Rezension: Bürgerbegehren für Boddendurchstich

REZENSION

 von Helene Musfedder

Freier Zugang vom Bodden zur Ostsee

Der Zugang zur Ostsee muss Zingst zerschneiden“

 Vor der Stadt Barth liegt wie ein natürlicher Schutzdeich die Sandbank Zingst-Darss-Fischland in der Ostsee. Seit einem Jahr forciert der Verein „Boddendurchstich“ bei Politik, Wirtschaft und Bürgern den Wunsch nach eine schiffbaren Verbindung zwischen Ostsee und Bodden. Dazu muss lediglich ein Kanal durch die Sandbank gegraben werden. Erst waren die Kommunen dagegen, jetzt sind sie dafür. Man braucht nur noch Politik und Bürger zu überzeugen. Der erste Akt lief am 8. März.

 Ich erinnere mich leider nicht, wie das Lehrbuch heißt, nach dem der Verein Boddendurchstich die „Operation Bürgerbegehren“ inszeniert hat, aber es war gut gemacht. Sie hatten nämlich den Historiker Jürgen Hamel geholt, der über die seit 300 Jahren immer wieder aufflackernde Idee eines Seewegs vom Bodden zur Ostsee referierte. Den Seeweg will seit 300 Jahren immer die Wirtschaft haben, damit sie mit Schiffen nicht immer um Barhöft rum müssen, wenn sie in die Ostsee wollen. (Ist aber ein idyllischer Wasserweg).

Der Vortrag des Historikers zeigt, dass Geschichte lehrreich und interssant sein kann. Immer dann nämlich, wenn der Durchstich mit regionalen Wirtschaftsinteressen oder gar sozialen Belangen begründet wurde, waren die oberen Behörden taub. Wenn aber mit der „Größe Deutschlands“, der „Bedeutung im internationalen Geschäft“ oder den „Möglichkeiten der militärischen Nutzung“ argumentiert wurde, kamen sofort ein paar Planungen in Gang. Es könnte sogar sein, dass frühere Planungen wieder aus der Schublade geholt werden, die die Eisenbahn bis in den Barther Hafen führen und von dort ein Eisenbahnfährschiff nach Skandinavien schwimmen lassen, immer frei durch die Schleuse „Bürgermeister K.“ Den Namen benutzte der Historiker nicht. Er entstammt lediglich der Fantasie. Er sagte aber wörtlich: „So, jetzt haben Sie die wahren Argumente für den Durchstich“. Heißt wohl: Der Plan ist Luxus, keine Notwendigkeit. Kann man machen, wenn man es sich leisten kann. Aber nicht, solange Menschen ohne Einkommen darben.

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Aproposia: Von Satire und Himbeerwasser

APROPOSIA

 Von Himbeerwasser und Satire“

 In Berlin setzten sich am 5. März vier Herren und eine Dame vor ein Publikum. Die Dame hieß Bascha Mika und moderierte die Ausführungen der Herren, damit sie nicht alle durcheinander reden. Die Herren hießen Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste Berlin, Dieter Hildebrandt, Kabarettist, Gerhard Haderer, Karikaturist aus Österreich und Martin Sonntag von der Karikaturenausstellung in Kassel. Per Video war auch der dänische Karikaturist Kurt Westergaard anwesend, auf dessen Redefluss die Moderatorin keinen Einfluss hatte. Im Grunde ging es um die Frage: Was darf Satire und wer bestimmt darüber?

 Moderatorin: „Guten Tag, meine Herren, guten Tag, Publikum, ….“

Der Videobotschafter: „Es ist immer die Frage, ob wir Karikaturisten mehr sind als nur Pausenclowns, die den Lesern über die endlosen Wortsteppen der Zeitungsspalten erquicken und vielleicht amüsieren.“

Moderatorin: „Ja. Und ich darf noch die Gelegenheit nutzen….“

Der Videobotschafter: „Satire wird geliebt und gehasst. Sie kommt nicht von ungefähr“

Moderatorin: (schweigt und ergibt sich in den Abwartemodus)

