Quergedachtes: Die Nachahmungstäter

Montag, 19. April 2010

Autor: Hannes Nagel

Die Nachahmungstäter

Spätestens seit es Hartz Vier gibt, erinnert die Entwicklung des sozialen Zustands des Landes fatal an die Weimarer Republik. Das Heute prägen drei bis fünf oder mehr Millionen Arbeitslose, steigende Gesundheitskosten bei sinkendem Einkommen, Bereicherungsgier, Terrorgefahr (besser: Kriegsgefahr) und Säbelrasseln sowie eine fatale Erniedrigung der zwangsweise Langzeitsarbeitslosen. Die Weimarer Republik prägte Massenarbeitslosigkeit, Inflation, Aufrüstung und zunehmender Antisemitismus. Heute machen Urban Priol und Georg Schramm „Neues aus der Anstalt“, die Weimarer Republik …., ach, fragen Sie doch Max Raabe.

In der Weimarer Republik machte der sich radikalisierende Antisemitismus die Juden zu den Opfern sich anschließenden nationalsozialistischen Diktatur. Heute macht die sich verschärfende Globalisierung, schleichende Faschisierung der demokratischen Welt und die Wirtschaftskrise samt Fehlentwicklung von Umweltschutz, Ehrfurcht vor der Schöpfung und der verengte Horizont, der nur bis zur nächsten selbstverursachten Sintflut reicht, die Arbeitslosen zu Hartz-Vier-Opfern. Wo Opfer sind, gibt es Täter, und Täter kann man vergleichen. Muss man wohl auch, wenn es sich um Nachahmungstäter handelt.

Die „Taten“ der Nachahmungstäter sind Überlegungen und Gesetzentwürfe der deutschen Politik. Bereits mit wenig bösem Willen und geringem geistigen Aufwand sehen viele dieser Überlegungen und Gesetzentwürfe wie Varianten früherer Politiktaten aus. Es ähnelt die Tonart der Gesetzgebung zur Beschlagnahme jüdischer Vermögenswerte – Arisierung genannt – fatal der Tonart und der Gesetzgebung, die Hartz-Vier-Opfern die Preisgabe der gesamten verwertbaren Besitzes abforderte. Der eine Täter, Peter Hartz, ist jetzt vorbestraft, aber ein Nürnberg war seine Bestrafung eher nicht. Eher so eine milde Sache wie der Landesverratsprozess gegen A.H. und andere, als sie gegen die Weimarer Republik putschten. Sowohl A.H. als auch P. H. haben danach erst mal jeder ein Buch geschrieben. Auf dem Gebiet der inneren Sicherheit betätigte sich ein anderer, der wie sein Vorgänger aus Sicherheitsgründen gerne die Trennung von Geheimdiensten und ordentlicher Polizei aufheben wollte (gibt es eigentlich ordentliche Polizei oder heißt die anders?) Es hat schon einen guten Grund, dass es keine Gestapo und kein Reichssicherheitshauptamt mehr geben soll. Methodisch allerdings scheint es kaum Hemmungen zu geben. Der nackte gläserne Bürger soll jedoch nicht in Angst und Furcht leben, sondern in künstliche Dummheit versetzt werden, um die Dinge nicht zu bemerken, die auf ihn zukommen. Dazu gibt es das Fernsehen und die Werbung. Die schaffen das. Werbung als Hilfspolizei. Die Nachahmungen der früheren Taten sind beinahe unbeweisbar, aber effektiv.

Vielleicht ist es doch überlegenswert, wie Menschen sich im Stillen vom Geschrei der Täter und dem Eindringen in immer tiefere private Schichten frei machen, denn die Täter schaffen immer mehr künstliche Abhängigkeiten. Das empfand auch Friedrich Schiller schon mal so. Und der verlor dennoch nicht den pointierten Witz. Sehen Sie, der Witz bleibt, Geschrei vergeht.

