluss von dessen Lebenserfahrung auf seine Bewertung der Dinge beurteilen kann. Das gehört zusammen. Sonst passieren solche Dinge wie eine versehentliche Veröffentlichung eines Artikels in einer rechtslastigen Zeitung. Es können ganz komische Missverständnisse auftreten, wenn man zum Beispiel campact mit compact verwechselt. Campact ist eine politische Gruppierung, die per Unterschriftensammlung online versucht, Volksentscheide herbei zu führen, und compact gilt als Zeitung, wo hoch gebildete Geisteswissenschaftler trotz aller Bildung rechtsbräunliche Gedanken publizieren. Dabei müsste es doch ganz einfach sein: Man misst an einem Text, welchen Wert die Menschlichkeit darin hat, und beurteilt dann das Gesagte. „Die Wahrheit muss man akzeptieren, egal aus welcher Quelle sie kommt“, meinte der Philosoph Maimonides. Dann aber muss sie auch jeder äußern dürfen ohne gleich bekämpft zu werden. Denn eine Bekämpfung von Meinungen kann niemals dem Ideal einer Meinungsvielfalt in der Gesellschaft dienen. Zur Zeit meinen sogenannte Sachverständige auf dem Gebiet des Herrschaftswissens, dass Minilöhne und Sozialabbau unvermeidlich sind und das Aufrüstung nötig ist, um den Wohlstand zu erhalten. Welchen und wessen Wohlstand? Nützliche
Idioten von etwas verdeckt Herankommendem verkünden inzwischen lautstark, dass Asylanten an dem von Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Wolfgang Clement, Peter Hartz, Ulla Schmidt und den aus neoliberalen Wettbewerbsadepten der FDP bestehenden Wegbereitern der AfD verursachten Sozialabbau und Schaffung dauerhafter Armut Schuld seien. Man kann solcher Meinung sein – aber man sollte sie in gemäßigter Lautstärke äußern. Manchmal kann es auch eine Gnade sein, wenn die Dummheit, die man spricht, nicht von allzu vielen Menschen gehört wird. Wer meint, Kriegsgeheul wäre das richtige Lied zur Zeit, soll es sagen dürfen, aber nur, damit man ihn unter seiner Maske erkennen kann. Aufrufe zu Fremdenhaß und Kriegsverbrechen sind keine Meinungen im Sinne der Meinungsvielfalt, sondern Straftaten wie Mord, Vergewaltigung und Wohnungseinbruch. Wenn einer meint, dies tun zu dürfen, so irrt er. Wenn welche meinen, sie dürften ein Verbrechen begehen, so ist dieser Irrtum keine Meinung und gehört nicht zur Meinungsvielfalt. Weiterhin meine ich, dass eine weltbürgerliche kosmopolitische Integration unterm Herzschlag von Menschlichkeit und Nächstenliebe ein unerhört irrationales und daher erfolgversprechendes Mittel zum Frieden ist, auf dass auch rational-emotionslose Kriegstreiber hören. Sie sollen ja nicht zur Vernunft kommen, sondern zur Menschlichkeit. Stattdessen: Haben Sie schon gehört, dass unter der Leitung von Regierungssprecher Angelus Merkelsheimer alias Steffen Seibert ein „Desinformationsabwehrzentrum“ entsteht? Heiliger Thomas de Maiziere, der Du mit einem Blick durch Deine kluge Brille die Terrorgefahr im Stadium ihres Entstehens erkennst: Wirf doch mal einen Blick auf die hierdurch möglicherweise entstehende Gefahrenlage für den Artikel 5 des Grundgesetzes, in welchem geschrieben stehet: Zensur findet nicht statt.