Der Videobotschafter: „Die Mächtigen dieser Welt fürchten die satirische Karikatur mehr als Berge analysierender Artikel, denn die Zeichnung hat einen Appell, den keine Analyse hat.“ (blickt von der Leinwand zur Moderatorin

Moderatorin: (blickt kurz zur Leinwand und schweigt)

Videobotschafter: (fährt fort)

Mikrofon: (leidet an Rückkopplung)

Zuhörer: (leidet an leichter Schwerhörigkeit, nimmt nur noch unvollständig das Gespräch wahr und notiert nach bestem Wissen, was er verstanden hat)

Der Videoboschafter: (beendet seine Rede)

Der Präsident: „Satire ist kein Himbeerwasser bezieht sich auf Heinrich Böll. Der hat das 1975 gesagt und gemeint, wenn ein satirisches Plakat von Klaus Staeck eine Provokation ist, dann muss das so sein, denn Satire muss provozieren, weil sie kein Himbeerwasser ist, denn Himbeerwasser provoziert nicht.“

Moderatorin: „Ist aber auch nicht so lustig (räuspert sich) Ähm. In unserer Demokratie kann doch der Satire gar nichts Ernsthaftes zustoßen, wir haben ja den Artikel Fünf Grundgesetz, der schützt die Meinungsfreiheit.“

Der Präsident: „Aber sie kann selbst zustoßen. Darum sind wir verpflichtet, uns für alle Berufskollegen einzusetzen, die unsere komfortable Situation nicht haben.“

Zuhörer: (notierend): „Das ist wie mit einem, der aus Hartz Vier rausgekommen ist und sich verpflichtet fühlt, sich für alle noch immer leidenden Hartz Vier Opfer einzusetzen“

Kabarettist: „Anstoßen. Sie kann anstoßen. Nämlich das Denken. Das braucht nämlich einen Anstoß oder mehrere, damit es aus dem Stillstand heraus kommt“

Moderatorin: „Was darf Satire?“

Alle: „Alles“

Kabarettist: „Nur nicht verletzten. Angreifen ja, aber nicht verletzten.“

Moderatorin: „Wo liegen da die Grenzen?“

Ausstellungsmacher: „Die Grenzen der Satire bestimmt in Deutschland die Titanic“

Zwischenrufer: „Na Gott sei Dank, Ich dachte schon das Bundesverfassungsgericht“

Moderatorin: „Zwischenrufer, heute sind Sie überhaupt nicht daran. Wo also sind die Grenzen?“

Der Präsident: „Das merkt man dann schon, ob irgendwas formal Witziges auch geistreich und damit satirisch ist.“

Ausstellungsmacher: „Wir lehnen manchmal Karikaturen ab, weil das Bauchgefühl sagt, sie sind nicht richtig.“

Moderatorin: „Ist das Angst, was Sie zur Selbstzensur treibt?“

Karikaturist: „Na, des is eigentlich Streben nach Perfektion. Bei mir landen 80 Prozent meiner Entwürfe im Papierkorb – nicht aus Angst, dass sie zu scharf sind, soo scharf können die gar ned sein – sondern weils ma noch ned gefällt.“

Kabarettist: „Ich hab mich noch nie selbst zensiert. Ich prüf nur, ob der Text meinem Anspruch genügt, nicht zu verletzen, aber anzugreifen.“

Der Präsident: „Die Selbstzensur haben wir möglicherweise alle inhaliert. Nur heißt das anders, nämlich Verantwortung. Gerade weil Bilder so furchtbar schnell wirken, haben wir eine Verantwortung dafür, dass sie richtig wirken. Sonst geht das nach hinten los.“

Der Videobotschafter: „Angst erzeugt Wut. Und Wut ist ein gutes, aktives Gefühl, wenn man bedroht wird.“

Der Unker: „Also die „Titanic“ und das Bauchgefühl bestimmen die Grenzen der Satire, die ansonsten alles darf, sonst ist sie keine Satire. Das vorurteilsfreie Verbreiten einer Meinung führt im Idealfall zu Denkanstößen, und wohin die führen, weiß keiner vorher, aber manchmal sieht man, was sie anrichten.“