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Glosse: Apropos Krakehl aus Berlin

Apropos Krakehl aus Berlin

„“Wer jung ist, wer gesund ist, wer keine eigenen Angehörigen zu versorgen hat, dem ist es zumutbar, dass er für das, was er vom Staat bekommt, auch eine Gegenleistung erbringt. Umgekehrt muss man vom Staat erwarten, dass ein Angebot gemacht wird. Aber wir erwarten dann auch, dass dieses Angebot angenommen wird.“ (Soll ich den Namen wirklich nennen?)

Sonntag, 18. April 2010

Hannes Nagel

Reisende berichten gerne, wenn sie zurück kehren. Es sagt ja auch ein Sprichwort: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“. Wenn er gut und spannend und geistvoll erzählen kann, hören die Daheimgebliebenen dem Zurückgekehrten auch gerne und mit atemloser Spannung zu. Aber wenn er das nicht kann, hört keiner hin. Das ist ärgerlich für den Rückkehrer. Es ist besonders ärgerlich, wenn der Rückkehrer einen Wortschatz von einem halben Meter Länge hat bei Redebedarf von fünf Metern. Viele fangen in solcher Lage an zu schreien und zu pöbeln.

Übrigens können gar nicht alle Menschen verreisen. Vielen ist das Reisen mangels Einkommen verwehrt. Trotzdem hätten auch sie mal was zu erzählen, wenn man sie nur ließe. Aber versuchen Sie mal, einem Reiserückkkehrer etwas zu erzählen, wenn der gerade auf dem Trip ist, wo er den Schreihals raus lässt. Warum soll man auch zuhören, wenn der schrille Keifer den Begriff „verpflichtende Arbeitsangebote“ als Neuigkeit verkaufen will und die Hartz-Vier-Opfer den Begriff bereits aus dem sattsam bekannten Instrument der bundesagentürlichen „Wiedereingliederungsvereinbarung“ kennen. Darin verpflichtet sich die Agentur zu einer Arbeitsmassnahme, wenn trotz aller Bemühungen kein Job zustande kommt, also im Regelfall. Das Ding ist als Ein-Euro-Job berühmt-berüchtigt. Assoziation: Menschen mit Ketten an den Füßen sammeln Papier im Stadtpark. Noch eine Assoziation: Alfred Döblins Roman „Berlin-Alexanderplatz. Da werden, weil die Sozialpolitik so human ist, entlassende Sträflinge als sogenannte Fürsorgezöglinge wiedereingegliedert. Der Roman handelt, soweit ich mich erinnere, 1928. Fünf Jahre später gab es Konzentrationslager und Arbeitslager, es gab Arbeitspflicht und Arbeitsangebote und es gab dann ab 1935 den Reichsarbeitsdienst. Buch und Realität lagen zeitlich gar nicht so weit auseinander. Und weil wir das alles schon einmal gehabt haben, sollte der Schreihals mal auf Reisen gehen, möglichst weit und möglichst lange weg. Bei den anderen Nachahmungstätern besteht vielleicht noch Hoffnung auf Resozialisierung.

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Rezension: Paradies perdu

Rezension: Paradies perdu. Vom Ende des Schweizer Bankgeheimnisses

Freitag, 16. April 2010

Kollektives Schwarzfahren

Autor: Hannes Nagel

Seit geraumer Zeit schwinden die Hemmungen, welche bisher verhinderten, dass Wirtschaft, Politik und Recht mit dem obersten Attribut „kriminell“ assoziiert wurden. Die vor die Münder gehaltenen Blätter fallen, als wäre es Herbst, und es raunt und wispert, dass „die da oben“ alles Verbrecher sind. Staaten wurden früher als Strukturen gedacht, die eine Gesellschaft braucht, um ihr Zusammenleben zu organisieren. Heute gelten Staaten nicht mehr Gestalter von Politik zur Wahrung des gesellschaftlichen Wohls. Heute ist ein Staat ein Milieu, in welchem Kriminelle von der Bande „Politik“ mit den Kriminellen der Bande „Wirtschaft“ Geschäfte machen. Wenn es der jeweilige Vorteil verlangt, lässt man gerne mal Angehörige der jeweiligen anderen Bande über die Klinge springen. Fassungslos reibt sich das Volk die Augen, wenn es von den bösen Taten der Recht setzenden und Recht sprechenden Gauner liest, zum neuesten Beispiel in dem Buch „Paradies Perdu. Vom Ende des Schweizer Bankgeheimnisses“ von Lukas Hässig.