Der Zwischenrufer: „Bloss wie erklärt man Leuten, die keinen Spass verstehen, was Satire ist?“

Der Unker: „Es heißt ja Meinungsäußerungsfreiheit, nicht Meinungsäußerungspflicht. Also kann man ohne Selbstzensur mit jedem solche Spässchen machen, die seinem Verständnis entsprechen. Den anderen kann man ja schärfere Sachen anbieten.“

(47. Akademiegespräch der Akademie der Künste Berlin, 5. März 2013, Berlin, „Satire ist kein Himbeerwasser“, mit halbem Ohr notiert von Das Flugblatt)

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Redaktionsmitteilungen: Das Flugblatt zum 1. März ist da

Endlich März. In den nächsten Ausgaben bis Pfingsten möchte „Das Flugblatt“ nach und nach das fotografische Schaffen des deutsch-österreichischen Fotografen Klaus Ender präsentieren und die die von ihm 1975 konzipierte Ausstellung „Akt und Landschaft“ würdigen. Den Auftakt machen ein Fotobeispiel und die Rezension der Autobiographie „Die nackten Tatsachen des Klaus Ender“.

Landschaften ändern ihre Gesichter. Manchmal geschieht dies aus eigennützigen Erwägungen der Visagisten. Die Landschaft duldet still. Wenn man am Ostseestrand vor dem Darss aufs Wasser schaut, sieht man Windräder eines Windparks zur Stromerzeugung, siehe erneuerbare Energie. Schon hat sich ein kanadisches Unternehmen gemeldet, welches zuätzlich  Erdöl aus der Ostsee holen will. Und die Gemeinden der Sandbank wollen einen Kanal durch ihre Sandbank bis hin zum Bodden bauen. Erst gab es ja noch Bedenken, die hat irgendwer irgendwie in einem demokratischen Willensbildungsprozess ausgeräumt. Und der Durchstich wird mit der Zunahme des Tourismus und der höheren Attraktivität vn Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft und der Tourismusregion Fischland-Darss-Zingst begründet. Einen protokollierten Meinungsaustausch lesen Sie im „Aproposia“. („Vom Paradies, das die Touris lästig fand“)

Link: Flugblatt Nummer 62Nr 1-01- 03-2013

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Aproposia: Vom Paradies, das die Touris lästig fand

APROPOSIA

„Vom Paradies, das die Touris lästig fand“

Moderatorin: „Erst war die Sandbank dagegen, dass sie in der Mitte von einem Kanal zerschnitten wird, der die Ostsee mit dem Bodden verbindet. Dann plötzlich gründeten die Ortschefs einen Interessenverband. Und man fragt sich, wer wohl wie womit den Sinneswandel herbei führte?“
Der Gemeinwohlbeauftragte: „Bei uns geht alles nach Recht und Ordnung. Sonst schimpft meine Brigadeleiterin für Ordnung.“
Moderatorin: „Darüber wollen wir uns heute mal unterhalten. Glauben Sie wirklich, dass für 300 Millionen Geld aus den Taschen der Touristen fließt?“
Regionaler Wirtschaftslenker: „Wer hat Ihnen denn DIESE Zahl genannt?“
Zwischenrufer: (grinst)
Moderatorin: „Wieso, ist die zu niedrig?“
Regionaler Wirtschaftslenker: (schweigt)
Gemeinwohlbeauftragter: „Wir investieren ja nicht in irgendwas, sondern in unser Eigentum.“
Moderatorin: „Sie meinen, die Sandbank ist Ihr Eigentum?“
Regionaler Wirtschaftslenker: „Abwarten.“
Publikum: (murrt und raunt)
Der Frager: „Was ist eigentlich mit dem Mann aus Übersee, der Erdöl vor der Sandbank fördern will?“
Regionaler Wirtschaftslenker: „Tja. Der Windpark kommt ja nicht so richtig in Schwung. Und dann auch noch die Stromkostenbremse – und frieren will ja auch keiner – tja.“
Der Zwischenrufer: „Und dann braucht der Überseeonkel eine Bahnverbindung mit Kesselwagen, um sein Öl dann an Land zu verarbeiten.“
Der Unker: „Im neuen Heizkraftwerk Großlandkreis Vorpommern-Rügen.“
Der Zwischenrufer: „Dann wäre auch das Geld für die Darssbahn da.“
Regionale Bahngesellschaft: „Kesselwagen führen wir nicht. Wir machen Personentransport“
Regionaler Wirtschaftslenker: „Abwarten.“
Moderatorin: „Dann sind Ihre ganzen touristischen Argumente unaufrichtig?“
Regionaler Wirtschaftslenker: „Niemand hat die Absicht, die Touristen zu vergraulen.“
Moderatorin (leise zum Zwischenrufer): „Könnse mal was rauskriegen über die IKUM?“
Zwischenrufer: „Wer ist das?“
Moderatorin: „Die Vorpommersche Erdölraffinerie Ihr Könnt Uns Mal.“