Die detaillierte Beschreibung der Gaunereien bei Banken, Bürgern und Behörden setzt mehr Wissen über Steuern und Geldanlagen voraus, als ein Inhaber eines Sparbuches haben kann, und auch mit nur einer dünnen Ahnung davon, dass Fiskus, Bank, Bürger und Betrug so eng zusammen gehören wie Wohnungstür und Namensschild möchte man manchmal alles alles „kollektives Schwarzfahren“ bezeichnen. Denn Fiskus, Strafbehörden und Gesetzgeber haben ja gerade die Lücken eingerichtet, die Steuerflüchtlinge und Anlageberater ausnutzen.

Inzwischen haben weltweit Banken ihre Kunden über die Klinge springen lassen, weil die Geldnot der Staaten so groß wurde, das der eine Gauner dem anderen nichts mehr durchgehen lassen konnte. Jetzt werden schon wieder viele Banken frech, indem sie sich an die Regierungen wenden und wie ein Hochstapler im Nobelrestaurant rufen: „Herr Ober, bringen Sie mal etwas Geld, ich möchte zahlen“. Noch etwas ergibt sich aus dem Buch: Es kommen immer nur die Dinge heraus, die herauskommen sollen. Wann immer also etwas „aufgedeckt“ wird, lohnt sich ein Blick darauf, wer da freigelegt wird. Und wem die Nacktheit nützt. In Hässigs Buch ist es ein betrogener Betrüger, der sich rächen will und daher den Behörden Tipps gibt. Moralisch ist auch der betrogene Betrüger nicht das ganz sauber. Der Eindruck, das im Bereich von Banken, Steuern, Tricksen, Reichtum oder wenigstens Vermögen irgendwie alle Dreck am Stecken haben, zieht sich durch das ganze Buch. Früher brachte man sein Geld zur Sparkasse und dachte, man habe dann Ersparnisse, wenn mal was ist. Wenn aber Banken gaunern, machen sie Sparer zum Mittäter. Warum Banken gaunern, erklärt das Buch nicht. Ist aber auch nicht nötig. Hat vor Jahrenden schon Bertolt Brecht gemacht.

Lukas Hässig, „Paradies Perdu. Vom Ende des Schweizer Bankgeheimnisses“, Hofmann und Campe ( www.hoca.de ) , Hamburg 2010, 22,00

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Gastbeitrag: Der Tod ist ein Professor aus Deutschland

Der Tod ist ein Professor aus Deutschland

Nur noch fünf Jahre lang Arbeitslosengeld? Zum Vorschlag des Bremer Hochschullehrers Gunnar Heinsohn / Ein Beitrag von Holdger Platta ©

Die Sache ist doch denkbar einfach: wenn unser Staat mit seinen höchsten RepräsentantInnen unisono sowie mit Händen und Klauen ein Wirtschaftssystem verteidigt, das unfähig ist, allen arbeitswilligen Menschen noch menschenwürdige Arbeitsplätze zu sichern und damit noch lebenssichernde Existenzmöglichkeiten, dann hat dieser Staat gemäß Grundgesetz eben die Pflicht, für sämtliche daraus sich ergebenden Folgekosten aufzukommen. Vorschläge wie die von Gunnar Heinsohn, dem vormaligen Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpädagogik (!) an der Universität Bremen, allen Arbeitslosen, Aufstockern, Sozialrentnern usw. nur noch fünf Jahre lang sogenannte Transferleistungen zu zahlen, gehen also allein deswegen schon völlig an der Sache vorbei. Aber:

Mit diesem Idiotenfehler bei der Anwendung des logischen Denkens hat dieser Herr Heinsohn nicht nur einen Argumentationsschnitzer hingelegt, der noch jedem Erstsemester der Volkswirtschaft völlig zu Recht eine Sechs eingebracht hätte. Heinsohn hat damit auch aufs deutlichste – und dieses gleich mehrfach – gegen unsere Verfassung verstoßen: gegen die Grundgesetzartikel 20 und 28 nämlich (= Definition unserer Demokratie als Sozialstaat). Und vor allem gegen den tragenden Grundgesetzartikel unserer Verfassung, gegen Artikel 1 des Grundgesetzes: gegen das unveräußerlich in unserer Verfasssung verankerte Sozialstaatsgebot schlechthin, gegen jene Menschlichkeitsgrundlage unseres Staatswesen überhaupt, das noch jedem Menschen einschränkungslos Wahrung und Schutz seiner Würde zusichert, und nicht nur dann, wenn es die Kassenlage erlaubt. Sogar das Bundesverfassungsgericht in seinem Hartz-IV-Urteil von 9. Februar des Jahres kam nicht umhin, dieses Garantiegebot des Grundgesetzartikels 1 erneut als unumstößliche Sicherungspflicht des Existenzminimums für alle Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik zu definieren – zum zigsten Mal im Verlauf der höchstrichterlichen Rechtsprechung in unserem Land.

Und schließlich: Heinsohns Vorschlag ist nicht mehr zu übertreffen an Menschenfeindlichkeit. Im Klartext fordert dieser Professor in FAZ und „Welt“ nichts anderes als den geplanten Völkermord, den Genozid an Millionen von Menschen in der Bundesrepublik. Sämtliche Zwangsarbeitslose, sämtliche Aufstocker, sämtliche Armutsrentner sollen Heinsohns Auffassung zufolge noch eine Gnadenfrist von fünf Jahren bekommen, dann sollen sie gefälligst krepieren. Ein halbes Jahrzehnt gönnt dieser Ex-Hochschullehrer aus Bremen den Hilfebedürftigen noch eine Almosen-Existenz, dann bitteschön Friedhof! Denn welche Lebensperspektive verbliebe diesen Menschen noch – ohne die Hilfsgelder des Staates? Nur noch der Hungertod.

Was Clement angebahnt hat mit seiner „Parasiten“-Kampagne – schon da lauerte hinter der entmenschlichenden Schädlings-Metapher, nur dürftig verborgen, der Ausrottungsfeldzug; was Müntefering mithilfe eines dreifach gefälschten Bibel-Zitates fortsetzte – „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“; was der Bekenner-Kollege Heinsohns aus Chemnitz, ein Herr Friedrich Thießen, Ordinarius dort für Investment-Banking auf einem von der Commerzbank gesponserten Lehrstuhl, schon mal auf den Regelsatz von 132 Euro herunterrechnete, auf den schleichenden Hungertod also: das bringt nun endlich dieser Herr Gunnar Heinsohn auf den Punkt. Fünf Jahre noch geben wir diesen „Schmarotzern“, dann bitte „sozialverträgliches Frühableben“, Abmarsch ins Verrecken, Wegtreten in den Hungertod!

Wo ist der Staatsanwalt, der wegen Volksverhetzung zu ermitteln beginnt? Wo die Bevölkerung, die hier aufschreit? – Ich weiß nicht mehr, was mir größeres Grauen einflößt: diesen Aufruf zum Völkermord oder dieses furchtbare, furchtbare Schweigen im Land.

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Quergedachtes: Kein Opfervergleich, aber Tätervergleich allemal