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Bewegungsmelder: Etwas denkt an die „Weiße Rose“

BEWEGUNSMELDER

 Bequeme Zivilcourage“

 Die Eheleute Quangel aus Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ riefen mit Postkarten zum Ende von Hitlers Krieg auf. Sie hatten die Nachricht erhalten, dass ihr Sohn für das Nichts und Wieder nichts gestorben war, dass im Heldengeschwafel der Politik „Für Volk und Vaterland“ heißt. Beide wurden verhaftet und dann mit einem Fallbeil von staatserhaltenden Behörden hingerichtet.

Am 18. Februar 1943 flatterten Flugblätter der Gruppe „Weiße Rose“ durch die Münchner Universität. Jemand denunzierte sie, die Gestapo kam, und sehr jungen Menschen wurden ihre selbst denkenden Köpfe mit einem Fallbeil vom Körper geschnitten.

Demonstrationen gegen Aufmärsche von Neonazis heute dind die einzige Scharfschneidigkeit der Zivilcourage. Mal wird sie gefordert, indem sie als „Aufstand der Anständigen“ bezeichnet wird, mal wird soziales und politisches Engagement gefordert.

Der Einsatz selbst denkender Köpfe ist den staatserhaltenden Behörden wahlweise suspekt oder im Weg. Zivilcourage ist nach Definition nur Mut zum sozial verantwortlichen Handeln. Da unterscheidet sich der Mut zur Zeugenaussage vor der Polizei erheblich vom Mut eines Barmherzigen, einer Mutter mit Kleinkind ohne Fahrschein für die S-Bahn den Ausweg in die Sicherheit zu ermöglichen.

Strafen hat man kaum zu befürchten. Jedenfalls kein KZ, Arbeitslager und erst Recht kein Fallbeil. Selbst vor dem kompletten Einzug des lebenserhaltenden Vermögens ist man solange geschützt, bis man in die Hartz-Vier-Falle gerät.

Und doch, und doch. Es gibt Dinge, die Unbehagen bereiten. Die Auslegung von zulässigen Meinungsäußerungen als Beleidigung oder Verletzung von Persönlichkeitsrechten zum Beispiel, oder wenn mit einer Rechnung vorsorglich auch gleich die Mahnung mit der Inkassoandrohung verschickt wird, falls man die Rechnung nicht pünktlich und in voller Höhe begleicht. Vor Strafandrohung sollte doch wenigstens die Chance zu korrektem Handeln gewährt werden. Sonst muss man ja schon aus Trotz, Widerstand oder Zivilcourage Ordnungswidrigkeiten begehen.

Wozu Zivilcourage? Ganz einfach: Damit ein menschlicher Umgang in der Gesellschaft auf der Grundlage von REGELN erfolgt und nicht über STRAFEN erzwungen wird.

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Rezension: Die nackten Tatsachen des Klaus Ender

REZENSION

 von Helene Musfedder

Ernstfälle sind der Preis fürs Fröhlichsein

 Kannten Sie die Zeitschrift „Das Magazin“, als es noch eine DDR-Zeitschrift war? Kannten Sie das Satireblatt „Eulenspiegel“ mit der Beilage „Die Funzel“? Wissen Sie ferner, dass Fotografieren ein weit verbreitetes Hobby in der DDR war? Wenn Sie dann noch wissen, dass der Besitz einer eigenen Dunkelkammerausrüstung sowie der Erwerb von Fotopapier, Filmen und notwendigem Kleinkram gar nicht soo schwierig war, dann könnte es sein, dass Sie wissen wollen, wie das möglich war, dass Bürger im Überwachungsstaat selber fotografieren und Bilder entwickeln durften. Nach solchen Gedanken haben Sie die Reife. Klaus Enders Buch „Die nackten Tatsachen des Klaus Ender“ zu lesen.

Sie lesen dann eine Autobiographie, die Ihnen mehrfach Tränen in die Augen treibt oder Sie schniefen lässt. Der Punkt ist der: Wer seinen Lebensunterhalt in der DDR mit der Fotografie verdienen wollte, brauchte einen langen Atem. Nach Klaus Enders Beschreibungen ähneln die Versuche, als anerkannter Fotograf mit regelmäßigen Aufträgen und Honoraren sein Dasein in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft zu fristen den heutigen Versuchen freiberuflicher Journalisten, sich ohne Lohnersatzleistungen über Wasser zu halten. Bei Klaus Ender führte ein Leben mit leidvollen Erfahrungen ab Geburt 1939 zu einem Leben mit kärglichem Einkommen in der DDR und einer grandiosen fotografischen Lebensleistung. Näheres siehe unter Archiv „Das Magazin“ und „Eulenspiegel“, hier die Monatsbeilage „Funzel“.

Untrennbar ist der Name Klaus Ender mit der Fotoausstellung „Akt und Landschaft“ verbunden. Schließlich ist er der Schöpfer des Sujets, ästhetische Aktfotos auf teils spielerische, teils humoristische, teils als Novelle inszenierte Kunstfotografie in einer Ausstellung zu präsentieren. „Akt und Landschaft“ sammelte viele Fotowerke verschiedener Fotografen. Die erste „Akt und Landschaft“ organisierte Klaus Ender 1975. Als er aber in den 80er Jhren die DDR für Österreich verließ, fiel er bei den Hütern der Geschichte so sehr in Ungnade, dass sein Name und seine Ausstellung für den Rest der DDR-Zeit aus den Dokumentationen zur den Ausstellungen gelöscht wurde. Stattdessen fiel die Ehre, Ausstellungsmacher zu sein, seinem Nachfolger im Kulturbund zu. Die erste vom Nachfolger organisierte Ausstellung bekam demnach die Nummer 1 – als hätte es Enders seit 1963/64 laufende Bemühungen um genau diese Ausstellung nie gegeben. Bis heute scheint keine Richtigstellung erfolgt zu sein.

Seit 1996 lebt Klaus Ender wieder auf der Insel Rügen, der Kulisse seiner DDR-Aktfotos, Stasi, NVA und DDR-Behörden gibt es nicht mehr, aber ihn und sein umfangreiches Fotoarchiv, welches vorsichtig geschätzt eine Goldgrube für die Erforschung von Kultur und Fotografie in der DDR ist. Vom 5. Mai bis 11. August findet die nächste Ausstellung „Akt und Landschaft“ statt. Der Ort ist diesmal das Pommersche Landesmuseum in Greifswald.

Klaus Ender, „Die nackten Tatsachen des Klaus Ender“, Wevos-Verlag, Forcheim 2005 (2. Auflage)

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Redaktionsmitteilungen: Das Flugblatt Nummer 61 vom 15. Februar ist da

Der 15. Februar ist der Tag des Erscheinens vom Flugblatt Nummer 61. Diesmal erfahren Sie, wie man widerspruchsfrei Neinsagen und Jamachen kann. Die Methode ist ganzu einfach: Man lässt die Öffentlichkeit einfach nicht zu Wort kommen, obwohl sie das Recht auf freie Meinungsäußerung hat. Das muss irgendwie mit dem Selbstverständnis der Eliten zu tun haben. Mit dem Selbstverständnis von Eliten scheinen auch die Eigentumsvorstellungen einer kommunlapolitischen Leitungspersönlichkeit zu tun zu haben, die Baron von Feder ohne jeglichen Rechtsverstoß zum Thema einer Glosse gemacht hat. Im Bewegungsmelder steht, was in keiner anderen Zeitung stand, nämlich eine Informations samt Mitmachmöglichkeiten über eine sich seit Dezember formierende „Koalition des Widerstands“.