Donnerstag, 15. April 2010

Autor: Hannes Nagel

Opfervergleich nein, Tätervergleich allemal

Vor ganz wenigen Jahren gab es mal einen Vortrag über ein historisches Ereignis. Der Vortragende Charakterkopf kam von einzelnen Szenen immer auf irgendein völlig anderes Ereignis, aber das lag an den Assoziationen, die ein Bericht über das eine Ereignis bei den Zuhörern hervorrief. Das Vorhandensein teils verstörender, teils sich anders aufdrängender Gedankenverbindungen scheint wesentlich für die Geschichte und Berichte über die Geschichte zu sein. 1985 stand ein auf das Holz gekritzelter Spruch auf einer ostberliner Kneipenklotür. Der ging so: „Mein Zweifel lässt sich schlecht verhehlen / ich seh so viele Parallellen / ich hab geprüft, gesucht und sah / es war alles schon mal da“. Es war alles schon mal da. Aber kommt auch alles mal wieder? Oder sind die Ähnlichkeiten mit der Geschichte rein zufällig? Diese Unterscheidung ist wichtig, denn sie erlaubt mörderische Systeme und mörderische politische Entwicklungen miteinander zu vergleichen. Der Vergleich sollte aus Respekt und aus Gründen der Erkenntnistiefe nicht die Opfer miteinander Vergleichen, sondern die Täter. Täter darf man allemal miteinander vergleichen, damit das Wesen von Taten und Handlungen sichtbar werde. Nichts von dem, was ist, ist neu unter der Sonne, was gestern war, kann übermorgen wieder sein, weil es heute vorbereitet wird. Jeder weiß, dass es „nichts neues unter der Sonne gibt“. Es gibt also ein Spannungsfeld zwischen zwei Polen. Einerseits wird morgen auch wieder alles so sein, wie es schon mal war, andererseits haben im April 1945 Überlebende von Konzentrationslagern geschworen, alles zu tun, damit das erlebte Grauen „niemals wieder“ auftreten könne. So, nun ist die Katze aus dem Sack. Die überlebenden Opfer von Konzentrationslagern wissen genau, was sie erlebt hatten und dürfen alles tun, damit es nicht wieder kommt. Die Täter von damals …. Ach wissen Sie, die Täter waren solche, bei denen zählte der Einzelne nichts, auch nicht der einzelne Täter, da zählte nur die Nation (aber nicht das Volk, sonst wären sie ja Volkis gewesen und keine Nazis). Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem so eine perverse Menschenverachtung kroch. Denn was schon immer war, wird auch danach wieder sein – das hatten wir schon.

Der Kabarettist Michael Lerchenberg hatte auf die geistige Brut aufmerksam gemacht, die eines Herrenmenschen faulen Schoss und weichen Eiern entkroch. Um es niemals wieder zu vergessen, worauf der Kabarettist aufmerksam machte, soll er hier noch einmal zu Wort kommen: „Alle Hartz-Vier-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Stacheldraht – hamma scho moi ghabt. Dann gibt’s a Wassersuppen und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang steht in eisernen Lettern „Leistung muss sich wieder lohnen“. Mit „Er“ war der Mann mit faulem Schoss und weichen Eiern gemeint. In diesem Satz sahen Interessenvertreter der damaligen Opfer eine Verunglimpfung. Die oberste Interessenvertreterin heißt Charlotte Knobloch und sagte dies auch. Sie bekam einen Brief, den sie nicht beantwortete. Der Absender ist Historiker. Er bat Frau Knobloch zu verstehen, dass der Beifall zu Lerchenbergs Vergleich aus der Ähnlichkeit der damaligen Täter mit den heutigen Tätern kam – und aus dem Unbehagen darüber, was dann in diesem Land wieder möglich sein kann. Aber nicht darf, weil die Opfer von damals 1945 schworen, solches dürfe sich nie wieder ereignen. Um das zu erreichen, wollen wir Täter von heute mit Geist und Biss mit den Tätern von damals vergleichen – um die Opfer von damals zu ehren und heutige Opfer nicht zuzulassen.

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Glosse: Apropos Umgangssprache

Apropos Umgangssprache

„Auch wenn es nicht jedem gefällt, so kann man angesichts dessen, was sich in Teilen Afghanistans abspielt, umgangssprachlich von Krieg reden“ (Karl Theodor von und zu Guttenberg)

Sonntag, 04. April 2010

Hannes Nagel

Der Erfinder des Begriffes „kriegsähnlicher Zustand“ für die Beschreibung von typischen Handlungen von Militärtätigen im Ausland hat jetzt gesagt, dass das, was in Afghanistan passiert, im Prinzip doch Krieg ist. Aber juristisch könne man das nicht so sagen, weil die Täter dann belangt werden könnten. Aber man könne das, was passiert, umgangssprachlich als Krieg bezeichnen. Das ist umgangssprachlich ein Geständnis, was der umgangssprachliche Kriegsminister da gesagt hat. Umgangssprachlich darf man jetzt also auch die mordähnlichen Handlungen der Militärtätigen als umgangssprachlichen Mord bezeichnen.