Link: Flugblatt Nummer 61Nr 2-15- 02-2013

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Aproposia: „Vom Neinsager und Jamacher“

APROPOSIA

 Vom Neinsager und Jamacher“

 Moderatorin: „Heute ist die Öffentlichkeit der Experte. Guten Tag, Öffentlichkeit.“

Öffentlichkeit: „Guten Tag, Moderatorin“

Moderatorin: „Wir wollen herausfinden, wie einheitlich die Meinungen über den Malieinsatz der Bundeswehr sind“

Guido B. Sonnenheit: „Unsere Streitkräfte haben dort nichts zu suchen. Höchtens logistische Unterstützung. Eine militärische Lösung wird es nicht geben.“

Moderatorin: „Sie sind jetzt gar nicht dran“

Sehr kluge Frau: „Doch, G.B.S., haben sie und wird es. Denn das ist eine Bedrohung für Europa“

Der Zwischenrufer: „So kann man sich alles zurecht begründen, wenn man Interesse daran hat“

Moderatorin: „Jetzt ist erst die Öffentlichkeit dran“

Generalfeldschallmei: „Sehr kluge Frau, die Maßnahme kann unverzüglich beginnen.“

Die sehr kluge Frau: „Aber erst müssen wir prüfen, welche freien Kapazitäten gibt es“

Moderatorin: „Die Öffentlichkeit, bitte. Ist denn das so schwer?“

Der Unker: „Komisch. Frankreich meldet „Manöver beendet“, Militär bleibt da, Krieg zu Ende, trotzdem sollen Sanitäter hin, und Amerika sieht für Mali eine Zukunft als Drohnenbasis. Gegen wen sollen die von Mali aus starten? Eigentlich braucht kein Mensch so ein Zeug.“

Generalfeldschallmei: „Schnickschnack. Wir brauchen bewaffnete Drohnen. Der Terrorismus ist in Gefahr, äh, ist eine Gefahr“

Moderatorin: „Die Öffentlichkeit…“

Sehr kluge Frau: „Auch und gerade für und in Europa“

Stimme der Öffentlichkeit: „Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich nicht durch Schweigen mitschuldig zu machen“

Zweite Stimme: „An was genau würde Dein Schweigen Dich mitschuldig werden lassen?“

Erste Stimme: „Sorry, aber das Denken kann ich Dir nicht abnehmen“

Zweite Stimme: „Darum ging es mir nicht, Euer Hochnäsigkeit“

Erste Stimme: „Mich stört das ganze Hüh und Hott, und mich beunruhigt, dass dann Ärzte ohne Grenzen leider leider weg vom Kriegssschauplatz müssen, das ist nämlich lebensgefährlich.“

Dritte Stimme: „Zu dem Hin-und-Her-Eiern der Politik darf man nicht schweigen.“

Pfarrer: „Und ich will zu Deiner Obrigkeit den Frieden machen und zu Deinen Vögten die Gerechtigkeit – Jesaja 60 oder so“

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Bewegungsmelder: „Das totalitäre Empire der Globalisierung“

BEWEGUNSMELDER

 Das totalitäre Empire der Globalisierung“

 Schon seit Oktober 2012 gibt es eine „Koalition des Widerstandes“. Sie hat NUR einen Vier-Punkte-Plan GEGEN die freie Gewalt des Großkapitals, der Energieindustrie und der Rohstoffindustrie in Tateinheit mit de Zerstörung von Leben und der Zestörung von Existenzgrundlagen. Die Koalition hat NUR einen Vier-Punkte-Plan FÜR Investitionen in Arbeitsplätze, in das Gemeinwohl und den verbliebenen Rest Erde ökologisch zu bewahren.