Und wenn jetzt ein höchstrichterlicher Spruch verbieten will, die Meinungsfreiheit von Artikel Fünf Grundgesetz umgangssprachlich wörtlich zu nehmen, dann allerdings darf man die schon lange bohrende Frage nach dem Umgangston in diesem Lande stellen. Und denen dort in Berlin ein in die Umgangssprache eingegangenes Zitat aus Goethes Drama „Götz von Berlichingen“ freudig entgegen rufen.

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Zeitgeist: Die Drohung ist verklausuliert

Sonntag, 28. März. 2010


Autor: Hannes Nagel

Die Drohung ist verklausuliert

Umweltminister Norbert Röttgen von der CDU und der GenSek der Liberalen, Christian Lindner, schickten der Süddeutschen Zeitung einen gemeinsamen Beitrag, den diese auch veröffentlichte. Und das war vor zwei Tagen, als das so war. Der Beitrag vom 26. März hieß „Eine neue Ordnung mit bewährten Prinzipien“. Die Zeitung moderierte den Text an als „Plädoyer für eine moderne Ausrichtung der sozialen Marktwirtschaft“. Angesichts der kämpferischen (insbesondere wahlkämpferischen Forderungen) bleibt der Text unbehaglich allgemein. Sie werden bestimmt mein Unbehagen verstehen, wenn ich das Verklausierte anhand meines „Wörterbuches historischer Parallelen“ ins Konkrete übersetze. Was ist zum Beispiel eine moderne Ausrichtung der sozialen Marktwirtschaft? Eine Anpassung an das Notwendige: Linderung der Armut, Umweltschutz, gemäßigte Lebenshaltungskosten und so weiter oder eine dem Geist der Zeit angepasste Marktwirtschaft? Dann allerdings kündigen die beiden Herren westerwellistische Arbeitslager mit „Leistung muss sich lohnen“ als ein dringend anstehendes Projekt an. Kann das sein?

Zitat: „Wachstum setzt Freiheit voraus, weil nur die marktwirtschaftliche Wettbewerbsordnung Initiative belohnt und das in der Gesellschaft dezentral vorhandene Wissen mobilisiert“. Nur die MWWBO (Marktwirtschaftliche Wettbewerbordnung) ? Und alle anderen? Meinungsvielfalt ist, wenn jeder ungestraft Thesen der Formaldemokratischen Partei Deutschlands vertreten darf. Und was ist „dezentral vorhandenes Wissen“, welches „mobilisiert“ werden soll? Mobilisierung klingt nach Mobilmachung. Dezentral vorhandenes Wissen: Wer wenig weiß, wird für die Interessen der Reichen mobil gemacht – warum nennen die Autoren nicht den Marschbefehl?

Zitat: „Der Preis politischer Untätigkeit wären in Detuschland bislang unbekannte soziale Unsicherheit und Ungleichheit“. Meine Herren, glauben Sie mir: Die soziale Unsicherheit ist bereits sattsam bekannt, siehe Hartz Vier. Und die Ungleichheit – ach Gottchen, aber gelle, Ihr wolltet wohl nur provozieren, wie Euer Bundereiseguido, was?

Zitat: „Die soziale Marktwirtschaft in die neue Zeit zu setzen heißt, ihre gesellschaftliche Friedensidee als ihre eigentliche kulturelle Errungenschaft wieder in den Mittelpunkt zu stellen“. Die neue Zeit zieht mit uns dem Morgenrot entgegen, und über uns breitet Spaniens Himmel seine Sterne aus, so etwa? Erst den Kommunismus verteufeln, und dann an seinem Liedgut Anleihen nehmen, was? Was kommt jetzt, wenn Ihr Freiheit und Frieden auffahrt?

Zitat: „Und mit neuen Finanzinstrumenten sichern sich auf den Weltmärkten agierende Unternehmen gegen Währungs-und Rohstoffrisiken ab“. Ment Ihr Krieg als Finanzinstrument? „Die Finanzmarktkrise hat die Ordnungsbedürftigkeit des Finanzmarktes aufgezeigt“. Also den nächsten Krieg? Afghanistan reicht wohl nicht mehr?

Da passt dann auch der Bezug zum Kaiser, Verzeihung, zum Präsidenten.

Zitat: „Der Bundespräsident hat recht: Die Nation, die sich am schnellsten und am intelligentesten auf die ökologischen Herausforderungen einstellt, wird Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen“. Wer darf dann den Platz an der Sonne einnehmen? Die Nation? Hat die auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung? Oder handelt es sich um nationale Arbeitsplätze und nationalen Wohlstand? Was ist dann mit den anderen?

Aber Ihr wollt ja die schnellste und intelligenteste Nation werden. Darum wollt Ihr ja ein „nationales Stipendienprogramm“. Für die Besten. Nationale Stipendien für nationale Eliten.

Wisst Ihr was: Wenn man Euer Programm so ansieht, habt Ihr noch einen weiten Weg vor Euch. Das ist fast schon wieder tröstlich.

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Zeitgeist: Das Prekariat schafft den Klassenaufstieg

Sonntag, 28. März. 2010

Autor: Hannes Nagel

Das Prekariat schafft den Klassenaufstieg

Für Naturwissenschaftler war es ein Sensation, als sie aus Erbgutuntersuchungen eine bisher völlig unbekannte Menschenart entdeckten, deren Vertreter Zeitgenossen der Neandertaler waren. Das Erbgut fanden sie in einem Finger im Altai-Gebirge. Der Fingerzeig aus Ostsibirien wies die Forscher darauf hin, dass neben den Neandertalern und den modernen Menschen noch eine Gruppe von Menschen zeitgleich existierte. Sie war sozusagen eine Parallelgesellschaft zu den bekannten Menschengesellschaften vor unvorstellbaren 30.000 Jahren.

Neandertaler und moderne Menschen unterschieden sich in ihrer Lebensweise und ihren kognitiven Fähigkeiten, sagen Naturwissenschaftler. Die Erkenntnis könnte damit weitgehend abgeschlossen sein und müsste keines Menschen Geist mehr kitzeln. Was aber, wenn man, um die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Sensation zu würdigen, einen kleinen Analogieschluss vollzieht? Menschen, die sich in ihrer Lebensweise und den kognitiven Fähigkeiten voneinander unterscheiden, nennen Soziologen von heute gerne auch mal Klassen. Seit der Globalisierung und dem Dilemma von Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Verarmung werden hauptsächlich zwei Klassen von Menschen angenommen: Die Besitzenden und das Prekariat, welches alles verlieren kann und mit dieser Sorge von einem Tag in den folgenden lebt. Nach dem Prekariat kommt die Armut und nach der Armut der Tod. An der Stelle kommt Hoffnung. Hoffnung, das aus der Armut und der prekären Lage eine neue Parallelgesellschaft entsteht. Die Hoffnung hat schon einen Namen, die Hoffnung ist eine neue Klasse, die Hoffnung ist die Klasse der „Kulturellen Kreativen“.

Den Namen gab der Klasse ein amerikanischer Soziologe, Paul H.Ray heißt er – und wieso hat man den Klassennamen in Deutschland fast noch nie gehört, obwohl es den Namen bereits seit gut zehn Jahren gibt? Die Kulturellen Kreativen beschreibt ihr Entdecker als Menschen, die auf ihre zwischenmenschlichen Beziehungen achten, die ihre Persönlichkeit vervollkommnen, die umweltbewusster Leben, dabei auch Spiritualität und Tradition nicht verachten und daher Tradition und Moderne synthetisch verbinden. Das wird, so Paul H. Ray, eine Klasse, die ohne Klassenkampf auskommt, weil sie eine integrierende Klasse ist. Das wird Thilo Sarrazin nicht gefallen, aber das ist auch egal. Vielleicht lässt ja auch er sich integrieren.