 Der Koalition des Widerstandes liegt ein Aufruf von Mikis Theodorakis, Tony Benn und Mandolis Gezos zu Grunde. Der Appell heißt: „Gemeinsamer Appell für die Rettung der Völker Europas“. Die Autoren sehen „dringenden Bedarf der unmittelbaren Koordinierung aller Aktionen von Intellektuellen, Künstlern und Künstlerinnen, spontanen Bewegungen, sozialen Kräften und Persönlichkeiten, die die Bedeutung der Lage erkennen. Wir müssen eine mächtige Widerstandsfront gegen das nahende totalitäre Empire der Globalisierung aufstellen. Bevor es zu spät ist. Jeder kann diese Initiative unterstützen.“

 Und zwar so: Mit wenig Worten und Namen, Vornamen, Wohnort die Unterstützung per E-Mail an info@koalition-des-widerstands.de erklären.

 Seltsam: Der Hinweis auf das totalitäre Empire ist der einzige Hinweis auf die wirklich fürchterliche Gefahr eines europäischen Bürgerkrieges in einer euro-faschistischen Diktatur. Nicht mal von Demokratieabbau durch den freilaufenden Kapitalismus ist die Rede. Und doch hätte das gesollt.

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Rezension: Weichenstellungen. Berichte vom Nebengleis

REZENSION

 von Helene Musfedder

Herrgott & Danke

 Ich glaub, es fängt im Stillen ein Erzählstil an modern zu werden. Das schriftliche Erzählen wirkt neuerdings ähnlich beiläufig wie das gesprochene Erzählen. Mir fiel das an dem Buch „Weichenstellungen“ auf, einem Buch mit dem ergänzenden Titel: „Berichte vom Nebengleis“. Ich habe die Kommata des Buches nicht gezählt, aber ich habe das Gefühl, dass deren Zahl ein neuer Rekord in der Literatur ist. Wenn ja, liegt das an der Struktur der Sätze. Ellenlange Partizipialkonstruktionen mit thematischen und inhaltlichen Wendungen ziehen sich durch das ganze Buch. Michael Weller schreibt sie wie ein Mensch spricht, der in einem einzigen Satz seine gesamte Gedankenvielfalt auf einmal mitteilen möchte. Das ist anstrengend, banal und ungeheuer wichtig. Das Buch handelt im Grund davon, das einer möglichst wortgetreu aufschreibt, was ein anderer sagt. Und es zeigt sich: Nichts, aber auch gar nichts, was Menschen in ihrem Mitteilungsbedürfnis bewegt, deckt sich mit dem, was Politiker, Intellektuelle, Forscher und Prominente als Zeitgeist. Krise, drängende Aufgabe, Herausforderung für die kommenden Jahre oder sonstwie pathetisch als wichtig erachten. Die Kohlrabis im Kleingarten, die gesunde Geburt eines Fohlens und das der Nachbar nicht Hungern muss, weil das Geld bloß für einen halben Monat reicht, obwohl er sechs Wochen dafür gearbeitet hat, DAS bewegt Menschen, aber sie machen nicht so ein Gewese darum wie ein Fraktionschef um eine Koalitionsaussage. Wenn die Katze krank ist, ist es völlig unwichtig und vor allem gesellschaftlich irrelevant, ob ein Politiker sich im Ermüdungszustand unfein ausdrückt. Die Menschlichkeit ist wichtiger, und die zeigt sich auch am Umgang mit leidenden Haustieren.

Es ist an der Zeit, dass mal die kleinen Leute  geehrt werden. Wir sind doch wer, Herrgott & Danke, das kann man uns nicht nehmen, aber es tut gut, sich darauf zu besinnen. Wer sind wir denn? Waggons auf den Schienen, die man nach Belieben aufs Abstellgleis schieben kann oder ins Ausbesserungswerk? Ich will Euch mal was sagen: Nichts ist wichtiger und nichts hat mehr gesellschaftliche Relevanz als die ganz banalen Sorgen und Nöte der kleinen Leute.

(Michael Heller, „Weichenstellung. Berichte vom Nebengleis“, Format Publishing, Jena 2012)

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