Siehe auch: www.kulturkreativ.net, http://www.dosisnet.de/edi.pdf

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Kommentar: Lech am Arlberg

Meinung und Kommentar

Freitag, 26. März. 2010

Autor: Hannes Nagel

Lech am Arlberg

Nur weiter so mit dem Untersuchungsausschuss zum Massenmord von Kunduz. Es wird zwar nicht die Wahrheit ans Licht kommen, aber das Verhalten der Täter in Bezug auf die Wahrheit. Auf einmal kommt heraus, dass von Anfang an jeder da oben gewusst hat, dass die Opfer Zivilisten waren. Also hat man den Mord gebilligt und, nachdem die Menschen erfolgreich getötet worden waren, mit viel kriminieller Energie versucht, ihn zu vertuschen. Ein Mord ist schnell getan, besonders ein militärischer Mord. Die Tat zu vertuschen ist schwerer. Mörder, die solche Vertuschungskünstler an ihrer Seite haben wie der Mörder von Kundus, brauchen sich um die strafrechtliche Würdigung ihrer Taten keine Sorgen zu machen. Aber wenn statt der strafrechtlichen Würdigung eine publizistische Würdigung kommt, dann wird kein Untersuchungsausschuss klären, wer wann welche Formulierung nutzte. Da wird dann gleich in einträchtiger Zwietracht draufgehauen. Sie da oben, das geht doch nicht, so kann man doch nicht, wie soll denn …. ach, lech am Arlberg, hat eh keinen Zweck.

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Quergedachtes: In Zukunft Sozialfaschismus

Quergedachtes

Mittwoch, 24. März. 2010

Autor: Hannes Nagel

In Zukunft Sozialfaschismus

Kürzlich betraten alte Worte in neuen Zusammenhängen den öffentlichen Raum. Sie hielten sich hauptsächlich im Medienwinkel auf, so dass sie sie hauptsächlich von den Medien wahrgenommen wurden. Zuerst äußerte ein Wissenschaftler in der FAZ ein paar Gedanken über Hartz Vier und Hartz-Vier-Opfer. Sie waren, dem Ungeist der Zeit gehorchend, entsprechend menschlich im Duktus. Dann wurde noch etwas geplaudert in der Medienecke, wobei man peinlich bemüht war, die Äußerung nicht zu ernst zu nehmen. Aber einer im Medienwinkel namens Telepolis machte doch den Mund auf. Und da steht nun seit dem 16. März ein bitterböses Wort im Raum. „Klassenhygiene“ heisst es.

He, habt Ihr das gehört, Ihr Gruppen in den anderen Winkeln des Öffentlichen Raumes? „Klasseneugenik“ hat Telepolis gesagt. Frau Knobloch, können Sie mal herüber kommen, wir brauchen Ihren Rat. Der in der FAZ schlug vor, Geld für Arbeitslose auf fünf Jahre zu begrenzen. Ein paar Zitate: „Eine demographische Zukunft haben nur die Bildungsfernen“. Dumm kopuliert halt gern, wissen Sie, die kennen zwar das Wort nicht, aber man muss ja dabei auch nicht reden, nicht wahr. Und weil die einen kopulieren und keine Rücksicht auf den demographischen Wandel nehmen, werden die Kinder nicht mehr „den hohen Qualifikationsanforderungen der High-Tech-Gesellschaft“ gewachsen sein. Meint der Wissenschaftler, der in der FAZ was geschrieben hat. Besser: abgeschrieben hat, nämlich bei einem anderen Herrn, der aus England kommt, aber den gleichen Beruf zu haben scheint wie der Wissenschaftler. Auf den bezieht sich der aus Deutschland, und nun sagte er das im Medienwinkel des öffentlichen Raumes. Jetzt kommt ein Beispiel für Gesprächskultur in Deutschland, wo zuhören und verstehen im Einklang mit voreiligen Interpretationen stehen. Also wurde aus „Sozialhilfe auf fünf Jahre beschränken“ die Überschrift „Das unwerte Hartz-Vier-Leben“. (gemeint war, dass Inhaber eines H 4 – Lebens wertlose Menschen sind, unwerte Esser, im Gegensatz zu den Leistungsträgern mit dem Weltreisemännchen an der Spitze)

Klassenhygienik, Klasseneugenik. Wann wird das Wort ausmerzen wieder salonfähig? Und ist das ganze nicht eine Art „Sozialfaschismus“? Und wie kann der verhindert werden?

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